Articles http://www.systempunkte.org/articles de Ein Familientreffen http://www.systempunkte.org/article/ein-familientreffen <p> Ein Familientreffen. Das war die passendste Beschreibung der 2. anarchistischen Buchmesse Mannheim, die ich eben dort h&ouml;rte. Wer schon &ouml;fter auf anarchistischen Buchmessen oder der Limesse war, kannte sicherlich einige der anwesenden Verlage und Personen.</p> <p> Als Familientreffen erf&uuml;llt eine Buchmesse eine wichtige Funktion: Sie erh&auml;lt Kontakte, stiftet neue und ist so von &auml;u&szlig;erster Wichtigkeit f&uuml;r anarchistisches Networking. Das Networking war auch bedeutender als die B&uuml;cher selbst, wer dreimal durch den Raum mit ihnen gegangen war, entdeckte nicht mehr allzuviel Neues.<br /> &nbsp;Wie jedes Familientreffen war auch dieses nicht vollst&auml;ndig von Spannungen frei. Da gibt es den Onkel, der einige Verwandte ver&auml;rgert hat, und die zerstrittenen Geschwister, die nicht mehr am selben Tisch sitzen k&ouml;nnen. Doch derartiges tauchte mehr im Small Talk auf, als dass es f&uuml;r die Veranstaltung selbst von Gewicht gewesen w&auml;re.</p> <p> Neben den B&uuml;chern selbst, gab es eine Reihe von Lesungen und Vortr&auml;gen zu unterschiedlichen Themen. Aber da ich selbst bei nur relativ wenigen davon anwesend war, m&ouml;chte ich mich hier allen Generalisierungen au&szlig;er einer verwehren: Thematisch waren sie einigerma&szlig;en divers, gehalten wurden sie aber haupts&auml;chlich von wei&szlig;en M&auml;nner. Das Geschlechterverh&auml;ltnis in der deutschsprachigen anarchistischen Bewegung ist immer noch blamabel im Angesicht der eigenen Anspr&uuml;che, dies zeigt sich bei solchen Veranstaltungen immer wieder von neuem. Dies wird auch offen eingestanden und bedauert, wenn darauf hingewiesen wird, Ideen oder &ndash; besser noch &ndash; Initativen dies zu &auml;ndern sind jedoch rar.</p> <p> Die Besucher lie&szlig;en sich grob in zwei Gruppen, oder eher in ein Kontinuum mit zwei Polen teilen: Einerseits die alten Hasen (und sehr wenige H&auml;sinnen), andererseits junge Aktivist_innen, die oft ein subkulturelles Auftreten (insofern sich von soetwas angesichts der zunehmenden Abwesenheit einer Mainstreamkultur) teilen. Am interessantsten erscheinen mir die Personen, die irgendwo dazwischen liegen. &Auml;lter als die jungen Aktivist_innen sind sie Anarchist_innen in einer Lebensphase in der die eigene Radikalit&auml;t von vielen aufgegeben wurde. F&uuml;r eine Reflexion der Bewegungsdynamiken w&auml;re es von gro&szlig;er Bedeutung auf diese Wechselphasen zu schauen um zu verstehen, warum Leute anarchistisch aktiv werden, bleiben oder damit aufh&ouml;ren. Insbesondere wie die Aufrechterhaltung einer anarchistischen Aktivit&auml;t &uuml;ber die Selbstzuschreibung in postfordistischen Arbeitsverh&auml;ltnissen m&ouml;glich ist, verdient gro&szlig;e Aufmerksamkeit. Auffallend ist zudem, dass ein gro&szlig;er Anteil der Organisator_innen in diese mittlere Gruppe fallen.</p> <p> Diesen ist im &uuml;brigen die Planung gut gelungen. Die&nbsp; Buchmesse war nach allen Ma&szlig;st&auml;ben gr&ouml;&szlig;er als die erste vor zwei Jahren, auch wenn ich der Angabe von bis zu 2000 Besucher_innen, die von der anarchistischen Gruppen Mannheim verbreitet wird, etwas skeptisch&nbsp; gegen&uuml;berstehe. Schlafpl&auml;tze, Konzerte als Abendprogramm und auch warmes Essen waren zur Gen&uuml;ge und dar&uuml;ber hinaus vorhanden. Der Eintritt blieb dabei frei, daf&uuml;r wurden bei den Vortr&auml;gen Klingelpappschachteln durchgereicht. Von den Organisator_innen h&ouml;rte ich, dass das FdA als R&uuml;ckhalt die Organisation erleichtert h&auml;tte. Auff&auml;llig ist jedenfalls, dass derartige Gro&szlig;ereigenisse zumeist aus der Ecke des Anarchismus zu kommen scheinen, die Organisationen gr&ouml;&szlig;ere positive Bedeutung zuschreibt. Wom&ouml;glich ist auch hier wieder eine soziologischer Zusammenhang zu erkennen. M&ouml;glicherweise l&auml;sst sich ein l&auml;ngerer Aktivismus mit fixeren Strukturen eher aufrechterhalten und dieser gr&ouml;&szlig;ere Erfahrungshorizont durch k&ouml;nnte eventuell die Organisation von Ereignissen, wie Buchmessen, die zwar nicht Ruhm aber Aktivit&auml;t versprechen wichtiger erscheinen lassen.</p> <p> Systempunkte.org war auch auf der Buchmesse vertreten, unter anderem durch einen <a href="http://www.systempunkte.org/blog/reader-zur-buchmesse-in-mannheim">Reader</a> und mit einer Vorstellung gemeinsam mit der GaiDao, bei der wir gefeiert und auf H&auml;nden getragen wurden.</p> <div class="flattr-box"><script type="text/javascript"> var flattr_uid = 'systempunkte'; var flattr_tle = 'Ein Familientreffen'; var flattr_dsc = '&lt;p&gt; Ein Familientreffen. Das war die passendste Beschreibung der 2. anarchistischen Buchmesse Mannheim, die ich eben dort h&amp;ouml;rte. Wer schon &amp;ouml;fter auf anarchistischen Buchmessen oder der Limesse war, kannte sicherlich einige der anwesenden Verlage und Personen.&lt;/p&gt;'; var flattr_tag = 'Bewegung,Bildung'; var flattr_cat = 'text'; var flattr_url = 'http://www.systempunkte.org/article/ein-familientreffen'; var flattr_lng = 'de_DE'</script> <script src="http://api.flattr.com/button/load.js" type="text/javascript"></script> </div> http://www.systempunkte.org/article/ein-familientreffen#comments Bewegung Bildung Tue, 30 Apr 2013 05:58:13 +0000 Tuli 213 at http://www.systempunkte.org „Der Einzige. Jahrbuch der MSG 2012“ – Eine teilweise Rezension http://www.systempunkte.org/article/%E2%80%9Eder-einzige-jahrbuch-der-msg-2012%E2%80%9C-%E2%80%93-eine-teilweise-rezension-0 <p> Anfang dieses Jahres erschien das Jahrbuch 2012 der Max Stirner Gesellschaft, dass die Ergebnisse des 2011 in Frankreich stattgefunden Stirner-Kongresses festh&auml;lt. Angesichts dessen sind auch der &uuml;berwiegende Anteil der Beitr&auml;ge in franz&ouml;sischer Sprache. Diese k&ouml;nnen hier leider auf Grund meiner fehlenden Sprachkenntnis keine Beachtung finden. Lediglich die deutschsprachigen Bestandteile werden hier rezensiert.</p> <p> Der Fokus auf Frankreich bleibt in den deutschsprachigen Beitr&auml;gen erhalten. So folgt Maurice Schuhmann in seinem Beitrag &bdquo;Die Phalanx der Egoisten&ldquo; dem schon von Marx und Engels in der deutschen Ideologie unterstellten Zusammenhang des stirnerschen Konzept des Vereins mit der Gesellschaftstheorie des Fr&uuml;hsozialisten Charles Fouriers.</p> <p> Sowohl das Konzept des Vereins als auch die Vorstellungen Fouriers, der heute selbst unter Sozialist_innen weitgehend vergessen ist, werden knapp dar- und anschlie&szlig;end gegen&uuml;bergestellt. Zwar werden einige, meines Erachtens eher oberfl&auml;chliche Gemeinsamkeiten zwischen Fourier und Stirner gefunden, schnell triet aber auch die Grundverschiedenheit der Ans&auml;tze zu Tage.</p> <p> Der apodiktische Schluss: &bdquo;Damit muss die Konfrontation Stirners und Fouriers als ein [sic] Sackgasse der Forschung angesehen werden.&ldquo; (S. 41) scheint mir dennoch etwas voreilig und sollte relativiert werden. Zwar legt der Beitrag wirklich &uuml;berzeugend Nahe, dass Stirners Verein nicht als einfache Fortf&uuml;hrung der &Uuml;berlegungen Fouriers gelesen werden kann, dies schlie&szlig;t aber nicht aus das eine Konfrontation auf anderen Gebieten produktiv sein k&ouml;nnte. Und selbst wenn es gar keinen bedeutenden Einfluss von Fourier auf Stirner geben haben mag, hei&szlig;t dies noch nicht unbedingt, dass nicht wom&ouml;glich einzelne Gedanken gewinnbringend gegen&uuml;bergestellt werden k&ouml;nnten. Insbesondere im Bereich von Trieben und Lust scheint innerhalb des Textes eine spannende Konfrontation m&ouml;glich, die von Maurice Schuhmann aber etwas schnell geschlossen wird (vgl. S. 40).</p> <p> Arno M&uuml;nster geht in seinem Beitrag den umgekehrten Weg. Statt den Einfluss einer Schule der franz&ouml;sischen Philosophie auf Max Stirner zu untersuchen, betrachtet er den Einfluss Stirners auf eine der wichtigsten philosophischen Str&ouml;mungen des vergangenen Jahrhunderts: den franz&ouml;sischen Existenzialismus. M&uuml;nster hat es hierbei eindeutig leichter, ist doch der Bezug streckenweise sehr explizit und bez&uuml;glich der theoretischen Beziehung existiert bereits der Band &bdquo;Aux Sources de l&#39;existentialimse: Max Stirner&ldquo; von Henri Arvon. So kann M&uuml;nster ein bereits gelegtes Fundament heranziehen und sich auf eine genauere Analyse der Stirner Rezeption Albert Camus einlassen. Wichtig ist hierbei besonders die Kontroverse um die Frage, ob Stirner Nihilist sei, beziehungsweise als solcher mit Nietzsche in Verbindung zu bringen ist.</p> <p> Der eher geringe Einfluss auf Sarte wird dagegen nur entsprechend kurz abgehandelt, obwohl dieser einen interessanten Bezug zwischen Stirner und dem Marquis de Sade herstellt (vgl. S. 63f.).</p> <p> Zu diesen beiden Beitr&auml;gen gesellen sich noch f&uuml;nf deutschsprachige Rezensionen, zwei davon zur &Uuml;bersetzung des eben erw&auml;hnten Buches Henri Arvons. Dieses Buch ist das einzig Rezensierte, das auch in deutscher Sprache vorliegt.</p> <p> Insgesamt liefert das Jahrbuch einige auf Frankreich fokussierte Forschungsergebnisse, die f&uuml;r fortgeschrittenen Stirner Leser_innen von Interesse sind. Inhaltlich solide, ist an manchen Stellen leider das Fehlen eines genauen Lektorat un&uuml;bersehbar. So wurde auf S. 37 dem Anschein nach ein Satz neu formuliert, aber die alte Fassung nicht entfernt, wodurch es zu einer unsch&ouml;nen Dopplung kommt.<br /> Empfohlen werden kann das Jahrbuch wohl nur jenen, die des Franz&ouml;sisch m&auml;chtig sind, ist doch der &uuml;berwiegende Anteil der Beitr&auml;ge in dieser Sprache verfasst. Der sehr lobenswerte transnationale Fokus setzt hier leider gleichzeitig linguistische Grenzen.</p> <p> &bdquo;Der Einzige &ndash; Jahrbuch der MSG 2012&ldquo; Herausgegeben von der Max Stirner Gesellschaft.</p> <p> 110 Seiten, A5-Format, ISBN 978-3-933287-88-5, Euro 25,00</p> <div class="flattr-box"><script type="text/javascript"> var flattr_uid = 'systempunkte'; var flattr_tle = '„Der Einzige. Jahrbuch der MSG 2012“ – Eine teilweise Rezension'; var flattr_dsc = '&lt;p&gt; Anfang dieses Jahres erschien das Jahrbuch 2012 der Max Stirner Gesellschaft, dass die Ergebnisse des 2011 in Frankreich stattgefunden Stirner-Kongresses festh&amp;auml;lt.&lt;/p&gt;'; var flattr_tag = 'Geschichte'; var flattr_cat = 'text'; var flattr_url = 'http://www.systempunkte.org/article/%E2%80%9Eder-einzige-jahrbuch-der-msg-2012%E2%80%9C-%E2%80%93-eine-teilweise-rezension-0'; var flattr_lng = 'de_DE'</script> <script src="http://api.flattr.com/button/load.js" type="text/javascript"></script> </div> http://www.systempunkte.org/article/%E2%80%9Eder-einzige-jahrbuch-der-msg-2012%E2%80%9C-%E2%80%93-eine-teilweise-rezension-0#comments Geschichte Tue, 09 Apr 2013 18:03:13 +0000 Tuli 211 at http://www.systempunkte.org Dokumentation einer Debatte http://www.systempunkte.org/article/dokumentation-einer-debatte <p> <em>Vorbemerkungen:</em> Vor einiger Zeit haben wir von Hyman Roth eine Erwiderung auf einen Artikel erhalten, der in der anarchistischen <a href="http://fernweh.noblogs.org">Stra&szlig;enzeitung Fernweh</a> erschienen war. Zuerst haben wir ihn abgelehnt, daraus hat sich aber eine Diskussion mit Hyman entwickelt. Hier ver&ouml;ffentlichen wir nun den Artikel aus der Fernweh Zeitung, Hyman Roths Antwort und den darauf folgenden EMail-Verkehr.</p> <h2> <strong>Bist du Frei?</strong></h2> <p> <em>Beitrag aus Fernweh - anarchistische Stra&szlig;enzeitung. Autor_in unbekannt.</em></p> <p> Findest du, du bist frei? Hast du das Gef&uuml;hl wirklich frei zu sein? Kannst du in vollem Masse &uuml;ber dein eigenes Leben entscheiden? Kannst du immer das tun, worauf du gerade Lust hast? F&uuml;hlst du dich so, als ob du zu jeder Zeit die volle Kontrolle &uuml;ber dein Leben hast? Wenn du morgens aufstehst, um in die Schule oder Arbeit zu gehen? Abends schlafen gehst, um morgens wieder &bdquo;leistungsf&auml;hig&ldquo; zu sein, dich nicht so benehmen oder anziehen kannst, wie du willst?</p> <p> Ich nicht. Mein Leben f&uuml;hlt sich zum gro&szlig;en Teil so an, dass ich die meisten Dinge tue, weil ich muss, nicht weil ich will. Ich hatte nie Lust in die Schule zu gehen, mich fr&uuml;h morgens aus dem Bett zu qu&auml;len, um mir dann von irgendjemand irgendetwas erz&auml;hlen zu lassen, was mich eigentlich gar nicht interessiert hat, ja womit ich mich nie besch&auml;ftigt h&auml;tte, wenn ich mir h&auml;tte aussuchen k&ouml;nnen, wie ich meine Zeit verbringe und was ich lerne. Genauso w&uuml;rde ich, wenn ich die Wahl h&auml;tte, nie meine Zeit damit verschwenden arbeiten zu gehen, also meine Lebenszeit in ein paar M&uuml;nzen einzutauschen. Acht Stunden am Tag immer wieder das selbe zu machen, hinter einer Supermarkt-Kasse zu sitzen, irgendwelche &bdquo;Kunden&ldquo; zu bedienen, oder am Computerbildschirm zu h&auml;ngen.</p> <p> Nat&uuml;rlich, m&uuml;ssen tun wir nichts, ich h&auml;tte auch einfach nicht mehr in die Schule gehen k&ouml;nnen, oder k&ouml;nnte einfach nicht mehr zur Arbeit gehen. Bis mir das Geld ausgeht, ich Stress mit Bullen oder dem Arbeitsamt kriege, oder ich irgendwann einfach auf der Stra&szlig;e wohne.</p> <p> Und dann? Auch wenn ich weder in die Schule noch arbeiten gehen w&uuml;rde, mein Leben w&auml;re genauso wenig selbstbestimmt wie davor. Ich m&uuml;sste vielleicht nicht mehr um halb sieben aufstehen, aber ich m&uuml;sste immer noch aufpassen nicht beim Schwarzfahren erwischt zu werden, oder k&ouml;nnte immer noch nicht meinen besten Freund k&uuml;ssen, ohne komisch angeschaut zu werden.</p> <p> Ich muss also doch so einiges tun um, wenn schon nicht zu leben wie ich will, wenigstens zu &uuml;berleben. Ich muss arbeiten gehen, ich muss f&uuml;r Dinge, die ich haben will bezahlen und ich muss mich auch von der Polizei kontrollieren lassen.</p> <p> Selbstverst&auml;ndlich gibt es aber auch die sch&ouml;nen Momente im Leben. Doch die habe ich bis jetzt immer nur erlebt, wenn ich f&uuml;r mich selbst entschieden habe, das zu machen worauf ich gerade Lust habe. Und zwar ohne auf jegliche Regeln oder Verpflichtungen R&uuml;cksicht zu nehmen. Wenn ich mit Freund_innen drau&szlig;en in der Sonne gesessen bin, als ich meinen Chef verarscht habe, zusammen mit anderen die Schule geschw&auml;nzt habe, bis in die Morgenstunden gefeiert habe ohne darauf zu achten, ob ich am n&auml;chsten Morgen fr&uuml;h aufstehen musste, spontan was Verr&uuml;cktes gemacht habe, oder der Adrenalin-Kick, wenn ich was Verbotenes mache. Aber warum machen diese Momente, jene Momente, die sich wirklich nach Leben anf&uuml;hlen nur einen so kleinen Teil unseres Alltags aus? Sollte sich nicht jeder Augenblick unsere Lebens so wie diese Momente anf&uuml;hlen?</p> <p> Ich finde schon. Ich finde f&uuml;r ein Leben, in dem jeder Tag, jede Minute, ja jede Sekunde selbstbestimmt ist und nach Freiheit schmeckt, lohnt es sich zu k&auml;mpfen. K&auml;mpfen hei&szlig;t f&uuml;r mich Leute zu finden, die diese Welt genauso schei&szlig;e finden wie ich, dar&uuml;ber zu reden und zusammen die Dinge, Verhaltensweisen und Personen, die verhindern, dass sich mein Leben so anf&uuml;hlt wie ich es will, anzugreifen und aus meinem Leben zu vertreiben.</p> <p> Ich will wirklich leben und nicht nur &uuml;berleben, mich nicht nur von Tag zu Tag weiter dazu zwingen zu funktionieren, sondern diese Welt gemeinsam mit anderen nach unseren Bed&uuml;rfnissen komplett neu zu erschaffen. Die meisten Leute entgegnen mir dann, dass ich, wenn ich etwas &auml;ndern will, doch einer Partei beitreten solle, dieses oder jenes Politiker-Schwein w&auml;hlen soll oder eine Petition einreichen soll.</p> <p> Wenn ich die Grundlagen meines Alltags und unseres Zusammenlebens umkrempeln und selbst lenken will, kann das niemand durch irgendeine Art von Politik &uuml;bernehmen und kein_e Politiker_in kann mir bei dieser &Auml;nderung helfen. Abgesehen davon, dass ich diesen Kampf also sowieso selbst f&uuml;hren muss, ist Politik an sich eine entfremdete und langweilige Sache. Politik hei&szlig;t meiner Meinung nach, dass irgendwelche Menschen, die nichts mit mir zu tun haben, die ich meistens noch nicht ein einziges Mal in meinem Leben pers&ouml;nlich gesehen habe, geschweige denn mit ihnen geredet habe, &uuml;ber die Dinge die mein und unser Leben betreffen in irgendwelchen Treffen oder Parlamenten entscheiden. Da wir dann gezwungen sind diese Entscheidungen auch zu befolgen und unsere pers&ouml;nlichen Konflikte, gemeinsamen Entscheidungen oder Abmachungen zu &uuml;bergehen oder in den Hintergrund zu dr&auml;ngen, spielt sich Politik immer getrennt von unserem t&auml;glichen Leben ab und nimmt uns so die M&ouml;glichkeit selbst &uuml;ber unsere Leben zu entscheiden.</p> <p> Politik hei&szlig;t uns zu kontrollieren, damit sich unsere Aktivit&auml;ten nicht von den Fesseln der Arbeit und Pflicht befreien.</p> <p> F&uuml;r eine andere Welt zu k&auml;mpfen hat f&uuml;r mich also nichts mit Politik zu tun, es geht mir eher darum, alle Sachen, die mich daran hindern zu zerst&ouml;ren und nicht zu ver&auml;ndern oder abzuschaffen, denn das w&uuml;rde wieder hei&szlig;en Politik zu machen.</p> <p> Die Verh&auml;ltnisse die uns unterdr&uuml;cken, durchdringen unser ganzes Dasein, sie sind &uuml;berall um uns herum, und wir reproduzieren sie tagt&auml;glich, wie z.B. sexistisches oder rassistisches Denken und Verhalten, Gehorsamkeit gegen&uuml;ber Autorit&auml;ten, Religionen&hellip; Aber diese Verh&auml;ltnisse zeigen sich nicht nur in meinem und deinem Kopf, sondern treten auch ganz offensichtlich &uuml;berall zu Tage und lassen sich dort auch angreifen. Die Bullen, die irgendwo rumstehen und mich kontrollieren bzw. schikanieren, die &Uuml;berwachungskameras, die fast schon an jeder Ecke zu h&auml;ngen scheinen, die Lehrer, die Schulen, die Securities, all die Chefs, die Kirchen, die Kn&auml;ste, das Arbeitsamt, der Arbeitsplatz, ganz zu schweigen von all den anderen Geb&auml;uden und Technologien, die nur existieren um uns zu &uuml;berwachen und zu unterdr&uuml;cken und sonstigen Personen die bestimmen wollen, wie ich zu leben habe und uns darin hindern, unser ganzes Potenzial frei zu entfalten.</p> <p> Ich will zusammen mit allen Feind_innen jeglicher Autorit&auml;t eine neue Welt aufbauen. Eine Welt ohne Chefs, Lohnarbeit und sonstigen Zw&auml;ngen. Eine Welt die gepr&auml;gt ist von gegenseitiger Hilfe und unendlichen M&ouml;glichkeiten. Eine Welt mit echten Abenteuern, in der wir jederzeit unser Leben selber in der Hand haben.</p> <p> Ich glaube diese Welt ist erst m&ouml;glich, wenn wir zusammen auf den Ruinen der heutigen St&auml;dte, Gef&auml;ngnisse, Polizeistationen, Parlamente und Grenzen stehen.</p> <h2> Erwiderung</h2> <p> <em>von Hyman Roth</em></p> <p> Es gibt gute Nachrichten. Die anarchistische Medienlandschaft ist um &bdquo;Fernweh &ndash; anarchistische Stra&szlig;enzeitung&ldquo; aus M&uuml;nchen reicher geworden. Und der Fundus der anarchistischen Theorie wurde um den redaktionellen Artikel &bdquo;Bist du frei&ldquo; bereichert. Soweit zu den guten Nachrichten. In die Sparte &bdquo;nicht so gute Nachrichten&ldquo; muss leider der Inhalt des Textes verzeichnet werden. Dort steht:</p> <blockquote><p> &quot;Wenn ich die Grundlagen meines Alltags und unseres Zusammenlebens umkrempeln und selbst lenken will, kann dass niemand durch irgendeine Art von Politik &uuml;bernehmen und kein_e Politiker_in kann mir bei dieser &Auml;nderung helfen. Abgesehen davon, dass ich diesen Kampf also sowieso selbst f&uuml;hren muss, ist Politik an sich eine entfremdete und langweilige Sache. Politik hei&szlig;t meiner Meinung nach, dass irgendwelche Menschen die nichts mit mir zu tun haben, die ich meistens noch nicht ein einziges Mal in meinem Leben pers&ouml;nlich gesehen habe, geschweige denn mit ihnen geredet habe, &uuml;ber die Dinge die mein und unser Leben betreffen in irgendwelchen Treffen oder Parlamenten entscheiden. Da wir dann gezwungen sind diese Entscheidungen auch zu befolgen und unsere pers&ouml;nlichen Konflikte, gemeinsamen Entscheidungen oder Abmachungen zu &uuml;bergehen oder in den Hintergrund zu dr&auml;ngen, spielt sich Politik immer getrennt von unserem t&auml;glichen Leben ab und nimmt uns so die M&ouml;glichkeit selbst &uuml;ber unsere Leben zu entscheiden.