systempunkte: Artikel & Blogposts http://systempunkte.org/articles_and_blogposts de Link: „Die Demokratie wird zerschreddert“ http://systempunkte.org/blog/link-%E2%80%9Edie-demokratie-wird-zerschreddert%E2%80%9C <p> Wird Anarchismus wieder salonf&auml;hig?</p> <p> <a href="http://www.fr-online.de/kultur/anarchist-noam-chomsky--die-demokratie-wird-zerschreddert-,1472786,25979624.html" title="http://www.fr-online.de/kultur/anarchist-noam-chomsky--die-demokratie-wird-zerschreddert-,1472786,25979624.html">http://www.fr-online.de/kultur/anarchist-noam-chomsky--die-demokratie-wi...</a></p> http://systempunkte.org/blog/link-%E2%80%9Edie-demokratie-wird-zerschreddert%E2%80%9C#comments Bewegung Fri, 24 Jan 2014 21:03:36 +0000 stu 248 at http://systempunkte.org Die libertäre Radikalität eines Verfemten: Albert Camus http://systempunkte.org/article/die-libertaere-radikalitaet-eines-verfemten-albert-camus <p> <strong>Philippe Kellermann:</strong> Soeben &ndash; und passend zum 100.Geburtstag von Albert Camus &ndash; ist nun dein, urspr&uuml;nglich 2008 auf franz&ouml;sisch erschienenes Buch <em>Albert Camus &ndash; Libert&auml;re Schriften (1948-1960)</em> ver&ouml;ffentlicht worden. Worin besteht der Reiz einer Auseinandersetzung mit einem Schriftsteller, dessen Botschaft in den 1950er Jahren, des marxistischen Theologen Ton Veerkamp zufolge war: &bdquo;eine gro&szlig;e Epoche ist unwiderruflich vorbei, die Erz&auml;hlungen werden klein, essen und trinken, das gute Leben mit der geliebten Frau, politische Vorsicht&ldquo;. &bdquo;Deswegen: <em>lass es gut sein.</em>&ldquo;</p> <p> <strong>Lou Marin:</strong> Der Reiz der Auseinandersetzung mit Camus anl&auml;sslich seines 100. Geburtstages besteht meiner Meinung nach in Camus&rsquo; Radikalit&auml;t. Diese Radikalit&auml;t bezeugen die Beitr&auml;ge und Diskussionen von Camus mit den meisten pr&auml;genden AnarchistInnen des franz&ouml;sischen und spanischen Anarchismus der Vierziger- und F&uuml;nfzigerjahre sowie seine durchg&auml;ngige Unterst&uuml;tzung des algerischen Unabh&auml;ngigkeitsk&auml;mpfers Messali Hadj und seiner Bewegung der &bdquo;Messalisten&ldquo;, die eine weniger gewaltsame, weniger autorit&auml;re, pluralistischere und st&auml;rker konf&ouml;deralistische Konzeption eines unabh&auml;ngigen Algeriens vertraten als die FLN (Front de Lib&eacute;ration nationale), welche im linken Bewusstsein des deutschen Sprachraums leider ganz falsch noch immer als einzige und tats&auml;chliche Einheitsfront des algerischen Antikolonialismus wahrgenommen wird. Die Aktualit&auml;t dieser Radikalit&auml;t Camus&rsquo; findet sich heute auf den transnational-symbolhaften Pl&auml;tzen der Revolte, auf den Pl&auml;tzen Taksim und Tahrir und wie sie alle hei&szlig;en, wo jugendliche Aufst&auml;ndische Camus&rsquo; Buch <em>Der Mensch in der Revolte </em>als praktische Reflexion des strategischen Ortes sowie der m&ouml;glichen Abirrungen und Grenz&uuml;berschreitungen ihrer eigenen Revolte lesen.<br /> Demgegen&uuml;ber bezeugt der zweite Teil der Frage die Unkenntnis und unglaubliche Ignoranz gegen&uuml;ber dieser Radikalit&auml;t. Der marxistische Theologe Veerkamp, den ich nicht kenne, scheint mir nicht nur in die j&uuml;ngste Reihe einer langen Tradition der in Frankreich sogenannten &bdquo;D&eacute;tracteurs&ldquo; (Verleumder) Camus&rsquo; zu geh&ouml;ren, sondern sein Urteil erscheint mir vor dem Hintergrund dieser beschriebenen Radikalit&auml;t als geradezu grotesk.</p> <p> <strong>Philippe Kellermann:</strong> K&ouml;nntest du das n&auml;her erl&auml;utern?</p> <p> <strong>Lou Marin:</strong> Es geh&ouml;rt zu den traurigen Kapiteln der Rezeptionsgeschichte dieses Schriftstellers, dass eine kontinuierliche negative Rezeptionslinie seit dem Streit Camus&rsquo; mit Sartre ein Eigenleben f&uuml;hrt, das sich durch nichts, schon gar nicht durch Kenntnis, Selbstkritik angesichts ganz offensichtlich falscher historischer Urteile Sartres (etwa dem Staatssozialismus gegen&uuml;ber oder auch gegen&uuml;ber einer &uuml;ber f&uuml;nfzigj&auml;hrigen, zentralstaatlichen Diktatur im unabh&auml;ngigen Algerien) oder auch nur durch eine Neubefragung angesichts des peu &agrave; peu ver&ouml;ffentlichten journalistischen Werks Camus&rsquo;, vor allem im libert&auml;r-sozialistischen Milieu, beirren l&auml;sst. Die dabei offen zu Tage tretende Borniertheit ist f&uuml;r mich das dabei eigentlich erkl&auml;rungsbed&uuml;rftige Ph&auml;nomen.</p> <p> <strong>Philippe Kellermann:</strong> Zeigt sich diese &bdquo;Borniertheit&ldquo; lediglich in marxistischen Kreisen?</p> <p> <strong>Lou Marin:</strong> Diese Ignoranz der D&eacute;tracteurs zeigt sich spiegelbildlich auf b&uuml;rgerlicher wie auf autorit&auml;r-marxistischer Seite. Camus, der sich durch seine politische Verortung im libert&auml;ren, f&ouml;deralistisch-antikolonialistischen Milieu, im Milieu der Kriegsdienstverweigerer einer &bdquo;dritten Str&ouml;mung&ldquo; jenseits der Bipolarit&auml;t oder der Dichotomie oder des Manich&auml;ismus oder der Dialektik des Kalten Krieges positionierte, wird seit den F&uuml;nfzigerjahren und seinem Bruch mit Sartre von beiden Seiten, der b&uuml;rgerlich-kapitalistischen wie der autorit&auml;r-marxistischen, immer wieder in diesen Manich&auml;ismus zur&uuml;ckgedr&auml;ngt, dem er doch in Wirklichkeit immer entfliehen wollte. &bdquo;Spiegel&ldquo;-Literaturchef Volker Hage bewies das j&uuml;ngst mit seinem Artikel &bdquo;Gassenjunge gegen Mustersch&uuml;ler&ldquo;, dessen manich&auml;ische Dummheit dem Verdikt Veerkamps in nichts nachsteht, wenn er den Konflikt Sartre-Camus wie folgt beschreibt: &bdquo;Kurzum: Kommunismus oder Demokratie? Gulag und Schauprozesse oder Freiheit?&ldquo;<br /> Der b&uuml;rgerliche Intellektuelle tilgt die libert&auml;r-sozialistische, dritte Position Camus&rsquo; bei gleichzeitiger Reproduktion des b&uuml;rgerlichen Imaginationsgehalts vereinnahmter Begriffe: Demokratie und Freiheit wird genannt, was in Wahrheit westlicher, ausbeuterischer Industriekapitalismus ist (ganz egal, ob nun parlamentarisch wie in Westeuropa, autorit&auml;r wie in Ungarn, Wei&szlig;russland und Russland oder diktatorisch wie in China), f&uuml;r den Camus nur das Verdikt: &bdquo;Eigentum ist Mord!&ldquo; &uuml;brig hatte. Dass die anarchistische Gesellschaftsvision Basis- oder Direktdemokratie sowie einen sozialistischen Freiheitsbegriff, den des &bdquo;socialisme libertaire&ldquo; (so der von Camus immer wieder verwendete Begriff) transportiert, wird kategorisch ignoriert, negiert &ndash; und das seit Jahrzehnten.<br /> Der autorit&auml;re Marxismus reagiert hierzu aber nur spiegelbildlich und best&auml;tigt daher den manich&auml;ischen Kern dieses armseligen, zweipoligen Epochedenkens. Dem konnten auch die ehemals autorit&auml;r-marxistischen oder maoistischen &bdquo;Nouvelles Philosophes&ldquo; von Andr&eacute; Glucksmann &uuml;ber Bernard-Henri L&eacute;vy bis zu Fran&ccedil;ois Furet nicht entkommen, die Camus &uuml;ber Jahrzehnte hinweg denunziert hatten, um ihn dann in deren mea culpa, deren Selbstkritik nach dem Fall der Mauer in den Neunzigerjahren, noch einmal &ndash; wie schon damals in ihrer Kritik &ndash; ins westlich-kapitalistische Lager zu schieben, nur diesmal mit der Intention einer Affirmation des angeblich demokratischen Antikommunismus Camus&rsquo;. Ich w&uuml;rde hier gern von theoretischem Doppelmord sprechen &ndash; und dass jemand wie Glucksmann als Wahlkampfhelfer eines Sarkozy enden musste, welcher 2007 als Wahlkampfslogan ausgab: &bdquo;Pour en finir avec les id&eacute;es de 68&ldquo; (&bdquo;Mit den 68er-Ideen Schluss machen&ldquo;), ist da nur konsequent, so unsagbar peinlich das in Wirklichkeit auch immer sein mag.<br /> Das gewollte Missverstehen liegt darin, den Konflikt Sartre-Camus als gesamtgesellschaftlichen Konflikt zwischen gesellschaftlicher Linker und gesellschaftlicher Rechter zu deuten. Wie aber schon der Konflikt Marx-Bakunin im 19. Jahrhundert ein innerlinker Konflikt war (und ganz au&szlig;erhalb der Rechten stattfand), so war auch der Konflikt Sartre-Camus im 20. Jahrhundert ein innerlinker Konflikt &ndash; meiner Ansicht nach &uuml;brigens die ad&auml;quate Fortsetzung des Konflikts Marx-Bakunin auf zeitgen&ouml;ssischer Ebene: autorit&auml;rer Sozialismus gegen libert&auml;ren Sozialismus.</p> <p> <strong>Philippe Kellermann: </strong>Du erw&auml;hntest Camus&rsquo; Haltung zur Algerienfrage. In diesem Kontext wurde Camus ja oftmals eine, dem franz&ouml;sischen Kolonialismus unkritisch gegen&uuml;berstehende Haltung attestiert. Wie siehst du diesen Vorwurf?</p> <p> <strong>Lou Marin: </strong>Einer der wichtigsten D&eacute;tracteur Camus&rsquo; der j&uuml;ngeren, linken Intellektuellentradition ist Edward William Sa&iuml;d: In einem Kapitel seines Buches <em>Kultur und Imperialismus</em> stellt der von mir im Grunde gesch&auml;tzte Autor von <em>Orientalismus </em>aus dem Jahre 1978, Camus als personelle Inkarnation eines westlich-kolonialen Kulturimperialismus hin. Beeinflusst wurde er dabei durch seine Sartre/Fanon-Rezeption und eine v&ouml;llig fehlende Analyse der reziproken Aufeinanderbezogenheit von kolonialer und anti-kolonialer Gewalt (im Gegensatz dazu etwa Ashis Nandy: <em>Der Intimfeind</em>). Auch hier spielen Oberfl&auml;chlichkeit der Rezeption des literarischen Werks Camus&rsquo;, kursorisches Wahrnehmen des Gesamtwerks, die bewusste oder unbewusste Ignoranz der journalistischen Arbeiten Camus&rsquo; sowie die Unkenntnis von dessen Solidarit&auml;t mit den Besiegten der Geschichte, den algerischen MessalistInnen, eine ma&szlig;gebliche Rolle &ndash; gest&uuml;tzt nat&uuml;rlich auf das grenzenlose Vertrauen, dass der Sartre-Kritik an Camus im Vorwort von Fanons <em>Die Verdammten dieser Erde</em> entgegengebracht wird. So formt sich &uuml;ber Jahrzehnte hinweg ein geschlossenes Bild gegen Camus. Daher kennt Sa&iuml;d beispielsweise folgende Zeilen Camus&rsquo; nicht nur nicht, er ist schon so konditioniert, dass er sie gar nicht kennen kann, sie liegen v&ouml;llig au&szlig;erhalb seines Bewusstseinshorizonts. Camus: &bdquo;Auf politischer Ebene m&ouml;chte ich au&szlig;erdem daran erinnern, dass das arabische Volk existiert. Ich m&ouml;chte damit sagen, dass es nicht diese anonyme und elende Menge ist, in welcher der Okzidentale (oder Westler; Lou Marin) weder etwas Respektierenswertes noch etwas Verteidigenswertes erkennt. Es handelt sich, im Gegensatz dazu, um ein Volk mit gro&szlig;en Traditionen, deren Tugenden zu den Vornehmsten geh&ouml;ren &ndash; und das ist noch das Wenigste, das man bei einer Ann&auml;herung ohne Vorurteile dazu sagen kann. (...) Zu viele Franzosen, in Algerien oder anderswo, stellen sich die Araber beispielsweise als amorphe Masse vor, die nichts interessiert.&ldquo;<br /> Dies stand in der Tageszeitung <em>Combat</em> vom 13.-14. Mai 1945 in einer Serie von acht (!) aufeinanderfolgenden Artikeln Camus&rsquo; aus Protest gegen die franz&ouml;sische Repression der Aufst&auml;nde von S&eacute;tif und Guelma im Mai 1945. Camus war damals der einzige franz&ouml;sische Journalist &uuml;berhaupt, der die lang anhaltende und brutale Repression der franz&ouml;sischen Kolonialtruppen verurteilte, und zwar mehrfach. Am 10. 5. 1947 anl&auml;sslich der anhaltenden Folter in Algerien schrieb Camus, ebenfalls in <em>Combat</em>: &bdquo;Wir tun hier genau das, was wir den Deutschen vorgeworfen haben&ldquo;, w&auml;hrend der R&eacute;sistance, versteht sich.<br /> Der franz&ouml;sische Camus-Forscher Bernard Mouralis zu Sa&iuml;ds Methode in dieser Hinsicht: &bdquo;Vor allem damit besch&auml;ftigt, aus Camus einen Anh&auml;nger des franz&ouml;sischen Algerien zu machen, verschweigt Sa&iuml;d die acht Artikel in <em>Combat</em> (...). Dieses Verschweigen ist umso merkw&uuml;rdiger, als die Ereignisse selbst von Sa&iuml;d beschrieben werden, aber Camus dargestellt wird, als h&auml;tte er sie gar nicht bemerkt!&ldquo;<br /> Sa&iuml;d wirft Camus stattdessen vor, identit&auml;r den Kampf der Algerienfranzosen/franz&ouml;sinnen unterst&uuml;tzt zu haben, ohne zu erw&auml;hnen, dass er im Januar 1956 in Algier f&uuml;r seine kolonialkriegsgegnerische Position von den damals mehrheitlich in der algerienfranz&ouml;sischen Gesellschaft dominierenden Ultra-Kolonialisten fast gelyncht worden w&auml;re: &bdquo;Tod f&uuml;r Camus, Tod f&uuml;r Camus&ldquo;, hatten sie gerufen. Sa&iuml;d setzt Camus&rsquo; Position ganz falsch mit der des damaligen franz&ouml;sischen Innenministers Fran&ccedil;ois Mitterand gleich, welcher der juristischen Legitimation der Folter damals den Weg ebnete und zig Todesurteile gegen algerische Attent&auml;ter unterzeichnete &ndash; w&auml;hrend Camus gleichzeitig seine Kampagne gegen die Todesstrafe entfachte und insgesamt rund 150 Einwendungen gegen algerische Verurteilte und sogar erwiesene Attent&auml;ter, die Algerienfranzosen ermordet hatten, vorbrachte &ndash; sogar auch dann, als er gleichzeitig diese Form antikolonialer Gewalt politisch kritisierte. Mouralis kommt in seiner Entgegnung auf die Camus-Kritik Sa&iuml;ds daher zum Schluss: &bdquo;Sa&iuml;d vergisst in der Tat, daran zu erinnern, dass Camus ein antikolonialistischer Schriftsteller war&ldquo;&nbsp; &ndash; nein, das herauszuarbeiten war nun wirklich nicht Sa&iuml;ds Absicht.<br /> W&auml;hrend Sa&iuml;d Camus also als den prototypischen westlichen Orientalisten, den Imperialisten, den Eurozentristen und daher kolonialistischen Schriftsteller gei&szlig;eln will, gei&szlig;elt Camus seinerseits selbst eine okzidentale Gesellschaft, welche die arabische Kultur ignoriert und positioniert sich politisch in Wahrheit eindeutig gegen den kolonialen Orientalismus.</p> <p> <strong>Philippe Kellermann:</strong> Wie aber siehst du den Vorwurf Veerkamps, dass sich Camus von den &bdquo;gro&szlig;en Erz&auml;hlungen&ldquo; verabschiedet h&auml;tte?</p> <p> <strong>Lou Marin:</strong> Es mag sein, dass Camus&rsquo; Werk, seine Romane und <em>Der Mensch in der Revolte</em> nicht dem entspricht, was Veerkamp selbst unter &bdquo;gro&szlig;er Erz&auml;hlung&ldquo; versteht &ndash; dem wohl gar nicht entsprechen kann. Doch Camus&rsquo; Werk geh&ouml;rt meines Erachtens zu dem, was man im 20. Jahrhundert in politischen Diskussionen einen &bdquo;gro&szlig;en Wurf&ldquo; genannt hat &ndash; das hei&szlig;t nichts weniger als eine gro&szlig;e zeitgen&ouml;ssische und in ihrer Kritik die letzten zweihundert Jahre bis zur&uuml;ck zur franz&ouml;sischen Revolution umfassende Gesellschaftsanalyse und -theorie. Und das trotz seines Bekenntnisses zum Unvollkommenen, zum &bdquo;Nicht-kategorisch-Rechthabenwollen&ldquo;. Solch einen gro&szlig;en Wurf k&ouml;nnen wir heute nur bitter vermissen; in der Tatsache jedoch, dass Camus&rsquo; gro&szlig;er Wurf selbst jetzt in gro&szlig;en Teilen noch tr&auml;gt, liegt seine ungeheure Aktualit&auml;t: n&auml;mlich darin, aus den gro&szlig;en theoretischen und praktischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts, des Ersten Weltkriegs, der Nationalismen, des Nationalsozialismus, der Faschismen, des Stalinismus und des Zweiten Weltkriegs, einen historischen Erkl&auml;rungsansatz und den Entwurf einer libert&auml;r-sozialistischen Alternative gewagt zu haben. Camus hat den Anarchismus sozusagen auf den aktuellen Stand der Nachkriegszeit gehievt, die notwendigen Fragen gestellt und Konsequenzen gezogen. Er war so etwas wie das &bdquo;Tauwetter&ldquo; innerhalb der anarchistischen Theoriebildung der Vorkriegs- und der Nachkriegszeit. Das Revolutionsmodell des spanischen Anarchismus von 1936 (erwachsen aus dem Insurrektionismus und den Jahrzehnten anarchistischer &bdquo;Propaganda der Tat&ldquo; vor der Jahrhundertwende und im fr&uuml;hen 20. Jahrhundert) mit seiner letztlich alles, auch alle Kollektivierungen dominierenden Miliz- und B&uuml;rgerkriegsperspektive ist durch Camus aktualisiert und durch die Gewaltkritik gleichzeitig radikalisiert worden; das hei&szlig;t der unreflektierte Umgang mit Gewalt auch im anarchistischen Lager wurde von ihm gerade gebrochen, er wurde durch <em>Der Mensch in der Revolte</em> mit einer Grenze und einem in der Revolte geborenen, nicht mehr hintergehbaren, ahistorischen Wert versehen. Camus gab &uuml;brigens explizit in einem Artikel in <em>Le Libertaire</em> vom 5. Juni 1952 seiner Hoffnung Ausdruck, dass er mit <em>Der Mensch in der Revolte</em> dem &bdquo;libert&auml;ren Denken, von dem ich (...) glaube, dass die morgige Gesellschaft nicht darauf verzichten kann, einen Dienst erwiesen habe.&ldquo;<br /> Das war zeitgen&ouml;ssisch und angesichts der philosophischen und politischen Dominanz des Stalinismus in den F&uuml;nfzigerjahren allemal ein Wagnis, und nicht etwa &bdquo;politische Vorsicht&ldquo;, wie Veerkamp in typisch linker Manier abwertet. Camus&rsquo; Ma&szlig; (frz.: mesure), Camus&rsquo; Grenze (frz.: limite) hat nichts mit M&auml;&szlig;igung (frz.: mod&eacute;ration) oder gar Mittelm&auml;&szlig;igkeit (frz. m&eacute;diocrit&eacute;) zu tun, worauf die Vektiven der D&eacute;tracteurs gern explizit oder implizit hinauslaufen.<br /> Die stalinistisch-disziplin&auml;re Kritik Veerkamps am momentanen, und bei Camus auch immer vor&uuml;bergehenden Gl&uuml;ck im Diesseits, am &bdquo;guten Lebens mit der geliebten Frau&ldquo;, am &bdquo;Essen und Trinken&ldquo; ist monstr&ouml;s, wenn man wei&szlig;, dass Camus in algerischen Elendsverh&auml;ltnissen aufgewachsen ist, in denen &bdquo;Essen und Trinken&ldquo; keineswegs garantiert waren und &ndash; allgemeiner &ndash; wenn man wei&szlig;, dass in der unmittelbaren Nachkriegszeit in Frankreich als dem Opfer der Nazi-Besetzungsmacht jahrelang noch Hunger und Nahrungsmittelknappheit vorherrschten (ebenso wie im zerbombten Deutschland der T&auml;ter in der unmittelbaren Nachkriegszeit).<br /> Die Invektive Veerkamps gegen Camus ist daher nicht nur falsch, sondern man muss das pr&auml;zisieren: Alles an ihr ist falsch. Die wenigen Zeilen und S&auml;tze, die viele D&eacute;tracteurs mit einer ob ihrer ausgepr&auml;gten Unkenntnis und Ignoranz schon ph&auml;nomenal zu nennenden Selbstsicherheit gegen Camus richten, transportieren eine solche Dimension von &uuml;ber Generationen hinweg kultivierter Niedertracht, dass man &ndash; wie bei dieser Antwort fast geschehen &ndash; &uuml;ber jeden solcher S&auml;tze eigentlich ein ganzes Buch schreiben m&uuml;sste, um alles wieder richtigzustellen. Alors, les D&eacute;tracteurs: &bdquo;Lasst es gut sein!&ldquo; Doch wenn es &uuml;berhaupt eine anarchistische Illusion geben mag, dann sicher diese.</p> <p> <strong>Philippe Kellermann:</strong> Dann danke ich dir f&uuml;r dieses Gespr&auml;ch.</p> <p> <em>Lou Marin (Hg.): Albert Camus &ndash; Libert&auml;re Schriften (1948-1960). Laika Verlag, 2013. 380 Seiten. 24,90 Euro.</em></p> <p> Siehe auch:</p> <p> Lou Marin: Ursprung der Revolte. Albert Camus und der Anarchismus. Verlag Graswurzelrevolution, 1998.</p> <p> Lou Marin: Camus gegen Sartre. Gewaltkritischer Anarchismus gegen marxistischen Linksradikalismus als pr&auml;gende Auseinandersetzung des 20.Jahrhunderts, in: Philippe Kellermann (Hg.): Begegnungen feindlicher Br&uuml;der. Zum Verh&auml;ltnis von Anarchismus und Marxismus in der Geschichte der sozialistischen Bewegung. Band 2. Unrast Verlag, 2012. S.62-80.</p> http://systempunkte.org/article/die-libertaere-radikalitaet-eines-verfemten-albert-camus#comments Geschichte Bewegung Sun, 15 Dec 2013 19:22:12 +0000 Redaktion 247 at http://systempunkte.org Geht’s noch, Herr Bierl? – Eine Klarstellung http://systempunkte.org/article/geht%E2%80%99s-noch-herr-bierl-%E2%80%93-eine-klarstellung <p> <em>Dieser Text ist eine Klarstellung gegen&uuml;ber dem <a href="http://jungle-world.com/artikel/2013/47/48881.html">Dossier &quot;Der Geheimbund der Revolution&auml;re&quot; von Peter Bierl</a>, welches in der Nr. 47 2013 der Jungle World erschienen ist. [Anm. d. Red.]