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Dokumentation einer Debatte

Vorbemerkungen: Vor einiger Zeit haben wir von Hyman Roth eine Erwiderung auf einen Artikel erhalten, der in der anarchistischen Straßenzeitung Fernweh erschienen war. Zuerst haben wir ihn abgelehnt, daraus hat sich aber eine Diskussion mit Hyman entwickelt. Hier veröffentlichen wir nun den Artikel aus der Fernweh Zeitung, Hyman Roths Antwort und den darauf folgenden EMail-Verkehr.

Bist du Frei?

Beitrag aus Fernweh - anarchistische Straßenzeitung. Autor_in unbekannt.

Findest du, du bist frei? Hast du das Gefühl wirklich frei zu sein? Kannst du in vollem Masse über dein eigenes Leben entscheiden? Kannst du immer das tun, worauf du gerade Lust hast? Fühlst du dich so, als ob du zu jeder Zeit die volle Kontrolle über dein Leben hast? Wenn du morgens aufstehst, um in die Schule oder Arbeit zu gehen? Abends schlafen gehst, um morgens wieder „leistungsfähig“ zu sein, dich nicht so benehmen oder anziehen kannst, wie du willst?

Ich nicht. Mein Leben fühlt sich zum großen Teil so an, dass ich die meisten Dinge tue, weil ich muss, nicht weil ich will. Ich hatte nie Lust in die Schule zu gehen, mich früh morgens aus dem Bett zu quälen, um mir dann von irgendjemand irgendetwas erzählen zu lassen, was mich eigentlich gar nicht interessiert hat, ja womit ich mich nie beschäftigt hätte, wenn ich mir hätte aussuchen können, wie ich meine Zeit verbringe und was ich lerne. Genauso würde ich, wenn ich die Wahl hätte, nie meine Zeit damit verschwenden arbeiten zu gehen, also meine Lebenszeit in ein paar Münzen einzutauschen. Acht Stunden am Tag immer wieder das selbe zu machen, hinter einer Supermarkt-Kasse zu sitzen, irgendwelche „Kunden“ zu bedienen, oder am Computerbildschirm zu hängen.

Natürlich, müssen tun wir nichts, ich hätte auch einfach nicht mehr in die Schule gehen können, oder könnte einfach nicht mehr zur Arbeit gehen. Bis mir das Geld ausgeht, ich Stress mit Bullen oder dem Arbeitsamt kriege, oder ich irgendwann einfach auf der Straße wohne.

Und dann? Auch wenn ich weder in die Schule noch arbeiten gehen würde, mein Leben wäre genauso wenig selbstbestimmt wie davor. Ich müsste vielleicht nicht mehr um halb sieben aufstehen, aber ich müsste immer noch aufpassen nicht beim Schwarzfahren erwischt zu werden, oder könnte immer noch nicht meinen besten Freund küssen, ohne komisch angeschaut zu werden.

Ich muss also doch so einiges tun um, wenn schon nicht zu leben wie ich will, wenigstens zu überleben. Ich muss arbeiten gehen, ich muss für Dinge, die ich haben will bezahlen und ich muss mich auch von der Polizei kontrollieren lassen.

Selbstverständlich gibt es aber auch die schönen Momente im Leben. Doch die habe ich bis jetzt immer nur erlebt, wenn ich für mich selbst entschieden habe, das zu machen worauf ich gerade Lust habe. Und zwar ohne auf jegliche Regeln oder Verpflichtungen Rücksicht zu nehmen. Wenn ich mit Freund_innen draußen in der Sonne gesessen bin, als ich meinen Chef verarscht habe, zusammen mit anderen die Schule geschwänzt habe, bis in die Morgenstunden gefeiert habe ohne darauf zu achten, ob ich am nächsten Morgen früh aufstehen musste, spontan was Verrücktes gemacht habe, oder der Adrenalin-Kick, wenn ich was Verbotenes mache. Aber warum machen diese Momente, jene Momente, die sich wirklich nach Leben anfühlen nur einen so kleinen Teil unseres Alltags aus? Sollte sich nicht jeder Augenblick unsere Lebens so wie diese Momente anfühlen?

Ich finde schon. Ich finde für ein Leben, in dem jeder Tag, jede Minute, ja jede Sekunde selbstbestimmt ist und nach Freiheit schmeckt, lohnt es sich zu kämpfen. Kämpfen heißt für mich Leute zu finden, die diese Welt genauso scheiße finden wie ich, darüber zu reden und zusammen die Dinge, Verhaltensweisen und Personen, die verhindern, dass sich mein Leben so anfühlt wie ich es will, anzugreifen und aus meinem Leben zu vertreiben.

Ich will wirklich leben und nicht nur überleben, mich nicht nur von Tag zu Tag weiter dazu zwingen zu funktionieren, sondern diese Welt gemeinsam mit anderen nach unseren Bedürfnissen komplett neu zu erschaffen. Die meisten Leute entgegnen mir dann, dass ich, wenn ich etwas ändern will, doch einer Partei beitreten solle, dieses oder jenes Politiker-Schwein wählen soll oder eine Petition einreichen soll.

Wenn ich die Grundlagen meines Alltags und unseres Zusammenlebens umkrempeln und selbst lenken will, kann das niemand durch irgendeine Art von Politik übernehmen und kein_e Politiker_in kann mir bei dieser Änderung helfen. Abgesehen davon, dass ich diesen Kampf also sowieso selbst führen muss, ist Politik an sich eine entfremdete und langweilige Sache. Politik heißt meiner Meinung nach, dass irgendwelche Menschen, die nichts mit mir zu tun haben, die ich meistens noch nicht ein einziges Mal in meinem Leben persönlich gesehen habe, geschweige denn mit ihnen geredet habe, über die Dinge die mein und unser Leben betreffen in irgendwelchen Treffen oder Parlamenten entscheiden. Da wir dann gezwungen sind diese Entscheidungen auch zu befolgen und unsere persönlichen Konflikte, gemeinsamen Entscheidungen oder Abmachungen zu übergehen oder in den Hintergrund zu drängen, spielt sich Politik immer getrennt von unserem täglichen Leben ab und nimmt uns so die Möglichkeit selbst über unsere Leben zu entscheiden.

Politik heißt uns zu kontrollieren, damit sich unsere Aktivitäten nicht von den Fesseln der Arbeit und Pflicht befreien.

Für eine andere Welt zu kämpfen hat für mich also nichts mit Politik zu tun, es geht mir eher darum, alle Sachen, die mich daran hindern zu zerstören und nicht zu verändern oder abzuschaffen, denn das würde wieder heißen Politik zu machen.

Die Verhältnisse die uns unterdrücken, durchdringen unser ganzes Dasein, sie sind überall um uns herum, und wir reproduzieren sie tagtäglich, wie z.B. sexistisches oder rassistisches Denken und Verhalten, Gehorsamkeit gegenüber Autoritäten, Religionen… Aber diese Verhältnisse zeigen sich nicht nur in meinem und deinem Kopf, sondern treten auch ganz offensichtlich überall zu Tage und lassen sich dort auch angreifen. Die Bullen, die irgendwo rumstehen und mich kontrollieren bzw. schikanieren, die Überwachungskameras, die fast schon an jeder Ecke zu hängen scheinen, die Lehrer, die Schulen, die Securities, all die Chefs, die Kirchen, die Knäste, das Arbeitsamt, der Arbeitsplatz, ganz zu schweigen von all den anderen Gebäuden und Technologien, die nur existieren um uns zu überwachen und zu unterdrücken und sonstigen Personen die bestimmen wollen, wie ich zu leben habe und uns darin hindern, unser ganzes Potenzial frei zu entfalten.