</p> <p> Politik hei&szlig;t uns zu kontrollieren, damit sich unsere Aktivit&auml;ten nicht von den Fesseln der Arbeit und Pflicht befreien.</p> <p> F&uuml;r eine andere Welt zu k&auml;mpfen hat f&uuml;r mich also nichts mit Politik zu tun, es geht mir eher darum, alle Sachen, die mich daran hindern zu zerst&ouml;ren und nicht zu ver&auml;ndern oder abzuschaffen, denn das w&uuml;rde wieder hei&szlig;en Politik zu machen.</p> <p> Die Verh&auml;ltnisse die uns unterdr&uuml;cken, durchdringen unser ganzes Dasein...&quot;</p> <p> Ab dem zweiten hier zitierten Satz wird es schr&auml;g. Man kann herrschende Politik f&uuml;r vieles kritisieren, aber &bdquo;Langeweile&ldquo; ist ein seltsames Kriterium. Man kann durch Analyse der Verh&auml;ltnisse zum Schluss gelangen, dass einige, sehr grunds&auml;tzliche Dinge sich nicht auf parlamentarischem Wege &auml;ndern lassen, aber es ist was ganz anderes, wenn man f&uuml;r Revolution ist, einfach weil man brennende Barrikaden (und eventuell damit verbundenes Blutvergie&szlig;en) lustiger findet als ewiges Verhandeln bei irgendwelchen Gremientagungen. Es gibt Radikalit&auml;t, die nach dem Prinzip &bdquo;so radikal wie die Wirklichkeit&ldquo; entsteht. Dies impliziert die analytische Auseinandersetzung mit eben dieser Wirklichkeit, also auch mit &bdquo;langweiligen&ldquo; Strukturen. Und es gibt die revolution&auml;re Romantik. Beides sollte nicht durcheinander geworfen werden. &nbsp;<br /> Es stimmt, dass in der parlamentarischen Demokratie Vertreter und Vertretene einander oft nicht kennen. Aber ist es ausgerechnet das, was daran zu kritisieren w&auml;re? Denn dieses Problem l&auml;sst sich leicht beheben. Jeder Abgeordnete hat ein B&uuml;ro in seinem Wahlkreis, da kann man hingehen und den Vertreter kennenlernen. Blo&szlig; was wird dadurch besser? Wenn ein Gesetz zu Ungunsten einzelner B&uuml;rger ausf&auml;llt, liegt es nicht daran, dass die zum Gesetzeerlassen erm&auml;chtigten Abgeordneten die Betroffenen nicht kennen.</p> </blockquote> <p> Wenn man nicht sein Leben in einer abgeschotteten Dorfgemeinschaft verbringen m&ouml;chte (was f&uuml;r sehr viele Menschen keine attraktive Option ist), wird man in jeder Gesellschaftsform auf Menschen, die man nicht pers&ouml;nlich kennt angewiesen sein. Was das Problem an dieser &bdquo;Entfremdung&ldquo; (was auch immer das f&uuml;r ein Ding das sein soll) sein mag, ist nicht klar. Arbeiter in riesigen Betrieben oder gar in ganzen Branchen beschlie&szlig;en zu streiken nicht weil die sich alle pers&ouml;nlich kennen und sympathisch finden, sondern weil sie ein gemeinsames Interesse sehen und es f&uuml;r so wichtig halten, dass sie unter Abstraktion von allen sonstigen Unterschieden in gemeinsame Aktion treten.&nbsp; Ein Protest gegen Abschiebung findet hoffentlich nicht nur dann statt, wenn die davon Bedrohten allen wohlbekannt und ursympathisch sind.<br /> Politik kann es Freunden der revolution&auml;ren Unmittelbarkeit nie Recht machen, weil sie immer einer Vermittlung bedarf. Wenn man das ganze gesellschaftliche System umkrempeln will &ndash; und das eben nicht als Putschaktion von einigen ganz doll Entschlossenen und Unangepassten, sondern zusammen mit der Mehrheit, muss diese Mehrheit ja irgendwie &uuml;berzeugt werden.&nbsp; Dabei k&ouml;nnen nicht alle sich gegenseitig kennen, jeder mit jedem befreundet sein. Es kann dabei auch schwer vermieden werden, dass man &bdquo;pers&ouml;nliche Konflikte&ldquo; nicht in den Hintergrund dr&auml;ngt. Pers&ouml;nliche Zu- und Abneigungen sind keine gute Grundlage f&uuml;r das gesellschaftliche Zusammenleben. Was w&auml;re besser, wenn ein B&auml;cker darauf achten wurde, dass seine Br&ouml;tchen ja nicht von Leuten verzehrt werden, die er nicht mag? Oder wenn mitten in so formell-entfremdeten und angeblich vor allem deswegen b&ouml;sen, b&uuml;rgerlichen Rechtstaat ein Sachbearbeiter Sozialhilfe nach dem Prinzip verteilen wurde &bdquo;wenn mag ich&ldquo;?&nbsp; Oder will man eine Produktionsweise haben, bei der erst geschaut wird, ob ein Mensch sich durch pers&ouml;nliche Eigenschaften als w&uuml;rdig erwiesen hat,&nbsp; auch f&uuml;r seine Bed&uuml;rfnisse etwas zu produzieren?</p> <p> Arbeitsteilung, Planung und Organisation von komplizierten Produktionsabl&auml;ufen kann sicherlich nicht komplett nach dem Lustprinzip geschehen, aber ohne all das w&auml;re man die ganze Zeit der Natur und damit dem Mangel an allem m&ouml;glichen ausgeliefert.</p> <p> Ein anderer Punkt ist: wenn man eine Programm der Weltver&auml;nderung f&auml;hrt, die z.B. Privateigentum abschaffen will, dann kollidieren die eigenen Interessen mit den Interessen derjenigen, die wollen, dass alles so bleibt, wie es ist. Sich gegen deren Interessen durchzusetzen impliziert auch solche (den Autoren des &bdquo;Fernweh&ldquo;-Textes verhasste) Dinge wie Kontrolle &uuml;ber deren Aktivit&auml;ten oder Entscheidungen &uuml;ber ihr allt&auml;gliches Leben, die ihnen eventuell nicht passen. Will beispielsweise Jemand weiterhin Immobilienbesitzer sein und irgendwelche Leute (die er bis dahin nicht mal gesehen hat) hindern ihn daran, , dann ist das Zwang. Man kann nicht so tun, als w&auml;re es das nicht &ndash; sonst ist es eine Mogelpackung: Freiheit ist unsere Freiheit den anderen unsere politische (jawohl, das ist dann politisch) Vorstellungen aufzudr&uuml;cken, aber in der umgekehrten Variante ist es dann keine Freiheit. Die politischen Fragen werden unter tiefsinnigen&ldquo; Begriffen wie &bdquo;Dasein&ldquo; und &bdquo;Leben&ldquo; versteckt.</p> <h2> 1. EMail</h2> <p> <em>von Tuli (Redaktionsmitglied)</em></p> <p> Hey,</p> <p> erstmal Danke f&uuml;r deine Einsendung. Aber ich habe mich gegen eine Ver&ouml;ffentlichung ausgesprochen und das wurde dann auch in der Redaktion so angenommen. Ich m&ouml;chte dir begr&uuml;nden wieso.</p> <p> Prinzipiell ist die Thematik eine interessante, denn wie mir scheint, sto&szlig;en hier zwei Sorten von Anarchismen auf einander. Einerseits ein eher gesellschaftlich-bewegungs orientierte Anarchismus, auf der anderen Seite ein Anarchismus der die eigene Subjektivit&auml;t betont und st&auml;rker auf eine Lebenshaltung abzielt. Nun diese Spaltung ist im Anarchismus wohl von Anfangen vorhanden und zwar in noch einer etwas anderen Form schon zwischen Stirner und etwa Kropotkin. Heute stehen f&uuml;r diese Unterschiede etwa der Anarchosyndikalismus auf der einen Seite und CrimethInc. auf der anderen.</p> <p> Wir sind, wie gesagt, prinzipiell an der Thematik interessiert und w&uuml;rden auch gerne Texte (von dir oder anderen) dazu ver&ouml;ffentlichen. Das Problem ist nur, dass wir bzw. ich nicht das Gef&uuml;hl habe, dass die Spannung in deinem Text produktiv wird. Vielmehr scheinen mir du und der_dir Fernweh-Autor_in aneinander vorbei zu reden.</p> <p> Die Ursache liegt meines Erachtens (auch) daran, dass du die l&auml;ngere Debatte dahinter nicht im Text reflektierst. Daher m&ouml;chte ich dir ein paar Hinweise dazu geben. Ein fast schon klassischer Text ist etwa von Murray Bookchin &quot; Social Anarchism or Lifestyle Anarchism - An Unbridgeable Chasm&quot; l&auml;sst sich hier lesen: <a href="http://libcom.org/library/social-anarchism--lifestyle-anarchism-murray-bookchin" title="http://libcom.org/library/social-anarchism--lifestyle-anarchism-murray-bookchin">http://libcom.org/library/social-anarchism--lifestyle-anarchism-murray-b...</a></p> <p> Auf den gibt es aber noch haufenweise Antworten, zum Beispiel die sehr polemische von Bob Black mit dem Titel &quot;Anarchy after Leftism &quot;: <a href="http://theanarchistlibrary.org/library/bob-black-anarchy-after-leftism" title="http://theanarchistlibrary.org/library/bob-black-anarchy-after-leftism">http://theanarchistlibrary.org/library/bob-black-anarchy-after-leftism</a></p> <p> Auf diese Polemik gibt es wiederum Antworten und soweiter. Und das ist nur die Diskussion in den englisch sprachigen Raum. Eine neuere Diskussion, die mir damit verwandt scheint, entz&uuml;ndete sich insbesondere um das Buch &quot;Black Flame&quot; von Michael Schmidt und Lucien van der Walt. Hier &#39;ne Rezension von Gabriel Kuhn dazu: <a href="http://www.anarchiststudies.org/node/529" title="http://www.anarchiststudies.org/node/529">http://www.anarchiststudies.org/node/529</a></p> <p> Nun muss ich gleich mal was zu geben, ich habe keinen der beiden Texte selbst gelesen und auch nicht &quot;Black Flame&quot;, nur Zusammenfassungen der Debatte. Ich bin da also auch selbst kein Experte. Ich will dir nur &#39;nen Fingerzeig geben, in welche Richtung du weiterlesen kannst. Und es gibt da schon verdammt viel dazu zu lesen. (Leider fast nur im englischsprachigen Raum.)</p> <p> Wir w&uuml;rden uns freuen von dir einen Text zu bekommen, indem du deine Kritik noch einmal formulierst und zwar vor dem gr&ouml;&szlig;eren Hintergrund. Auch sonst stehen wir selbstverst&auml;ndlich f&uuml;r Einsendungen von dir offen.</p> <p> Also lass dich nicht entmutigen, sondern nimm es als Ansporn!</p> <p> sch&ouml;ne Gr&uuml;&szlig;e,</p> <p> Tuli</p> <h2> 2. EMail</h2> <p> <em>von Hyman Roth</em></p> <p> Hallo,</p> <p> ich habe eigentlich auf eine Debatte entlang der beiden Texten gehofft, weniger auf Global-Schlacht mit irgendwelchen Str&ouml;mungen aus aller Welt, die vom H&ouml;rensagen bekannt sind. W&uuml;rde mich aber &uuml;ber Kritik an meinen Thesen mehr feuen, als &uuml;ber Verweise auf (bestimmt auch spannende) Autoren, die weder &quot;Fernweh&quot;, noch ich zitieren.</p> <p> Aber wenn ich, etwas umbescheiden, auch mal einen Lekt&uuml;tetipp geben darf:</p> <p> Hyman Roth: Gegen &quot;wahre Leben&quot;. In: Interim - Polit-Info aus Berlin. Nr. 733. 21.10.2011. S. 30. (leider nicht online)</p> <p> Viele Gr&uuml;&szlig;e,</p> <p> Hyman Roth</p> <h2> 3. EMail</h2> <p> <em>von Tuli (Redaktionsmitglied)</em></p> <p> Naja, das ist eigentlich der Punkt den ich machen wollte:</p> <p> Deine Thesen gehen meines Erachtens ins Leere, weil du eben die Global-Schlacht, die stattfindet nicht mitbedenkst. Du kannst nicht so tun als k&ouml;nntest du deine Thesen in einen theorieleeren Raum posten, weil sie nun einmal in eine bereits bestehende Welt eingreifen wollen. Zudem antwortest du ja auf einen Text, der aus einer Theorie herauskommt (auch wenn er sich dies vielleicht selbst nicht bewusst genug ist), deswegen ist es falsch so zu tun, als st&uuml;nde der Text nur f&uuml;r sich oder als k&ouml;nnte deine Antwort nur f&uuml;r sich stehen.</p> <p> Du kritisiert am Fernweh-Text das Bild von einer sozialen Ordnung, das er dir vermittelt, aber das geht meines Erachtens schlichtweg am Kern vorbei, weil der Text ja gar keine soziale Ordnung vorschlagen m&ouml;chte, sondern eben ein Lebensgef&uuml;hl ausdr&uuml;ckt. Du m&uuml;sstest also erst die Vorstellung im Hintergrund aufnehmen um zu diesem Punkt kommen zu k&ouml;nnen, nur dann h&auml;ttest du &uuml;berhaupt einen gemeinsamen Boden f&uuml;r Kritik.</p> <p> Es ist notwendig sich auf einen Text und die dahinter stehende Theorie einzulassen, bevor es m&ouml;glich ist substanzielle Kritik an ihm zu &uuml;ben. Wir k&ouml;nnen nur theoretische Fortschritt machen, wenn wir nicht allein unsere Thesen als solche ver&ouml;ffentlichen, sondern wenn wir auch den Gesamtzusammenhang bedenken.</p> <p> Wenn ich meine Thesen aus einem bestimmten theoretischen Hintergrund heraus ver&ouml;ffentliche und du deine gegenthesen ver&ouml;ffentlichst aus einem anderen theoretischen Hintergrund heraus, was ist dadurch gewonnen? Dann f&uuml;hren wir zwei Monologe, die lediglich jeweils die Stichw&ouml;rter des anderen aufgreifen.</p> <p> Dein Text &uuml;ber &quot;wahres Leben&quot; w&uuml;rde mich sehr interessieren, da ich bei der anarchistischen Buchmesse in Mannheim einen Vortrag zum Begriff des Lebens bei Stirner und Nietzsche halten werden, bei dem es genau um das Thema gehen wird. Hast du ihn gar nicht am Computer, so dass du ihn mir schicken k&ouml;nntest? Sonst muss ich wohl in den n&auml;chsten Infoladen latschen...</p> <p> sch&ouml;ne Gr&uuml;&szlig;e,</p> <p> Tuli</p> <p> p.S.: Nur um es klar zu stellen: Was ich hier schreibe ist <strong>meine</strong> theoretische Position und entspricht <strong>nicht</strong> zwangsl&auml;ufig der der gesamten systempunkte.org-Redaktion.</p> <h2> 4. EMail</h2> <p> <em>von Hyman Roth</em></p> <p> Ja, aber woher willst du wissen, was deren Theorie-Hintergrund ist, wenn die dar&uuml;ber nichts sagen? Vllt. haben die all diese Texte gar nicht gelesen, die du ebenfalls nicht gelesen hast, aber irgendwie f&uuml;r so wichtig h&auml;lst, dass man ohne die nicht diskutieren kannst. Der Text wurde in eine Polit-Zeitschrift abgedruckt, Anarchismus ist eine bestimmte Haltung zur Staat &ndash; und Haltung zu Staat ist immer politisch.&nbsp; Zur deren Lebensgef&uuml;hl kann ich nichts sagen &ndash; wenn die sich so f&uuml;hlen, ist es halt so. Aber die ver&ouml;ffentlichen es, sie schlagen halt vor, aus solchen Gef&uuml;hlen heraus zu handeln. Wenn Lebensgef&uuml;hl zum Ausgangspunkt der Politik wird, dann ist es einfach eine andere Sache. Und da kann man die schon auf die Konsequenzen davon ansprechen. Ohne die gleich zu fragen, ob die auch die Debatten aus den letzten beiden Jahrhunderten dazu kennen.</p> <p> Mir ist es doch egal wie belesen oder unbelesen die sind.</p> <p> Den Text aus &quot;Interim&quot; muss ich irgendwo auf alten Datentr&auml;ger suchen, bl&ouml;d, dass Interim nicht online ist. und ob es die Position der Redaktion oder nur von dir ist (dein Veto scheint ja zu gen&uuml;gen) &ndash; es w&auml;re vllt. gerade f&uuml;r mehr an Theorie-Diskussion (die du gerade vermisst) besser, Debatte stattfinden zu lassen ohne auf abgeschlossenes Philosophie-Studium zu pochen. Mich w&uuml;rde schon interessieren, was die Leser von SP &uuml;ber den Streit denken, weniger was schon Stirner, Kropotkin oder wer auch immer noch &uuml;ber &quot;soziale Ordnung&quot; dachten.</p> <h2> 5. EMail</h2> <p> <em>von Tuli (Redaktionsmitglied)</em></p> <p> Du hast das mit dem Theorie-Hintergrund falsch verstanden. Ich behaupte nicht, dass die das jetzt alles gelesen haben. Im Gegenteil w&uuml;rde ich eher darauf tippen, dass dem leider nicht so ist. Die Autor_innen kommen aber dennoch aus einem Diskurs heraus, den zu<br /> kennen f&uuml;r eine gute Kritik meines Erachtens notwendig ist. Meine Linktipps waren also nicht im den Sinne von: &quot;Die haben das gelesen, also musst du das auch lesen, um sie zu verstehen&quot; gemeint, sondern vielmehr als ein Fingerzeig auf eine m&ouml;gliche Herangehensweise an den Diskurs. Die These die dahinter steht ist ganz einfach: Wir sagen immer mehr als den einfachen Satz, der irgendwo steht, da es R&uuml;ckbez&uuml;ge gibt, F&auml;rbungen der Worte durch Gebrauch in bestimmten Kontexten, Anspielungen, vorgeformte Gedanken und soweiter.</p> <p> Ich weiche aber nicht von dem Punkt ab, dass es wichtig ist die Entwicklung der theoretischen Diskussion zu bedenken. Theoretischer Fortschritt ist &ndash; wenn &uuml;berhaupt &ndash; dann ausschlie&szlig;lich unter dieser Bedingung m&ouml;glich. Wenn wir unter einer st&auml;ndigen Theorie-Amnesie leiden, werden wir uns wahrscheinlich nur im Kreise drehen. Und du hast recht, ich vermisse Theorie-Diskussionen, aber ich vermisse vor allem solche, die uns theoretisch voranbringen, nicht solche, die sich einfach nur ewig im Kreise drehen. Das mag bedeuten, dass es eine gewisse Schranke von vorheriger Lekt&uuml;re f&uuml;r das Mitdiskutieren gibt. Mein Ziel ist es aber nicht die Schranke abzuschaffen, sondern vielmehr Menschen zu erm&ouml;glichen sie zu &uuml;berwinden. Oder anders formuliert: Ich m&ouml;chte nicht den Anspruch der Theorie abschaffen, sondern dazu beitragen, dass mehr Menschen ihn erf&uuml;llen k&ouml;nnen.</p> <p> Noch eine Anmekrung: Selbstverst&auml;ndlich kannst du nur mal die logischen Konsequenzen eines Textes aufzeigen. Das bringt aber nichts, wenn der Text nicht auf logische Koh&auml;renz setzt, sondern Expression einer subjektiven Empfindung sein soll (eine m&ouml;gliche Lesart, ich wei&szlig; nicht, ob es jene des_r Fernweh-Autor_in ist).</p> <p> Mein Vorschlag w&auml;re nun folgender: Wir ver&ouml;ffentlichen bei systempunkte.org den Fernweh-Text, deine Erwiderung plus unseren EMail-Verkehrs. W&auml;re das in deinem Sinne? (Klausel: Ich habe jetzt noch nicht die Zustimmung der anderen Redaktions-Mitglieder daf&uuml;r.)</p> <p> sch&ouml;ne Gr&uuml;&szlig;e,</p> <p> Tuli</p> <h2> 6. EMail</h2> <p> <em>von Hyman Roth</em></p> <p> Einverstanden, aber woher bitte nochmal die Rechtschreibung checken :)</p> <div class="flattr-box"><script type="text/javascript"> var flattr_uid = 'systempunkte'; var flattr_tle = 'Dokumentation einer Debatte'; var flattr_dsc = '&lt;p&gt; &lt;em&gt;Vorbemerkungen:&lt;/em&gt; Vor einiger Zeit haben wir von Hyman Roth eine Erwiderung auf einen Artikel erhalten, der in der anarchistischen &lt;a href=&quot;http://fernweh.noblogs.org&quot;&gt;Stra&amp;szlig;enzeitung Fernweh&lt;/a&gt; erschienen war. Zuerst haben wir ihn abgelehnt, daraus hat sich aber eine Diskussion mit Hyman entwickelt. Hier ver&amp;ouml;ffentlichen wir nun den Artikel aus der Fernweh Zeitung, Hyman Roths Antwort und den darauf folgenden EMail-Verkehr.&lt;/p&gt;'; var flattr_tag = 'Bewegung'; var flattr_cat = 'text'; var flattr_url = 'http://www.systempunkte.org/article/dokumentation-einer-debatte'; var flattr_lng = 'de_DE'</script> <script src="http://api.flattr.com/button/load.js" type="text/javascript"></script> </div> http://www.systempunkte.org/article/dokumentation-einer-debatte#comments Bewegung Thu, 04 Apr 2013 11:00:52 +0000 Tuli 207 at http://www.systempunkte.org Die Schwarzen Ecken des Webs: Nigra http://www.systempunkte.org/article/die-schwarzen-ecken-des-webs-nigra <p> <em>Mittlerweile sind es doch einige: die Webpr&auml;senzen des Anarchismus. In einer Reihe von Interviews m&ouml;chten wir euch mit den schwarzen Ecken des Webs vertraut machen. Diesmal stellen wir euch vor: <a href="http://nigra.noblogs.org">nigra.noblogs.org</a></em></p> <p> &nbsp;</p> <blockquote><p> <em>Wann und warum hast du angefangen einen Blog zu betreiben?</em></p> </blockquote> <p> Ich habe im Herbst 2007 bei Blogsport mein erstes eigenes Blog als Nigra (Schwarz auf esperanto) eingerichtet. Die Gr&uuml;nde daf&uuml;r sind vielschichtig. Einerseits sollte das Blog die Internetpr&auml;senz f&uuml;r eine (nie verwirklichte) Zeitung sein. Andererseits habe ich schon immer gerne meine Erlebnisse und Gedanken zu allen m&ouml;glichen Themen aufgeschrieben, das hat in der Pr&auml;-Internetzeit in den 1980ern mit mehreren Sch&uuml;ler_innenzeitungen angefangen, ging in den 1990ern weiter mit einer lokalen anarchistischen Zeitung, die wir ver&ouml;ffentlichten und m&uuml;ndete dann schlie&szlig;lich in den unglaublichen Mitteln des Internets, zu dem ich erst sehr sp&auml;t fand. Seither betreute und schrieb ich diverse Blogs.</p> <p> Im Winter 2010 bin ich dann zu <a href="http://noblogs.org">noblogs.org</a> gewechselt, wo ich mich nach wie vor befinde.</p> <p> Ich mag es, ein Ego-Blog zu betreiben. Ich muss keine R&uuml;cksicht auf die Befindlichkeiten einer Gruppe oder Organisation nehmen, muss nicht jeden Satz oder jede Formulierung zehnmal unter die Lupe nehmen. Ich schreibe wor&uuml;ber ich will.<br /> Das bedeutet nat&uuml;rlich nicht, dass ich nicht in Gruppen organisiert bin. Aber das Blog gibt mir die M&ouml;glichkeit, mich auch als Individuum in der &Ouml;ffentlichkeit auszudr&uuml;cken.</p> <blockquote><p> <em>Wor&uuml;ber schreibst du?</em></p> </blockquote> <p> Schwerpunktm&auml;&szlig;ig &uuml;ber das weite Feld des Anarchismus und das der praktizierten Anarchie. Das sind dann haupts&auml;chlich Berichte &uuml;ber Aktionen, Demos und Treffen, aber auch B&uuml;cherrezensionen, Gedanken zu politischen Geschehnissen und Interviews. Meistens schreibe ich so, wie es mir aus der Feder...&auml;h...in die Tastatur flie&szlig;t ohne gro&szlig; rumzubasteln.</p> <p> Hin und wieder &uuml;bersetze ich Texte aus dem Englischen.</p> <p> Nicht jedes Thema, &uuml;ber das ich schreibe, ist ein rein anarchistisches, aber da der Anarchismus ja alles ver&auml;ndern will, steckt auch in allem ein Bezug zu ihm.</p> <blockquote><p> <em>F&uuml;r wen betreibst du deinen Blog?