</em></p> <p> Diese Zeilen folgen als Antwort auf eine freundliche Anfrage, nachdem in der Wochenzeitung Jungle World ein gewisser Peter Bierl meine Person in die N&auml;he des so genannten &bdquo;Anarchokapitalismus&ldquo; ger&uuml;ckt hatte. Mein inneres Bed&uuml;rfnis jedoch, die publizistischen Erg&uuml;sse eines Herrn Bierl zu kommentieren, h&auml;lt sich seit geraumer Zeit in Grenzen, und das kam so: Ich arbeitete vor rund 20 Jahren an einer Theoriegeschichteserie des Hamburger Wochenblattes &bdquo;Die Zeit&ldquo; mit. Herrn Bierl gefielen meine damaligen Ausf&uuml;hrungen &uuml;ber Silvio Gesell scheinbar wenig, sodass er einen Leserbrief an die Redaktion der Zeit schickte. Diese verzichtete auf eine Ver&ouml;ffentlichung des Briefes, dessen Inhalt eine v&ouml;llig undifferenzierte Herangehensweise offenbarte. Ich antwortete Herrn Bierl, indem ich ihm in einem Schreiben freundlich, h&ouml;flich und respektvoll meine Sicht der Dinge darlegte. Darauf gab es keinerlei Reaktion. Stattdessen erschien in dem Blatt &Ouml;koLinX ein von Bierl verfasster Artikel mit dem Titel &bdquo;Der rechte Rand der Anarchie&ldquo;, in dem er mir ein gef&auml;lschtes Zitat unterschob. Nachdem aber der Schaden in meinem Umfeld gering ausfiel, innerhalb der Scientific Community bewegen sich die Publikationen des Herrn Bierl unterhalb der Wahrnehmungsschwelle, lie&szlig; ich die Sache einfach auf sich beruhen.</p> <p> Seiner hartn&auml;ckigen verfolgenden Art entsprechend &ndash; Herr Bierl f&uuml;hrt seit Jahren einen erfolglosen Kampf gegen die KritikerInnen des Finanzmarktkapitalismus &ndash;, hat er sich k&uuml;rzlich wieder meiner Person zugewandt, um mich nun in einem v&ouml;llig anderen Bereich des politischen Spektrums neu zu verorten. In der Ausgabe der Jungle World vom 21. November 2013 meldet er: &bdquo;In den B&uuml;chern von Trojanow, Degen und Knoblauch fungiert stets Gerhard Senft als Experte f&uuml;r anarchistische &Ouml;konomie. Der Gesellianer, der am Wiener Institut f&uuml;r Wirtschafts- und Sozialgeschichte lehrt, glaubt trotz der Billionenbetr&auml;ge, die monet&auml;rer Ausdruck einer &Uuml;berakkumulation von Kapital sind, an eine Geldknappheit. Darum wirbt er, &auml;hnlich wie die &sbquo;Partei der Vernunft&lsquo; und Ron Paul, f&uuml;r eine &sbquo;Geldanarchie&lsquo;. Anstelle des staatlichen Geldmonopols soll jeder beliebig Geld herstellen und in Umlauf bringen k&ouml;nnen. Das ist jener Anarchokapitalismus, dessen Existenz Graeber nur leugnen kann, weil er Marktwirtschaft und Kapitalismus f&uuml;r fundamental verschieden h&auml;lt.&ldquo; Woher Herr Bierl seine Gewissheiten nimmt, ist mir ein R&auml;tsel. Er scheint von meiner Publikationst&auml;tigkeit kaum etwas zu kennen, weder meine Goldscheid-Interpretationen noch mein Buch zur Kritik des Grund und Boden-Eigentums (&bdquo;Land und Freiheit. Zum Diskurs &uuml;ber das Eigentum an Grund und Boden in der Moderne&ldquo;, Promedia Verlag 2013). Zudem geh&ouml;re ich dem Proponenten-Komitee &ouml;sterreichischer &Ouml;konomInnen zur (Wieder-)Einf&uuml;hrung einer Erbschaftssteuer an. Alles in allem also lassen meine Aktivit&auml;ten und Denkans&auml;tze die Schlussfolgerungen eines Herrn Bierl in keiner Weise zu.</p> <p> Nicht einmal die von ihm selbst angef&uuml;hrten Werke scheint er vollst&auml;ndig zu lesen, sonst w&uuml;rde er &uuml;ber meine Abgrenzungen gegen&uuml;ber radikal(wirtschafts)liberalen und anarchokapitalistischen Programmen Bescheid wissen. Zum Nachlesen also, Herr Bierl, aus dem von Ihnen zitierten Buch von Degen/Knoblauch: &bdquo;Mitte der 1970er Jahre erschien James M. Buchanans Buch &sbquo;Limits of Liberty. Between Anarchy and Leviathan&lsquo;, etwa zeitgleich trat Robert Nozick mit seinem Werk &sbquo;Anarchy, State and Utopia&lsquo; hervor, in dem er einen Minimal- bzw. Nachtw&auml;chterstaat zu begr&uuml;nden versucht, der sich auf den Schutz der Rechte und des Eigentums seiner B&uuml;rger beschr&auml;nkt. Argumentativ vertritt Nozick darin u. a. die Position, dass jede mittels freien und einvernehmlichen Austauschs zwischen m&uuml;ndigen Personen herbeigef&uuml;hrte Verteilung von G&uuml;tern gerecht sei, selbst wenn durch diesen Prozess gravierende Ungleichheiten und somit auch Machtdifferenzen entstehen. Mit dem klassischen Anarchismus hatte all dies nicht mehr das Geringste zu tun. In Wahrheit handelt es sich bei Buchanan und Nozick um konservative Ideologen, ebenso wie bei dem 1976 mit dem Nobelpreis f&uuml;r Wirtschaftswissenschaften ausgezeichneten Milton Friedman, der uns auf diversen Internetforen bis heute als &sbquo;liberaler Anarchist&lsquo; pr&auml;sentiert wird. &hellip; Durchaus &auml;hnlich gelagert erscheinen die Dinge im Fall des so genannten Anarchokapitalismus. Hierbei handelt es sich um eine sozialphilosophische Konzeption, die f&uuml;r einen freien Markt, f&uuml;r das Privateigentum und f&uuml;r freiwillige vertragliche Bindungen innerhalb der Gesellschaft eintritt, wobei staatliche Institutionen und Eingriffe ausgeschlossen sind. Der Begriff Anarchokapitalismus geht auf den nordamerikanischen Wirtschaftswissenschaftler und Philosophen Murray N. Rothbard zur&uuml;ck, der Elemente des klassischen Liberalismus, der &Ouml;sterreichischen Schule der National&ouml;konomie und der Programmatik der US-Libertarians zu verbinden versucht. Im Zentrum der Herrschaftskritik Rothbards &ndash; der sich selbst als &sbquo;Right-Wing Intellectual&lsquo; definiert &ndash; steht der Staat, sonstige gesellschaftliche Machtverh&auml;ltnisse spielen bei ihm nur eine untergeordnete Rolle. R&auml;tselhaft bleibt die Konnotation dieser oder &auml;hnlicher Theoriegebilde mit dem Begriff des Anarchismus. Aber vielleicht stand nur das Vorhaben im Raum, einer inzwischen endlos abgeleierten wirtschaftsliberalen Kennmelodie ein paar wuchtige &sbquo;Beats&lsquo; hinzuzuf&uuml;gen, um damit ein dynamischeres Erscheinungsbild zu erzeugen &hellip; Die &sbquo;anarchokapitalistische&lsquo; Position passte ideologisch jedenfalls ausgezeichnet in die Umbruchszeit der sp&auml;ten 1970er Jahre, in die Phase der krisenhaften wirtschaftlichen Entwicklungen, in der &sbquo;keynesianische&lsquo;, also interventionistische wirtschaftspolitische Bew&auml;ltigungsversuche nicht mehr so richtig zu greifen schienen.&ldquo;</p> <p> Nun zur Aufkl&auml;rung &uuml;ber das Konzept der autonomen Geldsch&ouml;pfung: AnarchistInnen haben bekanntlich das Ziel, innerhalb &uuml;berschaubarer sozialer Einheiten &uuml;ber ihre eigenen Angelegenheiten selbst bestimmen und diese auch entsprechend regeln zu k&ouml;nnen. Das Konzept der autonomen Geldsch&ouml;pfung ist damit genuin anarchistisch, und das nicht erst seit heute, wie die Publikationen eines Benjamin R. Tucker oder eines William B. Greene eindrucksvoll zeigen. Eine zentral gesteuerte und hinter undurchsichtigen Glasfassaden ausgemauschelte &bdquo;Geldpolitik&ldquo; abseits der gesellschaftlichen Bed&uuml;rfnisse jedenfalls lehnen AnarchistInnen aus guten Gr&uuml;nden ab. Doch bereits im Hinblick auf basale &ouml;konomische Zusammenh&auml;nge erweist sich Herr Bierl als ahnungslos, wenn er meint, dass eine Geldknappheit bei gleichzeitiger &Uuml;berakkumulation unm&ouml;glich sei. Das in Offshore-Pl&auml;tzen geparkte Geld (Experten sch&auml;tzen das Kapitalvolumen auf 21 bis 32 Billionen US-Dollar) ist an der Realwirtschaft vorbeigeschleust, Finanzinstitute m&uuml;ssen heute mit nicht gerade &uuml;ppig vorhandenem Steuergeld &bdquo;gerettet&ldquo; werden, Konsumt&auml;tigkeiten werden vom Angstsparen abgel&ouml;st, Banken geizen bei der Kreditvergabe und staatliche Sparprogramme vermindern die Spielr&auml;ume der gesamten Wirtschaft von Tag zu Tag. Ernstzunehmende &Ouml;konomInnen warnen heute zu Recht vor einer Deflationsgefahr. Die wachsende Verunsicherung f&uuml;hrt dazu, dass sich heute Menschen vermehrt alternativen W&auml;hrungssystemen zuwenden. Was soll eigentlich so schlimm daran sein, wenn sich gegenw&auml;rtig etwa auf Sardinien kreative K&ouml;pfe mit der Einf&uuml;hrung einer Komplement&auml;rw&auml;hrung namens Sardex besch&auml;ftigen und darin ein Rezept gegen die Folgen der Euro- und Bankenkrise sehen (vgl. <a href="http://derstandard.at/1381373591951/Auf-Sardinien-rollt-statt-des-Euro-der-Sardex">http://derstandard.at/1381373591951/Auf-Sardinien-rollt-statt-des-Euro-der-Sardex</a>). Nat&uuml;rlich k&ouml;nnen die Bitcoins, die Altcoins, die Litecoins usw. auch kritisch betrachtet werden, dann aber bitte mit m&ouml;glichst stichhaltigen Argumenten und nicht mit billigen Anw&uuml;rfen.<br /> Wie ich aber Herrn Bierl kenne, wird er sich weiter ignorant verhalten und in seiner Ordnungs- und Schubladisierungswut demn&auml;chst den Begriff &bdquo;struktureller Anarchokapitalismus&ldquo; erfinden und damit letztlich wieder mit sich im Reinen sein. &ndash; Wirklich &uuml;berzeugen wird er damit aber nur wenige.◄</p> <div class="flattr-box"><script type="text/javascript"> var flattr_uid = 'systempunkte'; var flattr_tle = 'Geht’s noch, Herr Bierl? – Eine Klarstellung'; var flattr_dsc = '&lt;p&gt; Diese Zeilen folgen als Antwort auf eine freundliche Anfrage, nachdem in der Wochenzeitung Jungle World ein gewisser Peter Bierl meine Person in die N&amp;auml;he des so genannten &amp;bdquo;Anarchokapitalismus&amp;ldquo; ger&amp;uuml;ckt hatte. Mein inneres Bed&amp;uuml;rfnis jedoch, die publizistischen Erg&amp;uuml;sse eines Herrn Bierl zu kommentieren, h&amp;auml;lt sich seit geraumer Zeit in Grenzen, und das kam so...&lt;/p&gt;'; var flattr_tag = 'Arbeit &amp; Ökonomie,Bewegung'; var flattr_cat = 'text'; var flattr_url = 'http://systempunkte.org/article/geht%E2%80%99s-noch-herr-bierl-%E2%80%93-eine-klarstellung'; var flattr_lng = 'de_DE'</script> <script src="http://api.flattr.com/button/load.js" type="text/javascript"></script> </div> http://systempunkte.org/article/geht%E2%80%99s-noch-herr-bierl-%E2%80%93-eine-klarstellung#comments Arbeit & Ökonomie Bewegung Fri, 13 Dec 2013 08:54:02 +0000 Tuli 246 at http://systempunkte.org Verschlafen wir die erneut aufkommende Pogromstimmung? http://systempunkte.org/blog/verschlafen-wir-die-erneut-aufkommende-pogromstimmung <p> &Uuml;ber eine offene politische Liste in G&ouml;ttingen ging folgende Nachricht der Gruppe &quot;Rassimus t&ouml;tet! G&ouml;ttingen&quot;:</p> <blockquote><p> Mit unserer bundesweiten Kampagne &bdquo;Rassismus T&ouml;tet! durch Pogrome &ndash; Asylgesetz &ndash;&nbsp; Abschiebung -Geistige Brandstiftung&ldquo; haben wir versucht, den Opfern rassistischer Gewalt zu gedenken und den hiesigen rassistischen Diskurs zu beeinflussen. Auf dass eine erneute Pogromstimmung wie in den neunziger Jahren nicht noch einmal in den Medien und K&ouml;pfen entbrennt. Doch gerade als wir unsere zweij&auml;hrige Kampagne f&uuml;r beendet erkl&auml;ren wollten, bewies die deutsche Mehrheitsgesellschaft, dass sie scheinbar doch aus der Vergangenheit gelernt hat: Der Protest gegen die Asylbewerber_Innen hat schon damals insofern Fr&uuml;chte getragen, als dass er vielen Politiker_Innen als hinreichende Legitimation gedient hat, das Grundrecht auf Asyl abzuschaffen.</p> <p> In vielen gro&szlig;en St&auml;dten sowie kleinen Orten in Deutschland wird seit Anfang des Jahres erneut der &bdquo;Protest&ldquo; gegen geplante oder bereits bestehende Asylbewerber_Innenunterk&uuml;nfte laut. Als Beispiel sind hier nur Berlin Hellersdorf, Duisburg, Leipzig, Greiz oder Schneeberg zu nennen. Organisierte Neonazis waren in vielen F&auml;llen Initiator_Innen der volksverhetzenden Aufm&auml;rsche. Die Ressentiments der &bdquo;Protestierenden&ldquo; sind dabei die gleichen geblieben wie die der Volksmobs der neunziger Jahre. Seit Anfang des Jahres wurden mindestens sieben Brandanschl&auml;ge auf Asylbewerber_Innenunterk&uuml;nfte, teils mit Verletzten, ver&uuml;bt. Man sollte annehmen, dass die Linke aus dem eigenen Versagen in den 90er Jahren Schl&uuml;sse gezogen h&auml;tte und nun auf diese erstarkende lebensbedrohliche Situation f&uuml;r Migrant_innen reagiert. Doch davon sehen wir nicht viel.</p> <p> Wir fragen uns wie es sein kann, dass in Zeiten, in denen unserer Meinung nach Solidarit&auml;t zeigen und direkte Aktionen an der Tagesordnung sein m&uuml;ssten, immer noch nicht die Notwendigkeit gesehen wird sich an einem Samstagmorgen nach Friedland (MV), Greiz oder eben Duisburg zu bewegen. Wir fragen uns, ob uns vorgeworfen werden k&ouml;nnte die Lage &uuml;ber zu bewerten oder zu dramatisieren? Ob das n&ouml;tige Bewusstsein, jetzt Handeln zu m&uuml;ssen, fehlt. Ob unsere Mobilisierung nach Duisburg zu wenig Eventcharakter verspricht, oder ob das einfach nicht in die Wochenendplanung vieler passt. Wir verstehen, dass es stressig und anstrengend sein kann, zwei Wochenenden hintereinander auf Demos zu fahren. Doch auch f&uuml;r uns ist es stressig, erm&uuml;dend und frustrierend st&auml;ndig die n&ouml;tigen finanziellen Mitteln zu beschaffen&nbsp; und dann vor einem leeren Bus zu stehen.<br /> Anfangs wurde der G&ouml;ttinger Ableger von Rassismus T&ouml;tet! Noch von vielen Gruppen mitgetragen. Wie das immer so ist haben sich nach und nach die Gruppen aus vielf&auml;ltigen Gr&uuml;nden aus dem B&uuml;ndnis zur&uuml;ckgezogen. Unterschiedliche Priorit&auml;ten oder Kapazit&auml;tenmangel k&ouml;nnen sicher als einige der Gr&uuml;nde genannt werden. Aber angesichts der bedrohlichen Stimmung ist es vielleicht an der Zeit die eigenen Priorit&auml;ten oder die eigene Ausrichtung zu &uuml;berdenken. Nicht nur lokal sollte sich zusammengesetzt werden um ad&auml;quate Konzepte, Notfallpl&auml;ne, vielleicht einfach ein gemeinsames Vorgehen zu erarbeiten. Auch die gro&szlig;en bundesweiten B&uuml;ndnisse sollten beginnen auf aktuelle Ereignisse zu reagieren und ihr Mobilisierungspotential, falls vorhanden, aussch&ouml;pfen.</p> <p> Lasst uns gemeinsam diese Schockstarre &uuml;berwinden und in die Offensive gehen. Gegen organisierte Nazis, die neue Rechte und den deutschen Volksmob.</p> <p> Rassismus T&ouml;tet G&ouml;ttingen</p> </blockquote> <p> &nbsp;</p> <p> Mir scheint diese Nachricht nicht nur f&uuml;r G&ouml;ttingen relevant, sondern deutschland-, ja&nbsp; sogar europaweit akut. Wer sich von der Progromstimmung ein Bild machen m&ouml;chte kann etwa in die noch aktuelle Jungle World hineinlesen: <a href="http://jungle-world.com/artikel/2013/45/">http://jungle-world.com/artikel/2013/45/</a></p> <p> Auch auf der bundesweiten Kampagnenseite von &quot;Rassismus t&ouml;tet!&quot; finden sich Informationen: <a href="http://rassismus-toetet.de/">http://rassismus-toetet.de/</a></p> <p> Um mit einem Zitat von Max Stirner abzuschlie&szlig;en: &quot;Volksgl&uuml;ck ist &ndash; mein Ungl&uuml;ck&quot;</p> <p> <strong>UPDATE:</strong> In der darauf folgenden Jungle World wurde ein Beitrag ver&ouml;ffentlicht, der das Aufkochen einer neuen Pogromstimmung in Frage stellt: <a href="http://jungle-world.com/artikel/2013/46/48804.html">http://jungle-world.com/artikel/2013/46/48804.html</a></p> <p> <strong>UPDATE II:</strong> In der darauf folgenden darauf folgenden Jungle World wurde ein weiterer Beitrag ver&ouml;ffentlicht, der die Parallele zu den 90ern in Frage stellt und die Gr&uuml;nde f&uuml;r die Behauptung eines solchen beleuchtet: <a href="http://jungle-world.com/artikel/2013/48/48914.html">http://jungle-world.com/artikel/2013/48/48914.html</a></p> <div class="flattr-box"><script type="text/javascript"> var flattr_uid = 'systempunkte'; var flattr_tle = 'Verschlafen wir die erneut aufkommende Pogromstimmung?'; var flattr_dsc = '&lt;p&gt; &amp;Uuml;ber eine offene politische Liste in G&amp;ouml;ttingen ging folgende Nachricht der Gruppe &amp;quot;Rassimus t&amp;ouml;tet! G&amp;ouml;ttingen&amp;quot;&lt;/p&gt;'; var flattr_tag = 'Bewegung'; var flattr_cat = 'text'; var flattr_url = 'http://systempunkte.org/blog/verschlafen-wir-die-erneut-aufkommende-pogromstimmung'; var flattr_lng = 'de_DE'</script> <script src="http://api.flattr.com/button/load.js" type="text/javascript"></script> </div> http://systempunkte.org/blog/verschlafen-wir-die-erneut-aufkommende-pogromstimmung#comments Bewegung Sat, 09 Nov 2013 08:05:24 +0000 Tuli 245 at http://systempunkte.org Über clowneske Leninisten, den Biedermeier-Stalinismus und die autoritäre Versuchung http://systempunkte.org/article/ueber-clowneske-leninisten-den-biedermeier-stalinismus-und-die-autoritaere-versuchung <p> Es hat etwas unfreiwillig Komisches, wenn Slavoj Žižek (zusammen mit Costas Douzinas) im Vorwort des Sammelbandes Die Idee des Kommunismus (Band 1) davon spricht, dass die &bdquo;Linke, die sich mit dem &sbquo;real existierenden Sozialismus&rsquo; verbunden hatte, (&hellip;) verschwunden oder zu einer historischen Kuriosit&auml;t geworden&ldquo; sei (Žižek/Douzinas 2012: S.10). Denn wie Žižek z.B. in &quot;Die Revolution steht kurz bevor&quot; oder unl&auml;ngst in &quot;Die b&ouml;sen Geister des himmlischen Bereichs&quot; unter Beweis gestellt hat, ist er selbst ein wunderbares Beispiel f&uuml;r die Lebendigkeit solcher Kuriosit&auml;ten. Wie gewandt man sich auch ausdr&uuml;cken mag, wie wundervoll man von Foucault zu Lacan, zu Deleuze und wem auch immer springt, letztlich bleiben nur altbekanntes: &bdquo;Revolution&auml;re m&uuml;ssen geduldig auf den (meist sehr kurzen) Moment warten, in dem das System offensichtlich versagt oder zusammenbricht; dieses kleine Zeitfenster m&uuml;ssen sie nutzen, die Macht an sich zu rei&szlig;en, die in diesem Moment sozusagen auf der Stra&szlig;e liegt und greifbar ist, und diese Macht dann festigen, repressive Apparate aufbauen usw., so dass es, wenn die Verwirrung vor&uuml;ber und die Mehrheit ern&uuml;chtert und vom neuen Regime entt&auml;uscht ist, zu sp&auml;t sein wird, um es wieder loszuwerden, weil es bereits fest verankert ist.&ldquo; (Žižek 2011: S.298f.) Wie nun die breite Rezeption seiner Schriften zeigt, sind solche vermeintlichen Kuriosit&auml;ten keineswegs zu vernachl&auml;ssigende Randerscheinungen im gegenw&auml;rtigen Diskurs der Linken. Nun ist die Sache bei Žižek vielleicht nicht ganz so klar und ein Gro&szlig;teil seiner Popularit&auml;t mag gerade darin begr&uuml;ndet sein, dass man ihn im Grunde nicht so recht ernst nimmt. Aber vielleicht sollte man ernst nehmen, was er selbst schrieb: &bdquo;Auch wenn Berlusconi ein w&uuml;rdeloser Clown ist, sollten wir daher nicht zu sehr &uuml;ber ihn lachen &ndash; vielleicht spielen wir n&auml;mlich dadurch schon sein Spiel mit.&ldquo; (Žižek 2011: S.256)</p> <p> Repr&auml;sentiert jedenfalls Žižek die postmoderne M&ouml;glichkeit des Leninismus &ndash; in stetem Zusammenspiel mit seinem Kollegen Badiou, der anscheinend immer noch seinen jugendlichen Illusionen &uuml;ber Maos Kulturrevolution nachh&auml;ngt und diese mit schwammigen Sentenzen &uuml;ber die &bdquo;Treue zum Ereignis&ldquo; sch&ouml;nredet &ndash; so flankiert Domenco Losurdo diese R&uuml;ckkehr zum Altbekannten in der Rolle des Biedermeier-Stalinisten. In Stalin &ndash; Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende &ndash; einer &bdquo;beispiellose[n] Wei&szlig;waschung des Stalinismus&ldquo; (Hanloser 2012: S.30) &ndash; zeichnet er das Bild eines putzig v&auml;terlichen Stalins, der sich um Ruhe und Ordnung sorgte und dabei halt auch mal &ndash; wie die Žižek&rsquo;schen Revolution&auml;re &ndash; der Mehrheit einen vor den Latz knallen muss. Da Hanloser alles Wesentliche zu diesem Buch geschrieben hat, braucht an dieser Stelle nicht n&auml;her darauf eingegangen werden.