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Chomsky: "Was ist die heutige anarchistische Bewegung?"

Noam Chomsky beantwortet diese Frage aus der reddit Community
Chomsky beantwortet die Frage der reddit Community

In einem Video vom März 2010 beantwortet Noam Chomsky einige Fragen aus der reddit Community. Eine der Antworten haben wir hier in der deutschsprachigen Übersetzung transkribiert:

reddit community: Was sind einige deiner Kritikpunkte an der heutigen anarchistischen Bewegung? So effektiv wie möglich zu sein ist etwas, was viele Anarchisten übersehen, und du bist vielleicht die produktivste Stimme zu diesem Thema, sodass deine Gedanken dazu sehr einflussreich wären.

Noam Chomsky: Nun ja, ich stimme zwar dem Kommentar am Ende nicht zu, aber meine Kritik der heutigen anarchistischen Bewegung ist ein wenig wie die Kritik der Kognitionswissenschaft [s. vorherige Frage]. Was ist die heutige anarchistische Bewegung? Ich meine, es gibt eine Menge Leute, tatsächlich eine beeindruckende Zahl an Menschen, die sich auf die eine oder andere Weise dem verpflichtet fühlen, was sie Anarchismus nennen. Aber gibt es eine anarchistische Bewegung? Fällt einem da etwas ein wie z.B. damals... - vor zwanzig Jahren war ich zufällig am 1. Mai in Madrid. Und es gab riesige Demonstrationen, Maidemonstrationen, hunderttausende Menschen von der CNT, der alten anarchistischen Arbeiterorganisation. Nun kann man alles mögliche an der anarchistischen Bewegung in Spanien kritisieren, doch zumindest gab es da etwas, auf das man zeigen konnte, es war etwas da, was man kritisieren oder unterstützen konnte oder versuchen konnte es zu verändern.

Doch der heutige Anarchismus in den USA, so weit ich das überblicke, ist extrem verstreut, hochgradig sektiererisch (jede der einzelnen Gruppen bringt viel Zeit damit zu irgendeine andere Tendenz zu attackieren), er tut manchmal nützliche, wichtige Dinge, aber...  Dies trifft nicht nur auf diejenigen zu, die sich Anarchisten nennen, sondern auf die gesamte aktivistische Linke. Man zähle einmal durch: Es gibt genügend Leute, ich meine, mehr als je in der Vergangenheit soweit ich mich erinnern kann, außer vielleicht für kurze Momente in den späten 60ern oder die CIO-Organisation in den 30ern. Aber die Leute interessieren sich für alles mögliche. Wenn du die Gänge dieser Universität entlanggehst, siehst du Studierende an ihren Schreibtischen, sehr aktiv, sehr engagiert, eine Menge tolle Belange, aber hochgradig fragmentiert. Es gibt sehr wenig Koordination. Dazu eine Menge Sektiererei und Intoleranz, gegenseitige Intoleranz, das Beharren auf genau meiner bestimmten Entscheidung darüber, was die Prioritäten sein sollten.

Also denke ich, dass der Hauptkritikpunkt an der anarchistischen Bewegung ist, dass sie jetzt schlicht die Kurve kriegen sollte, und Spaltungen und Kontroversen akzeptieren sollte. Wisst ihr, wir sind nicht im Besitz all der Antworten - wir haben vielleicht Leitlinien für die Art von Gesellschaft, die wir haben wollen, keine spezifischen Antworten, niemand weiß so viel. Und es gibt sicherlich genügend Raum für gesunde und konstruktive Meinungsverschiedenheiten bezüglich Taktik und Prioritäten und Meinungen, allerdings sehe ich, wie zu wenig davon auf eine kameradschaftliche, zivilisierte Art und mit einem Sinn für Solidarität und gemeinsame Zielsetzung behandelt wird.