</em></p> </blockquote> <p> Wohl haupts&auml;chlich f&uuml;r mich selber (was sich auch an den Zugriffszahlen erkennen l&auml;sst, hahaha.). Es ist aber auch eine Internetpr&auml;senz des Einzelmitglieds Nigra im <a href="http://a-netz.org">A-Netz</a> und im <a href="http://fda-ifa.org/">FdA</a>, da es in der Ortenau (das ist ein Landkreis n&ouml;rdlich von Freiburg und s&uuml;dlich von Karlsruhe) zur Zeit leider keine organisierte anarchistische oder libert&auml;re Gruppe gibt (aber hier tut sich zum Gl&uuml;ck gerade was!).</p> <p> Da ich meine Artikel und die dazugeh&ouml;rigen Fotos aber auch oft auf <a href="http://linksunten.indymedia.org">Indymedia Linksunten</a> ver&ouml;ffentliche und manchmal als Printausgabe f&uuml;r L&auml;den hier bei uns, will ich schon auch anderen Menschen meine Sichtweisen mitteilen und mich in den politischen Diskurs der (anarchistischen) Bewegung einmischen.</p> <blockquote><p> <em>Angenommen, man w&uuml;rde dir eine Seite in der n&auml;chsten FAZ zur Verf&uuml;gung stellen - was w&uuml;rdest du schreiben?</em></p> </blockquote> <p> Ob das nicht Perlen vor die S&auml;ue werfen w&auml;re? Ach nee, Schirrmacher ist ja jetzt Antikapitalist. Dann w&uuml;rde ich die unerwartete Chance dazu nutzen, um &uuml;ber das weltweite Wachstum der anarchistischen Bewegung zu schreiben, vom <a href="http://a-netz.org">anarchistischen Netzwerk S&uuml;dwest*</a> schw&auml;rmen, das <a href="http://fda-ifa.org/">FdA</a> &uuml;ber den Klee loben und dar&uuml;ber, dass uns gar nichts anderes &uuml;brig bleibt, als eine herrschaftsfreie Gesellschaft aufzubauen, wenn wir &uuml;berleben wollen. Und ich w&uuml;rde zeigen, dass das ganze (schon jetzt) weitaus mehr Spa&szlig; macht, als das, was wir im Moment haben.</p> <blockquote><p> <em>Welche (Internet-)Lekt&uuml;re schl&auml;gst du vor?</em></p> </blockquote> <p> Ich finde es sehr schwer Internetlinks vorzuschlagen. Es gibt so viele gute Seiten, die lesenswert sind. Auf meinem blog habe ich einige wenige verlinkt, die f&uuml;r mich etwas taugen. Viele von ihnen f&uuml;hren ihrerseits wieder zu guten Seiten.<br /> An regelm&auml;&szlig;iger Papierlekt&uuml;re kann ich die <a href="http://www.direkteaktion.org/">Direkte Aktion</a>, die <a href="http://graswurzel.net">Graswurzelrevolution</a>, die <a href="http://fda-ifa.org/category/gai-dao/">Gai Dao</a> (endlich als Printausgabe!), die <a href="http://www.wildcat-www.de/index.htm">Wildcat</a> und die <a href="http://www.monde-diplomatique.de/pm/.home">le Monde Diplomatique</a> empfehlen. B&uuml;cher lese ich viel von den &uuml;blichen verd&auml;chtigen Verlagen: <a href="http://www.edition-nautilus.de/">Nautilus</a>, <a href="http://www.unrast-verlag.de/">Unrast</a>, <a href="http://www.trotzdem-verlag.de/">Trotzdem</a>, <a href="http://www.alibri-buecher.de/">Alibri</a> und <a href="http://www.assoziation-a.de/">Assoziation A</a>.</p> <blockquote><p> <em>Gab es in Sachen politischer Theorie in letzter Zeit etwas, was dich auf neue Gedanken gebracht oder zum Umdenken bewegt hat?</em></p> </blockquote> <p> Auf neue Gedanken bringt mich alles M&ouml;gliche, aber die solide Basis, die Erkenntnis, dass eine Herrschaft von Menschen &uuml;ber Menschen falsch ist, werde ich wohl nicht mehr aufgeben. Da gibt es kein &bdquo;Umdenken&ldquo; f&uuml;r mich.</p> <p> Ich lese zur Zeit eher B&uuml;cher zum Thema Religion und Religionskritik und mache mir da viele Gedanken, die eher philosophisch zu nennen w&auml;ren. Wobei ich da immer wieder merke, dass alles untrennbar miteinander verbunden ist und diese Gedanken auch mein politisches Denken und Handeln beeinflussen.</p> <p> Desweiteren hat mich im letzten Jahr das Buch &bdquo;Schmerzgrenze &ndash; vom Ursprung allt&auml;glicher und globaler Gewalt&ldquo; von Joachim Bauer angesprochen. Er widerlegt den angeblichen Aggressionstrieb und zeigt anhand von neurologischen Erkenntnissen, dass der mensch ein soziales und kooperatives Wesen ist. Lustigerweise haben das viele Anarchist_innen und andere fortschrittliche Menschen, hier besonders fr&uuml;h Kropotkin mit seinem buch &bdquo;Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt&ldquo; schon vor vielen Jahren behauptet und belegt.</p> <p> Immer wieder spannend und ermutigend finde ich Berichte &uuml;ber altert&uuml;mliche herrschaftsfreie Gesellschaften. Der gute alte Horst Stowasser hat dar&uuml;ber ein ganzes Kapitel in seinem genialen fetten Schinken &bdquo;Anarchie&ldquo; geschrieben. Und in der Ausgabe der Zeitschrift &bdquo;Wespennest&ldquo; vom Mai 2012, deren Schwerpunktthema &bdquo;Anarchistische Welten&ldquo; hie&szlig;, gab es einen Artikel &uuml;ber das alte Timbuktu, das lange Zeit ohne zentrale Autorit&auml;ten bestand und Strukturen aufwies, die es verunm&ouml;glichten, dass sich Eliten herausbildeten. Das ist jetzt auch als buch bei Nautilus erschienen.</p> <p> Ein politisches Buch gibt es doch, das mich zuletzt beeindruckt hat: Parecon von Michael Albert. Es ist zwar schon etwas &auml;lter, aber ich kam nie dazu es zeitnah nach seinem Erscheinen zu lesen. Ich finde es sehr wichtig, weil es versucht, den selbstverwalteten (Arbeits-)Alltag nach dem Kapitalismus plastisch darzustellen. Das liest sich stellenweise ein bisschen z&auml;h, gibt einem aber gute Beispiele an die Hand f&uuml;r Diskussionen mit Skeptiker_innen, die sich ein Leben jenseits der heutigen Wirtschafts- und Gesellschaftsform gar nicht vorstellen k&ouml;nnen.</p> <blockquote><p> <em>Was braucht oder fehlt deiner Meinung nach der anarchistischen Bewegung?</em></p> </blockquote> <p> Wir brauchen Zulauf. Ohne kritische Masse werden sich unsere Ideen nicht aus der Nische in die breite Gesellschaft, wo sie hingeh&ouml;ren, bewegen. Und genau das ist der Knackpunkt: Wie erreichen wir mehr Menschen und schaffen es, dass sie selbst im Sinne der anarchistischen Idee aktiv werden? Hierzu ist in der M&auml;rz 2013 Ausgabe der Gai Dao ein lesenswerter Artikel von w.m. erschienen, in dem ich viel aus meiner eigenen Praxis wiedererkannt habe. Ihr habt ihn ja auf <a href="http://systempunkte.org/article/endlich-aus-der-nische-raus-aber-warum-und-wohin">systempunkte.org mit einer interessanten fragenden Erweiterung</a> ver&ouml;ffentlicht.</p> <p> Mehr Menschen bedeutet eine breitere Diskussion, mehr Projekte, mehr Aktion, mehr &Ouml;ffentlichkeit, was wiederum mehr Menschen anzieht und begeistert. Und mehr Fragen aufwirft.</p> <p> Ich begebe mich lokal bewusst auch in b&uuml;rgerliche politische Zusammenh&auml;nge und B&uuml;ndnisse, um meine anarchistischen Ideen zu propagieren (nicht immer habe ich dazu den Mut...). Das ist z&auml;h und oft ein Kampf gegen Windm&uuml;hlen. Aber das Sich-Abwenden und das Versauern in unseren wohligen subkulturellen Nischen wird nicht mein erhofftes Ergebnis, die soziale Revolution, bringen.</p> <p> Wir brauchen mehr Mut und Selbstbewusstsein, uns im Betrieb, der Familie, der Schule, in der &Ouml;ffentlichkeit als Anarchist_innen zu &bdquo;outen&ldquo; und zu unseren Idealen zu stehen. Zur zeit sind viele Menschen offen f&uuml;r &bdquo;neue&ldquo; Ideen, sie suchen nach Alternativen zum jetzigen System.</p> <p> Ich bin da ja ein Optimist und sehe uns auf guten Wegen.</p> <blockquote><p> <em>Welche M&ouml;glichkeiten siehst du durch das Internet f&uuml;r die anarchistische Bewegung?</em></p> </blockquote> <p> Die anarchistische Bewegung ist ja nun schon um einiges &auml;lter als das Internet. Und auch in ihren Hochphasen hat sie es geschafft, Millionen Menschen zu organisieren ohne soziale Netzwerke, Twitter und Smartphones. Aber das Internet birgt ein enormes Potential f&uuml;r uns, auch weil es einen so anarchischen Charakter hat.</p> <p> Es erm&ouml;glicht uns, uns einer weltweiten &Ouml;ffentlichkeit zu pr&auml;sentieren und uns innerhalb kurzer Zeit zu vernetzen und dadurch aktiv zu werden. Viele Gruppen, die ich kenne, auch ich, nutzen das Internet und die vielen Tools, die es da gibt, f&uuml;r die Zeit zwischen den echten Treffen, um zu diskutieren, an Texten zu arbeiten, zu recherchieren und Entscheidungen zu treffen. Und ich sehe in ihm ein wichtiges Werkzeug f&uuml;r die anarchistische Zukunft, was &uuml;berregionale Kontakte, Entscheidungsfindungen und deren Transparenz angeht.</p> http://www.systempunkte.org/article/die-schwarzen-ecken-des-webs-nigra#comments Netz & Digitales Bewegung Sun, 24 Mar 2013 06:30:02 +0000 Redaktion 203 at http://www.systempunkte.org Rezension – "Gerd Stange: Die libertäre Gesellschaft" http://www.systempunkte.org/article/rezension-%E2%80%93-gerd-stange-die-libertaere-gesellschaft <p> Es war eine grundlegende Gemeinsamkeit zwischen den sich ansonsten so dramatisch gegenseitig kritisierenden Marx und Bakunin, dass beide &ndash; sich darin von den sogenannten Fr&uuml;hsozialistInnen absetzend &ndash; das Konzipieren eines koh&auml;renten sozialistischen Systems als autorit&auml;r ablehnten. So kritisierte Bakunin, dass &bdquo;die Reglementierungswut (&hellip;) die gemeinsame Leidenschaft aller Sozialisten vor 1848&ldquo; gewesen sei: &bdquo;Cabet, Louis Blanc, Fourieristen, Saint-Simonisten, alle waren sie davon besessen, sich die Zukunft gef&uuml;gig zu machen und sie im voraus zu gestalten, allesamt waren sie mehr oder minder Autorit&auml;re.&ldquo; (Bakunin 1868: 48) Und auch Marx verwahrte sich noch 1880 dagegen, jemals &bdquo;ein &sbquo;sozialistisches System&rsquo; aufgestellt&ldquo; zu haben (Marx 1880: 357). Da man nun nicht so recht ohne jegliche Vorstellung vom K&uuml;nftigen handeln und denken kann, besetzte bei Marx allerdings das zumeist nebul&ouml;s gehaltene Konzept der &bdquo;Diktatur des Proletariats&ldquo; diesen leeren Raum &ndash; und wirkte sich vielleicht gerade aufgrund seiner Unkonkretheit historisch so furchtbar aus. Im Anarchismus hingegen war man sich &uuml;ber diese Problematik durchaus bewusst. Bezeichnend hierf&uuml;r sind die Ausf&uuml;hrungen Schwitzgu&eacute;bels, der einerseits meinte: &bdquo;Wenn es um die Zukunft geht, sind wir mehr noch als in allen anderen Dingen Gegner absoluter Festlegungen. Deshalb m&uuml;ssen wir begreifen, dass die wahre Konzeption die der historischen Erfahrung ist.&ldquo; (Schwitzgu&eacute;bel 1880: 213) Andererseits aber betonte er, dass die Gefahr der Entstehung einer autorit&auml;ren Gesellschaft w&auml;hrend und nach der Revolution das Vorzeichnen der &bdquo;gro&szlig;en Linien einer neuen Gesellschaftsordnung&ldquo; verlange (ebd.).<br /> Mittlerweile scheint man sich auf Seiten der Linken weitgehend dieser Problematisierung angeschlossen zu haben und ein rigide gefasstes &bdquo;Bilderverbot&ldquo; findet wohl deutlich weniger Anh&auml;ngerInnen als zu Zeiten sozialdemokratischer Kladderadatsch-Theorien.</p> <p> Beispielhaft f&uuml;r diesen Trend ist auch das kleine B&auml;ndchen &bdquo;Die libert&auml;re Gesellschaft&ldquo; &ndash; von der Berliner &bdquo;Buchmacherei&ldquo; ver&ouml;ffentlicht &ndash;, in dem Gerd Stange seine &bdquo;Grundrisse einer freiheitlichen und solidarischen Gesellschaft jenseits des Kapitalismus&ldquo; zur Diskussion stellt.</p> <h2> Ausgangspunkt: Krise und Neubeginn</h2> <p> Den Ausgangspunkt von Stanges Ausf&uuml;hrungen bildet die Diagnose, dass wir etwas grunds&auml;tzlich Neues versuchen m&uuml;ssten:&nbsp; &bdquo;Wir wollen auf kein altes (sozialistisches, kommunistisches, anarchistisches oder sozialdemokratisches) Konzept der Gesellschaftsver&auml;nderung zur&uuml;ckgreifen oder alte Kontroversen wiederk&auml;uen. Sie sind alle dem 19. Jahrhundert verhaftet und theoretisch &uuml;berholt.&ldquo; (S.9) Etwas Neues zu tun sei umso dringlicher, als wir in einer Zeit sich vollziehender und anstehender Katastrophen leben: &bdquo;Die Konfliktlinien eines dritten Weltkriegs beginnen sich abzuzeichnen.&ldquo; (S.14) Also gelte: &bdquo;Die aktuelle Krise fordert zum Handeln auf, damit wir nicht weiterhin von Katastrophe zu Katastrophe taumeln.&ldquo; (S.23) Gekennzeichnet sei diese &bdquo;vielf&auml;ltige Krise&ldquo; durch folgende Aspekte: &bdquo;Krise der Arbeitsgesellschaft&ldquo;, &bdquo;der gesellschaftlichen Instanzen&ldquo;, &bdquo;der Werte&ldquo;, &bdquo;der Beziehungen&ldquo;, eine &bdquo;Konsumkrise&ldquo; und &bdquo;Legitimationskrise&ldquo; (S.23).</p> <p> Worum es Stange dabei geht, ist eine Gesellschaft anzuvisieren, in der es m&ouml;glich wird, &bdquo;das Individuum mit der Gesellschaft gleichberechtigt zu entwickeln, Autonomie und Solidarit&auml;t als notwendige Erg&auml;nzungen zu begreifen&ldquo; (S.16). Hierf&uuml;r gelte es &bdquo;Fehler zu analysieren&ldquo; (S.25), nicht zuletzt die der eigenen Praxis: &bdquo;Wir haben in egalit&auml;ren Projekten gearbeitet, Gesundheitszentren aufgebaut, in Wohngemeinschaften gelebt und so getan, als ob die Absicht gen&uuml;gt, Hierarchie und Macht abzuschaffen. Die Selbstver&auml;nderung in einer Umwelt, die andere Werte durchsetzt, war schwerer, als wir dachten. Wir haben uns &uuml;bersch&auml;tzt, und trotzdem war der Versuch lohnenswert und hat uns st&auml;rker gemacht, den Widerst&auml;nden zu begegnen. Wir m&uuml;ssen diese Erfahrungen aufarbeiten, um Irrwege zu vermeiden. Wir suchen erst einmal Zwischenschritte, um weiterzugelangen. (&hellip;) Wir brauchen konkrete Ziele&ldquo; (S.12)</p> <p> Es gehe dabei auch darum bisherige &bdquo;T&auml;tigkeiten und Aktivit&auml;ten (&hellip;), die ohne Lohnarbeit auskommen w&uuml;rden&ldquo; zu &bdquo;entfalten&ldquo;, sowie sich andere M&ouml;glichkeiten zu erobern, was meint: &bdquo;Freir&auml;ume zu erk&auml;mpfen&ldquo; (S.24)</p> <h2> Kernpunkt: dezentrale R&auml;tedemokratie</h2> <p> Die Basis von Stanges &bdquo;Skizze wie das Neue aussehen k&ouml;nnte&ldquo; (S.27) ist die radikal-demokratische F&ouml;deration: Die &bdquo;Grundpfeiler der libert&auml;ren Gesellschaft bestehen aus der basisdemokratischen Orientierung und Organisierung unseres allt&auml;glichen Lebens und der Vergesellschaftung unserer Lebensbedingungen.&ldquo; (S.34) Als &bdquo;Fundamente&ldquo; werden genannt: &bdquo;Individuelle Emanzipation&ldquo;, &bdquo;Pers&ouml;nliche Autonomie&ldquo;, &bdquo;Vergesellschaftung&ldquo;, &bdquo;Basisdemokratie&ldquo;, &bdquo;Grundeinkommen&ldquo;, &bdquo;Lebensarbeitszeit&ldquo;, sowie &bdquo;Zeit, unsere W&uuml;nsche und Bed&uuml;rfnisse zu leben&ldquo; (S.34). Gew&auml;hrleistet werden soll dies durch ein &bdquo;konsequent &uuml;berall eingef&uuml;hrt[es]&ldquo; R&auml;tesystem (S:65), gipfelnd in einem &bdquo;Netzwerk von Delegiertenr&auml;ten&ldquo; (S.45). Grundprinzip desselben soll sein: &bdquo;Wir bauen die Gesellschaft von unten nach oben, jedes h&ouml;here Gremium hat weniger zu entscheiden als das darunter.&ldquo; (S.51) Denn: &bdquo;Unser Grundprinzip der Basisdemokratie ist: Alle Probleme werden an der Basis, d.h. auf der niedrigst m&ouml;glichen Ebene behandelt.&ldquo; (S.48) Die M&ouml;glichkeit hierzu liege in der Dezentralisierung des Bestehenden: &Ouml;konomisch geht es um die &bdquo;Zergliederung gr&ouml;&szlig;erer Konzerne in Einheiten, die sich verwalten lassen, weil diese Megamaschinen die Menschen zu Anh&auml;ngseln eines Molochs machen, der strukturelle Gewalt auf sie aus&uuml;bt&ldquo; (S.43); politisch im Anvisieren von St&auml;dten mit ca. 125.000 BewohnerInnen, &bdquo;um lebenswert, &uuml;berschaubar und regierbar zu sein. Millionenst&auml;dte m&uuml;ssen in Stadtbezirke aufgef&auml;chert werden, die f&uuml;r sich jeweils eine Einheit von etwa 125.000 Menschen bilden, sich wie eine selbst&auml;ndige Stadt organisieren und ihre Repr&auml;sentanten w&auml;hlen&ldquo; (S.51). Es sollen also Verh&auml;ltnisse geschaffen werden, in denen &bdquo;gemeinschaftliche Aufgabe[n] (&hellip;) nicht mehr Angelegenheit der abgehobenen politischen Sph&auml;re&ldquo; sind, &bdquo;sondern kontrollierbar und korrigierbar&ldquo; (S.72).&nbsp;</p> <h2> Kritische Anmerkungen</h2> <p> Das erste, was bei der Betrachtung dieser Skizze &uuml;berrascht ist, dass sie kaum neue Gedanken enth&auml;lt. Im Grunde kn&uuml;pft Stange hier recht nahtlos an Vorstellungen von Dezentralisierung und F&ouml;deration an, die der Anarchismus seit jeher vertreten hat. Insofern ist seine Ablehnung von allem Alten durchaus nicht so ohne weiteres gerechtfertigt, zumal man nicht unbedingt sagen kann, dass Stange das Niveau der Problematisierung solcher Konzepte erreicht, wie sie in der Vergangenheit bisweilen geleistet wurden. Insgesamt erscheint alles ein wenig einfach, wenngleich Stange durchaus auch meint, dass der anvisierte Prozess &bdquo;nicht reibungslos verlaufen&ldquo; (S.39) und es &bdquo;in jeder Gesellschaft abweichendes Verhalten geben&ldquo; (S.65) werde &ndash; worauf man sich einzustellen habe. Wenn er meint, &bdquo;dass eine neue Gesellschaft nur mit neuen Menschen aufgebaut werden kann und dass sich neue Menschen nur in einer neuen Gesellschaft entwickeln k&ouml;nnen&ldquo; beschreibt er aber nur die klassischer Zirkelproblematik vieler revolution&auml;rer Konzepte, stellt aber auch die grunds&auml;tzliche Frage: &bdquo;Wie kommen wir mit den jetzigen Menschen in die zuk&uuml;nftige Gesellschaft? Aus der Pariser Kommune, aus Spanien 1936 oder eigenen Projekten haben wir ein Prinzip gelernt: In dem Prozess, in dem wir gemeinschaftliche neue Strukturen schaffen, um andere Werte zu leben, entsteht das Neue.&ldquo; (S.26) Nun, ist es aber so einfach?</p> <p> Nun legt Stange bewusst eine Skizze vor und es w&auml;re wohl falsch, von einer solchen mehr zu erwarten, als sie leisten kann. Vieles jedenfalls bleibt unklar und dass an Stellen, an denen eine Diskussion vielleicht gerade beginnen m&uuml;sste. Beispielsweise ist fraglich, was genau unter &bdquo;gesellschaftliche[m] Allgemeininteresse&ldquo; (S.30) zu verstehen ist und wer dieses verk&ouml;rpert. Oder es hei&szlig;t, dass ich &bdquo;w&auml;hrend meines Arbeitslebens (&hellip;) meinem Leben einen neuen Sinn geben&ldquo; m&uuml;sse (S.40). Wieso &bdquo;muss&ldquo; ich das? Ist das nicht meine Sache, weil mein Leben? Als Form des Ausschlusses im Heute erw&auml;hnt Stange: &bdquo;Wenn sie zuhause Musik h&ouml;ren oder feiern, kommt die Polizei im Namen der Nachbarschaft. F&uuml;r alles gibt es im Kapitalismus Orte, aber man muss bezahlen. Wer nicht konsumiert, wird ausgeschlossen.&ldquo; (S.32) Nun wird das Problem, dass man aufeinander R&uuml;cksicht nimmt, auch in einer libert&auml;ren Gesellschaft von Bedeutung sein. Und mit dem Abschaffen des Kapitalismus wird wohl kaum das Problem der Lautst&auml;rke absterben. Auch Stanges Aversionen gegen Formen des Sports, bei denen es GewinnerInnen und VerliererInnen gibt, kann ich nicht folgen (52f.). Ist es m&ouml;glich, &uuml;berhaupt w&uuml;nschenswert jedes agonale Moment aus dem Alltag der Menschen zu verbannen? Braucht man nicht vielleicht vielmehr solche Formen, zur Entlastung, zum Abreagieren oder einfach zum Spa&szlig;? Lauert hier nicht im Hintergrund ein zutiefst problematisches Bild einer &bdquo;Diktatur der Freundlichkeit&ldquo;? Und wie ist das mit dem Geld: &bdquo;Geld als Vermittlungsinstrument, als Zirkulationsmittel von Waren und Werten bleibt weiterhin n&uuml;tzlich. Geld ist seit Jahrtausenden Zirkulationsmittel. Wir haben keine Probleme damit, dass Menschen unterschiedliche Bed&uuml;rfnisse und somit unterschiedlich viel Geld brauchen. Wichtig ist, dass es Reichtum in der bisherigen Form nicht mehr geben soll.&ldquo; (S.61) Ohne gleich bei den W&ouml;rtern &bdquo;Geld&ldquo; und &bdquo;Waren&ldquo; die wertkritische Alleszermalmende Berserkeraxt herauszuholen, werfen diese S&auml;tze dennoch viele Fragen auf. Auch neigt Stange zu einer wesentlichen Psychologisierung der k&uuml;nftigen Gesellschaft: &bdquo;Teams aus Juristen, P&auml;dagogen, Psychologen und Sozialp&auml;dagogen sollen Menschen, die gegen gesellschaftliche Regeln versto&szlig;en, helfen. Ursachen m&uuml;ssen erforscht, Ma&szlig;nahmen diskutiert werden. Die Menschen sollen die M&ouml;glichkeit zur freien Pers&ouml;nlichkeitsentwicklung bekommen.