</p> <p> Warum aber nun Losurdo mit Žižek in Verbindung bringen? Weil beide eine im Grunde &auml;hnliche Stimmung in den linken Diskurs einbringen. Wo bei Žižek die Zeit der &bdquo;Zerknirschung und Selbstkasteiung&ldquo; vor&uuml;ber ist (Žižek/Douzinas 2012: S.10), wendet sich Losurdo gegen die &bdquo;Plage des Selbsthasses&ldquo; innerhalb der Linken (Losurdo 2009: S.10). Beide scheinen von einer ungeheuren Sehnsucht danach getrieben, wieder wer zu sein. Und das ist bei beiden mit der Verbreitung von Furcht verbunden. Bei Losurdo &auml;u&szlig;ert sich das in seiner Trauer &uuml;ber das Vergangene &ndash; Stalin n&auml;mlich lie&szlig; die Welt noch erzittern und besa&szlig; &uuml;berdies das Renom&eacute; eines gestandenen Staatsmannes: &bdquo;Wenn &sbquo;Times&rsquo; 1944 Stalin &uuml;brigens zum &sbquo;Mann des Jahres&rsquo; ernannte, so muss es doch wohl einen Grund daf&uuml;r geben&ldquo; &ndash; bringt Luciano Canfora &ndash; Losurdos Bruder im Geiste &ndash; im Nachwort von Losurdos Stalin-Buch diese atemberaubende Logik auf den Punkt (in: Losurdo 2012: S.409). Žižek der Dandy-Leninist schert sich um solcherart Anerkennung nat&uuml;rlich nicht, und setzt stattdessen vollst&auml;ndig auf eine &bdquo;Politik des revolution&auml;ren Schreckens&ldquo; (Žižek 2011: S.121), welche die Welt wieder in Angst und Schrecken versetzt. Das von Errico Malatesta aufgeworfene Problem scheint jedenfalls weiterhin zu bestehen: &bdquo;Es gibt noch immer Menschen, die von der Idee des Terrors fasziniert sind, denen Guillotine, Erschie&szlig;ungskommandos, Massaker, Deportationen, Galeeren (Galgen und Galeeren, wie mir k&uuml;rzlich einer der bekanntesten Kommunisten sagte) machtvolle, unerl&auml;&szlig;liche Waffen der Revolution zu sein scheinen und nach deren Auffassung viele Revolutionen deshalb niedergeschlagen wurden und nicht zum erwarteten Ergebnis f&uuml;hrten, weil die Revolution&auml;re in ihrer G&uuml;te und Schw&auml;che die Gegner nicht gen&uuml;gend verfolgt, unterdr&uuml;ckt, massakriert haben. Dies ist ein in gewissen revolution&auml;ren Kreisen verbreiteter Irrglaube, der seinen Ursprung in der Rhetorik und den Geschichtsf&auml;lschungen der Apologeten der Franz&ouml;sischen Revolution hat und in der letzten Zeit von der bolschewistischen Propaganda verst&auml;rkt wurde. Aber das genaue Gegenteil ist wahr: Terror war stets Werkzeug der Gewaltherrschaft.&ldquo; (Malatesta 1924: S.171)</p> <p> Christoph J&uuml;nke, der vehement gegen den &bdquo;Neo-Stalinismus&ldquo; von Losurdo und Canfora Stellung bezog (J&uuml;nke 2007a), hat beim Marxisten Leo Kofler eine klassische Regression an dessen Lebensende diagnostiziert, da sich dieser &ndash; seine alten anti-stalinistischen Einsichten ignorierend &ndash; &bdquo;von der eigenen Ohnmacht und der Macht der anderen dumm machen&ldquo; lie&szlig; (J&uuml;nke 2007b: S.656). Gerade einer solchen Regression zu entgehen, hatte Adorno als eine &bdquo;fast unl&ouml;sbare Aufgabe&ldquo; bezeichnet (Adorno 1951: S.63). M&ouml;gen wir, aller R&uuml;ckschl&auml;ge zum Trotz, die Souver&auml;nit&auml;t besitzen, dieser Versuchung immer wieder aufs Neue zu widerstehen.</p> <p> &nbsp;</p> <p> <strong>Literatur</strong></p> <p> Adorno, Theodor W. (1951): Minima Moralia. Reflexionen aus dem besch&auml;digten Leben. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 2003.</p> <p> Hanloser, Gerhard (2012): Nihilistisches Wei&szlig;waschen. Der Philosoph Domenico Losurdo versucht sich an einer absurden Ehrenrettung Stalins, in: a&amp;k. Nummer 576. S.30.</p> <p> J&uuml;nke, Christoph (2007a): Der lange Schatten des Stalinismus. Sozialismus und Demokratie gestern und heute. K&ouml;ln: Neuer ISP Verlag, 2007.</p> <p> J&uuml;nke, Christoph (2007b): Sozialistisches Strandgut. Leo Kofler. Leben und Werk (1907-1995). Hamburg: VSA Verlag.</p> <p> Losurdo, Domenico (2009): Flucht aus der Geschichte? Die kommunistische Bewegung zwischen Selbstkritik und Selbsthass. Essen: Verlag Marxistische Bl&auml;tter.</p> <p> Losurdo, Domenico (2012): Stalin &ndash; Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende. K&ouml;ln: PapyRossa Verlag.</p> <p> Malatesta, Errico (1924): Revolution&auml;rer Terror, in: ders. Gesammelte Schriften. Band 2. Berlin: Karin Kramer Verlag, 1980. S.170-173.</p> <p> Žižek, Slavoj (2011): Die b&ouml;sen Geister des himmlischen Bereichs. Frankfurt am Main: Fischer Verlag.</p> <p> Žižek, Slavoj/Douzinas, Costas (2012): Vorwort: &sbquo;Die Idee des Kommunismus&rsquo;, in: dies. (Hg.). Die Idee des Kommunismus. Band 1. Hamburg: Laika Verlag. S.9-12.</p> <div class="flattr-box"><script type="text/javascript"> var flattr_uid = 'systempunkte'; var flattr_tle = 'Über clowneske Leninisten, den Biedermeier-Stalinismus und die autoritäre Versuchung'; var flattr_dsc = '&lt;p&gt; Es hat etwas unfreiwillig Komisches, wenn Slavoj Žižek davon spricht, dass die &amp;bdquo;Linke, die sich mit dem &amp;sbquo;real existierenden Sozialismus&amp;rsquo; verbunden hatte, (&amp;hellip;) verschwunden oder zu einer historischen Kuriosit&amp;auml;t geworden&amp;ldquo; sei. Denn wie Žižek z.B. in &amp;quot;Die Revolution steht kurz bevor&amp;quot; oder unl&amp;auml;ngst in &amp;quot;Die b&amp;ouml;sen Geister des himmlischen Bereichs&amp;quot; unter Beweis gestellt hat, ist er selbst ein wunderbares Beispiel f&amp;uuml;r die Lebendigkeit solcher Kuriosit&amp;auml;ten.&lt;/p&gt;'; var flattr_tag = 'Staat &amp; Parteipolitik,Bewegung'; var flattr_cat = 'text'; var flattr_url = 'http://systempunkte.org/article/ueber-clowneske-leninisten-den-biedermeier-stalinismus-und-die-autoritaere-versuchung'; var flattr_lng = 'de_DE'</script> <script src="http://api.flattr.com/button/load.js" type="text/javascript"></script> </div> http://systempunkte.org/article/ueber-clowneske-leninisten-den-biedermeier-stalinismus-und-die-autoritaere-versuchung#comments Staat & Parteipolitik Bewegung Thu, 07 Nov 2013 21:50:44 +0000 Tuli 244 at http://systempunkte.org Wissenstransfer nach zapatistischer Art http://systempunkte.org/blog/wissenstransfer-nach-zapatistischer-art <p> Der Wissenstransfer politischer Bewegungen insbesondere nach au&szlig;en ist von zentraler Bedeutung, allzuoft m&uuml;ssen Erfahrungen parallel gemacht werden und kommen doch in kein allgemeines Bewusstsein. Die zapatistische Bewegung hat daf&uuml;r das Projekt der kleinen zapatistischen Schule institutionalisiert in Rahmen dessen solidarischen Interessierten ein Einblick gegeben wird. Teilweise geschieht dies auch &uuml;ber die Kontinentalgrenzen hinweg per Videokonferenz. Dazu habe ich dankenswerter Weise folgenden Bericht zur Ver&ouml;ffentlichung zur Verf&uuml;gung gestellt bekommen:</p> <blockquote><p> <br /> 1. Teil<br /> Solidarische Grü&szlig;e aus Madrid, wo ich an der kleinen zapatistischen Schule per Videokonferenz teilnehme.<br /> Zunächst: Gestern wurde ein Comunicado des CCRI veröffentlicht, in dem sie berichten, das Militärflugzeuge zapatistisches Gebiet überflogen haben. Comandante Tacho hat es im CIDECI, San Cristobal vorgetragen - hier das Audio und unten die deutsche Übersetzung (inkl. Link auf das ganze in Textform und in Spanisch): <a href="http://enlacezapatista.ezln.org.mx/2013/08/14/comunicado-del- ccri-cg-del-ezln-avisan-de-sobrevuelos-de-aviones-militares-en-la-zona-de-los-5-caracoles/">http://enlacezapatista.ezln.org.mx/2013/08/14/comunicado-del- ccri-cg-del-ezln-avisan-de-sobrevuelos-de-aviones-militares-en-la-zona-de-los-5-caracoles/</a><br /> Wir werden Morgen (heute ist hier Dia de la Virgen = Maria Himmelfahrt = Feiertag) zur mexikanischen Botschaft gehen und ein Protestschreiben gegen die Überflüge einreichen. Vielleicht will ja jemand unter euch auch was machen.<br /> Die &quot;Lerneinheiten&quot; per Videokonferenz sind sehr toll. Auch es hier in Madrid mit 10-15 Leuten zusammen zu schauen, ist sehr schön. Wir schauen die Übertragungen um 14 Uhr mexikanischer = 21 Uhr madrileñer Zeit (die andere ist um 21 Uhr Mexiko, 4 Uhr Madrid), die immer so etwa 2 Stunden dauern, dann gibt es eine Pause von 20-40 Minuten, in der alle Teilnehmenden per Chat Fragen stellen können, die die Compas dann in einer weiteren Schaltung (von 30-60 Minuten) beantworten. Es sind immer die selben 6 Zapatistas, 3 Frauen, 3 Männer, alle erscheinen recht jung, also so zwischen 20 und 35, die gemeinsam und mit Pasamontañas vermummt an einem Tisch sitzen. Auf dem Tisch Bohnen, Maiskörner, Blumen, vorne dran ein nettes Plakat der Kleinen Schule und im Hintergrund an einer Lehm-Wand EZLN-Fahne und mexikanische Fahne, sowie Maiskolben in blau, gelb und rot, Macheten usw. Thematisch war am ersten Tag &quot;Autonomie&quot; bei dem wir noch starke technische Probleme hatten und ich so nur einen Teil mitbekommen habe), am 2. Tag &quot;Der Kampf der zapatistischen Frauen&quot; und gestern &quot;Widerstand&quot; Thema - heute folgt &quot;Gerechtigkeit&quot; und am Freitag &quot;Demokratie&quot;. Die Compas wechseln sich ab und erzählen an Hand von ihren Notizen zu den einzelnen Themen, jeder jeweils so ca. 5-15 Minuten, dann ist ein_e andere_r dran. Sie berichten dabei über ihre Praxis, ihre Ideen dahinter, analysieren, geben Beispiele, nennen manchmal Probleme.<br /> Inhaltlich ist es für mich nicht besonders viel Neues, einige Details schon, aber im Gro&szlig;en und Ganzen kenne ich vieles schon - insbesondere auch aus den Comunicados, die seit Dezember rausgekommen sind. Für andere, die noch wenig über die Zapatistas wissen oder nur den Aufstand und die ersten Jahre der zapatistischen Rebellion wegen ihrer gro&szlig;en medialen Präsenz mitbekommen haben, ist aber sicher auch inhaltlich sehr viel von dem Berichteten sehr spannend und neu. Beeindruckend ist vor allem und auch für mich die Einfachheit und Klarheit, mit der sie über ihre Ideen, ihre Praxis, die Probleme reden und mit der sie ebenso die Strategien der mexikanischen Regierung und des kapitalistischen Systems analysieren - auch der Mut und die Stärke, die immer mitschwingt, ohne pathetisch zu klingen. Au&szlig;erdem ist beeindruckend, wie weit sie schon gekommen sind, wenn man es in der Fülle und Dichte und von ihnen selbst berichtet bekommt - insbesondere beim &quot;Kampf der Frauen&quot; war ich sehr beeindruckt über ihre Selbsteinschätzung und ihre extrem gro&szlig;en &quot;Fortschritte&quot;.</p> <p> 2. Teil<br /> Hier nun auch noch ein kurzer Bericht über die letzten beiden Tage der kleinen Schule per Videokonferenz und ein paar allgemeinere Reflexionen/Zusammenfassungen: An den letzten beiden Tagen ging es Donnerstag um &quot;Justicia&quot; - also um ihr System der autonomen Rechtsprechung, aber auch ihr Verständnis und ihre Praxis von Gerechtigkeit, und Freitag um &quot;Democracia&quot; also um ihre Praxis der Basisdemokratie. An diesen beiden Tagen gab es auch mehr Neues für mich (und die anderen, die sich schon länger mit den Zapatistas beschäftigt haben): Sie gaben viele Beispiele über ihre Praxis in Rechtsprechung und Regierungsführung, erklärten sehr genau ihr Verständnis von beiden anhand ihrer Praxis und dieser Beispiele. Nicht klar war mir auch, dass sie in den Vollversammlungen nicht per Konsens entscheiden, sondern per Abstimmung: Also sie diskutieren die verschiedenen Vorschläge/Ideen und stimmen dann irgendwann ab. Und dann wird zunächst der Vorschlag umgesetzt, der die meisten Stimmen erhalten hat - und wenn der nicht (gut) funktioniert, der mit den zweitmeisten Stimmen usw. - dazu meinten sie auch, man könne ja nicht ewig diskutieren und müsse müsse ja auch irgendwann mal praktisch loslegen (eigentlich sehr typisch zapatistisch).<br /> Wie schon an den anderen Tagen war es beeindruckend, dass sie sehr klar und einfach erklärt haben, was sie am staatlichen/kapitalistischen System stört, was dort falsch läuft und wie sie es anders machen. Auch war toll, noch mal ganz klar zu sehen: Dort existiert eine andere Welt, sie wird täglich gelebt und funktioniert - sogar recht gut - und sie ist in den letzten 20 Jahren gewachsen und gereift. Auch sie haben öfter betont: Wir haben 520 Jahre Ausbeutung und Unterdrückung erlebt, nun haben wir in 20 Jahren schon einiges geschafft, sind auf einem guten Weg... aber es fehlt auch noch ein gutes Stück (u.a. haben sie am Donnerstag gesagt, es wäre gut, wenn sie ein richtiges autonomes Gefängnis hätten, wo schwere Straftäter_innen auch mal für ein paar Monate eingesperrt sein könnten).<br /> Generell und an allen Tagen betonten sie immer wieder, wie wichtig es ist, sich zu organisieren. Daneben betonten sie als zentrale zapatistische Gesetze (die als einzige in allen zapatistischen Territorien gültig ist) die 7 Prinzipien des gehorchenden Bestimmens (dienen und nicht sich bedienen, vertreten und nicht niedertreten, aufbauen und nicht zerstören, gehorchen und nicht bestimmen, vorschlagen und nicht aufzwingen, überzeugen und nicht besiegen, hinuntergehen und nicht aufsteigen). Immer wieder kam ihr Pragmatismus und ihr Selbstbewusstsein durch: Wir diskutieren, was das beste ist, und dann machen wir es, ziehen es durch - dazu brauchen wir die Regierung nicht. Ebenso wenn im 2. Teil des Abends die Fragen per Chat von den Schüler_innen gestellt wurden: Oft kamen Fragen &agrave; la: Wenn der und der Fall eintritt, was macht ihr dann? Ihre Antwort: Keine Ahnung - den Fall hatten wir bisher noch nicht, wenn er auftritt, dann diskutieren wir das und finden eine Lösung. Wir haben noch keine Antwort auf alles, solange wir gemeinsam und organisiert sind und die 7 Prinzipien befolgen, finden wir ne gute Lösung...<br /> Einzig, dass am Ende doch ein paar der 6 Compas (die sich schlie&szlig;lich an einem Abend - auf Bitte der Schüler_innen - auch mit Namen vorgestellt haben) etwas dominiert haben (v.a. Männer), während ein andere weniger beitragen konnten, war ein bisschen schade. Aber es war wirklich eine tolle Erfahrung, die ich noch gar nicht so richtig verdaut habe - ich habe auf jeden Fall eine Menge Ideen und Motivationen mitgenommen! ... dazu vielleicht ein anderes Mal mehr.</p> <p> &nbsp;</p> </blockquote> <p dir="ltr"> Mehr Informationen auf Spanisch: <a href="http://www.tierraylibertad.org/index.php/category/ke-es-la-libertad-a-segun-los-zapatistas/">http://www.tierraylibertad.org/index.php/category/ke-es-la-libertad-a-segun-los-zapatistas/</a></p> <div class="flattr-box"><script type="text/javascript"> var flattr_uid = 'systempunkte'; var flattr_tle = 'Wissenstransfer nach zapatistischer Art'; var flattr_dsc = '&lt;p&gt; Der Wissenstransfer politischer Bewegungen insbesondere nach au&amp;szlig;en ist von zentraler Bedeutung, allzuoft m&amp;uuml;ssen Erfahrungen parallel gemacht werden und kommen doch in kein allgemeines Bewusstsein. Die zapatistische Bewegung hat daf&amp;uuml;r das Projekt der kleinen zapatistischen Schule institutionalisiert in Rahmen dessen solidarischen Interessierten ein Einblick gegeben wird.&lt;/p&gt;'; var flattr_tag = 'Bildung'; var flattr_cat = 'text'; var flattr_url = 'http://systempunkte.org/blog/wissenstransfer-nach-zapatistischer-art'; var flattr_lng = 'de_DE'</script> <script src="http://api.flattr.com/button/load.js" type="text/javascript"></script> </div> http://systempunkte.org/blog/wissenstransfer-nach-zapatistischer-art#comments Bildung Sun, 03 Nov 2013 17:20:39 +0000 Tuli 243 at http://systempunkte.org Video: Visions of a Free Society http://systempunkte.org/blog/video-visions-of-a-free-society <p><iframe width="640" height="480" src="//www.youtube.com/embed/pjHTrwCstcM" frameborder="0" allowfullscreen></iframe></p> <div class="flattr-box"><script type="text/javascript"> var flattr_uid = 'systempunkte'; var flattr_tle = 'Video: Visions of a Free Society'; var flattr_dsc = '&lt;iframe width=&quot;640&quot; height=&quot;480&quot; src=&quot;//www.youtube.com/embed/pjHTrwCstcM&quot; frameborder=&quot;0&quot; allowfullscreen&gt;&lt;/iframe&gt;'; var flattr_tag = 'Arbeit &amp; Ökonomie,Kultur,Ökologie'; var flattr_cat = 'text'; var flattr_url = 'http://systempunkte.org/blog/video-visions-of-a-free-society'; var flattr_lng = 'de_DE'</script> <script src="http://api.flattr.com/button/load.js" type="text/javascript"></script> </div> http://systempunkte.org/blog/video-visions-of-a-free-society#comments Arbeit & Ökonomie Kultur Ökologie Fri, 01 Nov 2013 21:28:19 +0000 cls 242 at http://systempunkte.org Angela und ich http://systempunkte.org/blog/angela-und-ich <p> Mir ist egal, ob mein Telefon von deutschen oder von amerikanischen Geheimdiensten abgeh&ouml;rt wird.</p> <p> Vor allem aber finde ich das Abh&ouml;ren von Angelas Telefon keinen Deut schlimmer, als das von jeder anderen auch. Mir ist egal, welcher Staat von wem alles wissen will, ob von Merkel oder M&uuml;ller. ich will nichts vom Staat wissen und will, dass er m&ouml;glichst wenig &uuml;ber uns wei&szlig;. Ich will geheim lassen, mit wem ich lieber telefoniere und wo ich, unter Vorw&auml;nden, einen Anruf beende. Ich will geheim halten, welche Gespr&auml;che schl&uuml;pfrig und welche sachlich sind, wie oft ich am Telefon huste und wann ich mein Telefonat zum Kochen unterbreche, weil ich hunger habe. Niemand soll wissen, wie exzentrisch, gef&auml;hrlich, harmlos, naiv oder langweilig ich bin. Ich habe es auch satt, mein &quot;Polizeiliches F&uuml;hrungszeugnis&quot; an Unternehmen zu versenden, damit diese wissen, wie angepasst und &#39;lieb&#39; ich bin.</p> <p> Ja, mir ist peinlich, dass ich nichts zu verbergen habe und das darf niemand wissen!!!</p> <p> Egal, in welchem Land...</p> <div class="flattr-box"><script type="text/javascript"> var flattr_uid = 'systempunkte'; var flattr_tle = 'Angela und ich'; var flattr_dsc = '&lt;p&gt; Mir ist egal, ob mein Telefon von deutschen oder von amerikanischen Geheimdiensten abgeh&amp;ouml;rt wird.&lt;/p&gt;'; var flattr_tag = 'Staat &amp; Parteipolitik'; var flattr_cat = 'text'; var flattr_url = 'http://systempunkte.org/blog/angela-und-ich'; var flattr_lng = 'de_DE'</script> <script src="http://api.flattr.com/button/load.js" type="text/javascript"></script> </div> http://systempunkte.org/blog/angela-und-ich#comments Staat & Parteipolitik Mon, 28 Oct 2013 08:16:03 +0000 DasSim 241 at http://systempunkte.org Zum Verhältnis von Netzbewegung und außerparlamentarischer Linken http://systempunkte.org/blog/zum-verhaeltnis-von-netzbewegung-und-ausserparlamentarischer-linken <blockquote><p> Eigentlich k&ouml;nnte doch alles so einfach sein: Sowohl Netzbewegung als auch die undogmatische Linke setzen sich f&uuml;r den Erhalt oder den Ausbau von Grund- und Freiheitsrechten ein. Beide eint die Ablehnung staatlicher &Uuml;berwachung aller Art - von der Steueridentifikationsnummer bis zur Vorratsdatenspeicherung. Beide Seiten haben ein Weltbild, das die Selbstbestimmung und die Freiheit des Individuums in den Vordergrund stellt. Beide Seiten bek&auml;mpfen seit Jahren auf ihre Weise vehement den &Uuml;berwachungsstaat. Warum tun sich, mal von einigen Initiativen und Projekten abgesehen, beide Seiten so schwer miteinander?</p> </blockquote> <p> -- <strong>John F. Nebel: <a href="http://akweb.de/ak_s/ak587/13.htm"><em>Aber bitte keine Extremisten - Beobachtungen zum Verh&auml;ltnis von Netzbewegung und au&szlig;erparlamentarischer Linken</em></a></strong> in <a href="http://akweb.de">analyse &amp; kritik</a></p> <div class="flattr-box"><script type="text/javascript"> var flattr_uid = 'systempunkte'; var flattr_tle = 'Zum Verhältnis von Netzbewegung und außerparlamentarischer Linken'; var flattr_dsc = '&lt;p&gt; Eigentlich k&amp;ouml;nnte doch alles so einfach sein: Sowohl Netzbewegung als auch die undogmatische Linke setzen sich f&amp;uuml;r den Erhalt oder den Ausbau von Grund- und Freiheitsrechten ein.&lt;/p&gt;'; var flattr_tag = 'Staat &amp; Parteipolitik,Netz &amp; Digitales'; var flattr_cat = 'text'; var flattr_url = 'http://systempunkte.org/blog/zum-verhaeltnis-von-netzbewegung-und-ausserparlamentarischer-linken'; var flattr_lng = 'de_DE'</script> <script src="http://api.flattr.com/button/load.js" type="text/javascript"></script> </div> http://systempunkte.org/blog/zum-verhaeltnis-von-netzbewegung-und-ausserparlamentarischer-linken#comments Staat & Parteipolitik Netz & Digitales Mon, 28 Oct 2013 08:15:04 +0000 cls 240 at http://systempunkte.org "Fetzen kritischer Theorie in Zeiten konstitutiver Überflüssigkeit" http://systempunkte.org/blog/fetzen-kritischer-theorie-in-zeiten-konstitutiver-ueberfluessigkeit <p> An dieser Stelle m&ouml;chte ich gerne einen Vortrag von Arne Kellermann verlinken. Nun sind die Ber&uuml;hrungspunkte zwischen Kritischer Theorie, im Anschluss an Adorno und Horkheimer, und Anarchismus zwar vorhanden, aber seltsam missachtet. Ich habe den Eindruck, dass von einem Verh&auml;ltnis wechselseitiger Ignoranz geschrieben werden k&ouml;nnte.</p> <p> &Uuml;ber Arne Kellermanns Vortrag &quot;Fetzen kritischer Theorie in Zeiten konstitutiver &Uuml;berfl&uuml;ssigkeit&quot; zu sagen, er habe einem_r gefallen, w&auml;re obsz&ouml;n, soviel wird im Vortrag selbst deutlich. Hoffentlich ist es akzeptabel zu zugeben, er habe beim Zuh&ouml;ren einen starken Eindruck hinterlassen, weil er, meines Erachtens, Kritische Theorie auf eine Spitze bringt, auf der es sich keineswegs angenehm sitzt.