Ich will zusammen mit allen Feind_innen jeglicher Autorität eine neue Welt aufbauen. Eine Welt ohne Chefs, Lohnarbeit und sonstigen Zwängen. Eine Welt die geprägt ist von gegenseitiger Hilfe und unendlichen Möglichkeiten. Eine Welt mit echten Abenteuern, in der wir jederzeit unser Leben selber in der Hand haben.

Ich glaube diese Welt ist erst möglich, wenn wir zusammen auf den Ruinen der heutigen Städte, Gefängnisse, Polizeistationen, Parlamente und Grenzen stehen.

Erwiderung

von Hyman Roth

Es gibt gute Nachrichten. Die anarchistische Medienlandschaft ist um „Fernweh – anarchistische Straßenzeitung“ aus München reicher geworden. Und der Fundus der anarchistischen Theorie wurde um den redaktionellen Artikel „Bist du frei“ bereichert. Soweit zu den guten Nachrichten. In die Sparte „nicht so gute Nachrichten“ muss leider der Inhalt des Textes verzeichnet werden. Dort steht:

"Wenn ich die Grundlagen meines Alltags und unseres Zusammenlebens umkrempeln und selbst lenken will, kann dass niemand durch irgendeine Art von Politik übernehmen und kein_e Politiker_in kann mir bei dieser Änderung helfen. Abgesehen davon, dass ich diesen Kampf also sowieso selbst führen muss, ist Politik an sich eine entfremdete und langweilige Sache. Politik heißt meiner Meinung nach, dass irgendwelche Menschen die nichts mit mir zu tun haben, die ich meistens noch nicht ein einziges Mal in meinem Leben persönlich gesehen habe, geschweige denn mit ihnen geredet habe, über die Dinge die mein und unser Leben betreffen in irgendwelchen Treffen oder Parlamenten entscheiden. Da wir dann gezwungen sind diese Entscheidungen auch zu befolgen und unsere persönlichen Konflikte, gemeinsamen Entscheidungen oder Abmachungen zu übergehen oder in den Hintergrund zu drängen, spielt sich Politik immer getrennt von unserem täglichen Leben ab und nimmt uns so die Möglichkeit selbst über unsere Leben zu entscheiden.

Politik heißt uns zu kontrollieren, damit sich unsere Aktivitäten nicht von den Fesseln der Arbeit und Pflicht befreien.

Für eine andere Welt zu kämpfen hat für mich also nichts mit Politik zu tun, es geht mir eher darum, alle Sachen, die mich daran hindern zu zerstören und nicht zu verändern oder abzuschaffen, denn das würde wieder heißen Politik zu machen.

Die Verhältnisse die uns unterdrücken, durchdringen unser ganzes Dasein..."

Ab dem zweiten hier zitierten Satz wird es schräg. Man kann herrschende Politik für vieles kritisieren, aber „Langeweile“ ist ein seltsames Kriterium. Man kann durch Analyse der Verhältnisse zum Schluss gelangen, dass einige, sehr grundsätzliche Dinge sich nicht auf parlamentarischem Wege ändern lassen, aber es ist was ganz anderes, wenn man für Revolution ist, einfach weil man brennende Barrikaden (und eventuell damit verbundenes Blutvergießen) lustiger findet als ewiges Verhandeln bei irgendwelchen Gremientagungen. Es gibt Radikalität, die nach dem Prinzip „so radikal wie die Wirklichkeit“ entsteht. Dies impliziert die analytische Auseinandersetzung mit eben dieser Wirklichkeit, also auch mit „langweiligen“ Strukturen. Und es gibt die revolutionäre Romantik. Beides sollte nicht durcheinander geworfen werden.  
Es stimmt, dass in der parlamentarischen Demokratie Vertreter und Vertretene einander oft nicht kennen. Aber ist es ausgerechnet das, was daran zu kritisieren wäre? Denn dieses Problem lässt sich leicht beheben. Jeder Abgeordnete hat ein Büro in seinem Wahlkreis, da kann man hingehen und den Vertreter kennenlernen. Bloß was wird dadurch besser? Wenn ein Gesetz zu Ungunsten einzelner Bürger ausfällt, liegt es nicht daran, dass die zum Gesetzeerlassen ermächtigten Abgeordneten die Betroffenen nicht kennen.

Wenn man nicht sein Leben in einer abgeschotteten Dorfgemeinschaft verbringen möchte (was für sehr viele Menschen keine attraktive Option ist), wird man in jeder Gesellschaftsform auf Menschen, die man nicht persönlich kennt angewiesen sein. Was das Problem an dieser „Entfremdung“ (was auch immer das für ein Ding das sein soll) sein mag, ist nicht klar. Arbeiter in riesigen Betrieben oder gar in ganzen Branchen beschließen zu streiken nicht weil die sich alle persönlich kennen und sympathisch finden, sondern weil sie ein gemeinsames Interesse sehen und es für so wichtig halten, dass sie unter Abstraktion von allen sonstigen Unterschieden in gemeinsame Aktion treten.  Ein Protest gegen Abschiebung findet hoffentlich nicht nur dann statt, wenn die davon Bedrohten allen wohlbekannt und ursympathisch sind.
Politik kann es Freunden der revolutionären Unmittelbarkeit nie Recht machen, weil sie immer einer Vermittlung bedarf. Wenn man das ganze gesellschaftliche System umkrempeln will – und das eben nicht als Putschaktion von einigen ganz doll Entschlossenen und Unangepassten, sondern zusammen mit der Mehrheit, muss diese Mehrheit ja irgendwie überzeugt werden.  Dabei können nicht alle sich gegenseitig kennen, jeder mit jedem befreundet sein. Es kann dabei auch schwer vermieden werden, dass man „persönliche Konflikte“ nicht in den Hintergrund drängt. Persönliche Zu- und Abneigungen sind keine gute Grundlage für das gesellschaftliche Zusammenleben. Was wäre besser, wenn ein Bäcker darauf achten wurde, dass seine Brötchen ja nicht von Leuten verzehrt werden, die er nicht mag? Oder wenn mitten in so formell-entfremdeten und angeblich vor allem deswegen bösen, bürgerlichen Rechtstaat ein Sachbearbeiter Sozialhilfe nach dem Prinzip verteilen wurde „wenn mag ich“?  Oder will man eine Produktionsweise haben, bei der erst geschaut wird, ob ein Mensch sich durch persönliche Eigenschaften als würdig erwiesen hat,  auch für seine Bedürfnisse etwas zu produzieren?

Arbeitsteilung, Planung und Organisation von komplizierten Produktionsabläufen kann sicherlich nicht komplett nach dem Lustprinzip geschehen, aber ohne all das wäre man die ganze Zeit der Natur und damit dem Mangel an allem möglichen ausgeliefert.

Ein anderer Punkt ist: wenn man eine Programm der Weltveränderung fährt, die z.B. Privateigentum abschaffen will, dann kollidieren die eigenen Interessen mit den Interessen derjenigen, die wollen, dass alles so bleibt, wie es ist. Sich gegen deren Interessen durchzusetzen impliziert auch solche (den Autoren des „Fernweh“-Textes verhasste) Dinge wie Kontrolle über deren Aktivitäten oder Entscheidungen über ihr alltägliches Leben, die ihnen eventuell nicht passen. Will beispielsweise Jemand weiterhin Immobilienbesitzer sein und irgendwelche Leute (die er bis dahin nicht mal gesehen hat) hindern ihn daran, , dann ist das Zwang. Man kann nicht so tun, als wäre es das nicht – sonst ist es eine Mogelpackung: Freiheit ist unsere Freiheit den anderen unsere politische (jawohl, das ist dann politisch) Vorstellungen aufzudrücken, aber in der umgekehrten Variante ist es dann keine Freiheit. Die politischen Fragen werden unter tiefsinnigen“ Begriffen wie „Dasein“ und „Leben“ versteckt.