&ldquo; (S.65) Das Problem der anscheinend hauptberuflich agierenden &bdquo;Juristen&ldquo; beiseite gelassen, w&auml;re es vielleicht doch zumindest angebracht gewesen, ein wenig auf die m&ouml;glichen Gefahren solcher Vorstellungen hinzuweisen &ndash; lauert im Arzt und der Therapeutin die neue herrschende Klasse der Wissenden? Diese Problematik zeigt sich auch in Stanges Ausf&uuml;hrungen zur Erziehung, der, wie Stange zurecht meint, &bdquo;verantwortungsvollste[n] Aufgabe einer Gesellschaft&ldquo; (S.56). Denn, so hei&szlig;t es: &bdquo;[D]etaillierte Beurteilungen [m&uuml;ssen] dem Kind helfen, in seiner Entwicklung weiter zu kommen. Die Rahmenbedingungen und die Lehrkr&auml;fte sind verantwortlich daf&uuml;r, die grunds&auml;tzlich vorhandene Motivation der Kinder zu f&ouml;rdern und nicht zu zerst&ouml;ren oder durch Sekund&auml;rmotivation zu ersetzen (sogenannte Leistungsanreize). Lernblockaden haben Ursachen, die herausgefunden und ver&auml;ndert werden m&uuml;ssen. Psychologisches Wissen und therapeutische Erfahrung sind gefragt.&ldquo; (S.58) L&auml;sst sich dies als eine Art &sbquo;f&uuml;rsorglicher&rsquo; Dauerbeobachtung verstehen, die dazu tendiert dem Kind letztlich noch weniger Freiraum zu lassen, als das zu &uuml;berwindende &bdquo;Herr-Knecht-Verh&auml;ltnis in der Schule&ldquo; (S.54)? Dann hei&szlig;t es denkbar vage: &bdquo;Das Grundeigentum ist aber nicht bedingungslos, wie manche fordern, weil es Teil eines Gesellschaftsvertrages ist, den wir miteinander eingehen. Alle paternalistischen Versorgungssysteme f&uuml;hren zum Des-Engagement. Die Bereitschaft zur aktiven Teilnahme am gesellschaftlichen Gelingen muss sich konkretisieren.&ldquo; (S.38) Die grunds&auml;tzlich dahinter stehende Problematik ist nun nicht einfach von der Hand zu weisen, aber wenn eine freie Gesellschaft offenkundig auf solch einen die individuelle Existenz in ihren Grundfesten ber&uuml;hrenden Zwang zur&uuml;ckgreifen muss, um Engagement zu f&ouml;rdern, scheint diese Freiheit jedenfalls nicht sonderlich anziehend zu sein.</p> <h2> Fazit</h2> <p> Alles in allem war die Lekt&uuml;re von Stanges Skizze keine allzu gro&szlig;e Offenbarung. Aber das muss sie ja auch nicht sein. Und es gibt ja grunds&auml;tzlich richtige Dinge, die man ruhig &ouml;fter wiederholen kann. Wichtig aber scheint mir vor allem, dass solche Konzepte &uuml;berhaupt vorgeschlagen und diskutiert werden. Daraus hoffentlich folgende Auseinandersetzungen bringen vielleicht f&uuml;r sich genommen schon mehr als alle Skizzen und Programme dieser Welt. Denn letztlich entscheiden nicht solcherart Vorstellungen, sondern das konkrete Tun in welche Richtung der jeweilige Weg geht. Und eines hat Stange v&ouml;llig zurecht betont:&nbsp; &bdquo;Wenn die Macht von oben nach unten geholt wird, m&uuml;ssen alle sehr viel mehr diskutieren und entscheiden, statt zu erdulden. Sie m&uuml;ssen lernen, ihre Interessen selbst zu vertreten.&ldquo; (S.39) Auch ein kleines B&uuml;chlein wie das vorliegende kann so f&uuml;r das Herausarbeiten aus der eigenen, selbstverschuldeten Unm&uuml;ndigkeit einen wertvollen Beitrag leisten.</p> <p> <em>Gerd Stange: Die libert&auml;re Gesellschaft. Grundrisse einer freiheitlichen und solidarischen Gesellschaft jenseits des Kapitalismus. Die Buchmacherei, 2012. 73 Seiten, 6,80 Euro</em></p> <h2> Zus&auml;tzlich verwendete Literatur</h2> <p> Michael Bakunin 1868: Die revolution&auml;re Frage. F&ouml;deralismus &ndash; Sozialismus &ndash; Antitheologismus. M&uuml;nster: Unrast Verlag, 2000.</p> <p> Karl Marx 1880: Randglossen zu A. Wagners &bdquo;Lehrbuch der politischen &Ouml;konomie&ldquo;, in: Marx-Engels-Werke (MEW). Band 19. Berlin: Dietz Verlag, 1962. S.355-383.</p> <p> Adh&eacute;mar Schwitzgu&eacute;bel 1880: Kollektivistisches Programm, in: Erwin Oberl&auml;nder (Hg.). Der Anarchismus. Dokumente der Weltrevolution. Band 4.Olten: Walter Verlag, 1972. S.193-216.</p> <div class="flattr-box"><script type="text/javascript"> var flattr_uid = 'systempunkte'; var flattr_tle = 'Rezension – &quot;Gerd Stange: Die libertäre Gesellschaft&quot;'; var flattr_dsc = '&lt;p&gt; Stanges &amp;bdquo;Skizze wie das Neue aussehen k&amp;ouml;nnte&amp;ldquo; l&amp;auml;dt ein zur kritischen Diskussion.&lt;/p&gt;'; var flattr_tag = 'Bewegung'; var flattr_cat = 'text'; var flattr_url = 'http://www.systempunkte.org/article/rezension-%E2%80%93-gerd-stange-die-libertaere-gesellschaft'; var flattr_lng = 'de_DE'</script> <script src="http://api.flattr.com/button/load.js" type="text/javascript"></script> </div> http://www.systempunkte.org/article/rezension-%E2%80%93-gerd-stange-die-libertaere-gesellschaft#comments Bewegung Fri, 15 Mar 2013 09:49:46 +0000 Tuli 198 at http://www.systempunkte.org Anarchistische Buchmesse Mannheim: Interview mit zwei Veranstaltern http://www.systempunkte.org/article/anarchistische-buchmesse-mannheim-interview-mit-zwei-veranstaltern <p> <em>Vom 19. bis 21. April 2013 findet in Mannheim die&nbsp;<a href="" target="_blank">2. Anarchistische Buchmesse</a>&nbsp;statt. Grund genug f&uuml;r systempunkte.org, mit zwei der&nbsp;<a href="" target="_blank">Veranstalter*innen</a>&nbsp;zu sprechen.</em></p> <p> &nbsp;</p> <p> <em>Die anarchistische Buchmesse Mannheim findet bereits zum zweiten Mal statt, vielleicht k&ouml;nnt ihr uns Eingangs kurze Eure Erfahrungen mit der ersten Buchmesse schildern?</em></p> <p class="rteindent1"> <strong>Moritz:</strong> Mich hat von Anfang an der gro&szlig;e Zuspruch &uuml;berw&auml;ltigt, den unser Projekt von allen Seiten bekam. Bereits im Vorfeld kamen zahlreiche Verlage Autor*innen und Presseprojekte auf uns zu, um an der Messe teilnehmen zu k&ouml;nnen. Die Messe selbst war dann auch unerwartet gut besucht &ndash; fast alle Vorleser&auml;ume waren zum Bersten gef&uuml;llt und ich glaube, die Verlage waren auch zufrieden. Dieses Jahr scheint das alles noch einen Tick gr&ouml;&szlig;er zu werden.</p> <p class="rteindent1"> <strong>Max:</strong> Mir pers&ouml;nlich ist am St&auml;rksten in Erinnerung, dass wir bestimmt ein Jahr lang geplant und vorbereitet haben &ndash; der Arbeitsaufwand nach und nach immer gr&ouml;&szlig;er wurde &ndash;, ich mir aber bis zum ersten Tag der Buchmesse &uuml;berhaupt nicht vorstellen konnte, ob es funktioniert, ob alles klappt usw. Die Erleichterung, dass alles gut lief, war dann ziemlich gro&szlig;.</p> <p class="rteindent1"> <strong>Moritz:</strong> (lacht) Es ist &uuml;berraschend einfach, eine Veranstaltung f&uuml;r Anarchist*nnen zu machen, da die sich um fast alles selbst k&uuml;mmern.</p> <p> &nbsp;</p> <p> <em>Was f&uuml;r eine Rolle k&ouml;nnen und sollen Eurer Meinung nach Buchmessen f&uuml;r die anarchistische Bewegungen spielen?</em></p> <p class="rteindent1"> <strong>Moritz:</strong> Oh, da gibt es zahlreiche Aspekte, die positive Auswirkungen auf die Anarchistische Bewegung haben k&ouml;nnen: Alleine die Tatsache, dass sich viele &Auml;hnlich-Gesinnte treffen, austauschen, sich neue Gruppen gr&uuml;nden, gute B&uuml;cher gekauft werden &ndash; all das kann der anarchistischen Vernetzung dienen. Mich pers&ouml;nlich motivieren solche Treffen auch immer sehr und geben mir viel Best&auml;tigung und Kraft f&uuml;r meine politische Arbeit der n&auml;chsten Monate.</p> <p class="rteindent1"> <strong>Max:</strong>&nbsp;Es reduziert die Anonymit&auml;t einer zahlenm&auml;&szlig;ig nicht sooo gro&szlig;en Bewegung: Schreibende treffen auf ihre Zielgruppe; Lesende treffen auf die Menschen, die die B&uuml;cher geschrieben haben, die sie lesen usw.</p> <p class="rteindent1"> <strong>Moritz:</strong> Nicht zu vernachl&auml;ssigen ist auch die Au&szlig;enwirkung einer solchen Messe: Menschen besch&auml;ftigen sich zum ersten Mal mit anarchistischer Literatur, kommen her, kaufen sich B&uuml;cher, h&ouml;ren sich Vortr&auml;ge an oder f&uuml;hlen sich einfach nur wohl.</p> <p> &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;</p> <p> <em>K&ouml;nnen und sollen anarchistische Buchmessen auch eine Rolle in einem breitere &ouml;ffentlichen Bewusstsein jenseits der anarchistischen Bewegung eine Rolle spielen?</em></p> <p class="rteindent1"> <strong>Max:</strong> Das hat Moritz ja gerade schon angedeutet. Klar w&uuml;nschen wir uns, &uuml;ber die &bdquo;Szene&ldquo; hinaus wahrgenommen zu werden. Ziel ist zweifellos, die Bewegung zu vergr&ouml;&szlig;ern...</p> <p class="rteindent1"> <strong>Moritz:</strong> ... was uns mit der letzten Buchmesse schon gelungen ist und 2013 sicher noch besser wird.</p> <p> &nbsp;</p> <p> <em>Inwiefern versucht ihr dies selbst umzusetzen und in wie weit ist es euch gelungen?</em></p> <p class="rteindent1"> <strong>Max:</strong> Umzusetzen versuchen wir das einerseits mit einem guten Programm sowohl inhaltlicher Art als auch mit einem kulturellen Rahmen (Konzert, Kabarett etc.); andererseits mit m&ouml;glichst breiter Werbung &ndash; soweit uns das m&ouml;glich ist auch &uuml;ber die &bdquo;Szene&ldquo; hinaus.</p> <p class="rteindent1"> <strong>Moritz:</strong> ... und das hat auch funktioniert! Obwohl uns die lokalen Printmedien letztes Mal regelrecht ignoriert hatten, waren zahlreiche Mannheimer*innen da, die einfach mal gucken wollten, was eine Anarchistische Buchmesse so alles zu bieten hat.</p> <p> &nbsp;</p> <p> <a href="http://buchmesse.anarchie-mannheim.de" style="color: rgb(102, 102, 102); text-decoration: underline; outline: none; " target="_blank"><img alt="" src="/sites/default/files/a-buchmesse-ma-2013.gif" style="width: 460px; height: 120px; " /></a></p> <p> &nbsp;</p> <p> <em>Wie seht ihr als Organisator*innen einer Buchmesse den Wandel hin zur Digitalisierung? K&ouml;nnten anarchistische Buchmessen obsolet werden?</em></p> <p class="rteindent1"> <strong>Max:</strong> Digitalisierung &ndash; und der Open Source Gedanke! &ndash; sind grunds&auml;tzlich positiv. So muss ich mir ein Buch nicht unbedingt auf Papier gedruckt kaufen, bzw. die vielleicht wirklich wichtigen Gedanken eines Menschen m&uuml;ssen nicht erst mit viel Aufwand auf Papier gedruckt werden, damit sie bei mir ankommen. Das ist aber ein ziemlich gro&szlig;es Thema, das diesen Rahmen eher sprengen d&uuml;rfte... &Uuml;berfl&uuml;ssig wird das Aufeinandertreffen von Menschen durch den Wandel zur Digitalisierung auf jeden Fall nicht!</p> <p class="rteindent1"> <strong>Moritz:</strong> Ich denke auch nicht, dass E-Books die Papierb&uuml;cher vollst&auml;ndig ersetzen werden. Au&szlig;erdem besteht die Messe ja aus mehr, als nur den ausstellenden Verlagen, sondern auch aus &uuml;ber 20 Vortr&auml;gen und Lesungen, aus Konzerten usw. Es d&uuml;rfte ziemlich schwierig werden, das alles digital befriedigend zu simulieren.</p> <p> &nbsp;</p> <p> <em>Habt ihr vielleicht schon erste Lesevorschl&auml;ge?</em></p> <p class="rteindent1"> <strong>Max:</strong> Wie w&auml;re es mit &bdquo;<a href="http://www.edition-assemblage.de/kurze-weltgeschichte-des-faschismus/" target="_blank">Kurze Weltgeschichte des Faschismus</a>&ldquo; von Frank Pfeiffer, herausgegeben vom Forum deutschsprachiger Anarchist*innen (FdA) ...</p> <p class="rteindent1"> <strong>Moritz:</strong> Sehr spannend finde ich auch die B&uuml;cher &bdquo;<a href="http://www.edition-assemblage.de/occupy-anarchy/" target="_blank">Occupy Anarchy! &ndash; Libert&auml;re Interventionen in eine neue Bewegung</a>&ldquo;, herausgegeben von der Infogruppe Bankrott, &bdquo;<a href="http://www.unrast-verlag.de/neuerscheinungen/der-anarchismus-und-seine-ideale-417-detail" target="_blank">Der Anarchismus und seine Ideale</a>&ldquo; von Cindy Milstein oder &bdquo;<a href="http://www.edition-av.de/buecher/danyluk-befreiung_und_soziale_emanzipation.html" target="_blank">Befreiung und soziale Emanzipation</a>&ldquo; von Roman Danyluk.</p> <p class="rteindent1"> <strong>Max:</strong> Zu allen diesen B&uuml;chern gibt es auch Lesungen auf unserer Messe!&nbsp;</p> <p> &nbsp;</p> <p> <em>Welches Buch, das *noch nicht* geschrieben wurde, w&uuml;rdet ihr gerne auf&nbsp;Eurer Buchmesse vorstellen?</em></p> <p class="rteindent1"> <strong>Max:</strong> Vielleicht &bdquo;Die libert&auml;re Revolution &ndash; Chronologie, Hintergr&uuml;nde und aktueller Stand&ldquo;?</p> <p class="rteindent1"> <strong>Moritz:</strong> &bdquo;Der Kapitalismus &ndash; eine historische Betrachtung.&ldquo; Oder &bdquo;Schulden &ndash; die letzten 5.000 Jahre&ldquo;</p> <p> &nbsp;</p> <p> <em>Was war eure schlimmste Erfahrung beim Organisieren der Buchmesse?</em></p> <p class="rteindent1"> <strong>Moritz:</strong> Mich hat, ehrlich gesagt, im Vorfeld manchmal genervt, wie individuelle Streitigkeiten aus der anarchistischen Szene an uns herangetragen wurden &ndash; so nach dem Motto: &bdquo;M&uuml;sst Ihr unbedingt einen Vortrag mit DEM machen? Warum kriegt DIE so eine gute Uhrzeit?&ldquo;, &bdquo;Mein Stand soll aber nicht neben DIESEM Verlag stehen&ldquo; u.&Auml;. Gl&uuml;cklicherweise bleibt sowas die Ausnahme. Aber da wir den Anspruch haben, besonders breit zu sein und m&ouml;glichst viele Str&ouml;mungen des Anarchismus zu vertreten, hatte mich das schon ein wenig genervt. Allerdings ist die Bezeichnung &bdquo;schlimmste Erfahrung&ldquo; hier vielleicht ein bisschen zu hoch gegriffen.</p> <p class="rteindent1"> <strong>Max:</strong> Wie eingangs schon erw&auml;hnt: Dass ich im Vorfeld &uuml;berhaupt nicht einsch&auml;tzen konnte, ob die viele Arbeit zum Erfolg f&uuml;hrt.</p> <p> &nbsp;</p> <p> <em>Was war eure sch&ouml;nste Erfahrung beim Organisieren der Buchmesse?</em></p> <p class="rteindent1"> <strong>Max:</strong> Dass die viele Arbeit zum Erfolg gef&uuml;hrt hat.</p> <p class="rteindent1"> <strong>Moritz:</strong> Es hat einfach alles geklappt, was wir angepackt haben! (schmunzelt) Im Grunde haben wir das ja schon alles bei der ersten Frage beantwortet. Gl&uuml;cklicherweise scheinen &bdquo;unsere Erfahrungen&ldquo;, nach denen Du Anfangs gefragt hast mit unseren &bdquo;sch&ouml;nsten Erfahrungen&ldquo; &uuml;bereinzustimmen.</p> <p> &nbsp;</p> <p> <em>Wo wir auch grad mal dabei sind, ich br&auml;uchte zur Zeit der Buchmesse&nbsp;auch einen Schlafplatz in Mannheim, kann mir jemensch von euch da aushelfen?</em></p> <p class="rteindent1"> <strong>Moritz:</strong> Wir werden quasi unbegrenzt Schlafpl&auml;tze im JuZ anbieten k&ouml;nnen. Dort gibt es Matratzen und wenn die Anreisenden noch Schlafps&auml;cke und Isomatten mitbringen, kriegen wir auch alle unter. Dar&uuml;ber hinaus k&ouml;nnen wir auch noch Leute in WGs unterbringen, wenn z.B. ein Bett ben&ouml;tigt wird. In diesem Fall w&auml;re es aber gut, eine E-Mail im Vorfeld an uns zu senden.</p> <p class="rteindent1"> <strong>Max:</strong> Du kannst aber auch gerne bei mir schlafen!</p> <div class="flattr-box"><script type="text/javascript"> var flattr_uid = 'systempunkte'; var flattr_tle = 'Anarchistische Buchmesse Mannheim: Interview mit zwei Veranstaltern'; var flattr_dsc = '&lt;p&gt; Vom 19. bis 21. April 2013 findet in Mannheim die &lt;a href=&quot;http://buchmesse. anarchie-mannheim.de&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;2. Anarchistische Buchmesse&lt;/a&gt; statt. Grund genug f&amp;uuml;r systempunkte.org, mit zwei der &lt;a href=&quot;http://www.anarchie-mannheim.de&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;Veranstalter*innen&lt;/a&gt; zu sprechen.&lt;/p&gt;'; var flattr_tag = 'Bewegung,Bildung,Kultur'; var flattr_cat = 'text'; var flattr_url = 'http://www.systempunkte.org/article/anarchistische-buchmesse-mannheim-interview-mit-zwei-veranstaltern'; var flattr_lng = 'de_DE'</script> <script src="http://api.flattr.com/button/load.js" type="text/javascript"></script> </div> http://www.systempunkte.org/article/anarchistische-buchmesse-mannheim-interview-mit-zwei-veranstaltern#comments Bewegung Bildung Kultur Sun, 10 Mar 2013 18:55:15 +0000 admin 196 at http://www.systempunkte.org Der Einfluss von Frauen auf den frühen Anarchismus http://www.systempunkte.org/article/der-einfluss-von-frauen-auf-den-fruehen-anarchismus <p> Das Interesse feministischer Forscherinnen an der Geschichte des Anarchismus hat sich bislang auf wenige herausragende Figuren wie Louise Michel, Emma Goldmann oder Clara Wichmann konzentriert. Vom Einfluss von Frauen auf die Anf&auml;nge des Anarchismus, in den sechziger und siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts, ist wenig bekannt. Das liegt wohl zum gro&szlig;en Teil daran, dass die &raquo;Ahnenreihe&laquo; des Anarchismus h&auml;ufig mit dem franz&ouml;sischen Sozialphilosophen Pierre-Joseph Proudhon begonnen wird, einem &uuml;berzeugten Antifeministen, was nat&uuml;rlich den Schluss auf feministische Gr&uuml;ndungsimpulse zu widerlegen scheint. Wenn man die Anf&auml;nge des Anarchismus bei Proudhon sucht &ndash; und fast jede allgemeine Darstellung der Geschichte des Anarchismus tut das &ndash; dann l&auml;sst sich kaum vermuten, dass Frauen mit diesen Anf&auml;ngen etwas zu tun gehabt haben k&ouml;nnten.</p> <p> Daran hat auch die Tatsache nichts ge&auml;ndert, dass die zweite gro&szlig;e Gr&uuml;nderfigur des Anarchismus, der russische Revolution&auml;r Michael Bakunin, im Bezug auf das Verh&auml;ltnis der Geschlechter eine dezidiert egalit&auml;re Haltung einnimmt. Zwar gilt er deshalb f&uuml;r manche seiner Biografen geradezu als &raquo;Pionier der Frauenemanzipation&laquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref1_irk3hq5" title="Masters,Anthony (1974) Bakunin. The Father of Anarchism. Sidgwick and Jackson: Lonson, S. 172." href="#footnote1_irk3hq5">1</a>, doch der eklatante Widerspruch zwischen Proudhon und Bakunin &ndash; die doch beide den Anarchismus begr&uuml;ndet haben sollen &ndash; scheint den Ideengeschichtlern bisher wenig Kopfschmerzen bereitet zu haben. Aus androzentristischer Perspektive ist eben die jeweilige Position, die eine politische Theorie zu &raquo;den Frauen&laquo; einnimmt, schlicht unwesentlich, so als ob manche Leute zuf&auml;llig Antifeministen und andere Feministen seien, ohne dass sich das Auswirkungen auf den Rest ihrer Theorie im geringsten auswirken w&uuml;rde.</p> <p> Geht man jedoch davon aus, dass die Geschlechterdifferenz einen wesentlichen Punkt im Rahmen einer politischen Theorie darstellt &ndash; und die zeitgen&ouml;ssischen Akteure inklusive Proudhon und Bakunin tun das &ndash; so muss die Annahme einer gemeinsamen Traditionslinie von Bakunismus und Proudhonismus in Frage gestellt werden. Wenn man diese Perspektive erst einmal einnimmt, dann erschlie&szlig;en sich auch ganz neue Erkenntnisse &uuml;ber das, was damals in der europ&auml;ischen Arbeiterbewegung, vor allem in der Ersten Internationale,diskutiert wurde. Und es stellt sich heraus, dass Frauen bei diesen Diskussionen in entscheidendem Ma&szlig; beteiligt waren.<a class="see-footnote" id="footnoteref2_cip0yzf" title="Vgl. dazu ausf&uuml;hrlicher: Antje Schrupp (1999) Nicht Marxistin und auch nicht Anarchistin, Frauen in der Ersten Internationale &ndash; Virginie Barbet, Elisabeth Dmitrieff, Andr&eacute; L&eacute;o und Victoria Woodhull, K&ouml;nigstein." href="#footnote2_cip0yzf">2</a></p> <h2> Virginie Barbet und die &raquo;Allianz der sozialistischen Demokratie&laquo;</h2> <p> Die m&auml;nnerzentrierte Sichtweise, nach der im fr&uuml;hen Anarchismus Frauen nicht vermutet werden, hat bis in die Quelleneditierung hinein Verwirrung gestiftet. Folgende Passage zum Beispiel findet sich im Protokoll vom 5. Juni 1869 der Versammlung der &raquo;Allianz der Sozialistischen Demokratie&laquo;, einer politischen Gruppe von Frauen und M&auml;nnern, die Bakunin ein halbes Jahr zuvor in Genf gegr&uuml;ndet hatte: &raquo;Bakunin berichtet &uuml;ber das Treffen in Neuchatel &hellip; dann verliest er einen Brief an Madame Barbet in Lyon, begleitet von einem Artikel &uuml;ber das Erbrecht &ndash; Fortsetzung der Diskussion &hellip; worauf Abschaffung des Erbrechts einstimmig akzeptiert wird&laquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref3_n0jd02p" title="Zit. nach: Jacques Freymond, Hrsg. (1964) Etudes et Documents sur la Premi&egrave;re Internationale en Suisse. Droz: Gen&egrave;ve, S.160." href="#footnote3_n0jd02p">3</a>. Der Text ist merkw&uuml;rdig: Warum sollte Bakunin einen Brief und einen Artikel, den er an Virginie Barbet nach Lyon schicken will, vorher &ouml;ffentlich verlesen? Ist es nicht eher &uuml;blich, dass man in einer politischen Versammlung Briefe verliest, die man von Gleichgesinnten bekommen hat? Virginie Barbet, die angebliche Adressatin des Briefes, war Mitglied in der Allianz und schrieb h&auml;ufig Artikel f&uuml;r sozialistische Zeitungen &ndash; unter anderem auch f&uuml;r die Zeitung &raquo;Egalit&eacute;&laquo;, deren Redaktion von Bakunin geleitet wurde. W&auml;re es da nicht wahrscheinlicher, dass sie einen Brief an Bakunin geschrieben hat, mit der Bitte, ihren beiliegenden Artikel zu ver&ouml;ffentlichen? Mit anderen Worten: K&ouml;nnte da nicht im Laufe der &Uuml;berlieferungsgeschichte der Protokolle aus dem W&ouml;rtchen &raquo;von&laquo; das W&ouml;rtchen &raquo;an&laquo; geworden sein?