</p> <p> Der Vortrag kann auch als mp3 vom audioarchiv-Blog downgeloadet werden: <a href="http://audioarchiv.blogsport.de/2013/06/22/fetzen-kritischer-theorie-in-zeiten-konstitutiver-ueberfluessigkeit/">http://audioarchiv.blogsport.de/2013/06/22/fetzen-kritischer-theorie-in-zeiten-konstitutiver-ueberfluessigkeit/</a></p> <p> Wer sich mit Kritischer Theorie noch nicht oder wenig auseinandergesetzt hat, sollte vielleicht zuerst mit folgendem Beitrag beginnen: <a href="http://audioarchiv.blogsport.de/2013/06/16/ueberlegungen-zur-kritischen-theorie/" title="http://audioarchiv.blogsport.de/2013/06/16/ueberlegungen-zur-kritischen-theorie/">http://audioarchiv.blogsport.de/2013/06/16/ueberlegungen-zur-kritischen-...</a></p> <p> Dieser Blog stellt im &uuml;brigen neben einer umfangreichen und empfehlenswerten Auswahl von Vortr&auml;gen zu Kritischer Theorie auch einige zu Anarchismus zur Verf&uuml;gung.</p> <p> Der Ank&uuml;ndigungstext zu Arne Kellermanns Vortrag:</p> <blockquote><p> Soll (kritische) Theorie zumindest die Spuren einer aufgehobenen Agitation an sich tragen &ndash; den Stachel des Widerstandes sich nicht selbst abbrechen; soll sie trotz aller Ohnmacht des Einzelnen sowie der Verstelltheit von Praxis doch den Charakter des Eingriffs nicht ganz verlieren, so ist sie wesentlich angewiesen auf eine Reflexion des geschichtlich-konkreten Konstitutionszusammenhangs der Gesellschaft und der zeitgen&ouml;ssischen Formen des &Uuml;berlebens.</p> <p> Problematisch wird diese Reflexion auf die konstitutive Objektivit&auml;t zu einem Zeitpunkt, in dem die vollkommene &Uuml;berfl&uuml;ssigkeit eines jeden Individuums zur unhintergehbaren Grundlage des gesamten Erfahrungshorizonts geworden ist: w&auml;hrend der fortherrschende Hunger in den Elendsregionen dieser Welt sowie das qualvolle Verenden in jenen Regionen solche &Uuml;berfl&uuml;ssigkeit von &raquo;Menschenmaterial&laquo; unmittelbar bewusst werden l&auml;sst und deswegen nicht zu sehr ins Bewusstsein eindringen darf; w&auml;hrend die unendlich angewachsene &Uuml;berfl&uuml;ssigkeit derjenigen, die f&uuml;r einen Hungerlohn bereit sind &ndash; oder gewaltvoll gezwungen werden &ndash;, ihre leibliche Existenz der materiellen Produktion von Schund und Ungenie&szlig;barem zu opfern, das dann andernorts lustt&ouml;tend konsumiert wird; w&auml;hrend sich die &Uuml;berfl&uuml;ssigkeit sogar derer, die bereit sind nicht nur ihre Arbeitskraft zu verwursten, sondern selbstvergessen auch ihre &Uuml;berbleibsel von lebendigem Impuls &ndash; letztlich jede Form von Hoffnung auf Gl&uuml;ck &ndash; in der Produktion von synthetischem Sinn abzut&ouml;ten, sich an deren wahnhafter Selbstanpreisung ablesen l&auml;sst; &ndash; in einem solchen Zusammenhang w&uuml;rde eine Formulierung Adornos negativ an den zu durchschlagenden Bann erinnern, dessen Aufl&ouml;sung kritische Theorie inhaltlich antreibt: &raquo;Zart w&auml;re einzig das Gr&ouml;bste: da&szlig; keiner mehr hungern soll.&laquo;</p> <p> In einem historischen Zustand, in dem der Zusammenhang zwischen dem elendigen Krepieren von Menschen und der Sinnlosigkeit des eigenen Lebens so durchsichtig geworden ist, dass jede ernsthafte Besch&auml;ftigung mit einem beliebigen &ndash; auch geistigen &ndash; Gegenstand innerhalb k&uuml;rzester Zeit zum berechtigten Selbsthass f&uuml;hrte, &raquo;stellt sich&laquo;, wie Wolfgang Pohrt 1976 zu Recht festhielt, &raquo;die Frage nach dem Verh&auml;ltnis von Theorie und Praxis weit ungem&uuml;tlicher als je zuvor.&laquo; &ndash; nur dass seitdem das vermeidbare und nicht wiedergutzumachende Leiden nicht aufgeh&ouml;rt hat, aufgeh&auml;uft zu werden und die anhaltende Permanenz der Qual die Besch&auml;ftigung mit der Frage wirklich schmerzhaft werden lie&szlig;.</p> <p> Das Eingedenken der weiter krepierenden Opfer, die wesentlich Teil und objektiver Skandal jenes Zusammenhangs sind, auf dem auch etwaige kritische Subjektivit&auml;t fu&szlig;t, ist ernsthaft in kritische Theorie aufzunehmen, soll sie nicht aus Selbstschutz vor dem durchweg stachelig gewordenen Objekt zur&uuml;ckweichen. Dass hier von &raquo;Eingedenken&laquo; der gegenw&auml;rtig zu Grunde gehenden Opfer gesprochen wird, dr&uuml;ckt im sprachlichen Widerspruch die heutige Aporie des Denkens aus: Eingedenken, das sich eigentlich auf Vergangenes bezieht, wird das einzige Medium des Innewerdens des Bestehenden, das aufgrund seiner eigenen Desintegration die momentan leidenden Opfer als schon Verlorene produziert.</p> <p> Wenn das Sterben weitergeht; unter der Hand der letzten 40 Jahre eine neue Form von Barbarei Realit&auml;t geworden ist &ndash; die alltags-praktische Verdr&auml;ngung des Krepierenlassens &ndash; und sich im gleichen Prozess die materiellen Voraussetzungen kritischer Theorie in der Aufl&ouml;sung befinden, n&ouml;tigt Selbstreflexion des Denkens erneut zur Frage nach seinen realen M&ouml;glichkeiten.</p> </blockquote> <div class="field field-type-emvideo field-field-embed-video"> <div class="field-label">Eingebettetes Video:&nbsp;</div> <div class="field-items"> <div class="field-item odd"> <div class="emvideo emvideo-video emvideo-youtube"><div class="emfield-emvideo emfield-emvideo-youtube"> <div id="emvideo-youtube-flash-wrapper-1"><object type="application/x-shockwave-flash" height="350" width="425" data="http://www.youtube.com/v/QQDdW8HpRFE&amp;rel=0&amp;enablejsapi=1&amp;playerapiid=ytplayer&amp;fs=1" id="emvideo-youtube-flash-1"> <param name="movie" value="http://www.youtube.com/v/QQDdW8HpRFE&amp;rel=0&amp;enablejsapi=1&amp;playerapiid=ytplayer&amp;fs=1" /> <param name="allowScriptAccess" value="sameDomain"/> <param name="quality" value="best"/> <param name="allowFullScreen" value="true"/> <param name="bgcolor" value="#FFFFFF"/> <param name="scale" value="noScale"/> <param name="salign" value="TL"/> <param name="FlashVars" value="playerMode=embedded" /> <param name="wmode" value="transparent" /> </object></div></div></div> </div> </div> </div> <div class="flattr-box"><script type="text/javascript"> var flattr_uid = 'systempunkte'; var flattr_tle = '&quot;Fetzen kritischer Theorie in Zeiten konstitutiver Überflüssigkeit&quot;'; var flattr_dsc = '&lt;p&gt; An dieser Stelle m&amp;ouml;chte ich gerne einen Vortrag von Arne Kellermann verlinken. Nun sind die Ber&amp;uuml;hrungspunkte zwischen Kritischer Theorie, im Anschluss an Adorno und Horkheimer, und Anarchismus zwar vorhanden, aber seltsam missachtet. Ich habe den Eindruck, dass von einem Verh&amp;auml;ltnis gegenseitiger Ignoranz geschrieben werden k&amp;ouml;nnte.&lt;/p&gt;'; var flattr_tag = 'Bildung'; var flattr_cat = 'text'; var flattr_url = 'http://systempunkte.org/blog/fetzen-kritischer-theorie-in-zeiten-konstitutiver-ueberfluessigkeit'; var flattr_lng = 'de_DE'</script> <script src="http://api.flattr.com/button/load.js" type="text/javascript"></script> </div> http://systempunkte.org/blog/fetzen-kritischer-theorie-in-zeiten-konstitutiver-ueberfluessigkeit#comments Bildung Sat, 26 Oct 2013 20:39:37 +0000 Tuli 238 at http://systempunkte.org Neoliberalismus in Beton - Ein neues Gebäude für die Universität Göttingen http://systempunkte.org/article/neoliberalismus-in-beton-ein-neues-gebaeude-fuer-die-universitaet-goettingen <p> Die altehrw&uuml;rdige Georg-August-Universit&auml;t G&ouml;ttingen hat ein neues Geb&auml;ude erhalten, das Lern- und Studiengeb&auml;ude oder kurz LSG. Da es ganz neu und frisch ist, habe ich noch keinen Fu&szlig; hinein gesetzt, aber die Lust es zu erkunden wurde mir bereits ausgetrieben. Denn das LSG pr&auml;sentiert sich als neoliberale Subjektvierungsmaschine. Dieses neue Geb&auml;ude m&ouml;chte ich im folgenden als Fallbeispiel daf&uuml;r nehmen, wie neoliberale Techniken und Praxen der Subjektivierung im universit&auml;ren Kontext aussehen k&ouml;nnen.</p> <p> F&uuml;r jene, die nicht in G&ouml;ttingen studieren, eine Information vorweg: Der eCampus ist die Webplattform &uuml;ber die Studierende zugriff zu unterschiedlichen Planungsfunktionen haben. Prinzipiell eine sinnvolle Einrichtung, die zahlreiche n&uuml;tzliche Funktionen hat. Mir wurde schon von Universit&auml;ten berichtet, wo es mehr oder weniger zur Pflicht wurde bei Facebook zu sein, um an die Informationen f&uuml;r Seminare zu kommen. In G&ouml;ttingen haben wir stattdessen den eCampus, und bei aller Kritik liegt meine Universit&auml;t im Vertrauen doch vor Facebook. Seit Neuestem jedoch etwas knapper.</p> <p> Denn seit Neuestem findet sich in diesem eCampus der Unterabschnitt &quot;LSG-Arbeitsr&auml;ume&quot;. Warum, so k&ouml;nnte die Frage gestellt werden, braucht das neue Geb&auml;ude im Gegensatz zu allen anderen Geb&auml;uden eine spezielle Verwaltung &uuml;ber den eCampus? Nun dies ergibt sich aus der speziellen Funktionsweise des Geb&auml;udes. Wer im eCampus auf den Abschnitt &quot;LSG-Arbeitsr&auml;ume&quot; klickt, bekommt folgendes zu lesen:</p> <blockquote><p> &quot;Im Lern- und Studiengeb&auml;ude (LSG) neben der Zentralmensa hat die Einf&uuml;hrungsphase begonnen.</p> <p> So geht&acute;s:</p> <p> 1. Reservieren Sie hier im eCampus R&auml;ume oder Schlie&szlig;f&auml;cher.<br /> 2. Zu Beginn des reservierten Zeitraums melden Sie sich am Terminal im LSG an.<br /> 3. Das System weist Ihnen einen Raum oder ein Schlie&szlig;fach zu und schreibt einen elektronischen Schl&uuml;ssel zum &Ouml;ffnen auf Ihren Studienausweis.<br /> 4. Am Ende der Nutzung m&uuml;ssen Sie sich am Terminal wieder abmelden.&quot;</p> </blockquote> <p> Kurz gefasst, beim LSG handelt es sich um ein durchverwaltetes und durchverwaltendes Datenmonstrum. Allein beim pseudo-freundschaftlich bem&uuml;ht-lockeren &quot;So geht&#39;s&quot; habe ich eine tiefe Abneigung gegen das Geb&auml;ude gewonnen, das um benutzt zu werden, eine elektronische Anmeldung erfordert. Es k&ouml;nnte ja auch eingewandt werden, dass es sich bei einer Universit&auml;t eigentlich um eine &ouml;ffentliche Institution handelt und deswegen alle die der &Ouml;ffentlichkeit zutritt haben sollten, zumindest pro forma. Aber die Universit&auml;t ist l&auml;ngst von der &ouml;ffentlichen Institution zur Ausbildungsst&auml;tte geworden, sp&auml;testens mit der Bologna-Reform.</p> <p> Ach all diese Tiraden meinerseits nur, weil wir uns elektronisch anmelden m&uuml;ssen, &uuml;bertreibe ich nicht ein wenig?</p> <p> Ein Effekt darf bei dieser Anmeldung nicht vergessen werden, wir stehen f&uuml;r die Reservierung mit unserem Namen und zwar mit unserem ganz pers&ouml;nlichem, individuellem Namen. Es kommt zu einer individualisierenden Disziplinierung, wie Foucault sie anhand des Panopticons bereits in &quot;&Uuml;berwachen und Strafen&quot; geschildert hat:</p> <blockquote><p> &quot;[I]m Panopticon [oder in unserem Fall dem LSG] findet man dieselbe Bem&uuml;hung um individualisierende Beobachtung, um Charakterisierung und Klassifizierung, um analytische Aufteilung des Raumes.&quot; (Foucault 1977: 261)</p> </blockquote> <p> Das alleine w&uuml;rde jedoch noch keine neoliberale Universit&auml;t ausmachen, sondern &quot;lediglich&quot; eine technologische Versch&auml;rfung des Universit&auml;t als Disziplinierungsanstalt bedeuten. Bisher w&uuml;rden noch die spezifisch neoliberalen Machttechnologien fehlen. Hier ist vielleicht ein kurzer Einschub angebracht, was unter Liberalismus zu verstehen ist. Dazu schreibt Foucault:</p> <blockquote><p> &quot;Der Liberalismus ist also als Prinzip und Methode der Rationalisierung der Regierungsaus&uuml;bung zu analysieren &ndash; einer Rationalisierung, die, und hierin liegt ihre Besonderheit, der internen Regel maximaler &Ouml;konomie gehorcht.&quot; (Foucault 2005b: 181)</p> </blockquote> <p> Diese interne Regel maximaler &Ouml;konomie kommt beim LSG folgenderma&szlig;en zu tragen: Wir Studierende m&uuml;ssen uns nicht nur elektronisch anmelden, sondern dar&uuml;ber hinaus wurde ein Belegungspunkte-System eingef&uuml;hrt. Dazu l&auml;sst sich auf der Webseite des LSG lesen:</p> <blockquote><p> &quot;Die Nutzungsordnung des LSG bestimmt das System der Belegungspunkte. Hier findet ihr eine &Uuml;bersicht, wie viele Punkte die Raumnutzung im LSG &bdquo;kostet&ldquo;: &quot;</p> </blockquote> <p> Im Anschluss findet sich eine Tabelle als Grafik, und ja sie schreiben in der Tat &bdquo;kostet&ldquo; in Anf&uuml;hrungszeichen. Offensichtlich ist die Vorstellung, dass der Markt oder markt&auml;hnliche Mechanismen die bestm&ouml;gliche Allokation von Ressourcen bedeutet, mittlerweile tief in das universit&auml;re System eingesickert.<a class="see-footnote" id="footnoteref1_4is1n2h" title="Dass Commons auch anders verwaltet werden k&ouml;nnten, legt etwa die Forschung von Elinor Ostrom nahe. Siehe: http://systempunkte.org/article/elinor-ostrom-gegen-die-tragik-der-allmende" href="#footnote1_4is1n2h">1</a> Wobei ich zugebe, dass die Orientierung am Mark hier noch rudiment&auml;r &uuml;ber ein einfaches Bezahlungssystem geschieht. Weitere Schritte w&auml;ren die Einrichtung eines tats&auml;chlichen Marktes, bei dem Studierende untereinander Belegungspunkte tauschen k&ouml;nnen, etwa gegen Gutschriften bei der Mensa oder &auml;hnlichem. Auch eine Kopplung mit dem durch Bologna installierten Credit-System w&auml;re denkbar, wer mehr Credits &quot;erwirtschaft&quot; erh&auml;lt f&uuml;r seine_ihre &quot;Leistung&quot; mehr Belegungspunkte.</p> <p> Aber bevor wir die Universit&auml;tsverwaltungen noch auf dumme Gedanken bringen lesen wir lieber weiter:</p> <blockquote><p> &quot;Stornierungskosten</p> <p> Bei Stornierung eines Raumes bzw. Schlie&szlig;faches werden abh&auml;ngig vom Zeitpunkt Belegungspunkte vom Belegungskonto der Nutzerin oder des Nutzers gem&auml;&szlig; der nachfolgenden Tabelle gel&ouml;scht. F&uuml;r stornierte Takte einer laufenden Belegung durch Stornierung oder Abmeldung vor Ende der Belegungszeit werden ebenfalls anteilig Belegungspunkte gel&ouml;scht.</p> <p> Sofern durch das Bearbeiten einer Belegung eine Stornierung erfolgt, gilt: Wird durch das Bearbeiten der Belegung der Tag, f&uuml;r den die Belegung erfolgt, nicht ge&auml;ndert, werden die Belegungspunkte f&uuml;r die urspr&uuml;ngliche Belegung vollst&auml;ndig gel&ouml;scht, sofern diese nicht h&ouml;her sind als die Belegungspunkte f&uuml;r die ge&auml;nderte Belegung. &Uuml;bersteigen die Belegungspunkte f&uuml;r die urspr&uuml;ngliche Belegung die Belegungspunkte f&uuml;r die bearbeitete Belegung, wird die Differenz nur anteilig gem&auml;&szlig; obenstehender Tabelle gel&ouml;scht.&quot;</p> </blockquote> <p> Hier sehen wir erneut eine Form die Aufdr&auml;ngung der Verantwortung auf das Selbst, jede_r Einzelne muss m&ouml;glichst sicher planen, um keine Stornierungskosten zahlen zu m&uuml;ssen. Ziel ist das Subjekt des Neoliberalismus, welches als aktives, eigenverantwortliches Selbst in der Lage ist sich selbst zu regieren (vgl. M&uuml;mken 2012: 169), entsprechend den Zielen denen es unterworfen ist.. Erziehung zum unternehmerischen Selbst geh&ouml;rt jetzt also zum Pflichtangebot der Universit&auml;t G&ouml;ttingen, beziehungsweise ist dies bereits seit der Bologna-Reform der Fall, wird aber durch das LSG weiter vorangetrieben. Damit wir uns auch entsprechend selbstkontrollieren k&ouml;nnen, werden im neuen Abschnitt im eCampus quantitative Daten &uuml;ber meine &quot;Nutzungshistorie&quot; bereitgestellt. Hier sei an die zentrale Rolle erinnert, die die Statistik laut Foucault (2005a: 166f.) f&uuml;r die Gouvernementalit&auml;t <a class="see-footnote" id="footnoteref2_q1z52ag" title="&quot;Unter Gouvernementalit&auml;t verstehe ich die Gesamtheit, gebildet aus den Institutionen, den Verfahren, Analysen und Reflexionen, den Berechnungen und den Taktiken, die es gestatten, diese recht spezifische und doch komplexe Form der Macht auszu&uuml;ben, die als Hauptzielscheibe die Bev&ouml;lkerung, als Hauptwissensform die politische &Ouml;konomie und als wesentliches technisches Instrument die Sicherheitsdispositive hat.&quot; (Foucault 2005a: 171)" href="#footnote2_q1z52ag">2</a> spielt. Das Auff&auml;llige ist, dass die Bewertung der statistischen Daten in diesem Fall an die individualisierten Subjekte ausgelagert wird und zwar durch die Orientierung an &ouml;konomischen Prinzipien. Deswegen ist es meines Erachtens gerechtfertigt die im LSG manifest gewordenen Technologien der neoliberalen Gouvernementalit&auml;t zuzurechnen (zum Begriff der neoliberalen Gouvernementalit&auml;t vgl. M&uuml;mken 2012: 165-171).</p> <p> Ich bin mir sicher, das Konzept des LSG ist beeindruckend effizient auf dem Papier und wom&ouml;glich auch erschreckend effizient in der Umsetzung. Aber wir bef&auml;nden uns nicht in neoliberalen Verh&auml;ltnissen, wenn nicht dar&uuml;ber hinaus unsere Mitgestaltung (selbstverst&auml;ndlich im streng vorgegebenem Rahmen der Verwaltung, die uns effizient regierbar zu machen sucht) betont w&uuml;rde. Deswegen gab es einen Wettbewerb. Wohlgemerkt einen Wettbewerb, nicht etwa eine gemeinsame kreative M&ouml;glichkeit, sondern die einzelnen Studierenden k&ouml;nnen mit ihren &quot;Leistungen&quot; gegeneinander antreten:</p> <blockquote><p> &quot;Gestalte deinen Platz!</p> <p> Das Lern- und Studiengeb&auml;ude ist ein Geb&auml;ude ausschlie&szlig;lich f&uuml;r euch. Bei der Ausstattung k&ouml;nnt ihr euch auf h&ouml;henverstellbare Tische und B&uuml;rost&uuml;hle sowie einer Basisausstattung mit Monitor, Maus und Tastatur freuen. Aber um die R&auml;ume wirklich in eure H&auml;nde zu geben, haben wir euch nach euren Ideen gefragt!</p> <p> Was war gefragt?</p> <p> Fotografie | Grafik | Zeichnung | Malerei</p> <p> Das Motiv konntet ihr selbst ausw&auml;hlen: Die einzige Einschr&auml;nkung war, dass es in eine Lernumgebung passen soll, die euch gef&auml;llt und das Lernen angenehmer macht. Auch Collagen, Comics oder abstrakte Bilder waren m&ouml;glich.&quot;</p> </blockquote> <p> Auff&auml;llig ist, dass auch in diesem Wettbewerb wieder gezielt Individuen als solche angesprochen werden: &quot;Gestalte deinen Platz!&quot; Es wird dazu das Schicksal (im erlaubten Rahmen, wohlgemerkt) selbst in die Hand zu nehmen, aber eben nicht kollektiv. Und die Bereitstellung von Bildern, die noch dazu durch vermeintliche Autorit&auml;tspersonen ausgew&auml;hlt werden, darf wohl im w&ouml;rtlichen wie im bildlichen Sinne als oberfl&auml;chliche Mitgestaltung bezeichnet werden.<a class="see-footnote" id="footnoteref3_cdcf6fm" title="Der Vollst&auml;ndigkeit halber sei erw&auml;hnt, dass sich die studentische Beteiligung nicht herauf beschr&auml;nkt, denn laut einem EMail der Universit&auml;t des sogenannten &quot;Newsticker f&uuml;r Studierende&quot; gilt: &quot;Der Bau des LSGs geht auf eine Initiative von Studierenden zur&uuml;ck und wird durch Studienbeitr&auml;ge finanziert.&quot;" href="#footnote3_cdcf6fm">3</a> Aber wir wollen uns doch nicht in der Euphorie d&auml;mpfen lassen:</p> <blockquote><p> &quot;Es ist eine wahre Freude, eure Bilder f&uuml;r den Wettbewerb &bdquo;Gestalte deinen Platz!&ldquo; anzuschauen.&quot;</p> </blockquote> <p> Interessant ist auch, dass die Barrierefreiheit des LSG betont wird:</p> <blockquote><p> &quot;Bei der Planung des Geb&auml;udes wurde gro&szlig;er Wert auf Barrierefreiheit gelegt. Im Erdgeschoss gibt es auch speziell auf Personen mit Mobilit&auml;tseinschr&auml;nkungen zugeschnittene R&auml;ume.&quot;</p> </blockquote> <p> Nun ist dies sicherlich besser, als wenn das LSG Barrieren h&auml;tte.<a class="see-footnote" id="footnoteref4_unl52no" title="Ich bin mir nicht sicher, ob das LSG wirklich g&auml;nzlich barrierefrei ist, so stelle ich mir etwa die Frage, wie eine blinde oder stark sehbeeintr&auml;chtige Person den Terminal bedienen soll. Geschrieben wird lediglich von Personen mit Mobilit&auml;tseinschr&auml;nkungen" href="#footnote4_unl52no">4</a> Allerdings kommt mir sogleich folgendes in den Sinn:</p> <blockquote><p> &quot;&raquo;Inklusion&laquo; hat sich in den letzten Jahren als wissenschaftlich-politische Zauberformel einer gesellschaftlichen Ordnungsvorstellung etabliert, der es &ndash; ganz akkumulationskompatibel &ndash; nicht in erster Linie um die Umverteilung materielle Ressourcen mit dem Ziel der Angleichung sozialer Lebenslagen, sondern vielmehr um die Erm&ouml;glichung von Teilhabe am Prozess der Produktion materieller Lebenschancen geht.