1. EMail

von Tuli (Redaktionsmitglied)

Hey,

erstmal Danke für deine Einsendung. Aber ich habe mich gegen eine Veröffentlichung ausgesprochen und das wurde dann auch in der Redaktion so angenommen. Ich möchte dir begründen wieso.

Prinzipiell ist die Thematik eine interessante, denn wie mir scheint, stoßen hier zwei Sorten von Anarchismen auf einander. Einerseits ein eher gesellschaftlich-bewegungs orientierte Anarchismus, auf der anderen Seite ein Anarchismus der die eigene Subjektivität betont und stärker auf eine Lebenshaltung abzielt. Nun diese Spaltung ist im Anarchismus wohl von Anfangen vorhanden und zwar in noch einer etwas anderen Form schon zwischen Stirner und etwa Kropotkin. Heute stehen für diese Unterschiede etwa der Anarchosyndikalismus auf der einen Seite und CrimethInc. auf der anderen.

Wir sind, wie gesagt, prinzipiell an der Thematik interessiert und würden auch gerne Texte (von dir oder anderen) dazu veröffentlichen. Das Problem ist nur, dass wir bzw. ich nicht das Gefühl habe, dass die Spannung in deinem Text produktiv wird. Vielmehr scheinen mir du und der_dir Fernweh-Autor_in aneinander vorbei zu reden.

Die Ursache liegt meines Erachtens (auch) daran, dass du die längere Debatte dahinter nicht im Text reflektierst. Daher möchte ich dir ein paar Hinweise dazu geben. Ein fast schon klassischer Text ist etwa von Murray Bookchin " Social Anarchism or Lifestyle Anarchism - An Unbridgeable Chasm" lässt sich hier lesen: http://libcom.org/library/social-anarchism--lifestyle-anarchism-murray-b...

Auf den gibt es aber noch haufenweise Antworten, zum Beispiel die sehr polemische von Bob Black mit dem Titel "Anarchy after Leftism ": http://theanarchistlibrary.org/library/bob-black-anarchy-after-leftism

Auf diese Polemik gibt es wiederum Antworten und soweiter. Und das ist nur die Diskussion in den englisch sprachigen Raum. Eine neuere Diskussion, die mir damit verwandt scheint, entzündete sich insbesondere um das Buch "Black Flame" von Michael Schmidt und Lucien van der Walt. Hier 'ne Rezension von Gabriel Kuhn dazu: http://www.anarchiststudies.org/node/529

Nun muss ich gleich mal was zu geben, ich habe keinen der beiden Texte selbst gelesen und auch nicht "Black Flame", nur Zusammenfassungen der Debatte. Ich bin da also auch selbst kein Experte. Ich will dir nur 'nen Fingerzeig geben, in welche Richtung du weiterlesen kannst. Und es gibt da schon verdammt viel dazu zu lesen. (Leider fast nur im englischsprachigen Raum.)

Wir würden uns freuen von dir einen Text zu bekommen, indem du deine Kritik noch einmal formulierst und zwar vor dem größeren Hintergrund. Auch sonst stehen wir selbstverständlich für Einsendungen von dir offen.

Also lass dich nicht entmutigen, sondern nimm es als Ansporn!

schöne Grüße,

Tuli

2. EMail

von Hyman Roth

Hallo,

ich habe eigentlich auf eine Debatte entlang der beiden Texten gehofft, weniger auf Global-Schlacht mit irgendwelchen Strömungen aus aller Welt, die vom Hörensagen bekannt sind. Würde mich aber über Kritik an meinen Thesen mehr feuen, als über Verweise auf (bestimmt auch spannende) Autoren, die weder "Fernweh", noch ich zitieren.

Aber wenn ich, etwas umbescheiden, auch mal einen Lektütetipp geben darf:

Hyman Roth: Gegen "wahre Leben". In: Interim - Polit-Info aus Berlin. Nr. 733. 21.10.2011. S. 30. (leider nicht online)

Viele Grüße,

Hyman Roth

3. EMail

von Tuli (Redaktionsmitglied)

Naja, das ist eigentlich der Punkt den ich machen wollte:

Deine Thesen gehen meines Erachtens ins Leere, weil du eben die Global-Schlacht, die stattfindet nicht mitbedenkst. Du kannst nicht so tun als könntest du deine Thesen in einen theorieleeren Raum posten, weil sie nun einmal in eine bereits bestehende Welt eingreifen wollen. Zudem antwortest du ja auf einen Text, der aus einer Theorie herauskommt (auch wenn er sich dies vielleicht selbst nicht bewusst genug ist), deswegen ist es falsch so zu tun, als stünde der Text nur für sich oder als könnte deine Antwort nur für sich stehen.

Du kritisiert am Fernweh-Text das Bild von einer sozialen Ordnung, das er dir vermittelt, aber das geht meines Erachtens schlichtweg am Kern vorbei, weil der Text ja gar keine soziale Ordnung vorschlagen möchte, sondern eben ein Lebensgefühl ausdrückt. Du müsstest also erst die Vorstellung im Hintergrund aufnehmen um zu diesem Punkt kommen zu können, nur dann hättest du überhaupt einen gemeinsamen Boden für Kritik.

Es ist notwendig sich auf einen Text und die dahinter stehende Theorie einzulassen, bevor es möglich ist substanzielle Kritik an ihm zu üben. Wir können nur theoretische Fortschritt machen, wenn wir nicht allein unsere Thesen als solche veröffentlichen, sondern wenn wir auch den Gesamtzusammenhang bedenken.

Wenn ich meine Thesen aus einem bestimmten theoretischen Hintergrund heraus veröffentliche und du deine gegenthesen veröffentlichst aus einem anderen theoretischen Hintergrund heraus, was ist dadurch gewonnen? Dann führen wir zwei Monologe, die lediglich jeweils die Stichwörter des anderen aufgreifen.

Dein Text über "wahres Leben" würde mich sehr interessieren, da ich bei der anarchistischen Buchmesse in Mannheim einen Vortrag zum Begriff des Lebens bei Stirner und Nietzsche halten werden, bei dem es genau um das Thema gehen wird. Hast du ihn gar nicht am Computer, so dass du ihn mir schicken könntest? Sonst muss ich wohl in den nächsten Infoladen latschen...

schöne Grüße,

Tuli

p.S.: Nur um es klar zu stellen: Was ich hier schreibe ist meine theoretische Position und entspricht nicht zwangsläufig der der gesamten systempunkte.org-Redaktion.

4. EMail

von Hyman Roth

Ja, aber woher willst du wissen, was deren Theorie-Hintergrund ist, wenn die darüber nichts sagen? Vllt. haben die all diese Texte gar nicht gelesen, die du ebenfalls nicht gelesen hast, aber irgendwie für so wichtig hälst, dass man ohne die nicht diskutieren kannst. Der Text wurde in eine Polit-Zeitschrift abgedruckt, Anarchismus ist eine bestimmte Haltung zur Staat – und Haltung zu Staat ist immer politisch.  Zur deren Lebensgefühl kann ich nichts sagen – wenn die sich so fühlen, ist es halt so. Aber die veröffentlichen es, sie schlagen halt vor, aus solchen Gefühlen heraus zu handeln. Wenn Lebensgefühl zum Ausgangspunkt der Politik wird, dann ist es einfach eine andere Sache. Und da kann man die schon auf die Konsequenzen davon ansprechen. Ohne die gleich zu fragen, ob die auch die Debatten aus den letzten beiden Jahrhunderten dazu kennen.