</p> <p> Wenn man hier textkritisch nachforscht, stellt sich erst einmal heraus, dass das franz&ouml;sische Original des Protokolls nicht mehr auffindbar ist, sondern zwei mal aus einem jeweils nur handschriftlich vorliegenden Text &uuml;bertragen wurde<a class="see-footnote" id="footnoteref4_nhi2gen" title="Zun&auml;chst von Max Nettlau aus dem sp&auml;ter verloren gegangenen Original, und sp&auml;ter von Bert Andr&eacute;as und Mik&oacute;s Molnar, den Herausgebern der Protokolle, aus Nettlaus handschriftlichem Manuskript." href="#footnote4_nhi2gen">4</a> &ndash; es gibt also zwei m&ouml;gliche Fehlerquellen. Der entscheidende Hinweis findet sich schlie&szlig;lich bei James Guillaume, der damals Redaktionsmitglied der Egalit&eacute; war. Er erinnert sich, im Juni oder Juli 1869 eine Zuschrift zum Thema Erbrecht erhalten zu haben, die &raquo;einige Einw&auml;nde gegen einen Artikel von Madame Virginie Barbet aus Lyon vorbrachte, der in der Nummer vom 12. Juni ver&ouml;ffentlicht worden war&laquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref5_zw7qahx" title="Guillaume, James (1985) L&#39;Internationale, Bd. I, G&eacute;rard Lebovici: Paris, S. 281." href="#footnote5_zw7qahx">5</a>. In dieser Ausgabe ist in der Tat ein Artikel &uuml;ber das Erbrecht enthalten, der auch noch aus Lyon datiert&ndash; eine Indizienkette, die ausreichen sollte, um in Virginie Barbetdie Autorin dieses Artikels zu sehen, der bislang Bakunin zugeschrieben wurde.</p> <p> Es waren also, unter anderem, die Thesen einer Frau, Virginie Barbet, die den Diskussionen in der Bakunin-Gruppe zu Grunde lagen. Die Forderung nach Abschaffung des Erbrechs stellte Bakunin im September 1869 beim Basler Kongre&szlig; der Ersten Internationale zur Abstimmung und forderte damit die Marxisten heraus, die dies ablehnten. An dieser Frage wurde erstmals die Spaltung der Internationale in zwei gegens&auml;tzliche theoretische Lager, den Anarchismus und den Marxismus, sichtbar, ein Konflikt, der zwei Jahre sp&auml;ter zum Ende der Internationale f&uuml;hrte und den Anfang einer jahrzehntelangen ideologischen Auseinandersetzung &uuml;ber die theoretische Ausrichtung der sozialistischen Bewegung markiert. Und dennoch &ndash; kein Mensch kennt heute Virginie Barbet!</p> <p> Dabei scheint sie eine wichtige Pers&ouml;nlichkeit der bakunistischen Allianz und der Lyoner Sektion der Internationale gewesen zu sein. In Quellendokumenten begegnet ihr Name relativ h&auml;ufig, in Mitgliederlisten, Protokollen oder als Unterschrift unter Aufrufen und Solidarit&auml;tsbekundungen. Auch Chronisten der Internationale wie James Guillaume, Sreten Maritch, Jacques Rougerie oder Maurice Moissonier erw&auml;hnen Barbet, allerdings meist in Anmerkungen oder Nebens&auml;tzen.<a class="see-footnote" id="footnoteref6_q94swd4" title="Vgl. Testut, Oscar (1872) Die Internationale, Leipzig, S. 32ff, 107, ders. (1872) L&#39;Internationale et le Jacobinisms, Paris, Bd. 2, S. 383, Freymond a.a.O., S. 249, Guillaume a.a.O., S. 244, Moissonnier, Maurice (1972) La Premi&egrave;re Internationale et la Commune &agrave; Lyon, Paris, S. 95, 112, 151 u.a., Lehning, Arthur (1977) Bakunin-Archiv VI, Leiden, S. XXXIX, 140, Maritch, Sreten (1939) Histoire du mouvement social sous le Second Empire &agrave; Lyon, Paris, S. 255, Rougerie, Jacques (1961) &raquo;La premi&egrave;re Internationale &agrave; Lyon&laquo; in: Annali dell&#39;Istituto Giangiacomo Feltrinelli, S. 142." href="#footnote6_q94swd4">6</a> &Uuml;ber ihre Biografie ist deshalb nur wenig bekannt, nicht einmal ihr Geburts- und Todesjahr. Man wei&szlig; lediglich, dass sie in Lyon eine Gastst&auml;tte betrieben hat.<a class="see-footnote" id="footnoteref7_2crlzyr" title="Evtl. auch einen Weinhandel, vgl. Rougerie, a.a.O., nach Guillaume, a.a.O. in der Rue Moncey 123 am linken Rhoneufer, vgl. auch Moissonnier, a.a.O., S. 242, Auzias, Claure und Houel, Annik (1982) La gr&egrave;ve des ovalistes, Paris, S. 158." href="#footnote7_2crlzyr">7</a> Andererseits ist jedoch von ihr gen&uuml;gend Schriftliches erhalten &ndash; Zeitungsartikel, Flugschriften, Manifeste<a class="see-footnote" id="footnoteref8_67c98ge" title="Barbet, Virginie (1868) Rede vor der Friedens- und Freiheitsliga in: Rahm, Berta (1993) Marie Goegg, Schaffhausen, S. 101-103, dies. (1869) D&eacute;isme et Ath&eacute;isme. Profession de foi d&#39;une Libre-penseuse, Lyon, dies.: Berichte vom Lyoner Ovalistinnen-Streik in: Egalit&eacute; vom 3.7. und 17.7. 1869,dies. (1870) &raquo;Manifeste des femmes lyonnaises adh&eacute;rentes &agrave; l&#39;Internationale&laquo;, in: Testut (1972) a.a.O., S. 277-279, dies.: &raquo;Pourquoi je suis collectiiste&laquo; in Solidarit&eacute; vom 18.6.1870, dies. (1871) R&eacute;ponse d&#39;un membre de l&#39;Internationale &agrave; Mazzini, Lyon, dies. (1881) Religions et libre-pens&eacute;e, Gen&egrave;ve." href="#footnote8_67c98ge">8</a> &ndash; so dass sich durchaus mehr &uuml;ber sie sagen l&auml;sst, als nur einen Hinweis auf die blo&szlig;e Tatsache ihrer Existenz zu geben.</p> <p> Es ist nicht ganz klar, unter welchen Umst&auml;nden Barbet zur Allianz der sozialistischen Demokratie gefunden hat, aber wahrscheinlich ist es beim Kongress der Friedens- und Freiheitsliga im September 1868 zum Kontakt zwischen ihr und Bakunin gekommen. Die Liga war eine internationale Vereinigung von zum Teil sehr prominenten Reformerinnen und Reformern wie Victor Hugo, John Stuart Mill oder Giuseppe Garibaldi, die f&uuml;r eine &Uuml;berwindung nationaler Konflikte durch die Gr&uuml;ndung einer Europa-Union und die Abschaffung der stehenden Heere eintrat. Anders als in der vier Jahre vorher gegr&uuml;ndeten Internationalen Arbeiter-Assoziation (IAA), die damals ein reiner M&auml;nnerverein war, arbeiteten viele Frauen in der Friedensliga mit, vor allem die Schweizer Feministin Marie Goegg. Auch Virginie Barbet, die sich dem Kongress als Vertreterin &raquo;der Frauen der Lyoner Sozialdemokratie&laquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref9_n75ui8g" title="Zit. nach Rahm, a.a.O., S. 101." href="#footnote9_n75ui8g">9</a> vorstellte, hielt dort eine Rede &uuml;ber die Bedeutung von Fraueninteressen f&uuml;r politische Bewegungen.</p> <p> Bakunin hatte sich von Anfang an stark in der Liga engagiert und auch den Kongress mit vorbereitet. Seine dringende Forderung, auch sozialistische Positionen in das Programm aufzunehmen, wurde aber von der b&uuml;rgerlichen Mehrheit der Ligamitglieder abgelehnt. Daraufhin traten er und etwa zwanzig weiteren Frauen und M&auml;nnern aus der Friedensliga aus und gr&uuml;ndeten die &raquo;Allianz der Sozialistischen Demokratie&laquo;. Eine Sektion dieser Allianz wurde ein halbes Jahr sp&auml;ter, im Sommer 1869 von Virginie Barbet und Albert Richard in Lyon gegr&uuml;ndet.</p> <p> Anders als Bakunin war Barbet zu diesem Zeitpunkt bereits Mitglied der Internationale, doch d&uuml;rfte sie als &raquo;&uuml;berzeugte Anh&auml;ngerin der Frauenemanzipation&laquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref10_j264qbf" title="In: Solidarit&eacute; vom 18.6.1870." href="#footnote10_j264qbf">10</a>, wie sie sich selbst bezeichnete, mit deren bis dahin eher antifeministischer Ausrichtung kaum einverstanden gewesen sein. Vor allem in Frankreich war die Internationale in den ersten Jahren ihres Bestehens n&auml;mlich ideologisch sehr vom Proudhonismus beeinflusst und die franz&ouml;sischen Vertreter bei den ersten Internationale-Kongressen sahen ihre Aufgabe vor allem darin, die Ablehnung der Frauenerwerbsarbeit in der Programmatik der Internationale zu verankern. Die Allianz dagegen gab sich sofort ein dezidiert feministisches Programm. Gleich im zweiten Punkt wird &raquo;die politische, &ouml;konomische und soziale Gleichmachung der Klassen und der Individuen beider Geschlechter&laquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref11_2nj4ki8" title="Das Allianz-Programm ist dokumentiert in Freymond, a.a.O., S. 233 ff., zum abweichenden Text vgl. ebd. 210." href="#footnote11_2nj4ki8">11</a> gefordert &ndash; es ist sehr wahrscheinlich, dass Barbet hier eine M&ouml;glichkeit sah, ihr sozialistisches und feministisches Engagement zu verbinden.</p> <p> Der Eintritt von Virginie Barbet in die Allianz und deren Anschluss an die Internationale im Winter 1868/69 f&auml;llt in eine Zeit, wo die Internationale in Frankreich einen Richtungswechsel vollzog. Besonders in Paris wurden die konservativ-proudhonistischen Gr&uuml;nder nun von j&uuml;ngeren, militanteren M&auml;nnern zur&uuml;ckgedr&auml;ngt, hier sind vor allem Benoit Malon und Eug&egrave;ne Varlin zu nennen, die der Internationale ein k&auml;mpferischeres, radikaleres, weniger frauenfeindliches Image gaben. Diesen Richtungswechsel trieb auch Virginie Barbet in Lyon voran. Sp&auml;testens seit Juli 1868 hatte sie Kontakt zu einer Pariser feministischen Gruppe, der &raquo;Soci&eacute;te pour la R&eacute;vendication du Droit des Femmes&laquo; um Andr&eacute; L&eacute;o, von der sp&auml;ter noch die Rede sein wird.<a class="see-footnote" id="footnoteref12_the4njd" title="Vgl. Auzias/Houel, a.a.O., S. 156, Maritch, a.a.O., S. 255." href="#footnote12_the4njd">12</a> Dabei wurde sie dabei von anderen Frauen aus der Lyoner Internationale, etwa Marie Richard<a class="see-footnote" id="footnoteref13_gqejf7i" title="Vgl. Faucon, Marcel (1967) &raquo;Albert Richard, militant socialiste&laquo; in: Revue Socialiste Nr. 208, S. 545, Auzias/Houel, a.a.O., S.. 156." href="#footnote13_gqejf7i">13</a>, unterst&uuml;tzt.</p> <p> Schon vor ihrer Bekanntschaft mit Bakunin und der Gr&uuml;ndung der Allianz ging Barbet also &ndash; in deutlicher Abgrenzung vom saint-simonistischen Feminismus, der die Geschlechterdifferenz betonte- davon aus, die Natur habe Frau und Mann gleich geschaffen und daher sei auch die &raquo;Gleichmachung&laquo; von Frauen und M&auml;nnern durch Abschaffung materieller und kulturell geschaffener Unterschiede m&ouml;glich. Barbets Anschluss an die Allianz erscheint vor diesem Hintergrund ganz folgerichtig. Als Schatzmeisterin der Lyoner Internationale und Mitglied in dem Ausschuss, der die Delegierten f&uuml;r die internationalen Kongresse w&auml;hlte, hatte sie auch gen&uuml;gend Einfluss auf die Lyoner Internationale insgesamt, um einen solchen Richtungswechsel hier anzusto&szlig;en. Dennoch war es nach Meinung der meisten Forscher nicht Barbet, sondern der blutjunge Albert Richard, der Sohn von Marie Richard, der in der Lyoner Internationale die Richtung vorgab. Die herausragende F&uuml;hrungsrolle, die vor allem Richard selber sich zugeschrieben hat,<a class="see-footnote" id="footnoteref14_04igs5g" title="Vgl. v.a. Richard, Albert (1896) &raquo;Les Propagateurs de l&#39;Internationale&laquo; in: Revue Socialiste, Juni, S. 641-667, ders. (1896) &raquo;Bakunin et L&#39;Internationale &agrave; Lyon&laquo;, in: Revue de Paris, September, S. 119-160, ders. (1897) Les d&eacute;buts du parti socialiste francais&laquo;, in: Revue politique et parlementaire, Januar, S. 65-95." href="#footnote14_04igs5g">14</a> wird in der Literatur v&ouml;llig unkritisch &uuml;bernommen, was aber auch daran liegt, dass Richardals Vertreter Lyons bei den IAA-Kongressen 1868 und 1869 in den offiziellen Dokumenten vorkommt, deren Bedeutung f&uuml;r die Theoriediskussionen in der IAA ohnehin oft &uuml;bersch&auml;tzt wird.<a class="see-footnote" id="footnoteref15_mtpkhpo" title="Vgl. Schrupp (1999), a.a.O., S. 12f." href="#footnote15_mtpkhpo">15</a> Der Hauptgrund daf&uuml;r, dass Richards dominante Rolle bisher nicht in Frage gestellt wurde, ist aber wohl, dass Barbets Teilnahme am Friedensliga-Kongress in Bern weitgehend unbekannt ist und man also davon ausgeht, dass allein Richard dort Bakunin kennengelernt habe.</p> <p> Gegen Richards F&uuml;hrungsqualit&auml;ten sprechen jedoch, neben seinem jungen Alter, die Einsch&auml;tzungen zahlreicher Zeitgenossen. James Guillaum charakterisiert als &raquo;dumm&laquo;, &raquo;kindisch&laquo; und &raquo;&uuml;berheblich&laquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref16_8m9s834" title="Guillaume, a.a.O., Bd. II, S. 68." href="#footnote16_8m9s834">16</a> Victor Jaclard attestiert ihm &raquo;eine Reihe von Charakterschw&auml;chen, eine extrem pers&ouml;nliche Ambition, eine grenzenlose Eitelkeit, einen v&ouml;llig unausgeglichenen Geist&laquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref17_83q41uh" title="Zit. nach Vuilleumier (1972), a.a.O. S. 301, vgl. auch Dutacq, Francois (1931)&laquo; Les gr&egrave;ves lyonnaises de la fin du Second Empire&laquo; in R&eacute;volution de 1848, Nr. 28, S. 221. Auch Paul Robin und Eug&eacute;ne Varlin hatten ein distanziertes Verh&auml;ltnis zu Richard." href="#footnote17_83q41uh">17</a>. Vor allem aber hatte Richard inhaltlich &uuml;berhaupt keine gefestigte Position. Es ist v&ouml;llig unklar, f&uuml;r welche Inhalte er stand. In der Lyoner Internationale war er sp&auml;testens im Fr&uuml;hjahr 1870 sehr umstritten, man verd&auml;chtigte ihn, ein Polizeispitzel zu sein, und w&auml;hrend der Pariser Kommune wurde er dann &uuml;berzeugter Bonapartist.<a class="see-footnote" id="footnoteref18_abzb1a5" title="Vgl. Dutacq, a.a.O., S. 222, auch Egalit&eacute; vom 15.2.1872, Archer, Julian (1971) &raquo;La Commune de Lyon&laquo; in: Mouvement Social, Nr. 77, S. 43, Langhard, J. (1903) Die anarchistische Bewegung in der Schweiz, Berlin, S. 34, Jaeckh, Gustav (1904) Die Internationale, Leipzig, S. 166." href="#footnote18_abzb1a5">18</a></p> <p> Virginie Barbets politische Schriften zeigen dagegen eine klare inhaltliche Position. Eines ihrer wichtigsten Anliegen war, wie bereits angedeutet, die Abschaffung des Erbrechts: Durch diesen Schritt sollte ein gleicher materieller &raquo;Ausgangspunkt&laquo; f&uuml;r alle Kinder geschaffen werden, um die &raquo;Gleichmachung der Individuen&laquo; zu bef&ouml;rdern. Besonders vehement wurde diese Diskussion im Vorfeld des Basler Kongresses im September 1869 gef&uuml;hrt, wo die Allianz diese Frage zur Abstimmung brachte. Die Egalit&eacute; &ndash; die Genfer Allianzzeitung &ndash; widmete bereits in der Nummer vom 1. Mai 1869 ihren Leitartikel diesem Thema. Er stammt sehr wahrscheinlich aus der Feder Bakunins, der darin vor allem bem&uuml;ht ist, die kleinb&uuml;rgerlichen &Auml;ngste der Arbeiter zu beschwichtigen. Anders dagegen der zweite programmatische Artikel zum Thema, eben der eingangs erw&auml;hnte von Virginie Barbet, der am 12. Juni erschien. Dort polemisiert sie gegen den Autor des ersten Artikels, also Bakunin, wenn sie schreibt: &raquo;Wenn wir diese Frage aufgreifen, &hellip; haben wir uns keineswegs vorgenommen, eine vertiefende Studie zu machen, sondern wir wollen lediglich die Aufmerksamkeit &hellip; auf eine der wichtigsten Tatsachen lenken. Ja, der wichtigsten, denn man darf nicht verschweigen, dass eine soziale Revolution, die vorgibt, die Gleichheit zu etablieren und nicht mit der Abschaffung des Erbrechtes anf&auml;ngt, ihr Ziel eindeutig verfehlen w&uuml;rde&laquo;.<a class="see-footnote" id="footnoteref19_qeeh9k0" title="Egalit&eacute; vom 12.6.1869." href="#footnote19_qeeh9k0">19</a></p> <p> F&uuml;r Barbet ist die Notwendigkeit, das Erbrecht abzuschaffen, keine Frage, die &raquo;vertiefender Studien&laquo; bedarf, sondern ein Faktum, das schlicht in Erinnerung gerufen werden muss. Deutlicher als die meisten anderen Allianzmitglieder macht sie das Erbrecht zur Prinzipienfrage. Und anders als Bakunin nimmt sie dabei auch keinerlei R&uuml;cksicht auf die Bedenken, die von kleinb&uuml;rgerlich-patriarchal orientierten Familienv&auml;tern innerhalb der Arbeiterbewegung zu erwarten sind. W&auml;hrend Bakunin von der Notwendigkeit ausgeht, &uuml;berhaupt erst einmal die Diskussion &uuml;ber das Erbrecht zu f&uuml;hren und sich bem&uuml;ht, Bedenken durch behutsame Argumentation auszur&auml;umen, macht Barbet die Erbrechtsfrage sozusagen zur Gretchenfrage. Dass viele auch in der anarchistischen Bewegung jener Zeit sie damit f&uuml;r zu radikal hielten, wird auch aus entsprechenden Leserbriefen deutlich.<a class="see-footnote" id="footnoteref20_wy0rob9" title="Vgl. Egalit&eacute; vom 26.6.1869." href="#footnote20_wy0rob9">20</a></p> <p> Ein anderer Punkt, an dem sich kontroverse Positionen von Barbet und Bakunin aufzeigen lassen, ist Barbets Konzept der revolution&auml;ren Gewaltfreiheit. Bakunin erhoffte sich in jenen Jahren zunehmend einen revolution&auml;ren Schub f&uuml;r gewaltsame Aufst&auml;nde und rechnete dabei auch auf das &raquo;Lumpenproletariat&laquo;, die Deklassierten, die Verzweiflung derer, die ohnehin nichts zu verlieren haben.<a class="see-footnote" id="footnoteref21_oj4fch2" title="Zur Bedeutung des &raquo;Lumpenproletariats&laquo; f&uuml;r den Bakuninschen Anarchismus vgl. Woodcock (1962) S. 23f, Dressen (1994) S. 192ff, Bookchin (1977) S. 28f u.a. Zur marxistischen Gegenposition u.a. Die I. Internationale in Deutschland, S. 446ff, Stekloff (1928) S. 162ff." href="#footnote21_oj4fch2">21</a> Dies zeugt von einer tendenziell m&auml;nnlichen Perspektive, zumindest im Rahmen einer Gesellschaft, in der die Sorge um Kinder, kranke und alte Menschen weitgehend in die Verantwortung von Frauen fallen. Auch dann, wenn sie zum &raquo;Lumpenproletariat&laquo; geh&ouml;rten, d&uuml;rften Frauen nicht unbedingt die Desperados gewesen sein, die Bakunin sich vorgestellt. Vielleicht hatte Barbet diese konkrete Lebensrealit&auml;t im Blick, denn im Gegensatz zu Bakunin klagte sie vor allem die Gewaltlosigkeit politischer Aktionen ein.</p> <p> Ihre Strategie des gewaltfreien Widerstands kommt sehr deutlich in einem von ihr verfassten Manifest zum Ausdruck, in dem Lyoner Sozialistinnen im Januar 1870 an die jungen M&auml;nner der Stadt appellieren, ihrer Einberufung zum Milit&auml;rdienst nicht zu folgen.<a class="see-footnote" id="footnoteref22_9fq7bqt" title="Barbet (1870), a.a.O., in Ausz&uuml;gen auch dokumentiert bei Maritch, a.a.O., S. 255f." href="#footnote22_9fq7bqt">22</a> Barbets Argumentation ist dabei nicht eine der prinzipiellen Gewaltlosigkeit. Der Milit&auml;rdienst m&uuml;sse verweigert werden, weil die Regierung des Second Empire nicht die Interessen des franz&ouml;sischen Volks vertrete, sondern die der &raquo;Unterdr&uuml;cker des Proletariats&laquo;. F&uuml;r den Fall, dass es zum passiven Widerstand in Form einer Milit&auml;rdienstverweigerung kommt, sagt Barbet den jungen Wehrpflichtigen die Unterst&uuml;tzung der Frauen zu. Sie r&auml;t ihnen, auf den Einberufungsbefehl gar nicht zu antworten oder die Gr&uuml;nde darzulegen, warum sie in einer Armee Bonapartes nicht k&auml;mpfen k&ouml;nnten. F&uuml;r die Frauen selbst hat Barbet dabei eine eigene Methode vorzuschlagen: &raquo;Sobald wir erfahren, dass einer oder mehrere von euch verhaftet wurden, werden wir massenhaft bei den verantwortlichen Autorit&auml;ten eure Freilassung fordern&laquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref23_25igre1" title="Barbet (1870), a.a.O., S. 278f." href="#footnote23_25igre1">23</a>, verspricht sie.</p> <p> Drei Monate sp&auml;ter ver&ouml;ffentlicht Barbet &ndash; wieder im Namen der Lyoner Sozialistinnen &ndash; ein weiteres Manifest, in dem sie diese Strategie deutlicher ausformuliert. Diesmal geht es um die Unterst&uuml;tzung eines gro&szlig;en Streiks der Minen- und Stahlarbeiter in Le Creuzot. Barbet fordert die Frauen auf, den Streik ihrer M&auml;nner (in der Stahlindustrien waren kaum Frauen besch&auml;ftigt) zu unterst&uuml;tzen, und zwar mit einer gewaltfreien, revolution&auml;ren und origin&auml;r weiblichen Kampfform: &raquo;Sprecht die Sprache der Wahrheit zu den Soldaten, die euch umzingeln. &hellip; Sagt diesen ungl&uuml;cklichen Kinder des Volks, dass die M&auml;nner, die zu verfolgen sie den Befehl haben, nicht &hellip; S&ouml;ldner irgendeiner politischen Partei sind, sondern Eure V&auml;ter, Eure Br&uuml;der, Eure Ehem&auml;nner, &hellip; die kein anderes Verbrechen begangen haben als das, das heiligste Recht des Menschen einzufordern, n&auml;mlich von ihrer Arbeit zu leben. Mit solchen Worten, da k&ouml;nnt Ihr sicher sein, werdet ihr sie beeindrucken&laquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref24_io725ws" title="In: Solidarit&eacute; vom 16.4.1870." href="#footnote24_io725ws">24</a>. Auch wenn diese Strategie in Creuzot noch an der &Uuml;bermacht von Milit&auml;r und Polizei scheiterte, so war sie doch ein Jahr sp&auml;ter in Paris erfolgreich: Genau mit dieser Verunsicherung der Soldaten, dem wortreichen &raquo;Dazwischenstellen&laquo; der Frauen zwischen die Regierungstruppen und die Aufst&auml;ndigen, mit der &Uuml;berzeugungsarbeit der Frauen begann am 18. M&auml;rz 1871 die Kommune von Paris.