&quot; (Lessenich in D&ouml;rre, Lessenich und Rosa 2009: 167)</p> </blockquote> <p> Damit wir dem LSG als Fallbeispiel f&uuml;r die Festsetzung neoliberaler Gouvernementalit&auml;t an den Universit&auml;ten gerecht werden, m&ouml;chte ich auch die Abweichung vom neoliberalen Idealtypus aufzeigen. Es gibt R&auml;ume, die ohne Anmeldung und &quot;Bezahlung&quot; von Belegungspunkten nutzbar sind:</p> <blockquote><p> &quot;Und schlie&szlig;lich bietet das LSG nat&uuml;rlich auch Pausenbereiche f&uuml;r verschiedene Stimmungen und Situationen: Sitzecken im Foyer und im Haupttreppenhaus, zwei&nbsp; &bdquo;leise Pausenr&auml;ume&ldquo; zum Ausruhen oder entspannten Lesen sowie einen gr&ouml;&szlig;eren Pausenraum mit Bistrocharakter, der durch seine raumbreite Glasfront einen beeindruckenden Blick auf den Innenhof bietet. Hier stehen auch Snack- und Getr&auml;nkeautomaten.&quot;</p> </blockquote> <p> Neben dem an einen Immobilienmakler erinnernden Jargon ist hier insbesondere eine Zweiteilung in streng effizient verwaltete Arbeitsr&auml;ume und in mehr oder weniger lockere Pausenr&auml;ume auff&auml;llig. Die Trennung von Arbeit und Freizeit spiegelt sich also wieder, dies ist eigentlich eher untypisch f&uuml;r neoliberale Machttechnologien. Meines Erachtens ist dies als notwendiges Zugest&auml;ndnis zu lesen, ohne dies w&auml;re das LSG mit dem immer noch stark verbreiteten Vorstellung einer Universit&auml;t als &ouml;ffentlichen Einrichtung, die eher kollektiv genutzt werden kann, als vereinzelnd aktivierend wirken soll, zu offensichtlich in Konflikt geraten.</p> <p> Immer wieder bin ich von der Selbstverlogenheit der deutschen Universit&auml;t als Institution beeindruckt. Da kann es einer_m geschehen in einer Pr&uuml;fung abgefragt zu werden, was Foucault &uuml;ber Pr&uuml;fung als Form der Disziplinizierung geschrieben hat. Da kann einer_m geschehen, Texte &uuml;ber Subjektivierung und neoliberale Gouvernementalit&auml;t von Foucault empfohlen und bald darauf ein Musterbeispiel in Beton vorgesetzt zu bekommen. Da kann einer_m erkl&auml;rt werden, das Ganze w&auml;re f&uuml;r mich da, wobei ganz eindeutig das Ziel ist mich als neoliberales Subjekt zu produzieren.</p> <p> Wie sich am Beispiel der Universit&auml;t G&ouml;ttingen zeigt werden neueste technologische M&ouml;glichkeiten angewendet, um die seit Bologna ohnehin fortschreitende Neoliberalisierung der Universit&auml;ten voranzutreiben. Am unertr&auml;glichsten ist mir allerdings, dass damit alle F&auml;higkeiten zu wahrlich freiheitlicher Selbstverwaltung, die nicht &uuml;ber zweckrationale Allokation, sondern &uuml;ber ein Ethos der Freiheit errungen wird, behindert werden und drohen zu verk&uuml;mmern.</p> <p> Das LSG ist f&uuml;r dich da, sofern du Student_in der Universit&auml;t G&ouml;ttingen bist, das hei&szlig;t, die immer noch bestehenden Studiengeb&uuml;hren brav &uuml;berwiesen hast, und sofern du dich so gut selbstverwaltest, dass du gen&uuml;gend Belegungspunkte zur Verf&uuml;gung hast. Willkommen an der neoliberalen Universit&auml;t zu G&ouml;ttingen.</p> <p> &nbsp;</p> <p> <strong>Links</strong></p> <p> Webseite des LSG - <a href="http://lsg.uni-goettingen.de" title="http://lsg.uni-goettingen.de">http://lsg.uni-goettingen.de</a></p> <p> Blog des LSG - <a href="http://wordpress.uni-goettingen.de/" title="http://wordpress.uni-goettingen.de/">http://wordpress.uni-goettingen.de/</a></p> <p> Die entsprechenden Zitate zum LSG, mit der Ausnahme jenes dem eCampus entnommenen, k&ouml;nnt ihr auf der LSG Seite bzw. dem Blog finden.</p> <p> <strong>Literaturverzeichnis:</strong></p> <p> D&ouml;rre, Klaus; Lessenich, Stephan und Rosa, Hartmut (2009): Soziologie &ndash; Kapitalismus &ndash; Kritik. Frankfurt am Main.</p> <p> Foucault, Michel (1977): &Uuml;berwachen und Strafen. Frankfurt am Main.</p> <p> Foucault, Michel (2005a): Die &raquo;Gouvernementalit&auml;t&laquo; (Vortrag). In Defert, Daniel und Ewald, François (Hsg.): Analytik der Macht. Frankfurt am Main: 148-174.</p> <p> Foucault, Michel (2005b): Die Geburt der Biopolitik. In Defert, Daniel und Ewald, François (Hsg.): Analytik der Macht. Frankfurt am Main: 180-187.</p> <p> M&uuml;mken, J&uuml;rgen (2012): Die Ordnung des Raumes. Foucault, Bio-Macht, Kontrollgesellschaft und die Transformation des Raumes in der Moderne. Lich/Hessen.</p> <ul class="footnotes"><li class="footnote" id="footnote1_4is1n2h"><a class="footnote-label" href="#footnoteref1_4is1n2h">1.</a> Dass Commons auch anders verwaltet werden k&ouml;nnten, legt etwa die Forschung von Elinor Ostrom nahe. Siehe: <a href="http://systempunkte.org/article/elinor-ostrom-gegen-die-tragik-der-allmende">http://systempunkte.org/article/elinor-ostrom-gegen-die-tragik-der-allmende</a></li> <li class="footnote" id="footnote2_q1z52ag"><a class="footnote-label" href="#footnoteref2_q1z52ag">2.</a> &quot;Unter Gouvernementalit&auml;t verstehe ich die Gesamtheit, gebildet aus den Institutionen, den Verfahren, Analysen und Reflexionen, den Berechnungen und den Taktiken, die es gestatten, diese recht spezifische und doch komplexe Form der Macht auszu&uuml;ben, die als Hauptzielscheibe die Bev&ouml;lkerung, als Hauptwissensform die politische &Ouml;konomie und als wesentliches technisches Instrument die Sicherheitsdispositive hat.&quot; (Foucault 2005a: 171)</li> <li class="footnote" id="footnote3_cdcf6fm"><a class="footnote-label" href="#footnoteref3_cdcf6fm">3.</a> Der Vollst&auml;ndigkeit halber sei erw&auml;hnt, dass sich die studentische Beteiligung nicht herauf beschr&auml;nkt, denn laut einem EMail der Universit&auml;t des sogenannten &quot;Newsticker f&uuml;r Studierende&quot; gilt: &quot;Der Bau des LSGs geht auf eine Initiative von Studierenden zur&uuml;ck und wird durch Studienbeitr&auml;ge finanziert.&quot;</li> <li class="footnote" id="footnote4_unl52no"><a class="footnote-label" href="#footnoteref4_unl52no">4.</a> Ich bin mir nicht sicher, ob das LSG wirklich g&auml;nzlich barrierefrei ist, so stelle ich mir etwa die Frage, wie eine blinde oder stark sehbeeintr&auml;chtige Person den Terminal bedienen soll. Geschrieben wird lediglich von Personen mit Mobilit&auml;tseinschr&auml;nkungen</li> </ul> <div class="flattr-box"><script type="text/javascript"> var flattr_uid = 'systempunkte'; var flattr_tle = 'Neoliberalismus in Beton - Ein neues Gebäude für die Universität Göttingen'; var flattr_dsc = '&lt;p&gt; Die altehrw&amp;uuml;rdige Georg-August-Universit&amp;auml;t G&amp;ouml;ttingen hat ein neues Geb&amp;auml;ude erhalten, das Lern- und Studiengeb&amp;auml;ude oder kurz LSG. Da es ganz neu und frisch ist, habe ich noch keinen Fu&amp;szlig; hinein gesetzt, aber die Lust es zu erkunden wurde mir bereits ausgetrieben. Denn das LSG pr&amp;auml;sentiert sich als neoliberale Subjektvierungsmaschine. Dieses neue Geb&amp;auml;ude m&amp;ouml;chte ich im folgenden als Fallbeispiel daf&amp;uuml;r nehmen, wie neoliberale Techniken und Praxen der Subjektivierung im universit&amp;auml;ren Kontext aussehen k&amp;ouml;nnen.&lt;/p&gt;'; var flattr_tag = 'Bildung'; var flattr_cat = 'text'; var flattr_url = 'http://systempunkte.org/article/neoliberalismus-in-beton-ein-neues-gebaeude-fuer-die-universitaet-goettingen'; var flattr_lng = 'de_DE'</script> <script src="http://api.flattr.com/button/load.js" type="text/javascript"></script> </div> http://systempunkte.org/article/neoliberalismus-in-beton-ein-neues-gebaeude-fuer-die-universitaet-goettingen#comments Bildung Mon, 21 Oct 2013 07:49:58 +0000 Tuli 235 at http://systempunkte.org „Wie viel Erde braucht der Mensch?“. Zur Verteilung von Grund und Boden http://systempunkte.org/blog/%E2%80%9Ewie-viel-erde-braucht-der-mensch%E2%80%9C-zur-verteilung-von-grund-und-boden <p> Am Freitag, den 25. und Samstag, den 26. Oktober 2013 findet in der Anarchistische Bibliothek (Lerchenfelder Stra&szlig;e 124-126, Hof 3, T&uuml;r 1A, Wien) das 9. Pierre Ramus Symposion statt unter dem Titel: &bdquo;Wie viel Erde braucht der Mensch?&ldquo;. Zur Verteilung von Grund und Boden</p> <p> Das Programm sieht folgenderma&szlig;en aus:</p> <p> Freitag, 17.45 Uhr: Er&ouml;ffnung durch Peter Stipkovics</p> <p> Freitag, 18.00 Uhr: Gerhard Senft: Siedlungsbewegungen &ndash; Hausbesetzungen &ndash; Wagenpl&auml;tze. Kontinuit&auml;ten eines libert&auml;ren Projekts</p> <p> Freitag, 19.30 Uhr: David Strohmaier: Raum im Postanarchismus</p> <p> -</p> <p> Samstag, 16.30 Uhr: Konrad Berghuber: Commons und Solidarische &Ouml;konomie</p> <p> Samstag, 18.00 Uhr: &bdquo;Pfade durch Utopia&ldquo; &ndash; eine Filmdokumentation utopischer Praxis, eine Reise auf der Suche nach postkapitalistischen Lebensformen (von Isabelle Fremeaux und John Jordan). Einleitende Worte: Andreas Pavlic</p> <p> Abschlie&szlig;end: Kommentar zur Filmdoku und Diskussion</p> <p> Alle Informationen auch auf der Webseite der Pierre Ramus Gesellschaft: <a href="http://www.ramus.at">www.ramus.at</a></p> <div class="flattr-box"><script type="text/javascript"> var flattr_uid = 'systempunkte'; var flattr_tle = '„Wie viel Erde braucht der Mensch?“. Zur Verteilung von Grund und Boden'; var flattr_dsc = '&lt;p&gt; Am Freitag, den 25. und Samstag, den 26. Oktober 2013 findet in der Anarchistische Bibliothek Wien das 9. Pierre Ramus Symposion statt unter dem Titel: &amp;bdquo;Wie viel Erde braucht der Mensch?&amp;ldquo;. Zur Verteilung von Grund und Boden&lt;/p&gt;'; var flattr_tag = 'Arbeit &amp; Ökonomie,Bewegung,Ökologie'; var flattr_cat = 'text'; var flattr_url = 'http://systempunkte.org/blog/%E2%80%9Ewie-viel-erde-braucht-der-mensch%E2%80%9C-zur-verteilung-von-grund-und-boden'; var flattr_lng = 'de_DE'</script> <script src="http://api.flattr.com/button/load.js" type="text/javascript"></script> </div> http://systempunkte.org/blog/%E2%80%9Ewie-viel-erde-braucht-der-mensch%E2%80%9C-zur-verteilung-von-grund-und-boden#comments Arbeit & Ökonomie Bewegung Ökologie Sun, 20 Oct 2013 12:25:00 +0000 Tuli 239 at http://systempunkte.org David Graeber bei Sternstunde Philosophie http://systempunkte.org/blog/david-graeber-bei-sternstunde-philosophie <p> David Graeber &uuml;ber Schulden, Geld, Anarchismus, Occupy, Demokratie, Konsens, Erziehung.</p> <p> <iframe allowfullscreen="" frameborder="0" height="480" src="//www.youtube.com/embed/IX7uuuHFpyQ?rel=0" width="640"></iframe></p> <div class="flattr-box"><script type="text/javascript"> var flattr_uid = 'systempunkte'; var flattr_tle = 'David Graeber bei Sternstunde Philosophie '; var flattr_dsc = '&lt;p&gt; David Graeber &amp;uuml;ber Schulden, Geld, Anarchismus, Occupy, Demokratie, Konsens, Erziehung.&lt;/p&gt;'; var flattr_tag = 'Arbeit &amp; Ökonomie,Geschichte,Staat &amp; Parteipolitik,Gender,Bewegung,Krieg &amp; Frieden,Bildung'; var flattr_cat = 'text'; var flattr_url = 'http://systempunkte.org/blog/david-graeber-bei-sternstunde-philosophie'; var flattr_lng = 'de_DE'</script> <script src="http://api.flattr.com/button/load.js" type="text/javascript"></script> </div> http://systempunkte.org/blog/david-graeber-bei-sternstunde-philosophie#comments Arbeit & Ökonomie Geschichte Staat & Parteipolitik Gender Bewegung Krieg & Frieden Bildung Fri, 18 Oct 2013 08:11:33 +0000 cls 237 at http://systempunkte.org Charles Eisenstein: Sacred Economics http://systempunkte.org/blog/charles-eisenstein-sacred-economics <p> <strong>Sacred Economics with Charles Eisenstein - A Short Film </strong></p> <p> &nbsp;</p> <p><iframe width="853" height="480" src="//www.youtube.com/embed/EEZkQv25uEs?rel=0" frameborder="0" allowfullscreen></iframe></p> <div class="flattr-box"><script type="text/javascript"> var flattr_uid = 'systempunkte'; var flattr_tle = 'Charles Eisenstein: Sacred Economics'; var flattr_dsc = '&lt;p&gt; Sacred Economics with Charles Eisenstein - A Short Film&lt;/p&gt;'; var flattr_tag = 'Arbeit &amp; Ökonomie,Ökologie'; var flattr_cat = 'text'; var flattr_url = 'http://systempunkte.org/blog/charles-eisenstein-sacred-economics'; var flattr_lng = 'de_DE'</script> <script src="http://api.flattr.com/button/load.js" type="text/javascript"></script> </div> http://systempunkte.org/blog/charles-eisenstein-sacred-economics#comments Arbeit & Ökonomie Ökologie Tue, 15 Oct 2013 08:36:15 +0000 cls 234 at http://systempunkte.org Autor Ilija Trojanow wurde die Einreise in die USA verwehrt http://systempunkte.org/blog/autor-ilija-trojanow-wurde-die-einreise-in-die-usa-verwehrt <p> <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Ilja_Trojanow">Ilija Trojanow</a> wurde die Einreise in die USA ohne Begr&uuml;ndung verwehrt. Der Schriftsteller durfte also an einem amerikanischen Germanistenkongress, zu dem er eingeladen war, nicht teilnehmen.</p> <p> 2009 hatte Trojanow mit Koautorin Juli Zeh das Sachbuch <i>Angriff auf die Freiheit. Sicherheitswahn, &Uuml;berwachungsstaat und der Abbau b&uuml;rgerlicher Rechte</i> ver&ouml;ffentlicht. Er ist unter anderem Herausgeber der Sammlung <i><a href="http://www.edition-nautilus.de/programm/politik/buch-978-3-89401-764-4.html">Anarchistische Welten</a>, </i>die Texte libert&auml;rere Autoren wie <a href="http://systempunkte.org/article/die-ersten-5000-jahre">David Graeber </a>und <a href="http://systempunkte.org/article/wirtschaft-gestalten-am-rande-und-mittendrin">Gerhard Senft</a> enh&auml;lt.</p> <blockquote><p> Einer der wichtigsten und bedrohlichsten Aspekte des NSA-Skandals ist die geheimnistuerische Essenz des Systems. Transparenz ist offensichtlich der gr&ouml;&szlig;te Feind jener, die vorgeblich die Freiheit verteidigen. -- <em>Ilija Trojanow in der <a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/ilija-trojanows-einreiseverbot-willkuer-und-freiheit-12599490.html">FAZ</a></em></p> </blockquote> <p> Mit diesem Fall setzt sich die Reihe der &Uuml;berwachungskritiker fort, die an den Grenzen der freien westlichen Welt schikaniert werden. Erst im August 2013 wurde David Miranda, Partner des Guardian-Journalisten Glenn Greenwald,&nbsp; auf der Durchreise am Londoner Flughafen festgehalten und unter Druck gesetzt - f&uuml;r den maximalen Zeitraum, den die &quot;Antiterrorgesetze&quot; erlaubten.</p> <p> Weiterf&uuml;hrende Links:</p> <ul> <li> <a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/ilija-trojanows-einreiseverbot-willkuer-und-freiheit-12599490.html">FAZ</a></li> <li> <a href="https://netzpolitik.org/2013/usa-ueberwachungskritischem-schriftsteller-ilija-trojanow-wird-einreise-verweigert/">netzpolitik.org</a></li> <li> <a href="http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/ilija-trojanow-nach-nsa-protest-einreise-in-die-usa-verweigert-a-925467.html">Spiegel Online</a></li> </ul> <div class="flattr-box"><script type="text/javascript"> var flattr_uid = 'systempunkte'; var flattr_tle = 'Autor Ilija Trojanow wurde die Einreise in die USA verwehrt'; var flattr_dsc = '&lt;p&gt; &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Ilja_Trojanow&quot;&gt;Ilija Trojanow&lt;/a&gt; wurde die Einreise in die USA ohne Begr&amp;uuml;ndung verwehrt. Der Schriftsteller durfte also an einem amerikanischen Germanistenkongress, zu dem er eingeladen war, nicht teilnehmen.&lt;/p&gt;'; var flattr_tag = 'Staat &amp; Parteipolitik,Kultur'; var flattr_cat = 'text'; var flattr_url = 'http://systempunkte.org/blog/autor-ilija-trojanow-wurde-die-einreise-in-die-usa-verwehrt'; var flattr_lng = 'de_DE'</script> <script src="http://api.flattr.com/button/load.js" type="text/javascript"></script> </div> http://systempunkte.org/blog/autor-ilija-trojanow-wurde-die-einreise-in-die-usa-verwehrt#comments Staat & Parteipolitik Kultur Wed, 02 Oct 2013 08:42:49 +0000 cls 233 at http://systempunkte.org Bamberg: Vernetzungstreffen für anarchistische Sozialwissenschaftler*innen http://systempunkte.org/blog/bamberg-vernetzungstreffen-fuer-anarchistische-sozialwissenschaftlerinnen <p> Leider etwas kurzfristig m&ouml;chten wir zu einem Vernetzungstreffen am kommenden Freitag in Bamberg einladen. Im Rahmen des vierten <a href="http://www.soziologiekongress.de">studentischen Soziologiekongresses</a> organisieren wir ein Treffen f&uuml;r anarchistische Sozialwissenschaftler*innen und solche, die sich f&uuml;r Anarchismus interessieren.</p> <p> Das Treffen findet am Freitag, dem 4.Oktober, von 18 bis 20Uhr im <a href="http://www.soziologiekongress.de/programmubersicht/rahmenprogramm/freiraum/">Knotenpunkt</a> statt. Inhaltich werden wir nichts vorbereiten, sondern einfach schauen, welche Fragen und Ideen die Anwesenden mitbringen. Uns geht es dabei darum, &uuml;ber Anarchie und Anarchismus als soziologischen Gegenstand und erste bzw. weitere Schritte hin zu einer &quot;anarchistischen Soziologie&quot; zu diskutieren.</p> <p> Bei Fragen oder Anregungen k&ouml;nnt ihr euch gerne an <a href="mailto:stu@systempunkte.org">stu@systempunkte.org</a> wenden.</p> http://systempunkte.org/blog/bamberg-vernetzungstreffen-fuer-anarchistische-sozialwissenschaftlerinnen#comments Bewegung Tue, 01 Oct 2013 22:03:59 +0000 stu 231 at http://systempunkte.org ohne-chef.org - Kollektivbetriebe im deutschsprachigen Raum http://systempunkte.org/blog/ohne-cheforg-kollektivbetriebe-im-deutschsprachigen-raum <p class="description"> Auf Initiative der <a href="http://www.fau-bonn.de/">FAU Bonn</a> entsteht derzeit ein Online-Verzeichnis von Kollektivbetrieben mit dem Titel <a href="http://ohne-chef.org">ohne-chef.org</a>. Betriebe k&ouml;nnen sich dort eintragen und sind z.B. nach Branche oder Region findbar.</p> <p class="description"> Doch was genau ist ein Kollektivbetrieb? Die Seite gibt folgende Definition:</p> <blockquote><p class="description"> Die Grundidee kollektiver Betriebe ist es, ohne Chef*in zu arbeiten. Das hei&szlig;t, alle Mitarbeiter*innen tragen die Verantwortung f&uuml;r ihr Unternehmen gemeinsam und teilen sich auch die Fr&uuml;chte ihrer Arbeit. Wie viel, wann und wie gearbeitet wird, wird von allen Mitarbeiter*innen gemeinsam entschieden. In erste Linie ist ein Kollektiv damit ein freiwilliger Zusammenschluss von Menschen, die ihre Arbeit selbstbestimmt ausf&uuml;hren m&ouml;chten, entsprechend ihrer eigenen Interessen und nicht den Interessen eines Chefs / einer Chefin. In zweiter Linie ist ein Kollektiv aber auch die Idee, den Arbeitszw&auml;ngen im Kapitalismus und damit dem Kapitalismus allgemein etwas entgegenzusetzen. Auch wenn ein Kollektiv innerhalb der kapitalistischen Ordnung agieren muss (und damit nat&uuml;rlich auch &ouml;konomischen Zw&auml;ngen unterliegt), kann es trotzdem ein Beispiel f&uuml;r eine Alternative zur Lohnarbeit sein.</p> <p class="description"> In der Praxis kann die Selbstverwaltung eines Betriebs sehr unterschiedliche Formen annehmen. Das ist eigentlich selbstverst&auml;ndlich, wenn man bedenkt, dass die Organisation eines Kollektivs an den Bed&uuml;rfnissen und F&auml;higkeiten der Mitarbeiter*innen orientiert sein soll. So unterschiedlich die Menschen sind, so unterschiedlich sind auch ihre Bed&uuml;rfnisse hinsichtlich der Organisation ihrer Arbeit.</p> <p class="description"> Entsprechend einem <a href="http://www.libertaereszentrum.de/uploads/texte/Positionspapier%20Kollektivbetriebe.pdf"> Positionspapier der FAU-Hamburg</a> sollten sich Kollektivbetriebe auch unserer Meinung nach an 3 Grundprinzipien orientieren. Diese sind die basisdemokratische Organisation, die Idee des Gemeinnutzens und die Entwicklung von Alternativen zur Marktwirtschaft.</p> </blockquote> <p class="description"> Mit diesem Portal gibt es die Chance einen gewissen &Uuml;berblick &uuml;ber die Alternativwirtschaft im deutschsprachigen Raum zu bekommen, also: Weitersagen!</p> <div class="flattr-box"><script type="text/javascript"> var flattr_uid = 'systempunkte'; var flattr_tle = 'ohne-chef.org - Kollektivbetriebe im deutschsprachigen Raum'; var flattr_dsc = '&lt;p&gt; Auf Initiative der &lt;a href=&quot;http://www.fau-bonn.de/&quot;&gt;FAU Bonn&lt;/a&gt; entsteht derzeit ein Online-Verzeichnis von Kollektivbetrieben mit dem Titel &lt;a href=&quot;http://ohne-chef.org&quot;&gt;ohne-chef.org&lt;/a&gt;.