Mir ist es doch egal wie belesen oder unbelesen die sind.

Den Text aus "Interim" muss ich irgendwo auf alten Datenträger suchen, blöd, dass Interim nicht online ist. und ob es die Position der Redaktion oder nur von dir ist (dein Veto scheint ja zu genügen) – es wäre vllt. gerade für mehr an Theorie-Diskussion (die du gerade vermisst) besser, Debatte stattfinden zu lassen ohne auf abgeschlossenes Philosophie-Studium zu pochen. Mich würde schon interessieren, was die Leser von SP über den Streit denken, weniger was schon Stirner, Kropotkin oder wer auch immer noch über "soziale Ordnung" dachten.

5. EMail

von Tuli (Redaktionsmitglied)

Du hast das mit dem Theorie-Hintergrund falsch verstanden. Ich behaupte nicht, dass die das jetzt alles gelesen haben. Im Gegenteil würde ich eher darauf tippen, dass dem leider nicht so ist. Die Autor_innen kommen aber dennoch aus einem Diskurs heraus, den zu
kennen für eine gute Kritik meines Erachtens notwendig ist. Meine Linktipps waren also nicht im den Sinne von: "Die haben das gelesen, also musst du das auch lesen, um sie zu verstehen" gemeint, sondern vielmehr als ein Fingerzeig auf eine mögliche Herangehensweise an den Diskurs. Die These die dahinter steht ist ganz einfach: Wir sagen immer mehr als den einfachen Satz, der irgendwo steht, da es Rückbezüge gibt, Färbungen der Worte durch Gebrauch in bestimmten Kontexten, Anspielungen, vorgeformte Gedanken und soweiter.

Ich weiche aber nicht von dem Punkt ab, dass es wichtig ist die Entwicklung der theoretischen Diskussion zu bedenken. Theoretischer Fortschritt ist – wenn überhaupt – dann ausschließlich unter dieser Bedingung möglich. Wenn wir unter einer ständigen Theorie-Amnesie leiden, werden wir uns wahrscheinlich nur im Kreise drehen. Und du hast recht, ich vermisse Theorie-Diskussionen, aber ich vermisse vor allem solche, die uns theoretisch voranbringen, nicht solche, die sich einfach nur ewig im Kreise drehen. Das mag bedeuten, dass es eine gewisse Schranke von vorheriger Lektüre für das Mitdiskutieren gibt. Mein Ziel ist es aber nicht die Schranke abzuschaffen, sondern vielmehr Menschen zu ermöglichen sie zu überwinden. Oder anders formuliert: Ich möchte nicht den Anspruch der Theorie abschaffen, sondern dazu beitragen, dass mehr Menschen ihn erfüllen können.

Noch eine Anmekrung: Selbstverständlich kannst du nur mal die logischen Konsequenzen eines Textes aufzeigen. Das bringt aber nichts, wenn der Text nicht auf logische Kohärenz setzt, sondern Expression einer subjektiven Empfindung sein soll (eine mögliche Lesart, ich weiß nicht, ob es jene des_r Fernweh-Autor_in ist).

Mein Vorschlag wäre nun folgender: Wir veröffentlichen bei systempunkte.org den Fernweh-Text, deine Erwiderung plus unseren EMail-Verkehrs. Wäre das in deinem Sinne? (Klausel: Ich habe jetzt noch nicht die Zustimmung der anderen Redaktions-Mitglieder dafür.)

schöne Grüße,

Tuli

6. EMail

von Hyman Roth

Einverstanden, aber woher bitte nochmal die Rechtschreibung checken :)


Kommentare

Eine Antwort auf Antworten
oder: Weiterführung eines Monologs

Nun, es wurde viel über uns geschimpft und wir fassen das als Bestätigung auf, durchaus nichts derartig lächerliches gesagt zu haben, dass es euch nicht wert gewesen wäre, es zu kritisieren. Form und Inhalt und so...

Das "Konstrukt" wirft uns vor, dass, wenn wir unser Leben (das wir nirgens als "echtes Leben" - was durchaus etwas essentialistisch wäre - bezeichnet haben), "nur durch die negative Abgrenzung zu den Verhältnissen" begreifen, " man dann aber nicht über diese Verhältnisse redet,(...) nur ein diffuser Begriff von Abweichung" übrig bleibt. Mal abgesehen davon, dass wir durchaus von den Verhältnissen reden (auch wenn vielleicht nicht so, wie es ein "Konstrukt" verlangen würde), aber eben nur "negativ abgrenzend", fragen wir uns wieso immer dieses "nur"?

Ist "diffuse Abweichung" nicht genau das, was die Verhältnisse unterwandert, die ersten, eben noch diffusen Zeichen der Subversion? Ist "das eigene Empfinden" nicht sowieso der (einzig mögliche) Massstab jeglicher Wahrnehmung? Oder sollten wir uns lieber hinter Bergen von Theorien, Konstrukten und abgehobenen Gelaber verstecken, die trotz allem noch immer Produkt des eigenen Empfindens von wem auch immer (gewesen) sind? Das macht ja selbst "Konstrukt" nicht. Doch weiter in "Konstrukts" Text:

"Wesentlich ist nicht ob diese Entscheidung von einem selbst oder von anderen getroffen wird, sondern was der Inhalt einer Entscheidung ist", sagt er_sie und kommt mit Beispielen, die nichts mit dem von "Fernweh" gesetzten Zusammenhang zu tun hat. Der ursprüngliche Zusammenhang war offensichtlich der der Politik, und das ÜBER unser "Dasein" von anderen entschieden wird, eben durch Politiker_innen, Bürokraten, etc. Offensichtlich sind wir nicht alleine auf der Welt, weshalb auch immer etliche Menschen Entscheidungen treffen die unser Leben betreffen. Hoffentlich auch! Aber, ganz etwas anderes ist es, wenn jemand uns beherrscht, und dann Entscheidungen über uns trifft (die Entscheidungen betreffen uns dann nicht nur, sondern sie werden uns aufgezwungen, schalten unsere autonome Entscheidungsfähigkeit aus). Dieser Unterschied ist wohl nicht so schwer zu begreifen...

Die Herrschaft ist es, was wir kritisieren wollen - wohl recht naheliegend bei Anarchist_Innen - die Herrschaft als Form, egal welchen Inhalt sie hat. Ob jetzt Merkel oder Steinbrück oder irgendeine linke, grüne Oppositionspartei, dieser "Inhalt" ist doch offensichtlich scheissegal. Und genauso verhält es sich mit allen kleineren und grösseren Herrschaftsgebilden (von Kleinfamilie bis Kirche).