</p> <h2> Andr&eacute; L&eacute;o und die antiautorit&auml;re Internationale</h2> <p> In der Pariser Kommune begegnet man einer weiteren Protagonistin des fr&uuml;hen Anarchismus, die f&uuml;r dessen Entwicklung vielleicht noch wichtiger war: DiePariser Schriftstellerin und Journalistin Andr&eacute; L&eacute;o (1824&ndash;1900).<a class="see-footnote" id="footnoteref25_6ho3iq3" title="Der Name ist ein Pseudonym, aus den Vornamen ihrer Zwillingss&ouml;hne zusammengesetzt, das aber Victorine-L&eacute;odile B&eacute;ra, verheiratete Champseix, seit Anfang der sechziger Jahre ausschlie&szlig;lich benutzte." href="#footnote25_6ho3iq3">25</a> Sie hatte sich in der anti-proudhonistischen Frauenbewegung der f&uuml;nfziger und sechziger Jahre mit ihren Romanen und ihrem 1868 erschienenen theoretischen Hauptwerk &raquo;Les femmes et les moeurs&laquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref26_hk5jbf9" title="Reprint 1990, Tusson (Charente). Vgl. auch: Andr&eacute; L&eacute;o (1865) Observations d&#39;une m&egrave;re de famille, Paris und die Quellensammlung &raquo;Andr&eacute; L&eacute;o, une journaliste de la Commune&laquo; in: Le L&eacute;rot r&ecirc;veur, Nr. 44, M&auml;rz 1987." href="#footnote26_hk5jbf9">26</a> einen Namen gemacht. 1866 gr&uuml;ndete sich in ihrer Wohnung die &raquo;Soci&eacute;t&eacute; pour la Revendication du Droit des Femmes&laquo;, die schon bald zum Sammelbecken der f&uuml;hrenden Feministinnen in Paris wurde, darunter Paule Minck (die sp&auml;tere Mitbegr&uuml;nderin der franz&ouml;sischen Arbeiterpartei), die damals noch ganz unbekannte Louise Michel, sowie die bekannte Frauenrechtlerin Maria Deraismes.</p> <p> Die Soci&eacute;t&eacute; markierte eine Neuorientierung gegen&uuml;ber dem fr&uuml;hsozialistischen Feminismus der drei&szlig;iger und vierziger Jahre im Umfeld Fouriers und des Saint-Simonismus: Als Reaktion auf die antifeministischen Kampagnen b&uuml;rgerlicher Intellektueller wie Proudhon, Michelet und anderen stellten die Feministinnen nun nicht mehr die Geschlechterdifferenz in den Vordergrund, argumentierten nicht mehr mit den besonderen F&auml;higkeiten und Interessen von Frauen, die deren Partizipation am &ouml;ffentlichen Leben notwendig machten, sondern betonten die Gleichheit der Geschlechter. Die faktischen Unterschiede zwischen Frauen und M&auml;nnern f&uuml;hrten sie weitgehend auf ihre Sozialisation zur&uuml;ck, und entsprechend wichtig wurde ihnen die Betonung der Bildungsarbeit, die Forderung nach gleichen Bildungschancen f&uuml;r M&auml;dchen. Der entscheidende Topos f&uuml;r die Argumentation war aber, dass sie von Frauen nicht mehr als Gruppe sprachen, sondern besonders ihre Individualit&auml;t betonten.</p> <p> Es war diese Gruppe Pariser Feministinnen, die sp&auml;testens seit 1866 den typisch egalit&auml;ren Feminismusansatz als Gegenstrategie gegen den b&uuml;rgerlichen Antifeminismus herausarbeitete, den dann im Sommer 1868 die Lyoner Internationalistinnen um Virginie Barbet aufnahmen und der sich Ende 1868 auch im Programm der anarchistischen Allianz um Bakunin niederschlug. So ist es auch eine logische Konsequenz, dass es fr&uuml;her oder sp&auml;ter zu einer Zusammenarbeit zwischen den Pariser Allianzisten und den Feministinnen der Soci&eacute;t&eacute; kam.<a class="see-footnote" id="footnoteref27_szmfajr" title="Dazu kommen auch Kontakte durch pers&ouml;nliche Beziehungen, da etwa No&eacute;mie Reclus, die Cousine und Schw&auml;gerin von Elis&eacute;e Reclus, Mitglied der Soci&eacute;t&eacute; war." href="#footnote27_szmfajr">27</a></p> <p> Im Gegensatz zu den bekanntesten Antiproudhonistinnen der Zeit, Juliette Lamber (verh. Adam) und Jenny D&#39;H&eacute;ricourt<a class="see-footnote" id="footnoteref28_ahhn6lw" title="Vgl. Lamber, Juliette (1858) Id&eacute;es antiproudhoniennes sur l&#39;amour, les femmes et le marriage, Paris, und D&#39;H&eacute;ricourt, Jenny (1860) La femme affranchie, Br&uuml;ssel. Beide B&uuml;cher wurden in den sechziger Jahren in Frankreich breit diskutiert." href="#footnote28_ahhn6lw">28</a>, ist f&uuml;r Andr&eacute; L&eacute;o die rechtliche Gleichstellung von Frauen allerdings nicht eine logische Folge der Verwirklichung der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft und der Umsetzung gleicher Rechte. L&eacute;o erkennt, dass die b&uuml;rgerlich-kapitalistische Gesellschaft &ndash; ebenso wie die sozialistische &ndash; auch gut auf der Basis der Familie existieren kann. Sie klagt daher nicht nur die innere Logik der Aufkl&auml;rung ein, sondern h&auml;lt es f&uuml;r wichtig, auch eine materielle Basis daf&uuml;r zu schaffen. Es m&uuml;ssen Bedingungen geschaffen werden, dass Frauen sich nicht nur theoretisch, sondern auch konkret als Individuen an der Gestaltung der Gesellschaft beteiligen k&ouml;nnen &ndash; von hier kommt Andr&eacute; L&eacute;o zur Forderung nach Erwerbsarbeit f&uuml;r Frauen und einer sozialistische Umgestaltung der Wirtschaftsordnung.</p> <p> Insofern Andr&eacute; L&eacute;o, zusammen mit Paule Minck, die sie in dieser Hinsicht vermutlich beeinflusst hat, dem Pariser Feminismus eine sozialistische Wendung gab, wurde ihre Gruppe nat&uuml;rlich zu einer Herausforderung f&uuml;r die proudhonistische Pariser Internationale, was sich auch bald in einem &ouml;ffentlich ausgetragenen Konflikt nieder schlug. In den Archives Nationales in Paris ist eine Reihe von handschriftlichen Polizeiprotokollen &uuml;ber 16 Versammlungen zum Thema &raquo;Frauenarbeit&laquo; fast vollst&auml;ndig erhalten<a class="see-footnote" id="footnoteref29_ld05u7g" title="Es handelt sich um w&ouml;chentliche Treffen im Ballsaal Vauxhall: &raquo;42 Proc&egrave;s-verbaux de Commissaires de police de r&eacute;unions publiques entre juillet et novembre 1868&laquo;, Archives Nationales, Paris, Fonds Rouher &ndash; 45 AP 6.Vgl. auch Dalotel, Alain; Faure, Alain; Freiermuth, Jean-Claude (1980) Axs origines de la Commune. Le mouvement des r&eacute;unions publiques &agrave; Paris 1864-1871, Paris." href="#footnote29_ld05u7g">29</a>, die diese Kontroverse dokumentieren. Paule Minck, Andr&eacute; L&eacute;o und andere f&uuml;hrten hier vor einem Auditorium von mehreren tausend M&auml;nnern und Frauen einen &ouml;ffentlichen Streit mit wichtigen Pariser Internationalisten.</p> <p> Folgt man den Polizeiprotokollen, dann scheint die Grundstimmung dieser Treffen der Frauenarbeit tendenziell wohlgesonnen gewesen zu sein. Am 6. Juli etwa spricht sich offenbar nur der Internationale Jean-Pierre H&eacute;ligon gegen Frauenerwerbsarbeit aus, alle anderen Rednerinnen und Redner &auml;u&szlig;ern sich positiv. In der folgenden Woche, am 13. Juli, h&auml;lt Paule Minck eine lange und eindr&uuml;ckliche Rede zugunsten der Frauenerwerbsarbeit, die sp&auml;ter auch als Brosch&uuml;re gedruckt wird.<a class="see-footnote" id="footnoteref30_y07fwij" title="Abgedruckt in Minck, Paule (1982) Les mouches et les araign&eacute;es, Le travail des femmes, et autres textes, hrsg. von Alain Dalotel, Paris." href="#footnote30_y07fwij">30</a> Bei diesen Versammlungen wird auch deutlich, dass es damals zwei rivalisierende Gruppen in der Pariser IAA gab und dass die Position zur &raquo;Frauenfrage&laquo; einer ihrer wichtigsten Streitpunkte war. Aus Protest gegen H&eacute;ligons Rede meldeten sich n&auml;mlich Eug&egrave;ne Varlin und Benoit Malon, (die an den Versammlungen nicht teilnehmen konnten, weil sie wegen einiger militanter Aktionen in jenen Monaten inhaftiert waren) in einem offenen Brief zu Wort und stellten klar, dass die Internationale &raquo;besonders in der Frauenfrage verschiedene Gruppen umfasst, die auf keinen Fall miteinander verwechselt werden d&uuml;rfen&laquo;.<a class="see-footnote" id="footnoteref31_dnbanmx" title="Zit. nach Stekloff, Jurij M. (1928) History of the First International, London." href="#footnote31_dnbanmx">31</a></p> <p> Der oben bereits angedeutete Richtungswechsel in der IAA, den auch Virginie Barbet in Lyon vorantrieb, war daher wohl auch Voraussetzung f&uuml;r den Eintritt von Andr&eacute; L&eacute;o in diese Organisation. Ende 1868 trat sie in die vom Allianz-Mitglied Malon gef&uuml;hrte Sektion Batignolles ein und setzte ihre Reputation als anerkannte Schriftstellerin der IAA, die damals unter dauernden Schikanen der bonapartistischen Polizei zu leiden hatte, zur &ouml;ffentlichen Verteidigung dieser Arbeiterorganisation ein. Nur mit Bakunin kam es bald schon zu Auseinandersetzungen.</p> <p> Die Genfer Allianz-Zeitung Egalit&eacute;, immer bem&uuml;ht, bekannte Autorinnen und Autoren zu gewinnen, k&uuml;ndigte in ihrer Ausgabe vom 27. Februar 1869 stolz die Mitarbeit von L&eacute;o, &raquo;einer der ersten sozialistischen Schriftstellerinnen Frankreichs&laquo;, an. Doch bereits am 13. M&auml;rz sieht sich L&eacute;o gen&ouml;tigt, eine Klarstellung ihrer Prinzipien zu ver&ouml;ffentlichen und distanziert sich von der antib&uuml;rgerlichen Propaganda der Zeitung: &raquo;Ich stimme mit Ihnen in den Zielen &uuml;berein, wir unterscheiden uns aber zuweilen in den Mitteln&laquo;. Gegen Bakunin pl&auml;diert L&eacute;o hier f&uuml;r eine gewisse Offenheit potentiellen B&uuml;ndnispartnern im republikanischen Lager gegen&uuml;ber und schreibt: &raquo;Wir glauben an die Gleichheit. Seien wir konform mit unserem Glauben, indem wir &hellip; nicht ohne Beweise Verdacht gegen die Loyalit&auml;t derer erheben, die sich von uns unterscheiden&laquo;. Noch in der gleichen Ausgabe schreibt Bakunin einen Gegenkommentar, in dem er seine Kompromisslosigkeit rechtfertigt: &raquo;Jede Konzession w&uuml;rde bedeuten, die vollst&auml;ndige Emanzipation der Arbeit aufzuschieben&laquo;.</p> <p> Allerdings stand Andr&eacute; L&eacute;o mit ihrer Auffassung keineswegs allein da. Elis&eacute;e Reclus unterst&uuml;tzte sie in einem Leserbrief der, so Bakunin, &raquo;denselben Geist der Vers&ouml;nlichkeit tr&auml;gt&laquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref32_45o1umd" title="Reclus&#39; Brief, der von drei weiteren Verteidigern L&eacute;os unterzeichnet ist, wurde, ebenso wie eine Erwiderung von L&eacute;o selbst, aus &raquo;Raummangel&laquo; nicht ver&ouml;ffentlicht, vl. Bakunin, Michael (1978) Gesammelte Werke, Bd. II, hrsg. von Max Nettlau, Vaduz/Liechtenstein, S. 44." href="#footnote32_45o1umd">32</a>. Auch Malon, so wei&szlig; man aus Bakunins Briefen, schlug sich auf L&eacute;os Seite. Doch anstatt dem Urteil seiner langj&auml;hrigen politischen Weggef&auml;hrten zu folgen, warf Bakunin ihnen H&auml;resie vor und f&uuml;hrte den Grund auf ihre &raquo;Schw&auml;chen f&uuml;r die dramatischen und sentimentalen Ungereimtheiten des sch&ouml;nen Geschlechts&laquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref33_z2qwydu" title="Vgl. Nettlau, Max (1928) Elis&eacute;e Reclus, Anarchist und Gelehrter, Berlin, S. 127." href="#footnote33_z2qwydu">33</a> zur&uuml;ck. Bakunins Urteilskraft war in diesem Zeitraum ziemlich getr&uuml;bt, wahrscheinlich wegen seiner kurzen, aber doch einige Monate lang sehr leidenschaftlichen Bewunderungf&uuml;r die radikale Rhetorik eines jungen russischen Revolution&auml;rs Sergej Nechajev, der damals in Genf lebte. Dies ist vermutlich auch der Grund f&uuml;r seine &Uuml;bersch&auml;tzung des sich ebenfalls radikal geb&auml;rdenden Albert Richard in Lyon.</p> <p> Die Positionen von Bakunin und L&eacute;o n&auml;herten sich aber nach der Pariser Kommune wieder an. Nach dem unr&uuml;hmlichen Abgang seiner jungen Pseudorevolution&auml;re<a class="see-footnote" id="footnoteref34_s8p5770" title="Jeglichen Rest von Reputation hatte Nechajev verloren, nachdem durch einen Prozess in Russland seine betr&uuml;gerische und skrupellose Vorgehensweise auch gegen Gleichgesinnte bekannt geworden war, vgl. Pomper (1979) 147. Richard war schon l&auml;nger der Zusammenarbeit mit der napoleonischen Polizei verd&auml;chtigt worden und inzwischen ganz offen Bonapartist geworden." href="#footnote34_s8p5770">34</a> revidierte Bakunin seine Meinung &uuml;ber L&eacute;o, w&auml;hrend diese ihrerseits ihre Position radikalisierte. Andr&eacute; L&eacute;o hatte die Kommune aus ganzem Herzen unterst&uuml;tzt, sich dabei jedoch nicht gescheut, auch interne Kritik vorzubringen, wenn ihr das notwendig erschien, etwa bei Prozessen gegen vermeintliche &raquo;Verr&auml;ter&laquo; oder wenn die Kommune Pressezensur verh&auml;ngte. Selbst in dieser Extremsituation lie&szlig; sie sich nicht von ihrer &Uuml;berzeugung abbringen, dass der Zweck unter keinen Umst&auml;nden die Mittel heiligt: &raquo;Wenn wir uns verhalten wie unsere Gegner, wie soll sich die Welt dann zwischen ihnen und uns entscheiden?&laquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref35_y9n52b7" title="L&eacute;o (1987) a.a.O., S. 34, vgl. auch Thomas, Edith (1963) Les P&eacute;troleuses, Paris, S. 146." href="#footnote35_y9n52b7">35</a></p> <p> Nach der Niederschlagung der Kommune gelang Andr&eacute; L&eacute;o, ebenso &uuml;brigens wie Virginie Barbet, die Flucht in die Schweiz. Ihre Lebensaufgabe sah sie nun darin, die extrem kritische b&uuml;rgerliche &Ouml;ffentlichkeit &uuml;ber die wirklichen Ziele und die wahre Geschichte der Kommune aufzukl&auml;ren und die Bluttaten der Versailler anzuprangern. Dass sie damit jedoch auch beim der liberal-republikanischen B&uuml;rgertum, darunter viele ihrer fr&uuml;heren Mitstreiterinnen und Mitstreiter aus dem feministisch-republikanischen Lager, auf taube Ohren stie&szlig;, zeigte sich im September 1871 beim Kongress der Friedens- und Freiheitsliga in Lausanne, wo Andr&eacute; L&eacute;o durch Tumult und Zwischenrufe gezwungen wurde, ihre Rede abzubrechen und den sie &raquo;tieftraurig&laquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref36_q9258u6" title="Die Rede ist abgedruckt in L&eacute;o (1987), a.a.O., S. 51ff." href="#footnote36_q9258u6">36</a> verlie&szlig;.</p> <p> Nach diesen Erfahrungen wandte sich L&eacute;o endg&uuml;ltig der sozialistisch-anarchistischen Bewegung zu und setzte, wie viele Kommunefl&uuml;chtlinge, ihre Hoffnung ganz in die Internationale. Dort war es jedoch inzwischen zu einem offenen Streit zwischen dem Londoner Generalrat und der Genfer Allianz gekommen, und die Schweizer IAA hatte sich &uuml;ber diesen Konflikt in zwei rivalisierende F&ouml;deralr&auml;te gespalten. Weil sie sich in diesen Streit nicht hereinziehen lassen wollten, beschlossen L&eacute;o, Malon, Barbet, Minck und andere Kommunefl&uuml;chtlinge, nicht in die Allianz einzutreten, sondern eine eigene Sektion zu gr&uuml;nden, die &raquo;Sektion der Propaganda und der revolution&auml;ren Tat&laquo;. Verst&auml;rkung bekamen sie durch Schweizer Anarchisten, w&auml;hrend die Allianz, die der Generalrat inzwischen ohnehin verboten hatte, aufgel&ouml;st wurde.</p> <p> Im Gefolge der Kommunefl&uuml;chtlinge, die als Helden und Heldinnen verehrt wurden, hatte der anarchistische Fl&uuml;gel der Internationale in der Schweiz stark Oberwasser bekommen. Um zu verhindern, dass dieser Stimmungsumschwung auch auf andere L&auml;nder &uuml;bergriff, nutzten Marx und Engel ihren Einfluss im Generalrat und veranstalteten im September 1871 in London eine IAA-Konferenz, zu der die anarchistischen Sektionen nicht eingeladen wurden. Dort fasste man zahlreiche Beschl&uuml;sse, die f&uuml;r die anarchistischen Sektionen, zu denen auch die neue Genfer Fl&uuml;chtlingssektion gez&auml;hlt wurde, untragbar waren. Mit dieser Provokation er&ouml;ffneten Marx und Engels allerdings eine gef&auml;hrliche Kontroverse, bei der sie letztlich selbst unterlagen.</p> <p> F&uuml;r die Kommunefl&uuml;chtlinge war der Generalrat bis dahin n&auml;mlich keineswegs ein Gegner gewesen. Ihre antizentralistischen, libert&auml;ren Positionen waren in erster Linie in der Auseinandersetzung mit blanquistischen und jakobinischen Str&ouml;mungen innerhalb der Kommune entstanden, in deren zentralistischem, autorit&auml;rem Vorgehen zumindest Andr&eacute; L&eacute;o auch einen Grund f&uuml;r das Scheitern des Kommuneexperiments sah. Erst durch die Londoner Konferenz, in derem &raquo;autorit&auml;ren&laquo; Verhalten die Kommunardinnen und Kommunarden dazu eine Parallele sahen, definierten sie ihre &raquo;antiautorit&auml;ren&laquo; Ideen auch in Opposition zum Generalrat.</p> <p> Andr&eacute; L&eacute;o war neben James Guillaume eine der treibenden Figuren dieser Debatte. Im Oktober 1871 &uuml;bernahm sie die Redaktion der Zeitung der neuen Propaganda-Sektion, der &raquo;R&eacute;volution Sociale&laquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref37_nbk2cr4" title="Vgl. Guillaume (1985) II, 219." href="#footnote37_nbk2cr4">37</a>, und kommentierte die Beschl&uuml;sse der Londoner Konferenz mit bei&szlig;ender Ironie: &raquo;Dass die G&ouml;ttin Freiheit uns zu Hilfe komme! Denn wir haben gegen die j&uuml;ngste p&auml;pstliche Bulle versto&szlig;en, &hellip; indem wir die Unfehlbarkeit des obersten Rates zur Diskussion stellen. Nun sind also auch wir von der Exkommunizierung bedroht, und es bleibt uns nichts anderes &uuml;brig, als unsere Seele dem Teufel der Anarchie zu verschreiben&laquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref38_2jxp17e" title="Zit. nach Guillaume (1985) II, S. 221." href="#footnote38_2jxp17e">38</a>. Durch die Agitation von Andr&eacute; L&eacute;o und die Verbreitung eines Zirkulars der anarchistischen Sektionen, das die Kompetenzen des Generalrats nun offen in Frage stellte, wurde der Konflikt nun auch in andere L&auml;nder getragen, und die Opposition gegen den Generalrat wuchs.</p> <p> Diese Entwicklung haben Marx und Engels lange nicht wahrhaben wollen. Erst im M&auml;rz 1872 reagierten sie mit einem Rundbrief &uuml;ber &raquo;Die angeblichen Spaltungen in der Internationale&laquo;, in dem sie das Schweizer Zirkular Punkt f&uuml;r Punkt kommentierten und auch Andr&eacute; L&eacute;o pers&ouml;nlich angriffen.<a class="see-footnote" id="footnoteref39_4y2sgsw" title="Marx/Engels (1971a) Bd. 18, S. 21f." href="#footnote39_4y2sgsw">39</a> Doch es war zu sp&auml;t. Im Lauf des Jahres wurde deutlich, dass sich die gro&szlig;e Mehrheit der Sektionen, vor allem in den romanischen L&auml;ndern, aber auch in Belgien und sogar in England gegen Marx stellten. Der gr&ouml;&szlig;te Irrtum von Marx und Engels in diesem Konflikt war, dass sie den Einfluss Bakunins v&ouml;llig &uuml;bersch&auml;tzten. Sie hielten ihn f&uuml;r den alleinigen Urheber der abweichenden Meinungen und Positionen in der IAA und konzentrierten daher ihre gesamte Gegenstrategie auf eine Kampagne gegen seine Person &ndash; eine grobe Fehleinsch&auml;tzung, die nicht dadurch richtiger wird, dass sie bis heute in der Literatur st&auml;ndig wiederholt wird. Bakunin wohnte schon seit Ende 1869 jenseits der Alpen, in Locarno, und hatte kaum noch Einfluss auf die Diskussionen in Genf und im Schweizer Jura, einer Hochburg des Anarchismus. Schon die Aufl&ouml;sung der Allianz war gegen Bakunins ausdr&uuml;cklichen Willen vollzogen worden, und das Programm der Propagandasektion fand er &raquo;ziemlich schlecht&laquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref40_15epuf0" title="Anfang Oktober in einem Brief, zit. nach Guillaume (1985) II, 218." href="#footnote40_15epuf0">40</a>. Marx und Engels hatten es keineswegs nur mit Bakunin zu tun, wie sie glaubten, sondern mit einer ganzen Reihe von F&uuml;hrungspers&ouml;nlichkeiten, die v&ouml;llig eigenst&auml;ndige Positionen vertraten, wie das Beispiel von Andr&eacute; L&eacute;o zeigt. Auch wenn es Marx und Engels tats&auml;chlich gelungen w&auml;re, Bakunin zu diskreditieren, h&auml;tte das an dieser Tatsache &uuml;berhaupt nichts ge&auml;ndert. Ganz entgegen der dahinterstehenden Absicht l&ouml;sten sie durch ihr Vorgehen faktisch sogar eine erneute Welle der Solidarit&auml;t mit Bakunin aus.