&lt;/p&gt;'; var flattr_tag = 'Arbeit &amp; Ökonomie,Netz &amp; Digitales'; var flattr_cat = 'text'; var flattr_url = 'http://systempunkte.org/blog/ohne-cheforg-kollektivbetriebe-im-deutschsprachigen-raum'; var flattr_lng = 'de_DE'</script> <script src="http://api.flattr.com/button/load.js" type="text/javascript"></script> </div> http://systempunkte.org/blog/ohne-cheforg-kollektivbetriebe-im-deutschsprachigen-raum#comments Arbeit & Ökonomie Netz & Digitales Sat, 28 Sep 2013 16:10:51 +0000 cls 230 at http://systempunkte.org Das Kreuz mit dem Kreuz http://systempunkte.org/blog/das-kreuz-mit-dem-kreuz <p> Heute hatte ich eine Bild-&quot;Zeitung&quot; in meinem Briefkasten. Eine kostenlose Sonderausgabe, die in gigantischer Auflage abermillionen Haushalte zum W&auml;hlen animieren soll. Allgemein habe ich noch nie im Ansatz so viele &#39;Gehe-W&auml;hlen!-Kampagnen&#39; wahrgenommen, wie in diesem Jahr. Ich lehne mich, auch ohne konkrete Zahlen, so weit aus dem Fenster, dass es wohl auch noch nie so viele waren: neben der Bild, sind hier z.B. Pro 7,&nbsp; Der Spiegel, Twitter, etc., um nur einige zu nennen, aufgefallen. Nach der historisch niedrigen Wahlbeteiligung von 2009 scheint die gesamte Rebublik bem&uuml;ht zu sein, die Wahlbeteiligung wieder in die H&ouml;he zu dr&uuml;cken.</p> <p> Ich halte f&uuml;r sehr warscheinlich, dass diese Kampagnen Fr&uuml;chte tragen und die Wahlbeteiligung morgen wieder h&ouml;her sein wird, als vor vier Jahren. Unabh&auml;ngig davon aber, f&uuml;hle ich mich durch solche Kampagnen bevormundet. Durch Werbespots wie &quot;wer nicht w&auml;hlt, kann sich auch sp&auml;ter nicht beschweren&quot; (O-Ton Pro 7) f&uuml;hle ich mich als &uuml;berzeugter Nichtw&auml;hler sogar ann&auml;hernd diskriminiert.</p> <p> Es gibt viele gute Gr&uuml;nde nicht oder nicht-g&uuml;ltig zu w&auml;hlen: z.B. sehe ich nicht ein, Repr&auml;sentanten f&uuml;r mich auszuw&auml;hlen, die Entscheidungen anstelle der Betroffenen f&auml;llen. Repr&auml;sentation und Wahlen von Politiker_innen verhindern also direkte Demokratien.</p> <p> Dar&uuml;ber hinaus, ist der gesellschaftliche Part, der in Europa die gr&ouml;&szlig;ten Ver&auml;nderungen f&uuml;r die Menschen hervorbringt, nicht die Politik, sondern die Wirtschaft. Diese ist nicht im Ansatz demokratisch organisiert, sondern folgt prim&auml;r den Gesetzen der Profitmaximierung. Solange es diesen &quot;schwarzen Fleck&quot; der Demokratie gibt und dieser gesellschaftlich so dominant ist, sind politische Entscheidungen immer nur eine Randnotiz der Wirtschaft und den Interessen von Lobbys untergeordnet, nicht umgekehrt.</p> <p> Davon abgesehen, scheint die Politik von ganz anderen Aspekten abh&auml;ngig zu sein, als von Wahlergebnissen. So zeigt die Erfahrung, dass es f&uuml;r &#39;rechte&#39; und &#39;konservative&#39; Regierungen oft leichter ist, &#39;linke&#39; Politik zu machen, als f&uuml;r linke Regierungen und umgekehrt, weil die jeweilige Opposition, diese Entscheidungen f&uuml;r gut empfindet. So waren es z.B. Rot-Gr&uuml;n, die die gr&ouml;&szlig;ten Sozialk&uuml;rzungen in der Geschichte der Bundesrepublik durchgesetzt haben (Agenda 2010; Hartz-Gesetze), die ersten Kriegseins&auml;tze der Bundeswehr (Kosovo, Afghanistan) und die gr&ouml;&szlig;ten Einschr&auml;nkungen in pers&ouml;nliche Rechte (Otto Schylis sog. &quot;Otto-Katalog&quot;); und all dies geschah durch Parteien, die als sozial und pazifistisch in den Wahlkampf gingen. Hier drehte sich, die eingangs erw&auml;hnte Parole pl&ouml;tzlich um: wer w&auml;hlte, konnte sich pl&ouml;tzlich nicht mehr beschweren!</p> <p> Au&szlig;erdem finde ich es sehr gef&auml;hrlich, Leute die sich nicht sicher sind, zum W&auml;hlen zu dr&auml;ngen. Nicht nur, dass sie an etwas teilhaben sollen, an das sie, vielleicht aus gutem Grund, nicht mehr glauben; wer sich unsicher ist, ob er/sie w&auml;hlen soll, hat m&ouml;glicherweise eine Tendenz, hin zu Parteien, mit gro&szlig;er Medienpr&auml;senz. Mit Blick auf den Medienhype rund um die AfD finde ich das besorgniserregend.</p> <p> Mit diesem kleinen Text m&ouml;chte ich ein Pl&auml;doyer f&uuml;r das Recht auf Nicht-W&auml;hlen halten und darauf, dass die Ideologen aus der parlamentarisch-demokratischen Ecke dieses auch anerkennen und dass wir die Kampagnen als das erkennen, was sie sind: reine Ideologie! Nicht-W&auml;hlen ist nicht unbedingt ein Zeichen daf&uuml;r, dass man politisch uninteressiert ist -- man kann auch nicht w&auml;hlen, gerade weil einen Politik und die Gesellschaft interessieren! Politisch zu sein, kann eben auch bedeuten, Politiker_innen abzulehnen! Ich bin daf&uuml;r, dass die Menschen ihr Leben in die eigene Hand nehmen und ihre Stimme selbst nutzen, anstatt sie an andere abzugeben.</p> <p> Linktipps:<br /> <a href="http://antiwahl.noblogs.org/">http://antiwahl.noblogs.org/</a><br /> <a href="http://schwarze.katze.dk/doku/wahl.html">http://schwarze.katze.dk/doku/wahl.html</a><br /> <a href="http://www.graswurzel.net/381/selbstbestimmung.shtml">http://www.graswurzel.net/381/selbstbestimmung.shtml</a><br /> <a href="http://www.anarchie-mannheim.de/2009/20090820.php">http://www.anarchie-mannheim.de/2009/20090820.php (2009)</a><br /> <a href="http://www.trend.infopartisan.net/trd0905/t390905.html">http://www.trend.infopartisan.net/trd0905/t390905.html (2005)</a></p> <div class="flattr-box"><script type="text/javascript"> var flattr_uid = 'systempunkte'; var flattr_tle = 'Das Kreuz mit dem Kreuz'; var flattr_dsc = '&lt;p&gt; Heute hatte ich eine Bild-&amp;quot;Zeitung&amp;quot; in meinem Briefkasten. Eine kostenlose Sonderausgabe, die in gigantischer Auflage abermillionen Haushalte zum W&amp;auml;hlen animieren soll. Allgemein habe ich noch nie im Ansatz so viele &amp;#39;Gehe-W&amp;auml;hlen!-Kampagnen&amp;#39; wahrgenommen, wie in diesem Jahr.&lt;/p&gt;'; var flattr_tag = 'Staat &amp; Parteipolitik'; var flattr_cat = 'text'; var flattr_url = 'http://systempunkte.org/blog/das-kreuz-mit-dem-kreuz'; var flattr_lng = 'de_DE'</script> <script src="http://api.flattr.com/button/load.js" type="text/javascript"></script> </div> http://systempunkte.org/blog/das-kreuz-mit-dem-kreuz#comments Staat & Parteipolitik Sat, 21 Sep 2013 20:38:55 +0000 DasSim 229 at http://systempunkte.org Openmind 2013: Marktsozialismus und Anarchie bei den Piraten http://systempunkte.org/blog/openmind-2013-marktsozialismus-und-anarchie-bei-den-piraten <p> Auf der <a href="http://13.openmind-konferenz.de/">openmind 2013 (#om13)</a>, einer Konferenz im Umfeld der Piratenpartei, gab es zwei Vortr&auml;ge, die ich hier mal zur Diskussion verlinken m&ouml;chte.</p> <p> &nbsp;</p> <p> <b>Marktsozialismus - der Apfel, der nach oben f&auml;llt</b></p> <p> <iframe allowfullscreen="" frameborder="0" height="480" src="//www.youtube-nocookie.com/embed/Z4kKiWnk114" width="640"></iframe></p> <p> <b>Anarchie - Chaos als Perspektive </b></p> <p> <iframe allowfullscreen="" frameborder="0" height="480" src="//www.youtube-nocookie.com/embed/ja3yrcWSdSU" width="640"></iframe></p> <div class="flattr-box"><script type="text/javascript"> var flattr_uid = 'systempunkte'; var flattr_tle = 'Openmind 2013: Marktsozialismus und Anarchie bei den Piraten'; var flattr_dsc = '&lt;p&gt; Auf der &lt;a href=&quot;http://13.openmind-konferenz.de/&quot;&gt;openmind 2013 (#om13)&lt;/a&gt;, einer Konferenz im Umfeld der Piratenpartei, gab es zwei Vortr&amp;auml;ge, die ich hier mal zur Diskussion verlinken m&amp;ouml;chte.&lt;/p&gt;&lt;p&gt; &amp;nbsp;&lt;/p&gt;&lt;p&gt; &lt;b&gt;Marktsozialismus - der Apfel, der nach oben f&amp;auml;llt&lt;/b&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt; &lt;iframe allowfullscreen=&quot;&quot; frameborder=&quot;0&quot; height=&quot;480&quot; src=&quot;//www.youtube-nocookie.com/embed/Z4kKiWnk114&quot; width=&quot;640&quot;&gt;&lt;/iframe&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt; &lt;b&gt;Anarchie - Chaos als Perspektive &lt;/b&gt;&lt;/p&gt;'; var flattr_tag = 'Staat &amp; Parteipolitik,Netz &amp; Digitales'; var flattr_cat = 'text'; var flattr_url = 'http://systempunkte.org/blog/openmind-2013-marktsozialismus-und-anarchie-bei-den-piraten'; var flattr_lng = 'de_DE'</script> <script src="http://api.flattr.com/button/load.js" type="text/javascript"></script> </div> http://systempunkte.org/blog/openmind-2013-marktsozialismus-und-anarchie-bei-den-piraten#comments Staat & Parteipolitik Netz & Digitales Thu, 29 Aug 2013 18:35:44 +0000 cls 228 at http://systempunkte.org Eine vorläufig Bilanz von Occupy Gezi http://systempunkte.org/blog/eine-vorlaeufig-bilanz-von-occupy-gezi <p> Ein halbst&uuml;ndige Dokumentation der <a href="http://globaluprisings.org/?p=916">Media-Webseite Global Uprising</a> zieht eine erste Bilanz &uuml;ber die Proteste um die Besetzung des Gezi-Parks.</p> <div class="field field-type-emvideo field-field-embed-video"> <div class="field-label">Eingebettetes Video:&nbsp;</div> <div class="field-items"> <div class="field-item odd"> <div class="emvideo emvideo-video emvideo-vimeo"><object type="application/x-shockwave-flash" width="425" height="350" data="http://www.vimeo.com/moogaloop.swf?clip_id=71704435&amp;server=www.vimeo.com&amp;fullscreen=1&amp;show_title=0&amp;show_byline=0&amp;show_portrait=0&amp;color=&autoplay=0"><param name="quality" value="best" /><param name="wmode" value="transparent" /><param name="allowfullscreen" value="true" /><param name="scale" value="showAll" /><param name="movie" value="http://www.vimeo.com/moogaloop.swf?clip_id=71704435&amp;server=www.vimeo.com&amp;fullscreen=1&amp;show_title=0&amp;show_byline=0&amp;show_portrait=0&amp;color=&autoplay=0" /></object></div> </div> </div> </div> <div class="flattr-box"><script type="text/javascript"> var flattr_uid = 'systempunkte'; var flattr_tle = 'Eine vorläufig Bilanz von Occupy Gezi'; var flattr_dsc = '&lt;p&gt; Ein halbst&amp;uuml;ndige Dokumentation der Media-Webseite Global Uprising zieht eine erste Bilanz &amp;uuml;ber die Proteste um die Besetzung des Gezi-Parks.&lt;/p&gt;'; var flattr_tag = 'Bewegung'; var flattr_cat = 'text'; var flattr_url = 'http://systempunkte.org/blog/eine-vorlaeufig-bilanz-von-occupy-gezi'; var flattr_lng = 'de_DE'</script> <script src="http://api.flattr.com/button/load.js" type="text/javascript"></script> </div> http://systempunkte.org/blog/eine-vorlaeufig-bilanz-von-occupy-gezi#comments Bewegung Tue, 06 Aug 2013 19:47:36 +0000 Tuli 227 at http://systempunkte.org Marxistische Selbstgerechtigkeit im Gefolge der zeitgenössischen Krise(n) http://systempunkte.org/article/marxistische-selbstgerechtigkeit-im-gefolge-der-zeitgenoessischen-krisen <p> &bdquo;Inmitten der Krise finden selbst manche Wall-Street-Banker Marx irgendwie gut&ldquo;, war vor kurzem in der FAZ zu lesen. Auch innerhalb der Linken scheint Marx zunehmend an Prestige zur&uuml;ckzugewinnen: &bdquo;Marx ist muss&ldquo; wird auf harmlos daherkommenden Veranstaltungsplakaten dekretiert (nur nebenbei: &bdquo;Bakunin [oder sonst wer] ist muss&ldquo; w&auml;re kein&rsquo; Deut besser). Sollte der Titel von Terry Eagletons neuem Buch Warum Marx recht hat (Why Marx Was Right) provokativ gemeint sein, rennt er bisweilen offene T&uuml;ren ein.<br /> Vorgenommen hat sich der Literaturwissenschaftler allerdings nicht wenig: &bdquo;Was, wenn all die sattsam bekannten Einw&auml;nde gegen Marx&rsquo; falsch sind?&ldquo; (S.9) Im Grunde bietet das B&auml;ndchens jedoch nichts Eigenst&auml;ndiges und Eagleton greift in seinem Verteidigungsfeldzug auch nur sehr sparsam und selektiv auf die Marx&rsquo;schen Texte zur&uuml;ck. Oftmals ist die Darstellung seltsam konfus, z.B. im Zusammenhang mit der Problematik, inwieweit Marx eine naive und in Bezug auf die &ouml;kologische Frage gef&auml;hrliche Theorie vertrat. So beginnt Eagleton mit der Feststellung, dass es bei Marx &bdquo;tats&auml;chlich eine solche&ldquo; problematische &bdquo;Tendenz&ldquo; gebe, wendet aber sogleich relativierend ein: &bdquo;wie sollte es bei einem europ&auml;ischen Intellektuellen des 19.Jahrhunderts auch anders sein&ldquo;, um anzuf&uuml;gen, dass &bdquo;die Natur auch manchmal unterworfen werden&ldquo; m&uuml;sse (S.258). Wenig sp&auml;ter aber ist zu lesen, dass nur &bdquo;wenige viktorianische Denker (&hellip;) die moderne Umweltbewegung so verbl&uuml;ffend vorweggenommen&ldquo; h&auml;tten (S.260), um im gro&szlig;en Finale zu erkl&auml;ren: &bdquo;Es gibt nicht den geringsten Zweifel daran, dass er [Marx], w&uuml;rde er heute noch leben, sich in der vordersten Front der Umweltbewegung bef&auml;nde.&ldquo; (S.261) Wer nun Eagleton Zitate aus der von ihm selbst anfangs noch bemerkten, problematischen &bdquo;Tendenz&ldquo; entgegenh&auml;lt, wird sogleich belehrt, dass dies letztlich irrelevant sei, denn: &bdquo;eine zentrale These des Marx&rsquo;schen Materialismus lautet schlie&szlig;lich, dass nichts und niemand vollkommen sei&ldquo; (S.261).</p> <p> Im Zweifelsfall kann man dem Meister galant unter die Arme greifen, schlie&szlig;lich war Marx z.B. &bdquo;ein echter Moralist in der Tradition des Aristoteles, obwohl er nicht immer wusste, dass er es war&ldquo; (S.186).</p> <p> Neben diesem merkw&uuml;rdigen Hin und Her kann man mit Tristram Hunt noch in anderer Hinsicht die &bdquo;logical precision, winning prose or intellectual ambition&rdquo; vermissen. Es ist n&auml;mlich ein gro&szlig;es Manko des Buches, dass man nicht so recht erf&auml;hrt, was eigentlich spezifisch f&uuml;r Marx ist, was genau den Marxismus ausmacht und von anderen sozialistischen Richtungen unterscheidet. Deshalb kann Eagleton erkl&auml;ren: &bdquo;Eine der st&auml;rksten neuen Str&ouml;mungen in der Politik wird antikapitalistische Bewegung genannt; da ist nat&uuml;rlich [!] schwer zu erkennen, worin der entscheidende Bruch mit dem Marxismus besteht.&ldquo; (S.242) Wenn jede Gegnerschaft zum Kapitalismus marxistisch ist, mag das sein, aber wann war sie dies jemals? Daf&uuml;r, dass &bdquo;viele Anarchisten, libert&auml;re Sozialisten und Vertreter verwandter Str&ouml;mungen (&hellip;) den Marxismus entschieden&ldquo; abgelehnt h&auml;tten, wie Eagleton einmal nebenbei auff&auml;llt (S.46), h&auml;tte man dann doch eine Erkl&auml;rung verlangen k&ouml;nnen. Im &Uuml;brigen ist auch Eagletons Terminologie h&ouml;chst merkw&uuml;rdig, wenn er z.B. Trotzki als libert&auml;ren Sozialisten zu verstehen scheint (S.36). An einer Stelle erf&auml;hrt man: &bdquo;Teilweise [um was noch erf&auml;hrt der/die Leser/in nicht] drehte sich Marx&rsquo; Streit mit den Anarchisten um die Frage, welche Bedeutung Macht &uuml;berhaupt hat. (&hellip;) Wir m&uuml;ssen [nach Marx] fragen, wessen materiellen Interessen sie dient.&ldquo; (S.240) Darauf ist wahrlich kein Anarchist je gekommen. Aber weiter: &bdquo;Marx &uuml;bersieht an der Macht&ldquo; folgendes: &bdquo;Die Macht mag kein Ding an sich sein, aber sie hat die Tendenz, Herrschaft um ihrer selbst willen zu genie&szlig;en&ldquo; (S.240) Gesteht Eagleton nun den eben von ihm genannten AnarchistInnen diese Einsicht zu? Man wei&szlig; es nicht, erf&auml;hrt man doch auf einmal nur von den Erkenntnissen der aus dem Hut gezauberten &bdquo;Nietzsche und Freud&ldquo; (S.240). Es scheint sich aber um eine wichtige Angelegenheit zu handeln, denn: &bdquo;Wer Macht nur instrumentell begreift, &uuml;bersieht eine ihrer wichtigsten Eigenschaften &ndash; und unter Umst&auml;nden auch den Grund, warum Macht einen so enormen Zwangscharakter entwickeln kann.&ldquo; (S.241) Bei Marx droht diese Gefahr aber anscheinend nicht, sei er doch &bdquo;ein unnachgiebiger Gegner des Staates.&ldquo; gewesen (S.226).Dies so sehr, dass er &bdquo;den Zeitpunkt&ldquo; herbeisehnte, &bdquo;an dem der Staat hinf&auml;llig geworden sein w&uuml;rde&ldquo; (S.226). Wir warten...</p> <p> Der knallharte Staatsfeind unterscheide jedoch, so Eagleton in einer f&uuml;r dieses Buch typischen, &uuml;berraschenden Wendung, zwischen &bdquo;klassenspezifischen und klassenneutralen Funktionen des Staates&ldquo; (S.229). Und gegen den Anarchismus habe er deshalb zurecht deutlich gemacht, dass der Staat nur in dem Sinn obsolet werde, als dass er aus einem Zwangsstaat&ldquo; in ein &bdquo;Verwaltungsorgan&ldquo; umgewandelt werde (S.240) &hellip; was ja, wie die Geschichte gezeigt hat, ein Leichtes ist. Aber bevor man skeptisch wird, gibt es schon Aufkl&auml;rung: &bdquo;Anders als viele Liberale war Marx nicht allergisch gegen die Macht als solche. Die Mitteilung, dass alle Macht widerw&auml;rtig sei, kann kaum in Interesse der Machtlosen liegen &ndash; vor allem wenn sie von denen kommt, die mehr als genug davon haben.&ldquo; (S.238) Und&nbsp; dankenswerterweise habe der &bdquo;Sozialismus&ldquo; dann auch nicht vor, &bdquo;eine Gruppe von Herrschenden durch eine andere zu ersetzen&ldquo; (S.238) und Marx&rsquo; Verkennen der &bdquo;konkreten Dialektik von Organisation und neuer Gesellschaft&ldquo; (H.J. Viesel) wird zur gro&szlig;en Geste: &bdquo;Nachdem Marx uns an die Schwelle der Freiheit gef&uuml;hrt hat, &uuml;berl&auml;sst er uns alles Weitere. Wie k&ouml;nnte Freiheit anders aussehen?&ldquo; (S.163) Auch f&uuml;r Eagleton scheint diese ganze Problematik irrelevant, so dass er sie kurzerhand wie folgt abfertigt: &bdquo;Menschen in gro&szlig;er Zahl zusammenzufassen, mag in gewisser Hinsicht eine Entfremdung sein, in einer anderen ist es eine Bedingung ihrer Emanzipation. (&hellip;) Wohlmeinende Liberale, die jedes Mitglied der Ruritanischen Befreiungsbewegung als besonderes Individuum betrachten, haben den Zweck der Ruritanischen Befreiungsbewegung nicht begriffen. Deren Ziel ist es n&auml;mlich, an einen Punkt zu gelangen, wo jeder Ruritaner tats&auml;chlich so frei ist, dass er er selbst sein kann. K&ouml;nnte er das schon jetzt, w&auml;re die Befreiungsbewegung &uuml;berfl&uuml;ssig.&ldquo; (S.196) Die Lektion aus hundert Jahren Parteioligarchien und, und, und, besteht also darin, die Marx&rsquo;/Engels&rsquo;sche Polemik gegen das &bdquo;Jurazirkular&ldquo; (1871) der anti-autorit&auml;ren Internationale abzuschreiben.</p> <p> Vielleicht sollte man aber froh sein, dass Eagleton nicht auf diese Auseinandersetzungen n&auml;her eingegangen ist, so bleiben einem aller Voraussicht nach wenigstens Ausf&uuml;hrungen im Stil eines Wheen erspart, der in seiner &ndash; so Eagleton &ndash;&bdquo;ausgezeichneten Marx-Biografie&ldquo; (S.280), zum beginnenden Streit innerhalb der Internationalen Arbeiter-Assoziation schrieb: &bdquo;Und nat&uuml;rlich lauerte da immer noch die Gefahr in Gestalt von Michail Bakunin, der die verwundete, ersch&ouml;pfte Internationale nicht aus den Augen lie&szlig; wie eine hungrige Hy&auml;ne ihre Beute.&ldquo; (F. Wheen: Karl Marx. M&uuml;nchen, 2001, S.401).</p> <p> Im Grunde geht es Eagleton aber auch nicht um Geschichte, sondern darum, was Marx &bdquo;im Sinn&ldquo; hatte (S.125) &hellip; und das sind lauter sch&ouml;ne Dinge. Andererseits, ein bisschen Geschichte muss schon sein, und so erkl&auml;rt er voller Stolz, dass der &bdquo;Marxismus (&hellip;) die einzige [Kapitalismuskritik]&ldquo; gewesen sei, &bdquo;die gro&szlig;e Regionen der Erde umgestaltet hat&ldquo; (S.14). Nun war diese Umgestaltung nicht immer ganz so toll &ndash; das ist auch Eagleton aufgefallen. Aber &bdquo;auch das sogenannte sozialistische System hatte seine Erfolge&ldquo;: &bdquo;China und die Sowjetunion f&uuml;hrten ihre B&uuml;rger&ldquo; &ndash; peitschten ihre Sklaven? &ndash; &bdquo;aus wirtschaftlicher R&uuml;ckst&auml;ndigkeit in die moderne Industriewelt&ldquo; &ndash; &bdquo;wenn auch unter entsetzlichen Opfern&ldquo;, aber hey: &bdquo;was zum Teil an der Feindseligkeit des kapitalistischen Westens lag&ldquo; (S.27).