Kleine Anmerkung zwischendrin: auch wenn das "Konstrukt" unsere Aussage aus dem Zusammenhang gerissen hat, wollen wir folgendes noch anmerken: Die Menschheit hat 95% ihrer Existenz ohne "Arbeitsteilige Gesellschaft" in Konstrukts Sinn verbracht, nicht das wir eine "arbeitsteilige Gesellschaft für absolut verwerflich halten, aber im heutigen Ausmass ist gerade der Medizin/"Gesundheitsversorgung"-Komplex ein riesiges Machtgebilde, das die Menschen in extremster Abhängigkeit hält. Wenn x nun allen eine solche "Gesundheitsversorgung", gar eine "optimale" zukommen lassen will, so wird er sich wahrscheinlich auf diesen Komplex stützen. In einer anarchistischen Perspektive wäre es wohl vor allem Interessant, wie gelernt werden kann, befriedigend zu leben ohne wegen jedem Scheiss zum Spezialisten rennen zu müssen. Und wer uns jetzt sagt, die moderne Medizin und so, alles voll geil, und vorher sind doch alle Menschen wegen Pipifax krepiert, der befasse sich mal mit der Hexenverfolgung, bzw. ihrer ökonomischen und gesellschaftlichen Funktion... Das Diebstahl ein befreiender Akt sei, hat so niemand gesagt und ein schöner Lebensmoment ist es für die einen, z.B. mich, für Konstrukt halt eben nicht (wurde wohl zu oft erwischt...?). Das der Ladendiebstahl das Eigentum nicht abschafft ist wohl klar (hat auch keiner gesagt), aber der Einkauf macht eben wohl eher gerade das Gegenteil, er akkumuliert es. Und ganz bestimmt ist z.B. die Plünderung eine praktische Infragestellung des Eigentums, und eben, die aufständische These ist: Kleine Revolten können auch zu grösserem motivieren.

Und so kommen wir zum nächsten Punkt, nämlich "dass sich eine Gesellschaft nur dann verändert, wenn deren Mitglieder mehrheitlich eine andere Gesellschaft wollen." Was zwar logisch klingt, aber nichtsdestotrotz falsch ist. Eine Gesellschaft verändert sich immer, und die Ausblendung aller Konflikte, bzw. ihre Verdrängung als "Kriminalität" ist genau die falsche Perspektive, die uns in der Schule verzapft wird. Wenn "die Mitglieder"(sic!) der Gesellschaft mehrheitlich eine andere Gesellschaft wollen, wird nur der Konflikt offensichtlicher, liegt die gewollte, andere Gesellschaft in näherer Greifweite (vorausgesetzt der Wille wird zur Tat). Aber, in Zeiten der Befriedung, z.B. hier und heute, gibt es eben "bloss diffuse Abweichungen", die manchmal in den Polizeistatistiken auftauchen und manchmal komplett unsichtbar bleiben (ja, sich vielleicht erst im Kopf abspielen), die aber, werden sie massenhaft, eben zu Aufständen, Revolutionen führen können (nicht müssen).

Hyman und der Carli

Und da wären wir schon beim nächsten Text: Dort wird uns verzapft, das wir Politik machen würden. Als Beispiel, wie realitätsfremd Carl Schmitts Politikbegriff ist, kommen wir auf ein aktuelles Beispiel wo "diffuse Abweichungen" zu revolutionärem Prozess geführt haben, nämlich in Tunesien, wo Hooligans bekanntlich extrem viel zur Revolution beigetragen haben. Hooligans, die wohl in keinem Land für politisch gehalten werden, sondern für Vandalen (daher Leute, die die Symbole der Macht, bzw. ihre Symbolik angreifen). Genauso wird wohl keiner die Tausenden Engländer die 2011 revoltierten für "politische Leute" halten. Diesen wird von den Herrschenden wie von Linken allgemein ihre Unpolischkeit vorgeworfen, auch wenn es für sie ein Politikum ist, da es ja zumindest die Polis (Stadt) betrifft. Da wir aber die Stätdte brennen sehen wollen, sind wir zwar für die Herrschenden ein Politikum, was uns aber nur für sie politisch macht. Denn wir wollen nicht eine andere Verwaltung der Polis, sondern gar keine Verwaltung, Regierung, Demokratie, etc...

"Eure Versuche "Freiheit" mit Inhalt zu füllen sind schlicht Lyrik"

Doch natürlich geht es Hyman nicht darum. Trotzdem soll Fernweh eine "Polit-Zeitschrift" sein, wofür Hyman aber die Fernweh lustigerweise dann kritisiert, ist, dass sie diesem Anspruch, den sie ja gar nicht stellt, nicht genügt. Z.B. ist für Hyman anscheinend "Langeweile" kein genügender Grund, um dieser Welt den Krieg zu erklären. Er kann sich nicht vorstellen, dass das Bedürfnis nach mehr, danach, nicht das ganze Leben lang in sinnloser Arbeit, sinnlosem Konsum, Abhängigkeit und erdrückender Passivität, zu fristen, einem dazu führen könnte mit grösster Ernsthaftigkeit gegen diese Gesellschaft zu kämpfen. Ja, Langeweile nennen wir das, wenn das Leben an dir vorbeizieht, isoliert, an dem Platz (Schule, Arbeit, whatever) an dem dich die Macht sehen will, alles über sich ergehen zu lassen. Das ist Langeweile, und sie ist ein massives soziales Problem. Es verkümmern die Sinne, die Fantasie, das Leben. Gesamtgesellschaftlich bedeutet das Eiszeit. Die Langeweile ist, wenn mensch so will, zumindest in Westeuropa, ein gesellschaftliches Leiden (natürlich nicht das einzige) und durch Einsicht darein kann Revolution entstehen.

Nehmen wir mal an, dass das Hyman für unpolitisch (und Konstrukt für bescheuert) hält, was auch stimmt und unsere Offensive gegen diese Welt wird trotz alledem weitergehen. Die Offensive von so vielen, die genug haben, die wissen wer ihre Feinde sind, und trotzdem sich nicht durch irgendwelche politischen Forderungen selber verarschen... Was die Theorie anbelangt, so unterstellt Hyman uns, das wir alle Theorie langweilig finden würden, obwohl ich zum Beispiel die "Theorie des Partisanen" ganz spannend fand, was mich aber keinesfalls dazu motivierte Schmitt´s militärische Begriffspalette zu übernehmen, trotzdem können wir ja durchaus etwas lernen, wenn unsere Feinde über uns schreiben. So scheint Schmitt den Gegenstand durchaus gut zu erfassen, trotz allem sprechen wir aber eine andere Sprache, nämlich nicht die von politischen Theologen bzw. Katholen und ähnlichen Figuren, und auch nicht die der Studenten, Schrifttreuen und Linken, sondern halt eine anarchistische, eine "so wie uns das Maul gewachsen ist".

Wir sind durchaus nicht theoriefeindlich, werden dies hier aber keinesfalls beweisen, und sagen nur, das es eine sehr üppige Welt anarchistischer Theorie gibt, die du auch finden wirst, wenn es dich denn interessieren würde. Zwischenspiel - Ode an die Barbarei Theoriefeindlich - ein erbärmlicher Vorwurf aus dem Repertoire der Diskreditierung und Podiumsdiskussionen bei dem einem wohl die Hutschnur platzen muss, wenn man die Gewissheit gebunkert hat, den vollkommenen historischen Materialismus in der Hintertasche stecken zu haben. Das haben wir aber zum Glück nicht.

Natürlich könnten wir uns jetzt in bester politischer Manier die Mühe machen möglichst viele Querverweise und Zitate anzuhäufen und unseren Thesen so einen theoretischen Unterbau einzuhauchen oder gar einen x-beliebigen Soziologen heranziehen, der dass und dass ganz anders definiert als der gute Hyman und darüber hinaus noch viel intellektueller formuliert.

Wenn uns an irgendwelchen Pseudo-Diskussionen auf unscheinbaren Internetblogs viel liegen würde oder es unser Ziel wäre das Archiv der Nicht-Zeitung "linke undogmatische Zeitung in München" mit Inhalten zu nähren, würden wir auch "Tuli" erklären wieso wir sogar Kropotkin etwas abgewinnen können, wieso wir keine Crimethinc.-Fans sind und den Anarchosyndikalismus trotzdem unterirdisch finden. Das würde dann wahrscheinlich zu noch mehr verwirrten Beiträgen führen, doch da dank Bikepunk 089 ohnehin schon ARAB, ...um's Ganze!, Fernweh und hastdunichgesehen - Zitate in einen Mixer gehauen wurden, ist der amüsante Beitrag ohnehin schon geleistet.

