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Internationales Anarchistisches Treffen in Saint-Imier

Interview mit der Koordination für den deutschsprachigen Raum

Dieses Interview erschien in der Sonderausgabe der [改道] Gai Dào zum Internationalen Anarchistische Treffen 2012 in Saint-Imier. Aus dem Forum deutschsprachiger Anarchist*innen (FdA) und ihm nahestehenden Einzelpersonen hat sich eine Koordination gegründet, die versucht, das Treffen im deutschsprachigen Raum bekannt zu machen und Ansprechpartnerin für Fragen aller Art zu sein. Die [改道] Gai Dào hat Emma und Michael von der Koordination einige Fragen nach Hintergrund des Treffens und Stand der Vorbereitung gestellt.


Zu Beginn: Erzählt doch mal kurz und knapp, was uns im August in St.Imier erwartet?

Michael: Ein rießiges Treffen von unzähligen Menschen, die sich in irgendeiner Art und Weise als Anarchist*innen begreifen oder daran interessiert sind.

Emma: Besonders betont werden muss meiner Meinung nach der internationale Charakter des Treffens. Es werden Menschen von wirklich fast jedem Flecken der Erde anwesend sein. So ein Treffen hat es schon seit vielen Jahren nicht mehr gegeben.

Und was wird dort dann genau passieren?

Emma: Alles im Detail aufzuzählen würde wohl den Rahmen des Interviews sprengen. Aber das ist ja auch schon eine Antwort.

Michael: Was organisatorisch bereits feststeht, sind eine Vielzahl von inhaltlichen Debatten, praktischen Workshops und kulturellen Veranstaltungen. Und natürlich darf die Büchermesse nicht vergessen werden, die dem Anlass entsprechend auch weltweite Publikationen anbieten wird.

Emma: Daneben, aber nicht minder wichtig, ist das Treffen natürlich ein Rahmen für zwangloses Kennenlernen und den informellen Austausch zwischen Menschen, Gruppen und Strömungen aus der ganzen Welt.

Wie kam dieses Treffen überhaupt zustande?

Mchael: Nun, der „wichtigste“ Grund dafür ist sicherlich das 140-jährige Jubiläum der Gründung der Antiautoritären Internationalen im Jahr 1872. Diese war ein bewusster Gegenpart zur Internationalen von Marx und Engels, da deren Entwicklung gerade im Bezug auf Ziel und Mittel des Kampfes schlussendlich für anarchistische und antiautoritäre Menschen nicht mehr tragbar war.

Emma: Die Initiative zu diesem Treffen wurde vor einiger Zeit dann von der französischsprachigen Federation Anarchiste (FA), der Coopérative Espace Noir aus St. Imier, der Fédération Libertaire des Montagnes (FLM) und der Organisation Socialiste Libertaire (OSL) aus der Schweiz sowie der Internationalen der Anarchistischen Föderationen (IFA) ergriffen. Letztere entschied sich dann auch recht schnell dazu, ihren vierjährig stattfindenden Kongress auch in St.Imier zu veranstalten.

Michael: Ebenso wie die Anarchistische Büchermesse, die die letzten beiden Jahre in Biel bzw. Bienne stattfand.

Das klingt ja alles recht nostalgisch?

Michael: Das stimmt nur zu einem sehr geringen Teil. Natürlich ist das Jubiläum sowohl Aufhänger des Treffens, als auch das Thema einiger Veranstaltungen während dieser Zeit. Aber wir werden dort nicht herumsitzen und in Erinnerungen an „die gute alte Zeit“ schwelgen.

Emma: Das wäre auch angesichts der sich immer verschärfenden Zustände weltweit wohl sehr vermessen und realitätsfern. Was ich aber sehr wohl wichtig finde, ist die Erinnerung daran, dass anarchistische Ideen schon seit so langer Zeit existieren und immer mal wieder auch gesellschaftliche Relevanz erlangt haben.