&nbsp; Und eigentlich ist sowieso der &bdquo;kapitalistische Westen&ldquo; an allem Schuld, sei auf die &bdquo;bolschewistische Revolution [1917] ein blutiger B&uuml;rgerkrieg&ldquo; doch nur deshalb gefolgt, &bdquo;weil die neue Gesellschaftsordnung von rechten Streitkr&auml;ften und ausl&auml;ndischen Invasoren w&uuml;tend angegriffen wurde&ldquo; (S.209). Und au&szlig;erdem war sie ja &bdquo;von einer Flut &uuml;berwiegend feindseliger Kleinbauern umgeben, die nur mit Waffengewalt zu bewegen waren, ihren m&uuml;hsam erwirtschafteten &Uuml;berschuss an die hungernden St&auml;dte abzugeben&ldquo; (S.33f.) Dennoch &bdquo;d&uuml;rften die Vorteile des Kommunismus seine Nachteile&ldquo; zwar &bdquo;kaum aufwiegen&ldquo;, eine ernsthafte Alternative gab es aber wohl nie: &bdquo;Mag sein, dass unter den schrecklichen Bedingungen der fr&uuml;hen Sowjetunion irgendeine Art von Diktatur fast unvermeidlich war, sie musste aber keinesfalls auf den Stalinismus oder etwas &Auml;hnliches hinauslaufen.&ldquo; (S.28) Und so kann man sich konsequenterweise eigentlich nur zur&uuml;cklehnen: &bdquo;Der Sozialismus schafft den materiellen Wohlstand nicht, sondern macht ihn sich zunutze. Stalin war es, nicht Marx, der dem Sozialismus die Entwicklung der Produktivkr&auml;fte auftrug.&ldquo; (S.268) Merkw&uuml;rdig nur, dass Marx und Engels in den &bdquo;Ma&szlig;regeln&ldquo; des Kommunistischen Manifestes v&ouml;llig darauf fokussiert sind, durch die staatliche Zentralisierung &bdquo;die Masse der Produktionskr&auml;fte m&ouml;glichst rasch zu vermehren&ldquo; (MEW 4: 481). Aber ist ja auch egal, denn: &bdquo;Den Sozialismus [Marxismus?] an seinen Ergebnissen in einem hoffnungslos isolierten Land zu beurteilen, w&auml;re so, als w&uuml;rde man von einer Studie an Psychopathen in Kalamazoo auf die ganze Menschheit schlie&szlig;en.&ldquo; (S.31) &Uuml;berlassen wir also dem Kapitalismus die historisch-notwendige Drecksarbeit, emp&ouml;ren uns scheinheilig dar&uuml;ber, und sacken dann den Gewinn ein! Sozialismus ersch&ouml;pft sich n&auml;mlich lediglich darin, den &bdquo;Wohlstand zum Nutzen aller umzuverteilen&ldquo; (S.29), womit Ch. Schl&uuml;ters Charakterisierung von Eagletons Position als eines &bdquo;leicht forcierten Sozialdemokratismus&ldquo; seine Berechtigung bekommt.</p> <p> Aber wie dem auch sei, auch in der Vergangenheitsbew&auml;ltigung sind die MarxistInnen die gr&ouml;&szlig;ten: &bdquo;Doch wie gesehen [wo?] w&auml;ren heute nur sehr wenige Marxisten geneigt, diese schrecklichen Verbrechen zu verteidigen, w&auml;hrend&ldquo; &ndash; jetzt kommen wieder die B&ouml;sen &ndash; &bdquo;viele Nichtmarxisten durchaus bereit w&auml;ren, etwa die Zerst&ouml;rung von Dresden oder Hiroshima zu rechtfertigen.&ldquo; (S.214) Eagletons Ausf&uuml;hrungen sind, wie gesehen, tats&auml;chlich ungemein (selbst)kritisch, aber eigentlich sind ja auch die MarxistInnen Opfer: &bdquo;die Marxisten m&uuml;ssten eigentlich an Niederlagen gew&ouml;hnt sein. Sie haben schon gr&ouml;&szlig;ere Katastrophen erlebt. Die politischen Vorteile werden immer auf der Seite des Systems sein, das an der Macht ist &ndash; und sei es auch nur, weil es mehr Panzer besitzt als seine Gegner.&ldquo; (19f.) Und wen auch dies noch nicht &uuml;berzeugt haben sollte, dem wird folgendes ans Herz gelegt: &bdquo;Ich habe bereits dargelegt, dass die Marxisten &uuml;berzeugender als die Anh&auml;nger irgendeiner anderen politischen Anschauung erkl&auml;ren k&ouml;nnen, wie es zu den Gr&auml;ueltaten von M&auml;nnern wie Stalin gekommen ist, und daher auch, wie sich eine Wiederholung verhindern lie&szlig;e.&ldquo; (S.214) Hatte er aber nicht darauf hingewiesen, dass es da ein Problem mit dem Verst&auml;ndnis von &bdquo;Macht&ldquo; und ihrer Eigendynamik bei Marx gebe? Nicht lange gr&uuml;beln, lieber schnell wieder zu wichtigerem: &bdquo;Aber wie steht es mit den Verbrechen des Kapitalismus?&ldquo; (S.214)</p> <p> Wenn Eagleton meint, dass &bdquo;viele seiner [Marx&rsquo;] Kritiker (&hellip;) keine Lust&ldquo; h&auml;tten, &bdquo;sich ihre Argumente von den Fakten verderben zu lassen&ldquo; (S.100), k&ouml;nnte man meinen, er spricht von sich selbst.</p> <p> M. Probst hat beklagt, dass man sich nach der Lekt&uuml;re des Buches frage, &bdquo;womit denn Marx nun recht hatte&ldquo;, so &bdquo;unscharf&ldquo; trete dessen Theorie hervor. Fest steht f&uuml;r Eagleton jedenfalls, dass keiner es sich leisten k&ouml;nne &ndash; er nennt wohl exemplarisch die &bdquo;Friedensbewegung&ldquo; und die &bdquo;Umweltbewegung&ldquo; &ndash; die &bdquo;Einsichten des Marxismus zu ignorieren&ldquo; (S.269), habe doch nur dieser den Kapitalismus verstanden, bzw. die &bdquo;gr&uuml;ndlichste, kompromissloseste, umfassendste jemals vorgebrachte Kritik&ldquo; an diesem geleistet (S.14), wie er auch &bdquo;lange Zeit die (&hellip;) politisch entschiedenste Kritik dieses Systems&ldquo; gewesen sei (S.10). Einer Zusammenarbeit mit dem Marxismus steht anscheinend nichts im Wege, denn: &bdquo;Tats&auml;chlich weisen die Beziehungen des Marxismus zu anderen radikalen Str&ouml;mungen eine weitgehend positive Bilanz auf.&ldquo; (S.242) Nur: was verbirgt sich hinter diesem &bdquo;weitgehend&ldquo;?</p> <p> F&uuml;r die dringend notwendige, konstruktive Auseinandersetzung zwischen AnarchistInnen und MarxistInnen sind solcherart Schriften kontraproduktiv und eher ein betr&uuml;bliches Zeichen daf&uuml;r, dass so manche/r Marxist/in wieder offensiv Gefallen an der Rolle des Lehrmeisters f&uuml;r sozialistische Angelegenheiten findet. Bleiben wir also unbeeindruckte Kinder und suchen uns unsere Spielgef&auml;hrtInnen da, wo man ernsthaft zum Dialog bereit ist&hellip;</p> <p> <em>Terry Eagleton: Warum Marx recht hat. Ullstein Verlag. 2012. 286 Seiten. 18 Euro</em></p> <div class="flattr-box"><script type="text/javascript"> var flattr_uid = 'systempunkte'; var flattr_tle = 'Marxistische Selbstgerechtigkeit im Gefolge der zeitgenössischen Krise(n)'; var flattr_dsc = '&lt;p&gt; Terry Eagletons Lobeshymne auf den Heiligen Marx macht einen konstruktiven und notwendigen Dialog schwer m&amp;ouml;glich&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;'; var flattr_tag = 'Bewegung,Bildung'; var flattr_cat = 'text'; var flattr_url = 'http://systempunkte.org/article/marxistische-selbstgerechtigkeit-im-gefolge-der-zeitgenoessischen-krisen'; var flattr_lng = 'de_DE'</script> <script src="http://api.flattr.com/button/load.js" type="text/javascript"></script> </div> http://systempunkte.org/article/marxistische-selbstgerechtigkeit-im-gefolge-der-zeitgenoessischen-krisen#comments Bewegung Bildung Wed, 24 Jul 2013 10:14:12 +0000 Tuli 226 at http://systempunkte.org Nur der Vier-Stunden-Tag kann uns retten http://systempunkte.org/blog/nur-der-vier-stunden-tag-kann-uns-retten <blockquote><p> &quot;Keynes sagte bereits vor 80 Jahren, dass wir alle zu Beginn des 21. Jahrhunderts nur noch vier Stunden t&auml;glich arbeiten w&uuml;rden. Tats&auml;chlich k&ouml;nnte der technologische Fortschritt unsere Arbeitszeit in dieser Weise reduzieren. Was uns daran hindert, ist die verinnerlichte Vorstellung vom moralischen Wert der Arbeit. Angesichts der Krise werden wir gar aufgefordert, noch mehr zu arbeiten, obwohl das Einzige, was uns retten k&ouml;nnte, weniger Arbeit w&auml;re. Dass sie vor&uuml;bergehend den Aussto&szlig; von Kohlendioxid verringerte, war eine der wenigen guten Seiten der Rezession von 2008. Ein gro&szlig;er Teil der Arbeit entsteht &uuml;berhaupt erst dadurch, dass wir zu viel arbeiten. &quot;</p> </blockquote> <p> <a href="http://www.freitag.de/autoren/der-freitag/nur-der-vier-stunden-tag-kann-uns-retten"><strong>-- David Graeber im Interiew mit <em>der Freitag</em></strong></a></p> <div class="flattr-box"><script type="text/javascript"> var flattr_uid = 'systempunkte'; var flattr_tle = 'Nur der Vier-Stunden-Tag kann uns retten'; var flattr_dsc = '&lt;p&gt; David Graeber im Interview mit &lt;em&gt;der Freitag&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;'; var flattr_tag = 'Arbeit &amp; Ökonomie,Geschichte,Krieg &amp; Frieden'; var flattr_cat = 'text'; var flattr_url = 'http://systempunkte.org/blog/nur-der-vier-stunden-tag-kann-uns-retten'; var flattr_lng = 'de_DE'</script> <script src="http://api.flattr.com/button/load.js" type="text/javascript"></script> </div> http://systempunkte.org/blog/nur-der-vier-stunden-tag-kann-uns-retten#comments Arbeit & Ökonomie Geschichte Krieg & Frieden Sun, 14 Jul 2013 07:26:48 +0000 cls 225 at http://systempunkte.org Thesen zu Homosexualität und Homophobie http://systempunkte.org/article/thesen-zu-homosexualitaet-und-homophobie <p> 1. Homo-, Bi- und Heterosexualit&auml;t sind nicht biologisch bestimmt. Alle Forschungsversuche, die einen Beweis f&uuml;r eine biologische Ursache von Homosexualit&auml;t liefern wollten, haben sich bem&uuml;ht, statistische Zusammenh&auml;nge zwischen sexueller Neigung und K&ouml;rpermerkmalen zu finden. Vergr&ouml;&szlig;erte Ohrl&auml;ppchen, Hodenbeschaffenheit, Gehirnbesonderheiten, DNS-Sequenzen etc. m&uuml;ssten jedoch, selbst wenn innerhalb der untersuchten Gruppe eine &Uuml;berschneidung best&uuml;nde, nicht unbedingt deren Ursache sein &ndash; schlie&szlig;lich ist das vermehrte Auftreten von M&auml;nnern mit wei&szlig;en B&auml;rten und roten M&auml;nteln rund um den 24.12. auch kein Beweis daf&uuml;r, dass der Weihnachtsmann die Geschenke bringt. Ein Beweis m&uuml;sste den inhaltlichen Zusammenhang aufzeigen, welcher als statistische Korrelation unm&ouml;glich zu erbringen ist. Die Wissenschaft ist bis heute unf&auml;hig geblieben, auch nur erste Anhaltspunkte zu liefern, dass sich das sexuelle Begehren aus der Biologie ergibt. Menschliche Sexualit&auml;t ist eine spezifisch gesellschaftliche Angelegenheit, daher ist es schlichtweg falsch, nach rein biologischen Determinanten oder Erkl&auml;rungen zu suchen.</p> <p> 2. Die Natur liefert die materiellen Voraussetzungen von menschlicher Sexualit&auml;t (K&ouml;rper mit Nerven, Gehirn, Fl&uuml;ssigkeiten usw.), die jeweilige Gesellschaft die Bedingungen, unter denen sie stattfindet (in Form der politischen Herrschaft mit ihren Gesetzen und Verordnungen, aber auch als durchgesetzte Vorstellungen, Erwartungen und Sehns&uuml;chte im menschlichen Miteinander, ebenso in Form von Wissen &uuml;ber Sexualit&auml;t und in den Spielzeugen, Hilfs- und Anregungsmitteln). Die Inhalte und Formen des Sexuellen aber entstehen aus dem Denken und F&uuml;hlen der Einzelnen, die diese Voraussetzungen und Bedingungen interpretieren.</p> <p> 3. Das &ldquo;Natur&rdquo;-Argument halten viele f&uuml;r so einleuchtend, weil ihnen ihr eigenes sexuelles Begehren als etwas erscheint, das nicht einfach durch Beschluss zu &auml;ndern ist. Falls sich ihre sexuelle Orientierung im Laufe ihres Lebens dann doch einmal ver&auml;ndert, meinen sie in der neuen Form zumeist ihre ureigenste, zuvor unterdr&uuml;ckte, wahre sexuelle Identit&auml;t zu entdecken. Gerade weil der moderne Mensch in Liebe und Sexualit&auml;t sein wahres Wesen ausdr&uuml;cken will und seine Identit&auml;t darin findet zu sein, wer er ist (und nicht bestimmt von Mutter, Vater, Staat und Kapital), soll seine Sexualit&auml;t und sein Verlieben eben auch ganz seins sein. Den langen Weg, den jedes b&uuml;rgerliche Subjekt von seiner Geburt bis zur Entwicklung explizit sexueller Phantasien und Praktiken zur&uuml;cklegt; die F&uuml;lle von Erfahrungen und Entscheidungen; all die sinnigen und unsinnigen Gedanken und Gef&uuml;hle des Menschen zu ihrem Verlangen, den Objekten ihres Verlangens und deren Verhalten &ndash; all das erscheint so dem Menschen wie ein langer Weg zu sich selbst und ist r&uuml;ckblickend sinnvoll in die eigene Geschichte eingeordnet. Der Prozess erlischt im Resultat.</p> <p> 4. Politischen Anklang bei der Schwulenbewegung hat die sexuelle Vererbungslehre dadurch gefunden, dass sich damit gegen Therapie- und Bestrafungskonzepte k&auml;mpfen lie&szlig; &ndash; und alle fundamentalistischen Christenmenschen sich dann die Frage gefallen lassen m&uuml;ssen, warum der Herrgott die Schwulen und Lesben so geschaffen hat, wenn er sie denn hasst. Die Vorstellung der S&uuml;nde setzt eben den freien Willen voraus, gegen Gottes Gebote versto&szlig;en zu k&ouml;nnen. Wenn Homosexualit&auml;t vererbt ist, dann kann sie keine S&uuml;nde sein. Das Argument ist aber defensiv, oft hilflos, immer dumm und gef&auml;hrlich und hat im schlimmsten Fall brutale Konsequenzen. Defensiv, weil die Homosexuellen als determinierte Tr&ouml;pfe vorgestellt werden, die vielleicht ja anders wollen w&uuml;rden, wenn sie nur k&ouml;nnten &ndash; anstatt zu sagen, dass es Lust bereitet und auch keinen Schaden anrichtet. Hilflos, weil l&auml;ngst Ideologien entwickelt wurden, um den Widerspruch zwischen g&ouml;ttlicher Sch&ouml;pfung und angeblich nat&uuml;rlicher Homosexualit&auml;t zu &uuml;berbr&uuml;cken (&bdquo;besondere Pr&uuml;fung&ldquo;, &bdquo;wir lieben Homosexuelle, aber hassen ihren s&uuml;ndigen Lebensstil&ldquo; etc.). Ein rechter Moralist wird sich von &bdquo;schwulen&ldquo; Pinguinen nicht von seinem Hass auf Homos abbringen lassen. Dumm und gef&auml;hrlich, weil es einem Biologismus das Wort redet, der alles von der Arbeitslosigkeit bis zum Zungenkuss aus der Abfolge von Aminos&auml;uren erkl&auml;rt, und damit von Menschen gemachte Verh&auml;ltnisse zu unver&auml;nderlicher Natur (v)erkl&auml;rt. Es hat im schlimmsten Fall brutale Konsequenzen, weil wenn Homosexualit&auml;t als &Uuml;bel betrachtet wird, das durch die Natur hervorgerufen wird, dies auch zur Konsequenz haben kann, alle Homosexuellen und sonstigen &bdquo;Abweichler&ldquo; zu vernichten.</p> <p> 5. Die Menschen machen ihre Sexualit&auml;t selbst &ndash; aber sie machen sie nicht aus freien St&uuml;cken: Sie k&ouml;nnen nicht einfach durch Beschluss ausl&ouml;schen, was ihnen mit und ohne ihren Beschluss widerfahren ist und was sie aus ihren Erlebnissen gemacht haben. Weil die Psychoanalyse einmal versprochen hatte, genau solche Mechanismen aufzuzeigen und handhabbar zu machen, suchten viele Homosexuelle in den 1950er, 1960er und 1970er Jahren &bdquo;Heilung&ldquo; bei ihrem Therapeuten. Die Psychoanalyse hatte sich bez&uuml;glich der Homosexualit&auml;t f&uuml;r Jahrzehnte zu einer reinen Hetero-Norm-Durchsetzungstherapie entwickelt. Dabei wurden die albernsten, widerspr&uuml;chlichen psychologischen Theorien &uuml;ber famili&auml;re Bedingtheit von Homosexualit&auml;t hervorgebracht (mal waren die M&uuml;tter zu kalt, mal zu liebevoll, mal zu dominant, mal zu abwesend &ndash; mal waren die V&auml;ter zu kalt, mal zu liebevoll, mal zu dominant, mal zu abwesend). Heute ist die vorherrschende Meinung in der Psychologie, Homosexualit&auml;t sei &bdquo;multifaktoriell&ldquo; und sie gibt damit wenigstens zu Protokoll, dass sie auch keine Ahnung hat, woher die Homos denn nun kommen.</p> <p> 6. Was nicht weiter schlimm ist &ndash; die Frage nach dem Ursprung von Homosexualit&auml;t ist n&auml;mlich meist bl&ouml;d. Sie ist fast immer Auftakt zur Pathologisierung oder Verfolgung und macht letztlich Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transgender zur erkl&auml;renswerten Anomalie &ndash; anstatt zu fragen, woher denn das Konzept kommt, ausgerechnet an prim&auml;ren und sekund&auml;ren Geschlechtsmerkmalen eines Menschen festzumachen, ob er oder sie als Sexual- und Liebespartner_in in Betracht kommt. Denn auch wenn die Beschaffenheit des K&ouml;rperbaus, die K&ouml;rperbehaarung und das Vorhandensein eines Penis oder einer Vagina sexuell mehr oder weniger reizvoll sein k&ouml;nnen: a) Gibt das biologische Geschlecht zu sehr vielen dieser Fragen gerade mal eine Wahrscheinlichkeit an und ist b) die sexuelle Besetzung von k&ouml;rperlichen Attributen nicht unabh&auml;ngig von den Gedanken und Vorstellungen, die man sich dar&uuml;ber macht. Im &Uuml;brigen gehen die g&auml;ngigen Konzepte immer wieder davon aus, dass Liebe und sexuelle Anziehung eigentlich zusammenfallen sollen und m&uuml;ssen. Das ist aber gar nicht so.</p> <p> 7. Homo- und Heterosexualit&auml;t sind zwei einander entgegengesetzte Konsequenzen aus dem herrschenden Geschlechterverh&auml;ltnis, n&auml;mlich nur eins der beiden anerkannten Geschlechter zu begehren. Daran ist nichts logisch, aber auch nichts weiter verwerflich. Zwar bedeutet es erstmal, die H&auml;lfte der Weltbev&ouml;lkerung von vornherein nicht sexuell und amour&ouml;s interessant finden zu wollen. W&auml;re das die einzige Folge der ganzen sexuellen Identit&auml;tshuberei, so w&uuml;rde man ebenso wie bei Menschen, die keinen Spinat m&ouml;gen, die Schultern zucken und sich maximal wundern, warum Geschm&auml;cker so verschieden sein k&ouml;nnen. Aber die Verh&auml;ltnisse sind nicht so: Sexuelle Identit&auml;t ist keineswegs nur ein verfestigtes Geschmacksurteil.</p> <p> 8. Nach wie vor sind n&auml;mlich Homo- und Heterosexualit&auml;t Sortierungen, aus denen eine Menge Leid und Gewalt folgen. Wenn diese Identit&auml;tshuberei die Massen ergreift, wird sie selbst eine materielle Gewalt &ndash; auch gegen die, die sie nicht teilen. Die heterosexuelle Vorannahme verunsichert auch heute noch Homosexuelle in modernen westlichen Gesellschaften und zwar nicht erst, wenn Schwule und Lesben zusammengeschlagen werden. Jeder dritte Selbstmord bei Teenagern soll etwas mit Homosexualit&auml;t zu tun haben; die permanente, gar nicht immer b&ouml;s gemeinte oder absichtliche Zur&uuml;ckweisung und Ausgrenzung &bdquo;Anders&ldquo;liebender und -v&ouml;gelnder bringt eine F&uuml;lle von Macken und Merkw&uuml;rdigkeiten hervor, die an Trostlosigkeit, Selbstzerst&ouml;rung und Selbstgef&auml;hrdung mit den d&uuml;stersten Ausw&uuml;chsen des heterosexuellen Geschlechts- und Liebeslebens locker mithalten k&ouml;nnen.</p> <p> 9. Dazu kommen noch der direkte und deutliche Hass und Ekel der nicht-homosexuellen Welt, die jenseits der Hochglanzbrosch&uuml;ren der Gleichstellungsbeauftragten immer noch weit verbreitet sind. M&auml;nner und Frauen m&uuml;ssen auch in westlichen Staaten h&auml;ufig um ihre Gesundheit f&uuml;rchten, wenn sie als &bdquo;schwul&ldquo; bzw. &bdquo;lesbisch&ldquo; bezeichnet werden. Ekel wird beiden entgegengebracht &ndash; im Umgang mit lesbischen Frauen kommt noch st&auml;rker eine Ignoranz etwa in Form der Einordnung als vor&uuml;bergehende Phase hinzu. &bdquo;Schwul&rdquo; ist bei Kindern und Jugendlichen erst einmal alles, was irgendwie doof ist und nicht funktioniert &ndash; und gilt als mit das Schlimmste, was einem Jungen &uuml;berhaupt nachgesagt werden kann. Aber Schwul-Sein ist mehr als nur &bdquo;doof&rdquo;: Das Schlimmste an der m&auml;nnlichen Homosexualit&auml;t scheint immer noch zu sein, dass sich dort M&auml;nner ficken lassen und Spa&szlig; dran haben. Und &bdquo;gefickt zu werden&rdquo;, das ist eben das Aufgeben der Herrschaftsposition, das ist zum-Objekt-werden. Daran Spa&szlig; zu haben und nicht der coole, kontrollierte und kontrollierende Mann zu sein, das widerspricht dem saubl&ouml;den M&auml;nnlichkeitsideal nicht nur der meisten m&auml;nnlich sozialisierten Menschen. Diesem Ideal zu entsprechen erfordert einiges an Durchhalteverm&ouml;gen und Opferbereitschaft &ndash; und diejenigen, die damit brechen, werden als Bedrohung empfunden &ndash; weshalb Schwule von der bl&ouml;den Anmache bis zum Zusammengeschlagen werden einiges durchzumachen haben. Dieses Ideal ist weiterhin die traditionelle, aber nicht aus der Mode gekommene Fassung des erfolgreichen b&uuml;rgerlichen Konkurrenzsubjekts, das sich weder von Gef&uuml;hlen noch von seiner Lust beherrschen l&auml;sst, verbunden mit der falschen Vorstellung, die richtige Haltung sei eine Erfolgsgarantie.<br /> &bdquo;Lesbisch&ldquo; als Schimpfwort wird zwar nicht als Synonym f&uuml;r &bdquo;schei&szlig;e&ldquo; gebraucht, doch z.B. in der Schule als &bdquo;Lesbe&ldquo; verschrien zu sein, ist beleidigend gemeint und isoliert die Person in der Regel. H&auml;ndchenhalten unter M&auml;dchen wird zwar in westlichen L&auml;ndern anders betrachtet als unter Jungs. Aber werden aus &bdquo;spielenden M&auml;dchen&ldquo; irgendwann &bdquo;Lesben&ldquo;, trifft sie ebenfalls k&ouml;rperliche Gewalt und auf jeden Fall eine Menge Verachtung. Diese Ablehnung h&auml;ngt &ndash; entsprechend des Geschlechterbilds &ndash; auch damit zusammen, dass einerseits sich in den Augen der Macker lesbische Frauen der m&auml;nnlichen Verf&uuml;gungsgewalt als Sexualobjekte entziehen, andererseits damit, dass lesbische Frauen ihre Funktion und Rolle als Frau und Mutter ganz prinzipiell nicht erf&uuml;llen, die in den Augen eines Gro&szlig;teils der Gesellschaft ihre eigentliche Aufgabe w&auml;re.