Doch wir wollen nicht abschweifen: Da Hyman Tuli anfänglich verzweifelt um Hilfe bat: "Ja, aber woher willst du wissen, was deren Theorie-Hintergrund ist, wenn die darüber nichts sagen?" und es ihm dann zum Glück doch egal ist "wie belesen oder unbelesen die sind", fragen wir uns wieso er diese gewagte Unterstellung der Theoriefeindlichkeit im Stil des belehrenden Akademikers - in der Linken der Rotwein schwenkend, in der Rechten die Feder schwingend - von oben herab aufstellt. Wenn Hyman seine theoretische Überlegenheit von vorne herein so klar gewesen ist, hätten die wenigen einfachen und klaren Worte des "Bist du frei?"- Textes ihn doch wohl nicht zu so einem Tintenfluss provoziert - oder doch?

Für uns ist Theorie eine Ebene, die Hand in Hand mit Praxis geht. Andersherum gilt dasselbe und deshalb versuchen wir dieses Spannungsverhältnis Tag für Tag umzusetzen indem wir versuchen zu tun was wir denken und wollen und dieses Denken fortwährend weiterentwickeln, hinterfragen und damit in der Praxis experimentieren. Das ist der einfache Grund warum die Theorien mit denen wir uns beschäftigen, die wir lesen, schreiben und diskutieren in erster Linie von der Frage ausgehen "was will ich?", "wie erreiche ich das?" und "wie setze ich dies im Verhältnis zu meinem alltäglichen Leben, Kämpfen und Projekten um?".

Somit stehen die Theorien mit denen wir uns auseinandersetzen in direktem Bezug zu unserem Leben. Jeder Diskurs über das Individuum oder Subjekt, der keine Brücke zu mir selbst schlägt, bleibt ein intellektuelles Stelzenpferd. Meinen eigenen Willen, meine Bedürfnisse, Sehnsüchte und Feindlichkeiten in die Tat umzusetzen oder diese eben genauso roh und nach Zerstörung eifernd aufs Papier bringen, ist wohl der springende Punkt der Hyman unangenehm aufstößt. Der Hang zum Destruktiven, diese generelle Negation, die nicht vom Status Quo zu integrieren ist - all das kann Hyman nicht so recht nachvollziehen.

Ein Haufen Anarchist_innen, die ihren wilden und unbändigen Ideen ohne Umschweife in die große Welt posaunen, die klipp und klar von Aufstand, Hass und Angriff reden, die sich nicht der an Mediation orientierten Sprache der Polis beugen - all das sind wohl Indizien, die Hyman die barbarischen Charakterzüge erahnen lassen und ihn zur Intervention verleiten. Und so kommt Hyman geschwind auf seinem Schmitt'schen Schlachtross angaloppiert, besteigt das linke Rednerpodest und ruft mit aller Leibeskraft in den unbekannten und sich so unkontrollierbar gebärdenden "Fernweh"-Wald. Um diese Barbaren zu zivilisieren, zur Besänftigung zu blasen, die Dummheiten ihres jugendlichen Leichtsinns zu entblößen und anschließend natürlich den gerechten Weg in Richtung der politischen Schule zu zeigen. Da wird dann alles analysiert, erklärt und begriffen. Und dann, erst (!) dann, wenn wir uns all das angeeignet haben, dürfen wir uns erlauben von Praxis zu reden und uns auf die Suche nach Anhängern zu begeben. Wenn wir schließlich der Menschheit die frohe Botschaft verkündet haben und alle zum Anarchismus konvertiert sind, begeben wir uns gemeinsam auf den Kreuzzug ins gelobte Land und vegetieren in der Herrschaftslosigkeit der idealen Gesellschaft.

The Struggle continues

Auf einen Punkt möchten wir noch genauer eingehen, nämlich zum Thema technische Überlegenheit vs. zahlenmässige Überlegenheit, und damit auch auf gewisse Missverständnisse bezüglich Agitation et cetera. Wenn wir sagen wollen, dass wir nicht bekehren wollen, nicht Mitglieder sammeln wollen (wir sind noch selbst nicht mal Mitglied von irgendwas...) und so, meinen wir damit wohl kaum, das wir nicht ein Interesse an der Verbreitung von anarchistischen Ideen haben. Offensichtlich haben wir das, sonst gäbe es solch Dinge wie das "Fernweh" bestimmt nicht.

Wir sind der Überzeugung, dass formelle Organisationen eine falsche Trennung herstellen und die Entwicklung der Ideen wie der Praxis hemmen. Wir sind für die vollständige Autonomie jedes Individuums wie jeder Gruppe, auch schon in der Organisierung des Kampfes im jetzt. Deshalb sagen wir, das wir keine AnhängerInnenschaft wollen, weil das mit unserer freiheitlichen Prinzipien nicht übereinstimmen würde, weil der/die Anhänger_In eine Rolle ist, die die Herrschaft bzw. Unselbstständigkeit reproduziert, weil jede_R selbst nachdenken sollte, wie er/sie vorgehen will, weil jeder, der auch wirklich überlegt seine eigenen Ideen hat, entwickelt, und das Denken (das sich mit der Praxis verknüpft) nie in ein festgelegtes Programm eingeschlossen werden sollte. Die Kritik die wir machen, die wir gerne eine praktische Kritik ("der Waffen", kennwa schon...) werden lassen wollen, ist natürlich etwas, das wir gern verbreiten wollen, und die wir auch ohne Vorbehalte vertreten. Es wäre natürlich ziemlich bescheuert diese nicht zu propagieren.

Aber die Kritik ist eben keine Antwort. Dass z.B. der Staat zerstört werden sollte, ist für uns - keine Frage - sonnenklar, aber, auf die Frage, was danach kommen soll, können und wollen wir nicht ANTWORTen. Vor allem, weil sowieso alles anders kommt, weil die Entwicklung durch erzwungene, künstliche Ideal-Gesellschaft gebremst wird. Wie wir uns zum kämpfen organisieren ist nun die Frage. Wir suchen Leute, mit denen wir angreifen können. Wir werden den Angriff propagieren. Und eine Revolution wird klar nur mit der Masse stattfinden. Aber die Masse besteht aus Minderheiten.

Wir wollen die Macht nicht frontal angreifen, und auch keine revolutionäre Armee oder so´n Scheiss. Der Kampf gegen das System ist asymetrisch, ungleich, weil wir das System nicht übernehmen sondern dem Grundboden gleichmachen wollen. Dafür braucht es durchaus strategische Überlegungen, nur stellen die sich eher sehr praktisch dar, wo am besten sabotieren, welche Wirkung könnte welche Aktion haben, wie können wir die Argumente unserer Feinde auseinandernehmen, wie können wir mit z.B. den revoltierenden Gangsterkids besser kommunizieren, wie können wir die Repression verhindern, Geld kriegen, und so weiter. Dafür müssen wir den Feind kennen, aber eher so, dass wir wissen wo verletzliche Punkte sind, das heisst zum Beispiel: Wie und wo es am einfachsten ist, Schaden anzurichten...