Zur Frage, wie man so effektiv wie möglich ist: Ja, genau das ist der springende Punkt. Was sollen wir angehen? Man muss die Probleme nicht auflisten, denen die Welt gegenübersteht. Manche davon sind extrem gravierend. So gibt es zum Beispiel solche, die wirklich das Überleben der Spezies in Frage stellen, mindestens zwei, vielleicht mehr. Eins davon ist die Existenz von Nuklearwaffen. Jemand, der uns vom Mars aus beobachtet, würde es für ein Wunder halten, dass wir die letzten 60 Jahre überlebt haben, und es ist auch jetzt extrem gefährlich. Ich sehe also nicht, wie das keine hohe Priorität haben kann. Das andere ist die sich abzeichnende ökologische Krise. Und das ist etwas, dem sich Anarchisten besonders widmen sollten, denn das beinhaltet... - einerseits beinhaltet es  technologische Fragen, z.B. wie wir Solarenergie zum Einsatz bringen und so weiter.

Und in dieser Hinsicht steht die anti-wissenschaftliche Tendenz im Anarchismus, die tatsächlich existiert, sich selbst völlig im Weg. Ich meine, es wird hochentwickelte Technologie und wissenschaftliche Entdeckungen benötigen, um der menschlichen Gesellschaft das Überleben zu ermöglichen. Es sei denn wir entscheiden, sie sollte nicht überleben, wir sollten das Ganze auf 100 000 Jäger und Sammler reduzieren. Okay, abgesehen davon, wenn es uns ernsthaft um die Millarden von Menschen auf der Welt geht - und ihre Kinder und Enkel - werden wissenschaftliche und technologische Fortschritte erforderlich sein.

Auf der anderen Seite wird aber auch radikaler sozialer Wandel notwendig sein. Es gab seit dem 2. Weltkrieg - insbesondere in den USA, aber anderswo ebenfalls - massive sozialtechnische Projekte durch Staat und Konzerne - sehr selbstbewusst, sie verstecken nicht was sie tun - um ein Gesellschaftssystem zu konstruieren, das entscheidend von der verschwenderischen Ausbeutung fossiler Brennstoffe abhängt. Das ist es, was es bedeutet Suburbanisierung voranzutreiben, Autobahnen zu bauen und Schienennetze zu zerstören, und so weiter in der ganzen Reihe von Planungsmaßnahmen, die unternommen wurden. Das bedeutet, dass erhebliche gesellschaftliche Veränderungen anstehen, und Anarchisten sollten darüber nachdenken.

Aber wisst ihr, darüber nachzudenken bedeutet nicht bloß: "Ich wünsche mir eine freie und gerechte Gesellschaft". Wir müssen da unterscheiden, wenn wir effektiv sein möchten. Das ist die Frage: Wenn wir effektiv sein wollen, müssen wir unterscheiden zwischen, sagen wir, Vorschlägen und Verfechtung. Ich meine, du kannst vorschlagen, dass alle in Frieden leben sollten, sich lieben sollten, wir sollten keine Hierarchien haben, alle sollten zusammenarbeiten, und so weiter. Okay? Ein netter Vorschlag, gut für ein akademisches Seminar.

Verfechtung erfordert mehr als bloß Vorschlag. Es bedeutet, dass man sich Ziele setzt (Vorschlag), aber auch einen Weg von hier nach dort skizziert (das ist die Verfechtung). Und der Weg von hier nach dort benötigt fast immer kleine Schritte. Er erfordert die Anerkennung der sozialen und ökonomischen Realität wie sie existiert, und Ideen darüber, wie die Institutionen der Zukunft innerhalb der existierenden Gesellschaft gebaut werden können, um Bakunin zu zitieren - aber auch die Veränderung der existierenden Gesellschaft. Das heißt, es müssen Schritte unternommen werden, die der Realität Rechnung tragen, die ihre Existenz nicht leugnen ("Weil es mir nicht gefällt, beziehe ich es nicht mit ein"). Nur so lässt es sich effektiv sein.