</p> <p> 10.&nbsp; Unbestritten ist das Leben von Schwulen und Lesben in westlichen Staaten heute sehr viel einfacher als noch vor ein paar Jahren. Nachdem dort Ende der 1960er Jahre die Regulierung der Sexualit&auml;t ihrer B&uuml;rger nicht aufgegeben, aber nach neuen Prinzipien gestaltet haben, hat die polizeiliche &Uuml;berwachung und Verfolgung der &ndash; m&auml;nnlichen &ndash; Homosexualit&auml;t stark abgenommen bzw. aufgeh&ouml;rt. Dadurch wurde erst eine schwule Subkultur erm&ouml;glicht, die noch ganz davon lebte, ein Gegenentwurf zu den sexualmoralischen Vorstellungen der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft zu sein, welcher ein Ma&szlig; an Befreiung erm&ouml;glichte, von dem Veteranen noch heute sehnsuchtsvoll berichten. Sie war aber zugleich eine Illustration der Tatsache, wie sehr auch die Aufst&auml;nde und &Uuml;bertretungen noch den Konventionen gehorchen, gegen die sie sich subjektiv richten: Denn das in den 1970ern entworfene Modell des Homosexuellen nahm immer wieder Bezug auf die Klischees der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft. Genau diese Subkulturen wurden in West- und Nordeuropa, Kanada, Australien, Neuseeland nach dem Auftauchen von AIDS ein wichtiger Juniorpartner des Staates beim Kampf um die Volksgesundheit und zugleich auch zum Transmissionsriemen b&uuml;rgerlicher Normen in den Rest der schwulen Szene hinein. Heute sind die verbliebenen Schwulenorganisationen weit entfernt von jeglicher Kritik an der Gesellschaft, um deren vollst&auml;ndige Anerkennung ihrer Liebes- und Lebensweisen sie so hartn&auml;ckig k&auml;mpfen. Die lesbische Subkultur hat sich dagegen im Rahmen der feministischen Bewegung entwickelt und ist so angepasst und unangepasst wie diese. Da das Sexuelle in der lesbischen Bewegung nicht derartig im Vordergrund steht, ist sie weniger Adressat sexualp&auml;dagogischer Bem&uuml;hungen des Staates und seines Gesundheitssystems.</p> <p> 11.&nbsp; Weltweit ist zum Optimismus in Sachen Emanzipation kaum Anlass vorhanden. In vielen, nicht nur islamischen&nbsp; Staaten wird homosexuelle Emanzipation als Zersetzung und Zerst&ouml;rung der Nation gesehen &ndash; und entsprechend Homosexuelle als Gefahr behandelt, verfolgt und bestraft. Diese Regimes haben materiell ihren B&uuml;rgern nichts zu bieten, oft nicht mal die sch&auml;bige M&ouml;glichkeit, sich f&uuml;r fremden Reichtum den Buckel krummzuschuften. Entsprechend scharf sind diese Nationen auf den Idealismus ihrer Staatsb&uuml;rger und bek&auml;mpfen den westlichen &bdquo;Individualismus&rdquo;; das hei&szlig;t das freche M&auml;rchen, im Kapitalismus gehe es dauernd nur um das Streben nach individuellem Gl&uuml;ck, wird als Bedrohung der Aufopferung f&uuml;r Staat und Glauben gegei&szlig;elt. Die Schwulen &ndash; weniger die Lesben &ndash; werden heute als Repr&auml;sentanten dieses Modells verfolgt: Zerst&ouml;rer der traditionellen Werte, Familien- , Ehe- und Nachwuchsverweigerer, Schw&auml;cher der m&auml;nnlichen Kampfkraft f&uuml;r Nation und/oder Umma.</p> <p> 12.&nbsp; In vielen Ex-Kolonien wird Homosexualit&auml;t als Produkt des Kolonialismus dargestellt. Homosexuelles Verhalten l&auml;sst sich in diesen Gesellschaften aber fast immer auch schon vor der europ&auml;ischen Kolonialisierung nachweisen, z.T. besungen und gepriesen, z.T. auch einfach als selbstverst&auml;ndliche Durchgangsphase vor allem m&auml;nnlicher Sexualit&auml;t verschwiegen. Die (dortigen) Schwulen haben das Pech, als Symbol f&uuml;r koloniales Erbe, westliche Dekadenz und vor allem fehlende m&auml;nnliche Pflichterf&uuml;llung herhalten zu m&uuml;ssen. Alle eklige Schei&szlig;e, die die europ&auml;ischen Nationen bereits im 19. Jahrhundert an, mit, durch und gegen ihre(r) Bev&ouml;lkerung durchgezogen haben, spielen die Verlierernationen der ganzen Welt jetzt noch einmal durch. Und im Gegensatz zur gelungenen Kapitalakkumulation, die sie nicht hinkriegen und in der Masse auch gar nicht hinkriegen k&ouml;nnen, brauchen sie bei der moralischen Volksert&uuml;chtigung nicht zu bef&uuml;rchten, in der Konkurrenz zu unterliegen &ndash; h&ouml;chstens, dass die imperialistischen L&auml;nder hin und wieder ihren Unwillen &uuml;ber mangelnde Botm&auml;&szlig;igkeit in Form von Beschwerden &uuml;ber Menschenrechtsverletzungen kleiden. Und dabei haben auch L&auml;nder, die vor 30 Jahren selber noch Schwule in den Knast gesteckt haben, die Homofrage als imperialistischen Einmischungstitel entdeckt.</p> <p> 13.&nbsp; Auch innenpolitisch werden Fragen der &bdquo;Integration&ldquo; von Migranten nun des &Ouml;fteren mit der Homofrage verbunden. Ein Rassist, der sonst nicht weniger interessiert sein k&ouml;nnte an Homophobie und hier und da auch mal selbst einen Spruch gegen Schwule macht, f&uuml;hlt sich nun bem&uuml;&szlig;igt, Homophobie auf einmal an allen m&ouml;glichen Ecken und Enden auszumachen &ndash; aber ausschlie&szlig;lich in der migrantischen Community. Das verweist auf das Problem jeglicher Identit&auml;tspolitik, die blo&szlig; fordert, die jeweilige Gruppe nicht mehr aus der Nation auszuklammern.</p> <p> <em>Gruppe &bdquo;Kritik im Handgemenge&ldquo; Bremen</em></p> <div class="flattr-box"><script type="text/javascript"> var flattr_uid = 'systempunkte'; var flattr_tle = 'Thesen zu Homosexualität und Homophobie'; var flattr_dsc = '&lt;p&gt; Homo-, Bi- und Heterosexualit&amp;auml;t sind nicht biologisch bestimmt. Alle Forschungsversuche, die einen Beweis f&amp;uuml;r eine biologische Ursache von Homosexualit&amp;auml;t liefern wollten, haben sich bem&amp;uuml;ht, statistische Zusammenh&amp;auml;nge zwischen sexueller Neigung und K&amp;ouml;rpermerkmalen zu finden. Menschliche Sexualit&amp;auml;t ist eine spezifisch gesellschaftliche Angelegenheit, daher ist es schlichtweg falsch, nach rein biologischen Determinanten oder Erkl&amp;auml;rungen zu suchen.&lt;/p&gt;'; var flattr_tag = 'Gender'; var flattr_cat = 'text'; var flattr_url = 'http://systempunkte.org/article/thesen-zu-homosexualitaet-und-homophobie'; var flattr_lng = 'de_DE'</script> <script src="http://api.flattr.com/button/load.js" type="text/javascript"></script> </div> http://systempunkte.org/article/thesen-zu-homosexualitaet-und-homophobie#comments Gender Tue, 09 Jul 2013 10:07:47 +0000 cls 224 at http://systempunkte.org 2013 - Stockholm Riots http://systempunkte.org/article/2013-stockholm-riots <p> Ende Mai kam es in Stockholm &ndash; und zum Teil auch in anderen Städten Schwedens &ndash; zu Unruhen, die etwa eine Woche lang anhielten. Jugendliche in gro&szlig;teils von Migrant*innen bewohnten Stadtvierteln zündeten Autos an, entglasten Polizeidienststellen und lieferten sich Stra&szlig;enschlachten mit den Sicherheitskräften. Auslöser war der Tod eines 69-jährigen Mannes im Stockholmer Stadtteil Husby am 13. Mai. Der Mann hatte angeblich andere Personen mit einem Messer bedroht. Als sich eine Spezialeinheit der Polizei Eintritt in seine Wohnung verschaffte, wurden ihm tödliche Schusswunden zugefügt. Abgesehen von der augenscheinlichen Frage, ob es einer Spezialeinheit der Polizei nicht gelingen sollte, einen 69-jährigen mit einem Messer bewaffneten Mann zu überwältigen ohne ihn umzubringen, gab auch der Polizeibericht Anlass zur Empörung. Die Behörden lie&szlig;en zunächst auf ihrer Website offiziell verlauten, dass der Mann unmittelbar nach den Schüssen in ein Krankenhaus eingeliefert wurde, wo er seinen Verletzungen erlag. Tatsächlich wurde die Leiche des Mannes jedoch erst Stunden nach dem Einsatz der Polizei aus der Wohnung transportiert, was von zahlreichen Augenzeug*innen bestätigt und dokumentiert wurde. Die Polizei gestand schlie&szlig;lich Fehler in der Berichterstattung ein und &bdquo;bedauerte&ldquo; diese.</p> <p> Angesichts anhaltender Vorwürfe von Polizeigewalt in schwedischen Stadtvierteln, in denen viele Migrant*innen erster und zweiter Generation leben, veröffentlichte die 2010 in Husby gegründete Stadtteilgruppe Megafonen noch in derselben Nacht ein Protestschreiben, in dem sie eine unabhängige Untersuchung des Polizeieinsatzes forderte und für den nächsten Tag zu einer Demonstration gegen Polizeigewalt aufrief. Dieser schlossen sich mehrere hundert Menschen an. Nicht zuletzt aufgrund ausbleibender Reaktionen von Seiten der Polizei und der verantwortlichen Politiker*innen kam es schlie&szlig;lich am 19. Mai zu den ersten Brandstiftungen und Stra&szlig;enschlachten im Stadtviertel. Die Unruhen breiteten sich danach rasch auf mehrere Viertel Stockholms und auch auf andere schwedische Städte aus. Etwa eine Woche lang kam es jeden Abend zu Bränden, Sachbeschädigungen und Auseinandersetzungen mit den Sicherheitskräften. Als sich die Lage wieder beruhigte, waren an die 200 Autos und einige Geschäfte ausgebrannt, Schulen und Polizeidienststellen beschädigt und Dutzende von Menschen verletzt und verhaftet.</p> <p> <strong>Schwedische Migrationspolitik</strong></p> <p> Trotz der starken medialen Aufmerksamkeit, welche die &bdquo;Stockholm Riots&ldquo; vom Mai 2013 auch international auf sich zogen, stellen Unruhen dieser Art in Schweden keine Neuheit dar. Zu solchen ist es dort in den letzten Jahren immer wieder gekommen. Dieses Mal traten sie höchstens in besonders konzentrierter Form auf. Einer der Hauptgründe für die Unruhen liegt in der starken Segregation, welche die schwedische Gesellschaft prägt. Viele der mit den französischen Banlieues vergleichbaren &bdquo;Vororte&ldquo; (förorter) werden zu 80-90% von Migrant*innen erster oder zweiter Generation bewohnt. Geographisch von der Innenstadt und anderen Vororten abgeschnitten und alle Statistiken sozialer Probleme (Arbeitslosigkeit, Schulabbruch, mangelnde Infrastruktur) anführend, sind sie oft das Zuhause von Menschen, die nur zu einem geringen Grad in den schwedischen Arbeitsmarkt integriert sind und sich kaum mit dem schwedischen Staat und der schwedischen Gesellschaft identifizieren. So verneinen zahlreiche in Schweden geborene und die schwedische Staatsbürgerschaft besitzende Schüler*innen die Frage, ob sie &bdquo;Schwed*innen&ldquo; seien, und viele Fu&szlig;ballfans der Vororte kennen zwar jeden Spieler der englisches Premier League, aber kaum einen Verein der ersten schwedischen Liga. &bdquo;Schwed*innen&ldquo; erscheinen in Konversationen durchweg als die &bdquo;Anderen&ldquo;, zu denen die schwedische Gesellschaft die Bewohner*innen der Vororte selbst macht. In diesem Zusammenhang überrascht es nicht, wenn die Behörden und Beamt*innen, die den schwedischen Staat in den Vororten repräsentieren, als eine Art Besatzungsmacht wahrgenommen werden. Dies gilt vor allem für die Polizei, kann sich aber auch auf die Feuerwehr oder den Rettungsdienst ausdehnen, denen immer wieder vorgeworfen wird, ihrer Arbeit in den Vororten nur halbherzig nachzugehen.</p> <p> Diese Realitäten stehen in deutlichem Gegensatz zur offiziellen Migrationspolitik der schwedischen Regierung. Wenn Menschen weltweit darüber erstaunt sind, dass es in einem vermeintlich so egalitären und progressiven Land zu Unruhen dieser Art kommen kann, ist das nicht ganz unverständlich. Schweden hat nach wie vor im europäischen Vergleich relativ offene Grenzen (so nahm Schweden während des Irakkriegs in etwa so viele Flüchtlinge auf wie alle anderen westeuropäischen Länder zusammen &ndash; ähnliches galt während des Jugoslawienkriegs und des Bürgerkriegs in Somalia), bietet neu ankommenden Migrant*innen bessere Sozialleistungen und Ausbildungsprogramme als die meisten anderen Länder, verleiht die schwedische Staatsbürgerschaft in der Regel nach fünf Jahren und demonstriert oft ein starkes Bewusstsein, was die Integration von Migrant*innen auf symbolischer Ebene betrifft. Gerade aus anarchistischer Perspektive ist jedoch interessant, dass die Versuche, Rassismus auf administrativem und institutionellem Weg zu überwinden, zu kurz greifen. Auch wenn die entsprechenden Bemühungen gewisse Resultate erzielen (so gibt es etwa in einzelnen gesellschaftlichen Bereichen, wie dem medialen, bessere Aufstiegsmöglichkeiten für Migrant*innen als in anderen westeuropäischen Ländern und allgemein einen weniger hetzerischen Antimigrationsdiskurs), verschwinden schwer wiegende gesellschaftliche Konfliktfelder natürlich nicht, wenn die Alltagsbeziehungen der offiziellen Regierungspropaganda nicht entsprechen und struktureller Rassismus tief verankert bleibt. Zahlreiche Studien bestätigen, dass Türsteher nichtwei&szlig;e Jugendliche in der Stockholmer Innenstadt nur ungern in den Nachtclub lassen, &bdquo;schwedische&ldquo; Eltern ihre Kinder regelmä&szlig;ig aus Schulen mit einem hohen Anteil an Migrant*innen nehmen, Firmen bei Bewerbungsschreiben von Menschen mit nicht-europäisch klingenden Namen schnell Ablehnungsgründe finden und so weiter. Zudem verschärfen sich im Zuge der Neoliberalisierung Schwedens auch die sozialen Klüfte zwischen den Vororten und der schwedischen Mittelund Oberschicht.</p> <p> <strong>Neue Stadtteilgruppen</strong></p> <p> Die politische Rolle der Stadtteilgruppen, die sich in den letzten Jahren in den Vororten gebildet haben, ist in diesem Zusammenhang von besonderer Bedeutung. Die Frage, ob es zu den Unruhen im Mai ohne die Mobilisierung durch Megafonen gekommen wäre oder nicht, ist dabei nicht entscheidend. Zu Unruhen dieser Art kam es in den letzten Jahren, wie gesagt, immer wieder. Die Anlässe sind dabei oft willkürlich bzw. der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Wichtig ist jedoch die öffentliche Diskussion, die die Unruhen begleitet bzw. die Frage, wie diese politisch verortet werden. Während es früher für Politiker*innen und Massenmedien leicht war, sich auf &bdquo;unentschuldbare Gewaltexzesse&ldquo; zu konzentrieren und die Unruhen als Resultat jugendlicher Verantwortungsund Respektlosigkeit darzustellen &ndash; meist eingebettet in kulturelle Vorurteile und Stereotypen &ndash;, ist dies um vieles schwieriger, seit Gruppen wie Megafonen oder die Göteborger Pantrarna deutlich von &bdquo;Sozialrevolten&ldquo; sprechen und eine Auseinandersetzung mit den Hintergründen der Unruhen einfordern. Ohne das Anzünden von Kindergärten oder Angriffe auf Sanitäter*innen als quasi-revolutionär zu verklären, weigern sich Gruppen wie Megafonen die Unruhen moralisch zu verurteilen. Vielmehr werden sie als begreifbare Symptome grundlegender gesellschaftlicher Probleme betrachtet, ohne deren Lösung weitere Eskalationen dieser Art prophezeit werden. Die differenzierte Haltung Megafonens drückte sich während der Proteste etwa darin aus, dass man sich einerseits zwar nicht von den aufständischen Jugendlichen distanzierte, andererseits jedoch einen Solidaritätsfonds für die Bewohner*innen der Vororte einrichtete, deren Autos oder Geschäfte im Zuge der Unruhen zerstört wurden.</p> <p> Die Rolle der migrantischen Stadtteilgruppen ist an den Stockholmer Unruhen vom Mai 2013 das Interessanteste und Vielversprechendste. Es gelang ihnen, authentischen Stimmen aus den Vororten in der betreffenden Debatte Gehör zu verschaffen. Sowohl Megafonen als auch Pantrarna veröffentlichten Stellungnahmen zu den Unruhen in Aftonbladet, einer der grö&szlig;ten schwedischen Tageszeitungen. Damit hat sich eine neue politische Perspektive in der Diskussion etabliert, die auf den Erfahrungen der Menschen vor Ort beruht. Das bedeutet nicht zuletzt, dass Ereignisse dieser Art nicht mehr ausschlie&szlig;lich als Projektionsflächen für externe politische Kräfte &ndash; linke wie rechte &ndash; dienen, sondern dass autonom und an der Basis um gesellschaftliche Veränderung gekämpft wird. Ein vielversprechendes Beispiel für alle politisch Aktiven, Anarchist*innen mit eingeschlossen.</p> <p> <em>Dieser Artikel erschien zuerst in der Juli-Ausgabe der <a href="http://fda-ifa.org/gai-dao-nr-31-juli-2013/">GaiDao</a>.</em></p> <div class="flattr-box"><script type="text/javascript"> var flattr_uid = 'systempunkte'; var flattr_tle = '2013 - Stockholm Riots'; var flattr_dsc = '&lt;p&gt; Ende Mai kam es in Stockholm &amp;ndash; und zum Teil auch in anderen Städten Schwedens &amp;ndash; zu Unruhen, die etwa eine Woche lang anhielten. Jugendliche in gro&amp;szlig;teils von Migrant*innen bewohnten Stadtvierteln zündeten Autos an, entglasten Polizeidienststellen und lieferten sich Stra&amp;szlig;enschlachten mit den Sicherheitskräften.&lt;/p&gt;'; var flattr_tag = 'Bewegung'; var flattr_cat = 'text'; var flattr_url = 'http://systempunkte.org/article/2013-stockholm-riots'; var flattr_lng = 'de_DE'</script> <script src="http://api.flattr.com/button/load.js" type="text/javascript"></script> </div> http://systempunkte.org/article/2013-stockholm-riots#comments Bewegung Sat, 06 Jul 2013 18:41:02 +0000 Tuli 223 at http://systempunkte.org Griechenland: Für wen die Gesetze gelten und für wen nicht http://systempunkte.org/blog/griechenland-fuer-wen-die-gesetze-gelten-und-fuer-wen-nicht <p> Das ist die Gesetze die Gesetze des Staates sind, zeigt sich in den Situationen, die als Krise gelten. W&auml;hrend die Bev&ouml;lkerung in diesen Momenten im Namen der Gesetze zur Ruhe, zum Stillhalten beordert wird, &uuml;bertritt der Staat die Gesetze, die er sich selbst in ruhigeren Zeiten gesetzt hat.</p> <p> So zumindest lassen sich die j&uuml;ngsten Nachrichten aus Griechenland interpretieren. Nunmehr &quot;widerrechtlich&quot; sitzt der Anarchist Kostas Sakkas in einem griechischen Gef&auml;ngnis, er soll der Teil der Terrorgruppe* &quot;Verschw&ouml;rung der Feuerzellen&quot; seien. Allerdings scheint sich der Staat schwer damit zu tun dies nachzuweisen, denn mitterweile sitzt Kostas l&auml;nger in Untersuchungshaft als dies gesetzlich ist.</p> <p> Um dagegen zu protestieren weiter vom Staat gegen dessen eigenes angebliches Recht festgehalten zu werden, ist er am 4. Juni in Hungerstreik getreten. Weitere Informationen finden sich bei:</p> <p> <a href="http://www.guardian.co.uk/commentisfree/2013/jul/04/greece-kostas-sakkas-hunger-strike" title="http://www.guardian.co.uk/commentisfree/2013/jul/04/greece-kostas-sakkas-hunger-strike">http://www.guardian.co.uk/commentisfree/2013/jul/04/greece-kostas-sakkas...</a></p> <p> <a href="http://blog.occupiedlondon.org/2013/07/03/anarchist-prisoner-kostas-sakkas-on-hunger-strike-since-june-4-updates/" title="http://blog.occupiedlondon.org/2013/07/03/anarchist-prisoner-kostas-sakkas-on-hunger-strike-since-june-4-updates/">http://blog.occupiedlondon.org/2013/07/03/anarchist-prisoner-kostas-sakk...</a></p> <p> &nbsp;</p> <p> *Hier m&ouml;gen Stimmen einwenden, dass ich den Repressionsbeh&ouml;rden blind in ihrer Terminologie folgen w&uuml;rde. Nein, ich bezeichne die &quot;Verschw&ouml;rung der Feuerzellen&quot; mit Absicht als Terrorgruppe, denn ich lehne das Konzept der &quot;Stadtguerilla&quot; scharf ab. Keine falsche Solidarit&auml;t mit diesen Gruppen zu &uuml;ben, bedeutet jedoch nicht jeden Angriff auf Personen, die ihnen zugeh&ouml;ren m&ouml;gen oder nicht, akzeptieren zu m&uuml;ssen.</p> <div class="flattr-box"><script type="text/javascript"> var flattr_uid = 'systempunkte'; var flattr_tle = 'Griechenland: Für wen die Gesetze gelten und für wen nicht'; var flattr_dsc = '&lt;p&gt; Das ist die Gesetze die Gesetze des Staates sind, zeigt sich in den Situationen, die als Krise gelten. W&amp;auml;hrend die Bev&amp;ouml;lkerung in diesen Momenten im Namen der Gesetze zur Ruhe, zum Stillhalten beordert wird, &amp;uuml;bertritt der Staat die Gesetze, die er sich selbst in ruhigeren Zeiten gesetzt hat.&lt;/p&gt;'; var flattr_tag = 'Staat &amp; Parteipolitik,Bewegung'; var flattr_cat = 'text'; var flattr_url = 'http://systempunkte.org/blog/griechenland-fuer-wen-die-gesetze-gelten-und-fuer-wen-nicht'; var flattr_lng = 'de_DE'</script> <script src="http://api.flattr.com/button/load.js" type="text/javascript"></script> </div> http://systempunkte.org/blog/griechenland-fuer-wen-die-gesetze-gelten-und-fuer-wen-nicht#comments Staat & Parteipolitik Bewegung Fri, 05 Jul 2013 15:32:32 +0000 Tuli 222 at http://systempunkte.org