Oder wie wir unseren Feinden Mittel entreissen können. Wie wir in dieser feindlichen Umwelt leben und kämpfen können, ohne eingemacht zu werden... Und nun zum letzten Punkt, wir hätten keinen Freiheitsbegriff. Hyman beweist damit wohl einzig und allein, das sein Freiheitsbegriff zumindest ziemlich oberflächlich bis lächerlich ist. Wenn Freiheit Form ohne Inhalt ist, dann nur, weil wir die Freiheit noch nicht erreicht haben. Denn der "Inhalt" der Freiheit ist doch das Leben der Leute. Die Freiheit die wir meinen, und Hyman, unser Student, wird das wohl begreifen, ist vor allem die Herrschaftslosigkeit. Das zu verstehen ist eigentlich nicht so kompliziert, ausser das Gehirn ist mit Carl Schmitt vollgeschissen, der als ehrlicher autoritärer logischerweise die Freiheit etwas völlig Irrationales betrachtet (-->Carli Schmitt - "der politische Irrationalismus und blabla").

Der Einfachheit verweisen wir darauf, das wir AnarchistInnen sind, und das solche den Freiheitsbegriff genügend mit Inhalten füllten...

Hommage für mehr Battlerap-Attitüde in Diskursionen

Das virtuelle Terrain des Internets zwingt uns eine reduzierte Sprache auf, da wir darauf verzichten müssen uns an einem realen Ort, in direkter Kommunikation zu treffen und nicht mehr länger in der Lage sind, zu diskutieren und Ideen oder Emotionen mit all ihren unberechenbaren Nuancen auszudrücken. Nur kalte Daten, Ziffern und Buchstaben flimmern vor unseren Augen und so gelingt es uns allzu selten gemeinsame Affinitäten zu entdecken oder diejenigen auszumachen, bei denen non-verbale Kommunikation angebrachter ist.

Diskussionen können gegenseitig bereichern, über gemeinsame Ideen und Differenzen Ausschluss geben und sind der Ausgangs- und Dreh- und Angelpunkt für sich entwickelnde Beziehungen und Projekte. Wir sitzen uns nicht als Individuen gegenüber und so gibt es nur Partei xy und Zeitung xy, die jeweils versuchen ihre Meinung zu vermitteln und als "richtig" darzustellen. Das dass Ergebnis dieser Pseudo-Diskussionen recht unbefriedigend ist, ist nichts neues. Provokation, Sarkasmus, Frechheit oder Desinteresse sind wohl die angebrachtesten Mittel, denn ohnehin beginnt jede Intervention in reale Konflikte außerhalb des Bildschirms.

Alle Freund_innen des frontalen Angriffs, der Konfrontation und Eskalation, der Kompliz_innenschaft und Diskussion, der Intensität und Ekstase sollten sich fragen, wie viel Zeit sie schon mit einem solch ermüdenden Austausch und Gegenüberstellen von Meinungen verschwendet haben.

Alle Freund_innen der Politik und Mediation, der Newsportale und Technologie, der Abstumpfung und Entfremdung, der Lähmung und Leblosigkeit, alle Hymans, Konstrukte und luzi-ms dieser Welt: Wir sind gespannt auf eure zum Erbrechen langweilige Antwort.

PS: Wir sind übrigens weder die "Fernweh-Redaktion", noch wüssten wir, das so etwas existiert. Und wir wüssten es, wenn es so was gäbe.

P(lay)S(tation)2: Post-Scriptum für Hyman Roth: Da besonders absurd, kommen wir noch auf den Witz mit dem Immobilienbesitzer zurück. Der soll irgendwie einfach Immobilienbesitzer werden, so ganz aus purem Willen. Als wäre es nicht so, das sein Eigentum von der Bullerei erst durchgesetzt wird. Und wird dem armen Immobilienbesitzer seine Immobilie besetzt, dann ist er gezwungen, keiner mehr zu sein - (bzw. er holt die Bullen). Ach meine Güte, wir haben ja nie behauptet, nicht für offensive Gewalt gegen die Herrschenden zu sein, aber, dem lieben Immobilienbesitzer müsste man kein Haar krümmen, um ihn zu enteignen... (sondern den Bullen) Er wäre in seiner persönlichen Freiheit nicht ansatzweise eingeschränkt. "Alle Herrschaft ist geliehene Macht", d.h. es ist nicht seine Freiheit, sondern das was er durch Geld zu Lehen bekommt... vom Staat...

Das ist hier eine schöne Ansammlung verschiedener Sichtweisen von Unzufriedenen in unserer Gesellschaft. Perfekt als Anstoß um gemeinsam die Ursachen resp. Gründe für die Unzufriedenheit (nicht in den Köpfen sondern in der Gesellschaft versteht sich) zu suchen = Theorie!!! - sodass klar wird was in der Praxis folgen muss.

Stattdessen haltet ihr euch mit Metadiskussionen über Theorie auf - ob das weiterhilft?

Lieber Tuli, liebe Systempunkte-Redaktion!

Ich habe die Debatte zwischen "Fernweh", Hyman Roth und deine Kommentare dazu gelesen und fand es interessant. Mir sind allerdings noch ein paar Punkte, auch speziell zu deinem Kommentar eingefallen. Ich habe diese weiter unten aufgeschrieben und möchte euch darum bitten, die ebenfalls zu veröffentlichen. Übrigens läuft die Debatte gerade auf luzi-m (http://www.luzi-m.org/nachrichten/artikel/datum/2013/05/07/eine-antwort-...) weiter.

Zu Roths Kritik schreibst du:

"Du kritisiert am Fernweh-Text das Bild von einer sozialen Ordnung, das er dir vermittelt, aber das geht meines Erachtens schlichtweg am Kern vorbei, weil der Text ja gar keine soziale Ordnung vorschlagen möchte, sondern eben ein Lebensgefühl ausdrückt. Du müsstest also erst die Vorstellung im Hintergrund aufnehmen um zu diesem Punkt kommen zu können, nur dann hättest du überhaupt einen gemeinsamen Boden für Kritik."

Da liegst du daneben. Der „Fernweh“-Text nimmt genau dieses Lebensgefühl, das negativ zu den Leiden im Kapitalismus bestimmt wird, zum Ausgangspunkt ihrer Kritik an den bestehenden Verhältnissen, um damit an andere Menschen zu appellieren, die daraus ihre Schlüsse ziehen (nach Wunsch der „Fernweh“-Redaktion am liebsten gleich praktisch) und eine gesellschaftliche Veränderung herbeiführen sollen. Sonst wäre der Text ein Selbstgespräch oder diene bloß der Unterhaltung. Dabei hantieren die „Fernweh“-Autor_innen mit Begriffen, die, je nachdem wie ich mir was erkläre, mit beliebigen Inhalten gefüllt werden können - Bedürfnisse,Verlangen, Sehnsüchte - und hoffen darauf, dass ein paar Leute mehr sich angesprochen fühlen, dann individuell "die Fesseln abwerfen" und „kleine Revolten“ starten. Ich finde, der Beitrag (http://www.luzi-m.org/nachrichten/artikel/datum/2013/04/29/die-illusion-...) trifft die Situation des Individuums unter den herrschenden Verhältnissen. Sehen die „Fernweh“-Schreiberlinge denn nicht, dass sie mit dem was sie schreiben 1. eine Theorie haben, die so tut als wäre das einzelne Subjekt quasi in der Lage alles in der Welt zu tun, sobald es nur die Einstellung zu ihr ändert, und 2. das Problem, das entsteht, wenn alle anfangen würden zu rebellieren, ohne sich auch nur im Ansatz einig zu sein? Rebellionen, die in alle, auch entgegengesetzte, Richtungen gehen und zu Bürgerkriegen, alle gegen alle, führen. Oder geht es sowieso nur um eine andere Einstellung zur Welt?