Man sieht das, wenn man sich die ernsthaften, gehaltvollen anarchistischen Zeitschriften anschaut. Wie beispielsweise Freedom aus England, die vielleicht die älteste oder eine der ältesten anarchistischen Zeitschriten ist, die es schon seit Ewigkeiten gibt. Wenn man darin liest, befasst sie sich hauptsächlich mit milder reformistischer Taktik. Und das ist keine Kritik. Es sollte so sein. Sie sollte sich mit Arbeitsrecht, spezifischen Umweltproblemen, Armut und Leid, Imperialismus und so weiter befassen. Ja, genau damit sollte sie sich befassen, wenn das Ziel ist langfristigen, erheblichen gesellschaftlichen Wandel hin zu einer freieren und gerechteren Gesellschaft zu verfechten, und ich kann mir keinen anderen Art vorstellen effektiv zu sein.

Auf der Reinheit des Vorschlages zu bestehen schottet dich stattdessen bloß von effektivem Aktivismus ab, und sogar davon die eigenen Ziele zu erreichen oder ihnen überhaupt näher zu kommen. Und es führt zu der Art von Sektiererei und Engstirnigkeit und Mangel an Solidarität und gemeinsamer Zielsetzung, die immer eine Art Krankheit marginaler Kräfte gewesen ist, insbesondere der Linken. Doch hier ist es besonders gefährlich.


Kommentare

Noam Chomsky - The flash gordon of Anarchism (auf deutsch)
http://irrliche.org/politische_kritik/noam_chomsky.htm#chomsky

Horst Stowasser, der ein wirklich gutes Werk über Anarchie geschrieben hat, kommt zu einem ähnlichen Urteil über die Möglichkeiten des Anarchismus. Zu viele Splittergruppen, zu wenig Gemeinsamkeiten, und gerade weil es kein gemeinsames Ziel gäbe, wird die Bewegung immer dünner.
Auf der anderen Seite ist zu beobachten, dass die vielen Empörten, die sich gerade in den Ländern mehr und mehr treffen, nicht hierarchisch organisieren. Insofern ist die Grundidee schon verbreitet:
friedlich, sich gegenseitig respektierend, im Konsens entscheiden.
Und ich gebe Chomsky völlig Recht:
Wir haben die Macht, die in vielen kleinen, evolutionären Schritten, den Tanker wieder in die richtige Richtung zu bringen:
Über uns geht das Geld. Wir Menschen sind die Konsumenten der von uns produzierten Waren. Wenn wir bewusster einkaufen, uns bewusster für ein bestimmtes Arbeiten entscheiden, unser Geld bewusster anlegen, dann können wir mit der Zeit wieder zu einer funktionierenden Solidargemeintschaft kommen.
Zusätzlich müssen wir politisch direkt mitentscheiden können, wofür unser Geld verwendet werden soll. Was damit gefördert werden soll. Auch so sollten wir das Bessere in der Welt wieder wachsen lassen.
Und genau das kann in diesem friedlichen miteinander beratschlagen erreicht werden. Dazu brauchen wir keine Politiker, die uns sagen, was gut für uns ist. Ich denke, dass wir das selbst am besten wissen. Oder?

Ich sehe das Verändern durch Konsum eher kritisch. Es wird doch sehr stark durch Konzern gesteurt. Starbucks sagt: "Trink unseren Kaffee und hey du musst kein schlechtes Gewissen haben: Er ist Bio!" Das gute Gewissen etwas getan zu haben ist praktisch im Preis einbegriffen, insgesamt werden jedoch nur Details nachgeschönt.
Um Thoreau zu paraphrasieren: "Even buying the right is doing nothing for it."