Michael: Außerdem ist die Grundidee dieser „alten“ Internationalen auch heute aktueller denn je. Also eine weltweite Bewegung, die auf den Grundpfeilern des Anarchismus, wie Herrschaftslosigkeit, Horizontalität, gegenseitiger Hilfe und Solidarität den Kampf für eine befreite Gesellschaft führt. Und gleichzeitig eine pluralistische Bewegung bleibt, also verschiedene taktische und inhaltliche Ausrichtung gleichberechtigt vereint. Wenn man so will, war diese Internationale auch in vielen Punkten weiter, als die anarchistische Bewegung im heutigen Zeitalter, gerade was die Vernetzung und Zusammenarbeit über Länderund Kontinentgrenzen hinaus angeht.

Also doch zurück ins 19. Jahrhundert?

Emma: Nein, natürlich nicht. Schließlich hat sich die Welt seit damals mehr als nur ein wenig verändert, was sich natürlich auch auf die anarchistische Bewegung auswirkt. Durch verschiedene politischen, historsichen und technischen Entwicklungen ist die Welt heute schneller und unüberschaubarer geworden als je zuvor, mit einer Vielzahl an positiven und negativen Facetten. Unverändert geblieben ist jedoch die Ansicht von Anarchist*innen, das eine Welt die sich auf Ausbeutung, Unterdrückung und Ausgrenzung aufbaut nicht die Welt ist, in der wir leben möchten und das es notwendig ist gegen diese Art von Zusammenleben zu kämpfen. Dabei gilt es, kontinuierlich Theorie und Praxis der politischen Arbeit weiterzuführen und an weltweite Entwicklungen anzupassen. Und dazu ist dieses Treffen ein perfekter Rahmen.

Was erwartet ihr euch von diesem Treffen?

Michael: Ich denke für konkrete Erwartungen ist das Treffen zu groß und komplex. Wir erhoffen uns natürlich für die weltweite Bewegung einen Impuls, gerade in Fragen der Kommunikation und Zusammenarbeit. Denn leider ist es immer noch so, dass sich anarchistische oder antiautoritäre Bewegungen gerne und oft an Ländergrenzen, Fragen der taktischen Ausrichtung oder nur aufgrund der Eigenbezeichnung aufteilen und untereinander wenig miteinander zu tun haben. Das Treffen könnte ein Ort sein, um Vorurteile und Ressentiments abzubauen und vielleicht schon verschiedene Projekte oder Kooperationen zu initiieren.

Emma: Für den deutschsprachigen Raum ist es natürlich erstmal ein Signal, wie groß und vielfältig die anarchistische Bewegung weltweit ist.

Wie ist der Stand der Vorbereitungen im deutschsprachigen Raum?

Michael: Es hat sich in den vergangenen Wochen eine deutschsprachige St.Imier-Koordination zusammengefunden, die im Vorfeld das Treffen bewirbt und für alle Fragen bezüglich des Treffens oder der Anreise zur Verfügung steht. Diese besteht zur Zeit noch mehrheitlich aus Mitglieder des Forums deutschsprachiger Anarchist*innen (FdA), steht aber natürlich allen interessierten Menschen offen. Es wurden bereits mehrere tausend Plakate und vielerlei andere Werbematerialien hergestellt wie etwa ein Soli-T-Shirt in Kooperation mit Grandioso und Black Mosquito.

Emma: Generell standen wir vor dem Problem, dass die Koordination keine Sache einer Stadt oder Gruppe sein soll und auch ganz praktisch nicht sein kann, weswegen wir uns entschieden haben, die Aktivitäten über ein Online-Forum zu koordinieren.

Michael: Allgemein liegt die Ressonanz noch hinter unseren Erwarungen, aber auf der anderen Seite fängt die „heiße Phase“ der Mobilisierung und Vorbereitung jetzt an.

Zum Schluss: Was wollt ihr den Leser*innen noch mitgeben?

Emma: Wir sind gespannt was in den nächsten Wochen alles passieren wird, sowohl bei den Vorbereitungen zum Treffen, als auch in der deutschsprachigen Koordination.

Michael: Und natürlich fiebern wir dem Beginn des Treffens entgegen. Wir denken, dass das ein Ereignis sein wird, das vielen noch lange Zeit im Gedächtnis bleiben wird.


Kommentare

Das mit dem Anarchismus-der-Presse-Erklären sollte der Gabriel Kuhn auch nochmal üben...