</p> <p> &nbsp;</p> <p> <em>zuerst ver&ouml;ffentlich auf: <a href="http://www.antjeschrupp.de/fruehe-anarchistinnen">http://www.antjeschrupp.de/fruehe-anarchistinnen</a></em></p> <ul class="footnotes"><li class="footnote" id="footnote1_irk3hq5"><a class="footnote-label" href="#footnoteref1_irk3hq5">1.</a> Masters,Anthony (1974) Bakunin. The Father of Anarchism. Sidgwick and Jackson: Lonson, S. 172.</li> <li class="footnote" id="footnote2_cip0yzf"><a class="footnote-label" href="#footnoteref2_cip0yzf">2.</a> Vgl. dazu ausf&uuml;hrlicher: Antje Schrupp (1999) Nicht Marxistin und auch nicht Anarchistin, Frauen in der Ersten Internationale &ndash; Virginie Barbet, Elisabeth Dmitrieff, Andr&eacute; L&eacute;o und Victoria Woodhull, K&ouml;nigstein.</li> <li class="footnote" id="footnote3_n0jd02p"><a class="footnote-label" href="#footnoteref3_n0jd02p">3.</a> Zit. nach: Jacques Freymond, Hrsg. (1964) Etudes et Documents sur la Premi&egrave;re Internationale en Suisse. Droz: Gen&egrave;ve, S.160.</li> <li class="footnote" id="footnote4_nhi2gen"><a class="footnote-label" href="#footnoteref4_nhi2gen">4.</a> Zun&auml;chst von Max Nettlau aus dem sp&auml;ter verloren gegangenen Original, und sp&auml;ter von Bert Andr&eacute;as und Mik&oacute;s Molnar, den Herausgebern der Protokolle, aus Nettlaus handschriftlichem Manuskript.</li> <li class="footnote" id="footnote5_zw7qahx"><a class="footnote-label" href="#footnoteref5_zw7qahx">5.</a> Guillaume, James (1985) L&#39;Internationale, Bd. I, G&eacute;rard Lebovici: Paris, S. 281.</li> <li class="footnote" id="footnote6_q94swd4"><a class="footnote-label" href="#footnoteref6_q94swd4">6.</a> Vgl. Testut, Oscar (1872) Die Internationale, Leipzig, S. 32ff, 107, ders. (1872) L&#39;Internationale et le Jacobinisms, Paris, Bd. 2, S. 383, Freymond a.a.O., S. 249, Guillaume a.a.O., S. 244, Moissonnier, Maurice (1972) La Premi&egrave;re Internationale et la Commune &agrave; Lyon, Paris, S. 95, 112, 151 u.a., Lehning, Arthur (1977) Bakunin-Archiv VI, Leiden, S. XXXIX, 140, Maritch, Sreten (1939) Histoire du mouvement social sous le Second Empire &agrave; Lyon, Paris, S. 255, Rougerie, Jacques (1961) &raquo;La premi&egrave;re Internationale &agrave; Lyon&laquo; in: Annali dell&#39;Istituto Giangiacomo Feltrinelli, S. 142.</li> <li class="footnote" id="footnote7_2crlzyr"><a class="footnote-label" href="#footnoteref7_2crlzyr">7.</a> Evtl. auch einen Weinhandel, vgl. Rougerie, a.a.O., nach Guillaume, a.a.O. in der Rue Moncey 123 am linken Rhoneufer, vgl. auch Moissonnier, a.a.O., S. 242, Auzias, Claure und Houel, Annik (1982) La gr&egrave;ve des ovalistes, Paris, S. 158.</li> <li class="footnote" id="footnote8_67c98ge"><a class="footnote-label" href="#footnoteref8_67c98ge">8.</a> Barbet, Virginie (1868) Rede vor der Friedens- und Freiheitsliga in: Rahm, Berta (1993) Marie Goegg, Schaffhausen, S. 101-103, dies. (1869) D&eacute;isme et Ath&eacute;isme. Profession de foi d&#39;une Libre-penseuse, Lyon, dies.: Berichte vom Lyoner Ovalistinnen-Streik in: Egalit&eacute; vom 3.7. und 17.7. 1869,dies. (1870) &raquo;Manifeste des femmes lyonnaises adh&eacute;rentes &agrave; l&#39;Internationale&laquo;, in: Testut (1972) a.a.O., S. 277-279, dies.: &raquo;Pourquoi je suis collectiiste&laquo; in Solidarit&eacute; vom 18.6.1870, dies. (1871) R&eacute;ponse d&#39;un membre de l&#39;Internationale &agrave; Mazzini, Lyon, dies. (1881) Religions et libre-pens&eacute;e, Gen&egrave;ve.</li> <li class="footnote" id="footnote9_n75ui8g"><a class="footnote-label" href="#footnoteref9_n75ui8g">9.</a> Zit. nach Rahm, a.a.O., S. 101.</li> <li class="footnote" id="footnote10_j264qbf"><a class="footnote-label" href="#footnoteref10_j264qbf">10.</a> In: Solidarit&eacute; vom 18.6.1870.</li> <li class="footnote" id="footnote11_2nj4ki8"><a class="footnote-label" href="#footnoteref11_2nj4ki8">11.</a> Das Allianz-Programm ist dokumentiert in Freymond, a.a.O., S. 233 ff., zum abweichenden Text vgl. ebd. 210.</li> <li class="footnote" id="footnote12_the4njd"><a class="footnote-label" href="#footnoteref12_the4njd">12.</a> Vgl. Auzias/Houel, a.a.O., S. 156, Maritch, a.a.O., S. 255.</li> <li class="footnote" id="footnote13_gqejf7i"><a class="footnote-label" href="#footnoteref13_gqejf7i">13.</a> Vgl. Faucon, Marcel (1967) &raquo;Albert Richard, militant socialiste&laquo; in: Revue Socialiste Nr. 208, S. 545, Auzias/Houel, a.a.O., S.. 156.</li> <li class="footnote" id="footnote14_04igs5g"><a class="footnote-label" href="#footnoteref14_04igs5g">14.</a> Vgl. v.a. Richard, Albert (1896) &raquo;Les Propagateurs de l&#39;Internationale&laquo; in: Revue Socialiste, Juni, S. 641-667, ders. (1896) &raquo;Bakunin et L&#39;Internationale &agrave; Lyon&laquo;, in: Revue de Paris, September, S. 119-160, ders. (1897) Les d&eacute;buts du parti socialiste francais&laquo;, in: Revue politique et parlementaire, Januar, S. 65-95.</li> <li class="footnote" id="footnote15_mtpkhpo"><a class="footnote-label" href="#footnoteref15_mtpkhpo">15.</a> Vgl. Schrupp (1999), a.a.O., S. 12f.</li> <li class="footnote" id="footnote16_8m9s834"><a class="footnote-label" href="#footnoteref16_8m9s834">16.</a> Guillaume, a.a.O., Bd. II, S. 68.</li> <li class="footnote" id="footnote17_83q41uh"><a class="footnote-label" href="#footnoteref17_83q41uh">17.</a> Zit. nach Vuilleumier (1972), a.a.O. S. 301, vgl. auch Dutacq, Francois (1931)&laquo; Les gr&egrave;ves lyonnaises de la fin du Second Empire&laquo; in R&eacute;volution de 1848, Nr. 28, S. 221. Auch Paul Robin und Eug&eacute;ne Varlin hatten ein distanziertes Verh&auml;ltnis zu Richard.</li> <li class="footnote" id="footnote18_abzb1a5"><a class="footnote-label" href="#footnoteref18_abzb1a5">18.</a> Vgl. Dutacq, a.a.O., S. 222, auch Egalit&eacute; vom 15.2.1872, Archer, Julian (1971) &raquo;La Commune de Lyon&laquo; in: Mouvement Social, Nr. 77, S. 43, Langhard, J. (1903) Die anarchistische Bewegung in der Schweiz, Berlin, S. 34, Jaeckh, Gustav (1904) Die Internationale, Leipzig, S. 166.</li> <li class="footnote" id="footnote19_qeeh9k0"><a class="footnote-label" href="#footnoteref19_qeeh9k0">19.</a> Egalit&eacute; vom 12.6.1869.</li> <li class="footnote" id="footnote20_wy0rob9"><a class="footnote-label" href="#footnoteref20_wy0rob9">20.</a> Vgl. Egalit&eacute; vom 26.6.1869.</li> <li class="footnote" id="footnote21_oj4fch2"><a class="footnote-label" href="#footnoteref21_oj4fch2">21.</a> Zur Bedeutung des &raquo;Lumpenproletariats&laquo; f&uuml;r den Bakuninschen Anarchismus vgl. Woodcock (1962) S. 23f, Dressen (1994) S. 192ff, Bookchin (1977) S. 28f u.a. Zur marxistischen Gegenposition u.a. Die I. Internationale in Deutschland, S. 446ff, Stekloff (1928) S. 162ff.</li> <li class="footnote" id="footnote22_9fq7bqt"><a class="footnote-label" href="#footnoteref22_9fq7bqt">22.</a> Barbet (1870), a.a.O., in Ausz&uuml;gen auch dokumentiert bei Maritch, a.a.O., S. 255f.</li> <li class="footnote" id="footnote23_25igre1"><a class="footnote-label" href="#footnoteref23_25igre1">23.</a> Barbet (1870), a.a.O., S. 278f.</li> <li class="footnote" id="footnote24_io725ws"><a class="footnote-label" href="#footnoteref24_io725ws">24.</a> In: Solidarit&eacute; vom 16.4.1870.</li> <li class="footnote" id="footnote25_6ho3iq3"><a class="footnote-label" href="#footnoteref25_6ho3iq3">25.</a> Der Name ist ein Pseudonym, aus den Vornamen ihrer Zwillingss&ouml;hne zusammengesetzt, das aber Victorine-L&eacute;odile B&eacute;ra, verheiratete Champseix, seit Anfang der sechziger Jahre ausschlie&szlig;lich benutzte.</li> <li class="footnote" id="footnote26_hk5jbf9"><a class="footnote-label" href="#footnoteref26_hk5jbf9">26.</a> Reprint 1990, Tusson (Charente). Vgl. auch: Andr&eacute; L&eacute;o (1865) Observations d&#39;une m&egrave;re de famille, Paris und die Quellensammlung &raquo;Andr&eacute; L&eacute;o, une journaliste de la Commune&laquo; in: Le L&eacute;rot r&ecirc;veur, Nr. 44, M&auml;rz 1987.</li> <li class="footnote" id="footnote27_szmfajr"><a class="footnote-label" href="#footnoteref27_szmfajr">27.</a> Dazu kommen auch Kontakte durch pers&ouml;nliche Beziehungen, da etwa No&eacute;mie Reclus, die Cousine und Schw&auml;gerin von Elis&eacute;e Reclus, Mitglied der Soci&eacute;t&eacute; war.</li> <li class="footnote" id="footnote28_ahhn6lw"><a class="footnote-label" href="#footnoteref28_ahhn6lw">28.</a> Vgl. Lamber, Juliette (1858) Id&eacute;es antiproudhoniennes sur l&#39;amour, les femmes et le marriage, Paris, und D&#39;H&eacute;ricourt, Jenny (1860) La femme affranchie, Br&uuml;ssel. Beide B&uuml;cher wurden in den sechziger Jahren in Frankreich breit diskutiert.</li> <li class="footnote" id="footnote29_ld05u7g"><a class="footnote-label" href="#footnoteref29_ld05u7g">29.</a> Es handelt sich um w&ouml;chentliche Treffen im Ballsaal Vauxhall: &raquo;42 Proc&egrave;s-verbaux de Commissaires de police de r&eacute;unions publiques entre juillet et novembre 1868&laquo;, Archives Nationales, Paris, Fonds Rouher &ndash; 45 AP 6.Vgl. auch Dalotel, Alain; Faure, Alain; Freiermuth, Jean-Claude (1980) Axs origines de la Commune. Le mouvement des r&eacute;unions publiques &agrave; Paris 1864-1871, Paris.</li> <li class="footnote" id="footnote30_y07fwij"><a class="footnote-label" href="#footnoteref30_y07fwij">30.</a> Abgedruckt in Minck, Paule (1982) Les mouches et les araign&eacute;es, Le travail des femmes, et autres textes, hrsg. von Alain Dalotel, Paris.</li> <li class="footnote" id="footnote31_dnbanmx"><a class="footnote-label" href="#footnoteref31_dnbanmx">31.</a> Zit. nach Stekloff, Jurij M. (1928) History of the First International, London.</li> <li class="footnote" id="footnote32_45o1umd"><a class="footnote-label" href="#footnoteref32_45o1umd">32.</a> Reclus&#39; Brief, der von drei weiteren Verteidigern L&eacute;os unterzeichnet ist, wurde, ebenso wie eine Erwiderung von L&eacute;o selbst, aus &raquo;Raummangel&laquo; nicht ver&ouml;ffentlicht, vl. Bakunin, Michael (1978) Gesammelte Werke, Bd. II, hrsg. von Max Nettlau, Vaduz/Liechtenstein, S. 44.</li> <li class="footnote" id="footnote33_z2qwydu"><a class="footnote-label" href="#footnoteref33_z2qwydu">33.</a> Vgl. Nettlau, Max (1928) Elis&eacute;e Reclus, Anarchist und Gelehrter, Berlin, S. 127.</li> <li class="footnote" id="footnote34_s8p5770"><a class="footnote-label" href="#footnoteref34_s8p5770">34.</a> Jeglichen Rest von Reputation hatte Nechajev verloren, nachdem durch einen Prozess in Russland seine betr&uuml;gerische und skrupellose Vorgehensweise auch gegen Gleichgesinnte bekannt geworden war, vgl. Pomper (1979) 147. Richard war schon l&auml;nger der Zusammenarbeit mit der napoleonischen Polizei verd&auml;chtigt worden und inzwischen ganz offen Bonapartist geworden.</li> <li class="footnote" id="footnote35_y9n52b7"><a class="footnote-label" href="#footnoteref35_y9n52b7">35.</a> L&eacute;o (1987) a.a.O., S. 34, vgl. auch Thomas, Edith (1963) Les P&eacute;troleuses, Paris, S. 146.</li> <li class="footnote" id="footnote36_q9258u6"><a class="footnote-label" href="#footnoteref36_q9258u6">36.</a> Die Rede ist abgedruckt in L&eacute;o (1987), a.a.O., S. 51ff.</li> <li class="footnote" id="footnote37_nbk2cr4"><a class="footnote-label" href="#footnoteref37_nbk2cr4">37.</a> Vgl. Guillaume (1985) II, 219.</li> <li class="footnote" id="footnote38_2jxp17e"><a class="footnote-label" href="#footnoteref38_2jxp17e">38.</a> Zit. nach Guillaume (1985) II, S. 221.</li> <li class="footnote" id="footnote39_4y2sgsw"><a class="footnote-label" href="#footnoteref39_4y2sgsw">39.</a> Marx/Engels (1971a) Bd. 18, S. 21f.</li> <li class="footnote" id="footnote40_15epuf0"><a class="footnote-label" href="#footnoteref40_15epuf0">40.</a> Anfang Oktober in einem Brief, zit. nach Guillaume (1985) II, 218.</li> </ul> <div class="flattr-box"><script type="text/javascript"> var flattr_uid = 'systempunkte'; var flattr_tle = 'Der Einfluss von Frauen auf den frühen Anarchismus'; var flattr_dsc = '&lt;p&gt; Das Interesse feministischer Forscherinnen an der Geschichte des Anarchismus hat sich bislang auf wenige herausragende Figuren wie Louise Michel, Emma Goldmann oder Clara Wichmann konzentriert. Vom Einfluss von Frauen auf die Anf&amp;auml;nge des Anarchismus, in den sechziger und siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts, ist wenig bekannt. Das liegt wohl zum gro&amp;szlig;en Teil daran, dass die &amp;raquo;Ahnenreihe&amp;laquo; des Anarchismus h&amp;auml;ufig mit dem franz&amp;ouml;sischen Sozialphilosophen Pierre-Joseph Proudhon begonnen wird, einem &amp;uuml;berzeugten Antifeministen, was nat&amp;uuml;rlich den Schluss auf feministische Gr&amp;uuml;ndungsimpulse zu widerlegen scheint. Wenn man die Anf&amp;auml;nge des Anarchismus bei Proudhon sucht &amp;ndash; und fast jede allgemeine Darstellung der Geschichte des Anarchismus tut das &amp;ndash; dann l&amp;auml;sst sich kaum vermuten, dass Frauen mit diesen Anf&amp;auml;ngen etwas zu tun gehabt haben k&amp;ouml;nnten.&lt;/p&gt;'; var flattr_tag = 'Geschichte,Gender,Bewegung'; var flattr_cat = 'text'; var flattr_url = 'http://www.systempunkte.org/article/der-einfluss-von-frauen-auf-den-fruehen-anarchismus'; var flattr_lng = 'de_DE'</script> <script src="http://api.flattr.com/button/load.js" type="text/javascript"></script> </div> http://www.systempunkte.org/article/der-einfluss-von-frauen-auf-den-fruehen-anarchismus#comments Geschichte Gender Bewegung Fri, 08 Mar 2013 17:57:56 +0000 Tuli 195 at http://www.systempunkte.org Max Stirner - Ein biographischer Abriss http://www.systempunkte.org/article/max-stirner-ein-biographischer-abriss <h1> Stirner, Max</h1> <p> <em>Eigentl.: Johann Caspar Schmidt, * 25.10.1806 Bayreuth, &dagger; 25.06.1856 Berlin; Grabst&auml;tte: ebd., Sophienst&auml;dtischer Friedhof (Ehrengrab der Stadt Berlin). &ndash; Journalist, Lehrer u. Philosoph</em></p> <p> Am 25. Oktober 1806 wurde Max Stirner als einziges Kind der lutheranischen Familie Schmidt in Bayreuth geboren und kurz darauf auf den Namen Johann Caspar getauft. Seine Kindheit verlebte er in Kulm. Ab 1818 besuchte er das Gymnasium &bdquo;K&ouml;niglich Bayerische Studienanstalt&ldquo; in Bayreuth, das er 1826 mit der Note Sehr Gut als Drittbester seines Jahrgangs verlie&szlig;.</p> <p> Noch in demselben Jahr nahm Johann Caspar Schmidt sein Studium der Philosophie, Theologie und Philologie an der Friedrich-Wilhelms-Universit&auml;t zu Berlin auf. U.a. h&ouml;rte er Vorlesungen von Friedrich Daniel Schleiermacher und G. W. F. Hegel. Sein Studium unterbrach er f&uuml;r einen jeweils einsemestrigen Aufenthalt in Erlangen (1828/29) und K&ouml;nigsberg (1829/30) sowie f&uuml;r eine Deutschlandreise, &uuml;ber die nichts bekannt ist. Im Jahr 1834 reichte er seine Abschlussarbeit &bdquo;&Uuml;ber Schulgesetze&ldquo; ein, in der er sich unter dem Einfluss hegelianischer Philosophie mit dem Begriff des Schulgesetzes als eines Gesetzes f&uuml;r die Sch&uuml;ler auseinandersetzte.</p> <p> In den folgenden Jahren versuchte er als Lehrer Fu&szlig; zu fassen, fand allerdings erst 1839 als Lehrer an einer Schule f&uuml;r h&ouml;here M&auml;dchenbildung in Berlin eine feste Anstellung.</p> <p> Ab 1840/41 verkehrte er im Kreis der &bdquo;Freien&ldquo; der Berliner Junghegelianer. Der lose Zirkel oppositionell-gesinnter Akademiker um die beiden Bauer-Br&uuml;der Bruno und Edgar traf sich meistens in der Hippelschen Weinstube, dem Caf&eacute; Stehley mit seinem roten Zimmer oder der Zeitungshalle von Gustav Julius. Zu diesem Kreis geh&ouml;rten neben den Bauer-Br&uuml;dern und Johann Caspar Schmidt zeitweise auch Friedrich Engels, Szeliga (= Franz Zychlin von Zychlinski), Friedrich K&ouml;ppen und Ludwig Buhl. Auch seine zweite Frau, Marie (Wilhelmine) D&auml;hnhardt, lernte er in diesem Umfeld kennen. Sp&auml;ter widmete er ihr sein Hauptwerk &bdquo;Der Einzige und sein Eigentum&ldquo;. Seine erste Frau war1838 im Kindbett gestorben.</p> <p> Ab 1841 publizierte er in diversen Bl&auml;ttern der demokratischen und oppositionellen Bewegung &ndash; so in der sp&auml;ter von Karl Marx redigierten &bdquo;Rheinischen Zeitung&ldquo;, der &bdquo;Voss&rsquo;schen Zeitung&ldquo;, dem &bdquo;Telegraph f&uuml;r Deutschland&ldquo;&nbsp; und der &bdquo;Leipziger Allgemeinen Zeitung&ldquo; unter dem Pseudonym Max Stirner. Dieses Pseudonym geht auf seinen Spitznamen zur&uuml;ck, den er schon zu Schulzeiten wegen seiner auff&auml;llig hohen Stirn erhalten hatte. Seine Beitr&auml;ge behandelten Fragen der Erziehung, der Kultur und des tagespolitischen Geschehens. Unter anderem rezensierte er Bruno Bauers anonym ver&ouml;ffentlichte Schrift &bdquo;Die Posaune des j&uuml;ngsten Gerichts&ldquo;. Anonym ver&ouml;ffentlichte er selbst die Brosch&uuml;re &bdquo;Gegenwort eines Mitgliedes der Berliner Gemeinde wider die Schrift der siebenundfunfzig Berliner Geistlichen: Die christliche Sonntagsfeier, ein Wort an unsere Gemeinen&ldquo; im Verlag Robert Binder. In diesem Text, der deutlich seine Pr&auml;gung durch Feuerbach widerspiegelt, stellt er die Unvereinbarkeit von Glauben und rationalem Handeln anhand der beklagten &bdquo;Entweihung der kirchlichen Feiertage&ldquo; dar, die in der Schrift der Geistlichen &uuml;ber die christliche Sonntagsfeier thematisiert wurden. Aus Stirners journalistischen Texten sticht vor allem der dreiteilige Beitrag &bdquo;&Uuml;ber das unwahre Prinzip unserer Erziehung. Oder Humanismus und Realismus&ldquo; (1842) hervor. In diesem Essay nimmt er bereits viele Gedanken der sp&auml;teren Antip&auml;dagogik vorweg. Indem er sich von den beiden seinerzeit diskutierten Erziehungsans&auml;tzen des Realismus und des Humanismus abgrenzt, pl&auml;diert Stirner f&uuml;r eine Erziehung, welche die Entwicklung der Individualit&auml;t unterst&uuml;tzt, die in die St&auml;rkung des eigenen Willens und der Pers&ouml;nlichkeit des Lernenden m&uuml;ndet und sich somit dialektisch aufl&ouml;st. Dieser Aufsatz pr&auml;gte u.a. zeitweilig sehr stark Rudolf Steiner und seine Auffassung von der Autonomie des Kindes &ndash; er&nbsp; bezeichnete den Aufsatz als den bedeutendsten, den die Erziehungswissenschaft bis dato herausgebracht hatte. H&auml;ufig zitiert wird auch Stirners Beitrag &bdquo;Einiges Vorl&auml;ufige &uuml;ber den Liebesstaat&ldquo; in der &bdquo;Berliner Monatsschrift&ldquo;. In diesem Essay diskutiert er zeitgen&ouml;ssische Liberalismustendenzen anhand des 1808 ver&ouml;ffentlichten Sendeschreiben von Freiherr von Stein. Er entwirft bereits Ans&auml;tze f&uuml;r seine Kritikpunkte am politischen Liberalismus, die er sp&auml;ter im &bdquo;Einzigen&ldquo; ausformuliert. Seine Kritik bezieht sich dabei auf die von Stein genutzten Begriffe von &bdquo;Freiheit&ldquo; und &bdquo;Gleichheit&ldquo;, deren konkrete, auf den Kontext bezogene Konnotation Stirner als Herrschaftsstrukturen verwirft, und die darin zum Ausdruck kommende Willenlosigkeit. F&uuml;r ihn stellen sie sich als &bdquo;Untertanengleichheit und moralische Freiheit&ldquo; dar, die durch das Fehlen eines Willens gekennzeichnet sind. Die Bedeutung des Willens betont er zur gleichen Zeit auch in seinem Text &bdquo;&Uuml;ber das unwahre Prinzip unserer Erziehung&ldquo; wieder.</p> <p> Die Stirnerrezeption konzentriert sich weitgehend auf sein Hauptwerk &bdquo;Der Einzige und sein Eigentum&ldquo;, das im Oktober 1844 &ndash; vordatiert auf 1845 &ndash; im Verlag von Otto Wigand in Leipzig erschien. Kurz danach wurde das Werk in mehreren deutschen Staaten als ein Angriff auf Staat und Religion verboten. In Sachsen allerdings wurde das Verbot am 2. November desselben Jahres mit der folgenden Begr&uuml;ndung wieder aufgehoben: &bdquo;Nachteilige Wirkung auf die Leser sei vom &bdquo;Einzigen&ldquo; nicht zu erwarten. Er demonstriere die beklagenswerten Resultate der Philosophie und werde beim Publikum Abscheu hervorrufen&ldquo; (zitiert nach: Helms 1966, S. 603). Schon kurz vor der Ver&ouml;ffentlichung hatte Stirner seine T&auml;tigkeit als Lehrer aufgegeben &ndash; mutma&szlig;lich, um einer m&ouml;glichen Entlassung vorzubeugen.