Ich dachte ein wenig Chomsky-Kritik wäre mal schön. Zerzan hat eine geschrieben, natürlich auch seinem ganz eigenen Blickwinkel: http://theanarchistlibrary.org/HTML/John_Zerzan__Who_is_Chomsky_.html

Ja gerne. Ich finde ja, diese Kritik aus der Ecke von John Zerzan ist ein Pluspunkt für Chomsky. Vielleicht kommentiere ich das irgendwann mal. Außerdem gibt es eine Übersetzung einer Kritik an Chomsky von Roderick Long - coming soon.

"Studenten sollen Anarchisten werden"
http://www.zeit.de/campus/2011/04/sprechstunde-chomsky

ZEIT Campus: Sie sagen häufig, Sie seien Anarchist. Was meinen Sie damit?

Chomsky: Anarchisten versuchen, Machtstrukturen zu erkennen. Sie verlangen, dass sich diejenigen, die Macht ausüben, rechtfertigen. Meistens gelingt diese Rechtfertigung nicht. Dann arbeiten Anarchisten daran, die Strukturen zu enttarnen und sie zu überwinden -- ganz egal, ob es sich um patriarchalische Familien, um ein mafiöses internationales System oder um die privaten Tyranneien der Wirtschaft, also die der Unternehmen, handelt.

ZEIT Campus: Was war das Schlüsselerlebnis, das Sie zum Anarchisten machte?

Chomsky: Es gab keins. Als ich zwölf Jahre alt war, habe ich angefangen, in New Yorker Antiquariate zu gehen. Viele von ihnen wurden von Anarchisten betrieben, die aus Spanien stammten. Deshalb erschien es mir damals ganz natürlich, Anarchist zu sein.

ZEIT Campus: Sollen alle Studenten Anarchisten werden?

Chomsky: Ja. Studenten sollen Autoritäten herausfordern und sich damit in eine lange anarchistische Tradition einreihen.

ZEIT Campus: »Autoritäten herausfordern« -- auch ein Liberaler oder ein moderater Linker würde diese Aufforderung unterschreiben können.

Chomsky: Sobald jemand illegitime Macht erkennt, herausfordert und überwindet, ist er Anarchist. Die meisten Menschen sind Anarchisten. Mir ist egal, wie sie sich nennen.