So oder so. Mehr als ein "anderer" Lebensentwurf, der in negativer Abgrenzung, daneben gestellt wird und geglaubt werden soll, kann dabei gar nicht raus kommen. Denn für Ursachen der Leiden unter den Verhältnissen interessiert man sich nicht weiter oder findet die Auseinandersetzung damit "langweilig". Blöd nur, dass die Leute, die sich angesprochen fühlen sollen und von denen man „Widerstand auf den Barrikaden“ erhofft, für sich viele gute Gründe finden, warum sie z.B.: Lohnarbeit nicht nur praktisch, sondern auch theoretisch für notwendig erachten. Ihre Urteile über die kapitalistische Gesellschaft löst man so nie mehr auf. Wer aber nicht von Inhalten überzeugt ist, der wird auch nicht auf die Barrikaden gehen, wenn es „Fernweh“ oder was weiß ich wer vorleben und somit praktisch zeigen, dass es möglich ist.
Du schreibst, dass du einen „theoretischen Fortschritt“ vermisst und dir wünscht. Mir geht es gleich. Und auch wenn Roths Texte keine großen theoretischen Würfe sind, so kann man bei „Fernweh“ erkennen, dass analytische Fragen eher abgelehnt werden.
Stattdessen misst man die Realität an dem eigenen Ideal der Selbstbestimmung und entdeckt dann plötzlich ganz viele Nichtübereinstimmungen und kommt bspw. zu der etwas tautologischen Erklärung der demokratischen Herrschaft als Fremdbestimmung, die deswegen abzulehnen ist. Abschiebungen schlecht - weil keine Selbstbestimmung. Nach welchen Kriterien und für welchen Zweck sortiert wird und warum das viele gut finden interessiert nicht. Polizei ist schlecht - weil keine Selbstbestimmung. Dass die Mehrheit alles andere als ein schlechtes Bild der Polizei hat und warum sie die Gewalt des Staates braucht und will interessiert nicht. Und so lässt sich einiges auf diese einfach Formel runterbrechen, wenn man den Maßstab der Selbstbestimmung auf die Welt anlegt , anstatt sich zu überlegen, womit man es eigentlich zu tun hat, um dann zu wissen, was zu tun ist. Damit auch die Gewalt, die systematisch den Menschen angetan wird, ein Ende nehmen und man sich ran machen kann, die Verhältnisse nach Absprache und für die Bedürfnisse einzurichten.

Deswegen besteht die Gemeinsamkeit, oder wie du sagst, „ der gemeinsame Boden für Kritik“ zwischen den „Fernweh“-Autor_innen, Roth, und dir bloß abstrakt, in der Ablehnung des Bestehenden. Darüber, wie die Gesellschaft zu erklären ist, herrscht Uneinigkeit und kein Missverständnis aufgrund mangelnder Vorkenntnisse, zumindest was „Fernweh“ und Roth betrifft, du selber positionierst dich ja nicht in der Debatte, sondern schreibst nur was zur Methode.

Die sagen doch selber:

„Für uns ist Theorie eine Ebene, die Hand in Hand mit Praxis geht. Andersherum gilt dasselbe und deshalb versuchen wir dieses Spannungsverhältnis Tag für Tag umzusetzen indem wir versuchen zu tun was wir denken und wollen und dieses Denken fortwährend weiterentwickeln, hinterfragen und damit in der Praxis experimentieren. Das ist der einfache Grund warum die Theorien mit denen wir uns beschäftigen, die wir lesen, schreiben und diskutieren in erster Linie von der Frage ausgehen "was will ich?", "wie erreiche ich das?" und "wie setze ich dies im Verhältnis zu meinem alltäglichen Leben, Kämpfen und Projekten um?".

Mal abgesehen von der banalen Feststellung, dass sie denken und handeln, (so wie jeder andere Mensch, der sich Gedanken zu seinem Handeln macht) sieht man auch sehr gut das fehlende Interesse an der Erklärung ihrer Leiden. Sie dreschen wie blind auf die Verhältnisse ein, weil sie ihren Willen durchgesetzt haben wollen. Wie ein Kind, das sich fragt, warum es all die Sachen im Schaufenster nicht haben kann. Und der Staat sagt: „Ist halt so.“ und „Fernweh“ muss es schlucken oder randaliert ein wenig, um nachher den Hintern versohlt zu bekommen.
So etwas führt dann dazu, dass ein Haufen Leute von so tollen Freiheitskämpfern für den edlen Zweck der Selbstbestimmung aufgeheizt und dafür verheizt werden. Ach, ne... die machen das ja freiwillig oder wie ist das genau? Ach, bei so viel Freiheit wird mir schwindelig.
Auch wenn für „Fernweh“ das nur wieder mal ein Zeichen für mangelnden Mut ist (was mir übrigens sehr elitär erscheint, nur richtiger Anarchist zu sein, wenn ich auch die nötigen Eier dazu habe), ziehe ich, solange Kämpfe nur zerstörte Existenzen mit sich ziehen, ein scheinbar „langweiliges“ Leben mit Überzeugungsarbeit der von vornherein feststehenden Niederlage vor.
Das erinnert mich an Gustavs Landauers pathetischen Anklage gegen Marxismus:

"Ich weiß, wie tief verhaßt, wie widerwärtig und all eurem trockenen Stubenwesen unangenehm solche Feuernaturen wie Proudhon auf dem Gebiete des Bauens, Bakunin oder Garibaldi auf dem Gebiete der Destruktion und des Kampfes euch sind, wie alles Romanische, alles Keltische, alles, was nach freier Luft und Wildheit und Initiative aussieht, euch geradezu peinlich ist. Ihr habt euch genug damit geplagt, alle Freiheit, alles Persönliche, alle Jugend, alles, was ihr Dummheiten nennt, aus der Partei, aus der Bewegung, aus den Massen herauszubringen."

Das mag ja erst einmal ganz nett klingen und bei der damaligen SPD was getroffen haben, aber wenn für „Fernweh“ daraus folgt, dass es nur auf Mut und Entschlossenheit ankommt, dann wird Anarchismus zu einer elitären Sache. Dann heißt es: Entweder man ist stark und mutig und probt den Aufstand schon mal alleine oder ist der Sache nicht gewachsen. Aber den Menschen, die sich noch nicht für den Kampf, den Aufstand, die Barrikaden begeistern lassen, denen sollte man doch auch was argumentatives sagen können und ihnen nicht bloß entgegenschreien: „Seht ihr nicht, wie toll so ein subversives Leben ist!“

Bevor du jetzt mit dem Einwand kommst:

„Es ist notwendig sich auf einen Text und die dahinter stehende Theorie einzulassen,bevor es möglich ist substanzielle Kritik an ihm zu üben. Wir können nur theoretische Fortschritte machen, wenn wir nicht allein unsere Thesen als solche veröffentlichen, sondern wenn wir auch den Gesamtzusammenhang bedenken.“

Genau dies tut Roth, wenn er Konsequenzen aufzeigt, die sich aus den, zu Ende gedachten, Gedanken der Fernweh-Redaktion ergeben. Aber es ist Quatsch zu behaupten, man müsse eine gesamte Theorie oder ein Theorie-Gebäude kennen um geäußerte Gedanken kritisieren zu können. Wenn mir einer versucht zu erklären, wie bescheuert doch „die Schwarzen“ seien, weil sie in Afrika verhungern, dann muss ich mich nicht erst in irgendwelche rassistische Ideologien reinlesen, bevor ich den Gedanken kritisieren kann.