Noam Chomsky
Radikale Kritik aus und an dem Land
der unbegrenzten Freiheit
Noam Chomsky ist schon ein seltener Fall: einerseits ein Intellektueller von Rang und Namen, Teil der respektierten akademischen Elite, Unterabteilung Sprachwissenschaft; andererseits ein weltweit bekannter linksradikaler Kritiker – vor allem, aber nicht nur – der USA; einerseits ein bekennender Anarchist und Sozialist, der mit seiner Kritik den üblichen Rahmen anteilnehmender Verbesserungsvorschläge an Staat und Wirtschaft sprengt; andererseits ein Intellektueller, der darauf besteht, gerade mit seinen anarchistischen und „libertär-sozialistischen“ Ansichten genau das zu vertreten, worum es jedem Menschen sowieso von Natur aus geht – um die Freiheit nämlich. Deshalb sieht er sich mit seinem anarchistischen Weltbild keineswegs im Abseits, sondern fest in der Tradition geistiger Wegweisung, die so humanistisch wie Europa ist und so amerikanisch wie Apple Pie. Denn ob Humboldt, Schelling, Adam Smith oder Karl Marx; ob Thomas Jefferson und J. J. Rousseau oder Michael Bakunin: Laut Chomsky sind sie, mögen sie sich wissenschaftlich und politisch noch so bekämpft haben, als glühende Verfechter der Freiheit in dem einen, alles entscheidenden Punkt einig: „Die Menschen sind ihrer Natur nach freie, forschende und sich selbst vervollkommnende Wesen“, deren „wahre Bestimmung“ in der „vollständigen harmonischen Entfaltung der menschlichen Fähigkeiten in ihrer reichsten Vielfalt“ besteht. (Die Zukunft des Staates, 10)
Für Chomsky ist der freie Wille also viel mehr als die Tatsache des praktischen Selbstbewusstseins, mit dem der Mensch aus seinen Bedürfnissen Interessen verfertigt, sich seine Gedanken über Umstände und Mittel macht, sich bestimmte Zwecke setzt und die dann verfolgt. Die Freiheit ist für ihn eine ganz eigenständige Sache, die sich ein Wille vornehmen kann, vielleicht sogar sein Auftraggeber, der „stets danach trachtet, sich zu vergrößern und weitere Kreise in vielfältigerer Weise zu erfassen.“ Sie beinhaltet ein ganzes Lebensprogramm, die Hebung eines inneren Schatzes an materiellen und moralischen Eigenschaften und Fähigkeiten:
„Für den Anarchisten ist Freiheit kein abstrakter philosophischer Begriff, sondern die lebendige, konkrete Möglichkeit jedes menschlichen Wesens, all seine Kräfte, Fertigkeiten und Talente, mit denen die Natur es ausgestattet hat, zu voller Entfaltung zu bringen und auf gesellschaftliche Belange zu wenden.“ (Zitat von Rudolf Rocker in: „Bemerkungen zum Anarchismus“, Die Verantwortlichkeit der Intellektuellen, 94)
Chomsky, der den Anarchisten Rocker zustimmend zitiert, wird schon wissen, warum er auf das Dementi verfällt, als Anarchist treibe er sich nicht in der dünnen Luft philosophischer Abstraktionen herum, wenn er die Freiheit zum maßgeblichen Bezugspunkt allen menschlichen Wollens erklärt. Es ist nämlich eine äußerst abstrakte Betrachtung des Willens, wenn der Umstand, dass der Mensch seine Willensinhalte selber setzt, für das Allerwesentlichste genommen werden soll, während das, wozu er sich dann entschließt, zur relativ gleichgültigen Materie herabsinkt, an der sich der Wille austobt. Es ist ziemlich philosophisch gedacht, die praktische Seite des Selbstbewusstseins in den Status eines Auftraggebers zu befördern, der das Individuum permanent mit einem „Sesam, öffne dich!“ in die Untiefen seines innersten Wahren, Schönen & Guten schickt, um nach außen zu kehren, was Mutter Natur in ihm hinterlegt haben soll – und das alles auch noch in vollständiger Harmonie mit allen anderen Menschen, die dasselbe tun! [ 1 ] Mit seinem „Freiheitsbegriff“ will Chomsky zwar von keinem wirklichen Zweck, den sich Menschen setzen, etwas wissen, aber er kommt sich „lebendig und konkret“ vor, weil er alles, was die Menschen sich vornehmen, gnadenlos in ein Verhältnis zu seinem philosophischen Freiheitsfetisch setzt: Diese Freiheit schwebt nicht einfach über den Wolken; wenn man von dem, was die Menschen tun und müssen, sowieso nur wissen will, ob und inwiefern darin der eigentliche Antrieb des Menschen zum Zuge kommt, dann ist die Freiheit überall.
Und so denkt ja wirklich nicht nur der anarchistische Philosoph: Auch ganz gewöhnliche Heroen des bürgerlichen Konkurrenzkampfes belieben am Feierabend ihre berechnende Anpassung an ziemlich feststehende Anforderungen beim Geldverdienen in das Licht ge- oder misslungener Selbstverwirklichung zu tauchen, um die es dabei eigentlich gehe, und darauf zu bestehen, dass sich Beruf und Freizeit stets, jedenfalls „letztlich“, um sie und ihre Freiheit drehen. Diese Sorte Einbildung, mit der „der Mensch“ sämtliche Zwänge einer bürgerlichen Existenz in sehr affirmativer Weise umdeutet, nämlich in Chancen und Herausforderungen, die ein freier Mensch im Sinne seines eigenen pursuit of happiness zu meistern hat, treibt Chomsky mit seiner emphatischen Rede von der „vollen Entfaltung aller Talente und Fähigkeiten“ ins philosophische Extrem, um sie gegen die bürgerlichen Verhältnisse und ihre Zwänge zu wenden, die nach seiner Auffassung dem Durchbruch des menschlichen Freiheitsdrangs im Wege stehen. Mit seiner Apotheose der Freiheit geht er kritisch auf die marktwirtschaftlichen Demokratien des Westens los – auf die staatlichen Gemeinwesen also, die für sich in Anspruch nehmen, mit ihrer Ordnung und ihrer Ordnungsgewalt ein einziger Dienst an der Freiheit des Menschen zu sein. Da bringt er sein großgeschriebenes Freiheitsbild in etwas kleinerer Münze in Zirkulation und richtet an diese Länder gebieterisch die Frage: Sind die Menschen an den Entscheidungen beteiligt, die ihr Leben bestimmen? Die Bürger müssen mindestens die Co-Autoren ihrer Verhältnisse und ihrer Angelegenheiten sein, worin auch immer diese bestehen mögen. Nur dann, wenn sie derart selbstbestimmt leben, dann aber immer, bringen sie ihren inneren Drang nach Freiheit in Solidarität mit anderen zur Geltung.
Die Antwort, die sich Chomsky auf seine Frage gibt und die er in unzähligen Vorträgen und Schriften ausbreitet, fällt äußerst negativ aus. Die Verhältnisse, die er vorfindet – vor allem in den USA –, weichen flächendeckend von dem schönen Selbstbild einer Heimstätte der freien Selbstbestimmung ab; sie sind eine einzige Verhinderung des menschlichen Freiheitsstrebens: In ihren „freien Marktwirtschaften“ herrscht Tyrannei; ihre demokratischen Institutionen sind leere Hülsen für die Diktatur der Reichen; ihre freie Weltordnung ist ökonomisch ein Raubzug, politisch eine imperialistische Unterdrückung von Demokratie und Freiheitsbestrebungen. Mit einem solchen Urteil zieht Chomsky nicht nur den Abscheu von rechten Amerikanern auf sich, sondern auch weltweite Anerkennung und sogar Bewunderung: „Er deckt ein Feuerwerk voller Mythen und Lügen, Sophistereien und Täuschungen auf. Noam Chomsky ist ein beständiges Leuchtfeuer für die Menschen weltweit – aus dem einfachen Grund, dass er die Wahrheit in epischer Breite erzählt.“ (John Pilger, Rezension von Hopes and Prospects)
Die „Wahrheit“, von der hier die Rede ist, besteht in dem Befund eines umfassenden Bruchs mit dem Versprechen der Demokratie, die Menschen über ihr Leben selbstbestimmt und frei entscheiden zu lassen, also in einer ständig wiederholten Fehlanzeige. Die Kritik zielt nicht darauf, was die kapitalistische Gesellschaft, die bürgerliche Demokratie, den Imperialismus ausmacht, welche Zwecke da herrschen und wie die zum Zuge kommen. Das alles dient vielmehr nur als Material und Bebilderung eines einzigen negativen Urteils: Bürgerliche Demokratie, kapitalistische Marktwirtschaft und imperialistische Staatenkonkurrenz sind nicht das, was sie zu sein vorgeben, nämlich die Verwirklichung von Freiheit. Nichts von dem, was die ökonomisch und politisch Mächtigen anstellen, bleibt von dieser seiner Kritik verschont – und nichts von dem, was das Treiben dieser Mächtigen wirklich bestimmt, vermag seinen Glauben an dieses Versprechen zu erschüttern. Wie untauglich und letztlich affirmativ diese Sorte Kritik ausfällt, darüber bietet Chomskys Werk tatsächlich ein Lehrstück „in epischer Breite“.

Weiterlesen auf: http://www.gegenstandpunkt.com/gs/12/4/gs20124069h1.html