</p> <p> Die Schrift &bdquo;Der Einzige und sein Eigentum&ldquo; gliedert sich in zwei Teile &ndash; &bdquo;Der Mensch&ldquo; und &bdquo;Ich&ldquo;. Im ersten Teil begreift Stirner die Menschheitsentwicklung in Abgrenzung von Hegel nicht als eine in Richtung Freiheit strebende Bewegung, sondern als ein blo&szlig;es Aufeinanderfolgen von Herrschaftsstrukturen, die das Individuum und seine Eigenheit einschr&auml;nken. In diesem Zusammenhang kritisiert er auch seine junghegelianischen Mitstreiter sowie deren &bdquo;&Uuml;bervater&ldquo; Hegel. Im zweiten Teil des Buches pr&auml;sentiert Stirner sein Ideal vom Einzigen, einer selbstbewussten, souver&auml;nen, verg&auml;nglichen Form des Ich. Das Konzept der Eigenheit koppelt er an den &bdquo;Egoismus&ldquo;, in dem er das Grundprinzip menschlichen Handelns erkennt. Stirners Interpretation des Begriffs Egoismus l&auml;sst sich dabei nicht auf den heute umgangssprachlich-negativ besetzten Gebrauch des Wortes zur Charakterisierung a-sozialen Verhaltens reduzieren, sondern tr&auml;gt starke Z&uuml;ge des zeitgem&auml;&szlig; synonym verwendeten Begriffs des Individualismus. Als Egoismus definiert Stirner das Selbstbewusstsein des Ichs bez&uuml;glich der eigenen Interessen und Bestrebungen. Dieses Selbstbewusstsein stellt f&uuml;r ihn auch die Grundlage einer k&uuml;nftigen M&ouml;glichkeit des gesellschaftlichen Verkehrens dar &ndash; die er in einem &bdquo;Verein von Egoisten&ldquo; sieht, d.h. einem freien Zusammenschluss von bewussten Individuen. Diesen Verein zeichnet sein fluider Charakter aus: Seine Mitglieder vereinen und trennen sich kontinuierlich.<br /> Im Mittelpunkt von Stirners Philosophie stehen dabei sowohl die Reflexion &uuml;berindividueller Strukturen, die zu einer Einschr&auml;nkung und Entfremdung der eigenen Individualit&auml;t f&uuml;hren (Staat, Moral, Religion, Ideologie) als auch der Prozess der &Uuml;berwindung dieser &bdquo;fixen Ideen&ldquo;. In der Losl&ouml;sung davon, d.h. in einer konsequenten Ideologiekritik, vollzieht sich f&uuml;r ihn der Prozess der Eigner-Werdung, d.h. der Sich-Bewusstwerdung und Selbstbefreiung des Individuums.</p> <p> Stirners im &bdquo;Einzigen&ldquo; ge&auml;u&szlig;erten &Uuml;berlegungen ernteten viel Kritik und wurden h&auml;ufig&nbsp; missgedeutet. Auf die Rezensionen von Szeliga (Franz Zychlin von Zychlinski), Moses He&szlig; und Ludwig Feuerbach, die unmittelbar nach Erscheinen seines Werkes 1845 publiziert wurden, antwortete Stirner ausf&uuml;hrlich in &bdquo;Wigands Vierteljahreschrift&ldquo;. Indem er wichtige Positionen seiner Philosophie pr&auml;zisiert, entkr&auml;ftet er die Argumente seiner Kritiker. Eine weitere, ihm von seinem Biographen John Henry Mackay zugeschriebene Antwort wurde 1847 unter dem Pseudonym G. Edward&nbsp; mit dem Titel Titel &bdquo;Philosophische Reaktion&auml;re&ldquo; in der von Otto Wiegand herausgegebenen Zeitschrift &bdquo;Epigonen&ldquo; publiziert. Die Zuordnung ist allerdings umstritten. Die wichtigste und umfangreichste Auseinandersetzung jener Zeit findet sich im Kapitel &bdquo;Sankt Max&ldquo; der von Karl Marx und Friedrich Engels 1845/46 verfassten &bdquo;Deutschen Ideologie&ldquo;, die erst posthum nach Marx&rsquo; Tod im Jahre 1932 ver&ouml;ffentlicht wurde. Darin&nbsp; polemisierten Marx und Engels gegen Stirner und rechneten sowohl mit ihm als auch den anderen Vertretern des preu&szlig;ischen Junghegelianismus ab, um in der Auseinandersetzung hiermit das eigene Konzept des historischen Materialismus zu entwickeln.</p> <p> Nach der Publikation des &bdquo;Einzigen&ldquo; versuchte Stirner vergeblich, als Publizist und Journalist weiter arbeiten zu k&ouml;nnen. In den Jahren 1845/46 fungierte Stirner bei den ersten acht der auf zehn B&auml;nde ausgelegten Reihe &bdquo;Die National-&Ouml;konomen der Franzosen und Engl&auml;nder&ldquo; als &Uuml;bersetzer und Herausgeber. Bei den ersten vier B&auml;nden handelt es sich um Jean Baptiste Says &bdquo;Ausf&uuml;hrliches Lehrbuch der praktischen politischen Oekonomie&ldquo;; die B&auml;nde f&uuml;nf bis acht sind eine &Uuml;bersetzung von Adam Smiths &bdquo;Untersuchungen &uuml;ber das Wesen und die Ursachen des Nationalreichtums&ldquo;. Weiterhin erschien in der Reihe eine &Uuml;bersetzung von Pierre Joseph Proudhons &bdquo;Die Widerspr&uuml;che der National-Oekonomie oder die Philosophie der Not&ldquo; von William Jordan, an deren Herausgabe Stirner nicht beteiligt war. Ein zwischenzeitlicher Versuch, in Berlin eine Milchwirtschaft aufzubauen, scheiterte im Jahr 1845. Ab 1848 ver&ouml;ffentlichte Stirner Beitr&auml;ge in der Zeitschrift &bdquo;Journal des &ouml;sterreichischen Lloyd&ldquo;. Die von seinem Biographen John Henry Mackay als Beitr&auml;ge Stirners identifizierten Artikel hinterlassen jedoch arge begr&uuml;ndete Zweifel an seiner Urheberschaft (vgl. Kast 1979, S. 441f.). Einwandfrei l&auml;sst sich ihm lediglich der Artikel &bdquo;Die Deutschen im Osten&ldquo; zuordnen.</p> <p> Seine publizistische T&auml;tigkeit setzte er 1852 auch als wissenschaftlicher Autor f&uuml;r die Allgemeine Deutsche&nbsp; Verlags-Anstalt fort. Dort&nbsp; verfasste er die zweib&auml;ndige &bdquo;Geschichte der Reaktion&ldquo; (&bdquo;Die Constituante und die Reaction&ldquo;; &bdquo;Das erste Reactionsjahr&ldquo;), eine Dokumentation, die auf Exzerpten deutscher, englischer und franz&ouml;sischer Werke beruhte. Weshalb die urspr&uuml;nglich auf vier B&auml;nde angelegte Reihe nach 2 B&auml;nden nicht mehr fortgesetzt wurde, ist unbekannt (vgl. Kast 1979, S. 448ff.). Der erste dieser B&auml;nde besch&auml;ftigt sich mit der Geschichte Frankreichs unter dem Aspekt des Kampfes um die politische Macht vor und in den Nachwehen der franz&ouml;sischen Revolution. Zitiert werden u.a. August Comte und August Wilhelm Rehberg. Obgleich dieser Band haupts&auml;chlich die Ereignisse wiedergeben sollte, griff Stirner wiederholt kommentierend ein, ohne jedoch die Sch&auml;rfe seiner fr&uuml;heren Schriften zu erlangen. Der zweite Band dokumentiert die Reaktion in Deutschland im Jahre 1848. Anscheinend sollte der Band Stirner als Materialdarstellung dienen, auf die er im folgenden Band aufbauen wollte. Zwar greift er hier weniger umfangreich auf andere Autoren zur&uuml;ck, h&auml;lt sich aber auch mit seinen eigenen Ansichten weitgehend zur&uuml;ck.</p> <p> Stirner starb verarmt nach kurzer Krankheit&nbsp; am 25. Juni 1856&nbsp; und wurde drei Tage sp&auml;ter in einem Armengrab auf dem Friedhof der Sophiengemeinde in Berlin begraben. Seit 1994 wird seine Ruhest&auml;tte als Ehrengrab der Stadt Berlin gew&uuml;rdigt.</p> <p> Eine erste Renaissance erlebte Stirners Werk um die Jahrhundertwende des 19. zum 20. Jahrhundert im Zuge der breitgef&auml;cherten Rezeption der Philosophie Friedrich Nietzsches, als dessen Vorl&auml;ufer er h&auml;ufig thematisiert wird. Ihre zweite Renaissance erlebte die Stirnerrezeption nach der Publikation von Hans G. Helms&lsquo; Polemik &bdquo;Die Ideologie der anonymen Gesellschaft&ldquo; im Jahre 1966. Zu dieser Zeit wurden anarchistische Ideen allgemein im Rahmen der Entstehung neuer sozialer Bewegungen wiederentdeckt.&nbsp; Abgesehen von diesen intensiven Phasen der Auseinandersetzung mit Stirners Werk gab es eine breite, wenn auch h&auml;ufig nur unterschwellige Rezeption seines Werkes in der Philosophie, in der Literatur und Kunst. Diese reicht von Autoren unterschiedlichster Couleur wie z.B. Carl Schmitt und Ernst J&uuml;nger auf der rechts-konservativen Seite &uuml;ber Friedrich Nietzsche und Andr&eacute; Gide bis hin zu linksgerichteten Autoren wie B. Traven, Bertolt Brecht, Theodor W. Adorno und Michel Foucault.</p> <p> Seit 2002 existiert die Max Stirner Gesellschaft, die sich der Forschung zu Leben und Werk des Philosophen widmet. Seit 2008 publiziert sie ein Jahrbuch mit Beitr&auml;gen &uuml;ber das Leben, das Werk und die Rezeption Stirners.</p> <p> &nbsp;</p> <h2> Literaturhinweise</h2> <h3> Ausgaben seiner Schriften (Auswahl):</h3> <p> Max Stirner&rsquo;s Kleinere Schriften und seine Entgegnungen auf die Kritik seines Werkes: &bdquo;Der Einzige und seine Eigentum&ldquo; 1842-1848, herausgegeben von John Henry Mackay, Verlag von Schuster und Loeffler Berlin 1898.</p> <p> Der Einzige und sein Eigentum. Mit einem Nachwort herausgegeben von Ahlrich Meyer, Philipp Reclam Verlag jun. Stuttgart 1972ff..</p> <p> Parerga. Kritiken. Repliken, herausgegeben von Bernd A. Laska, LSR-Verlag N&uuml;rnberg 1986.</p> <p> Der Einzige und sein Eigentum und Rezensenten Stirners, hrsg.von Bernd Kast. Alber Verlag Freiburg 2009.</p> <p> Recensenten Stirners. Kritik und Anti-Kritik. Mit einer Einleitung von Bernd Kast, herausgegeben von Kurt W. Fleming, Verlag Max-Stirner-Archiv-Leipzig 2003.</p> <h3> Zur Biographie</h3> <p> Laska, Bernd A.: Stirner, Max, in: Hans-J&uuml;rgen Degen: Lexikon der Anarchie, Verlag Schwarzer Nachtschatten, B&ouml;sdorf 1993ff.</p> <p> Mackay, John Henry: Max Stirner.&nbsp; Sein Leben und sein Werk. Mit vier Abbildungen, zahlreichen Facsimilen und einem Anhang. Reprint der dritte[n], v&ouml;llig durchgearbeitete[n] und vermehrten[n], mit einem Namen- und Sach-Register versehene[n] Auflage, Freiburg (Breisgau) 1977 (erg&auml;nzter Nachdruck der Ausgabe Berlin&nbsp; &sup3;1914).</p> <p> Ruest, Anselm: Max Stirner. Leben &ndash; Weltanschauung &ndash; Verm&auml;chtnis, Berlin / Leipzig 1906.</p> <h3> Zur Bibliographie:</h3> <p> Bernd Kast hat die umfangreichste Bibliographie zu Schriften Stirners und der Sekund&auml;rliteratur erstellt. Sie kann kostenlos auf der Website der Max Stirner-Gesellschaft eingesehen werden &ndash; <a href="http://www.msges.de">www.msges.de</a>.</p> <h3> Monographien</h3> <p> Engert, Rolf: Wohlauf Ich! Eine Hinf&uuml;hrung zu Stirner und seinem Werk &bdquo;Der Einzige und sein Eigentum&ldquo;, Verlag des Max Stirner-Archivs Leipzig 1999 [Nachdruck der Ausgabe von 1947].</p> <p> Helms, Hans G.: Die Ideologie der anonymen Gesellschaft. Max Stirners &sbquo;Einziger&lsquo; und der Fortschritt des demokratischen Selbstbewu&szlig;tseins vom Vorm&auml;rz bis zur Bundesrepublik, Verlag M. DuMont Schauberg K&ouml;ln 1966.</p> <p> Kast, Bernd: Die Thematik des &bdquo;Eigners&ldquo; in der Philosophie Max Stirners. Sein Beitrag zur Radikalisierung der anthropologischen Fragestellung, Bouvier Verlag Herbert Grundmann Bonn 1979 (Zugl. Univ.-Diss. Mainz 1977).</p> <p> Korfmacher, Wolfgang: Max Stirner und Der Einzige, Karolinger Verlag Wien / Leipzig 2001.</p> <p> Lachmann, Benedict: Protagoras. Nietzsche. Stirner. ein Beitrag zur Philosophie des Individualismus und</p> <p> Egoismus, Verlag von Leonhard Simion Berlin 1914.</p> <p> Laska, Bernd A.: Ein dauerhafter Dissident. 150 Jahre Stirners &sbquo;Einziger &ndash; eine kurze Wirkungsgeschichte, LSR-Verlag N&uuml;rnberg 1996.</p> <p> Marx, Karl / Engels, Friedrich: Die deutsche Ideologie. Kritik der neuesten deutschen Philosophie in ihren Repr&auml;sentanten Feuerbach, B. Bauer und Stirner und des deutschen Socialismus in seinen verschiedenen Interpreten, MEW Band 3, Dietz Verlag Berlin 1969.</p> <p> Messer, Max: Max Stirner, Verlag Max-Stirner-Archiv Leipzig 1998 [Nachdruck der Ausgabe von 1907].</p> <p> Penzo, Giorgio: Die existentielle Emp&ouml;rung. Max Stirner zwischen Philosophie und Anarchie, Peter Lang Verlag Frankfurt / M. 2006.</p> <p> Schuhmann, Maurice: Die Lust und die Freiheit. Marquis de Sade und Max Stirner &ndash; Ihr Freiheitsbegriff im Vergleich, Karin Kramer Verlag Berlin 2007.</p> <p> Schultheiss, Hermann: Stirner. Grundlagen zum Verst&auml;ndnis &bdquo;Der Einzige und sein Eigentum&ldquo;, Verlag Max-Stirner-Archiv Leipzig&nbsp; 1998 (Zugl. Univ.-Diss. Greifswald 1905).</p> <h3> Neuere Forschungsliteratur</h3> <p> Der Einzige. Jahrbuch der Max Stirner Gesellschaft, Band 1: Zur Aktualit&auml;t der Philosophie Max Stirners. Seine Impulse f&uuml;r eine interdisziplin&auml;re Diskussion der kritisch-krisischen Grundbefindlichkeit des Menschen, herausgegeben von Bernd Kast, Verlag Max Stirner Archiv / edition unica Leipzig 2008ff.</p> <h3> Beitr&auml;ge zur Debatte um die m&ouml;gliche Identit&auml;t von Max Stirner und G. Edward</h3> <p> Jo&aacute;n Ujh&aacute;zy, Max Stirner und G. Edward. Eine kleine Sensation? In: Der Einzige, Vierteljahresschrift des Max-Stirner-Archivs, Heft 12, 2000</p> <p> &quot;Sind Max Stirner und G. Edward ein und dieselbe Person? Eine vorl&auml;ufige Bilanz&quot; zu finden unter: <a href="http://max-stirner-archiv-leipzig.de/max_stirner.html">http://max-stirner-archiv-leipzig.de/max_stirner.html</a> [abgerufen am 10. 3. 2013]</p> <div class="flattr-box"><script type="text/javascript"> var flattr_uid = 'systempunkte'; var flattr_tle = 'Max Stirner - Ein biographischer Abriss'; var flattr_dsc = '&lt;p&gt; Am 25. Oktober 1806 wurde Max Stirner als einziges Kind der lutheranischen Familie Schmidt in Bayreuth geboren und kurz darauf auf den Namen Johann Caspar getauft. Seine Kindheit verlebte er in Kulm. Ab 1818 besuchte er das Gymnasium &amp;bdquo;K&amp;ouml;niglich Bayerische Studienanstalt&amp;ldquo; in Bayreuth, das er 1826 mit der Note Sehr Gut als Drittbester seines Jahrgangs verlie&amp;szlig;.&lt;/p&gt;'; var flattr_tag = 'Geschichte'; var flattr_cat = 'text'; var flattr_url = 'http://www.systempunkte.org/article/max-stirner-ein-biographischer-abriss'; var flattr_lng = 'de_DE'</script> <script src="http://api.flattr.com/button/load.js" type="text/javascript"></script> </div> http://www.systempunkte.org/article/max-stirner-ein-biographischer-abriss#comments Geschichte Wed, 06 Mar 2013 07:42:54 +0000 Tuli 193 at http://www.systempunkte.org "Endlich aus der Nische raus" Aber warum und wohin? http://www.systempunkte.org/article/endlich-aus-der-nische-raus-aber-warum-und-wohin <p> In der <a href="http://fda-ifa.org/gai-dao-nr-27-marz-2013/">aktuellen M&auml;rz-Ausgabe der GaiDao</a> erschien ein Beitrag mit dem Titel &quot;Endlich aus der Nische raus&quot;. Um eine Diskussionszusammenhang zu erm&ouml;glichen geben wir den Artikel hier in voller L&auml;nge wieder und erg&auml;nzen ihn um eine Erwiderung, die sich damit begn&uuml;gt haupts&auml;chlich jene Fragen zu stellen, die der urspr&uuml;ngliche Text verstellt.</p> <p> &nbsp;</p> <h1> Endlich aus der Nische raus</h1> <p> <em>Wie können wir anarchistische Zusammenhänge vergrö&szlig;ern? Von w. m.</em></p> <p> Die meisten anarchistischen Gruppen und Organisationen leiden unter einer permanenten Mitgliederstagnation und kommen vor Ort selten über die Bezugsgruppengrö&szlig;e hinaus. In diesem Artikel soll auf häufig begangene Fehler in der Mitgliederwerbung hingewiesen und praktische Erfahrungen vermittelt werden.</p> <p> Viele Gruppen arbeiten mit dem Anspruch, so viele Aktionen und so viel Medienarbeit zu machen, wie die personelle Stärke eben zu lässt. Wird dies zum einzigen Arbeitsschwerpunkt ohne die personelle Reproduktion, Bildung und Verbreiterung aktiv anzugehen, führt das meist zu Gruppen, die eben so schnell wieder von der Bildfläche verschwinden, wie sie gekommen waren und in denen permanente Überlastung und Frustration vorherrscht. Eine gesellschaftliche Perspektive entfaltet sich aus ihnen nur bedingt. Es stellt sich also die Frage nach der aktiven Mitgliederwerbung und wie Neumitglieder in die schon gefestigten Personenkreise am besten eingebunden werden können ohne sich als Aktivist*innen zweiter Klasse zu fühlen oder sich durch die informellen Hierarchien kämpfen zu müssen.</p> <h2> 1. Mitgliederwerbung</h2> <p> Es gehört zur sich einschleichenden Betriebsblindheit, dass aktive Mitglieder einer Gruppierung nur sehr schwer ihre äu&szlig;ere Bekanntheit einschätzen können. Schnell unterliegt mensch dem Trugschluss, in der Stadt ja sehr bekannt und im Internet auch für alle potentiell Interessierten leicht auffindbar zu sein. Nichts ersetzt jedoch die konkrete Ansprechbarkeit im realen Leben. Darüber hinaus ist die Trägheit des Individuums, wenn es darum geht, sich aus seinem gewohnten sozio-kulturellen Umfeld heraus zu bewegen, nicht zu unterschätzen.</p> <h2> 1.1 Vorträge organisieren</h2> <p> Wichtig ist daher immer wieder, grundsätzliche Vorstellungsveranstaltungen der eigenen Organisation und/oder des eigenen politischen Konzeptes anzubieten. Dafür können eine oder mehrere Präsentationen erstellt werden, zu denen mehrere Mitglieder bei Bedarf referieren können. Das hat gleich mehrere Vorteile: Zum einen sind die Vorträge damit flexibel und spontan haltbar (z.B. bei einer Besetzung, einem Sommercamp, während eines Themenwochenendes in einem örtlichen Treffpunkt etc.), zum anderen sorgt dies für Übung und Selbstsicherheit verschiedener Gruppenmitglieder, es verhindert au&szlig;erdem die Überlastung und die zu starke Präsenz einzelner Genoss*innen.</p> <p> Diese Vorstellungen können kaum zu oft gehalten werden, in einer mittleren Gro&szlig;stadt ist z.B. ein Takt von zwei Monaten nicht übertrieben. Wichtig dabei ist, nicht in den eigenen Szene-Treffs zu bleiben. Jeder Raum, in dem mensch seine Veranstaltung halten kann, sollte abwechselnd auch genutzt werden, da jede Lokalität auch ihr eigenes Stammklientel mitbringt. Deswegen nicht nur den örtlichen Infoladen oder das AZ anfragen sondern eben so nach Stadtteilzentren, Eine-Welt-Läden, Kneipen, Vereinshäusern, Wohnprojekten, (Hoch-)Schulen, Jugendclubs etc. Ausschau halten. Gerade völlig neutrale, öffentliche Räume senken die Hemmschwelle für viele Neugierige enorm.<a class="see-footnote" id="footnoteref1_ku19m99" title="Während der Libertären Tage 2010 in Dresden kamen so z.B. völlig unerwartet ca. 100 überwiegend ältere Menschen zu einem AnarchismusVortrag in ein Dresdner Gymnasium." href="#footnote1_ku19m99">1</a> Gleichzeitig sollte gerade bei völlig neutralen Orten beachtet werden, dass die Nachfragen z.T. deutlich grundsätzlicher und argwöhnischer gestellt werden. Der/Die Redner*in sollte sich daher darauf einstellen und neben dem eigentlich Vortrag auch auf eine Reihe von Standard-Fragen und Argumentationen eingestellt sein.</p> <p> Sollten irgendwann tatsächlich die eigenen Raummöglichkeiten in der Ortschaft ausgehen, kann es auch für die eigene örtliche Organisation durchaus sinnvoll sein, im Umland Veranstaltungen zu organisieren. Um so dichter befreundete Gruppen bei einander liegen desto mehr Kraft kann bei gro&szlig;en Aktionen entfaltet werden.<br /> Nicht alles kann während eines Vortrags erklärt und erläutert werden. Meistens bietet ein Vortrag zur eigenen anarchistischen Organisation nur einen ersten Ansto&szlig; für Personen, um sich weiter mit dem Thema zu beschäftigen. Es ist daher sehr zu empfehlen, zu jedem Vortrag eine entsprechende Auswahl an Informationsmaterial dabei zu haben. Das können kostenlose Infoblätter und Zeitungen,<a class="see-footnote" id="footnoteref2_jb1lk1h" title="Informationen zur jeweiligen Organisation und aktuellen Kampagnen werden z.B. vom Forum deutschsprachiger Anarchist*innen (FdA IFA) und der Freien Arbeiterinnen und Arbeiter Union auf Nachfrage kostenlos verschickt." href="#footnote2_jb1lk1h">2</a> preisgünstige Einführungsbroschüren<a class="see-footnote" id="footnoteref3_n0d5qa0" title="Ein breites Sortiment zur Geschichte, Gegenwart und Theorie des Anarchismus und des Anarchosyndikalismus bietet der Syndikat A Medienvertrieb, der auf Anfrage auch gern über die Wahl des Materials berät." href="#footnote3_n0d5qa0">3</a> oder Bücher sein.<a class="see-footnote" id="footnoteref4_i4tueif" title="Da die eigene Anschaffung eines Bücherfundus zum Weiterverkauf für eine Gruppe sehr kostenintensiv ist, macht es Sinn, mit dem nächstgelegenen linken Buchladen über eine Zusammenarbeit zu reden. Oft können Bücher für Büchertische geliehen und bestellt werden. Die Buchläden haben damit mehr Absatz und werden bekannter und ihr habt die Möglichkeit, die Theorie zu streuen, die euch wichtig ist." href="#footnote4_i4tueif">4</a> Sinnvoll ist auch, vor einer Vorstellung schon Termine für das nächste praktische Zusammentreffen der eigenen Organisation festzulegen. Die Wirkung von Vorträgen erhöht sich enorm, wenn die Zuhörer*innen direkt auf konkrete Anschlusspunkte verwiesen werden.<br /> Ein vernachlässigter Punkt in der Vortragsorganisation vieler Gruppen ist immer wieder die Bewerbung. Es werden zwar Veranstaltungen organisiert, die Bewerbung geschieht dann jedoch halbherzig. Damit verpufft die Arbeit, die für die Veranstaltung betrieben wurde, unnötig. Es ist ratsam, den Vorlauf und Aufwand der Bewerbung nicht zu gering anzusetzen. Bei der Bewerbung kommt es vor allem darauf an, aus dem eigenen sozialen Umfeld heraus zu kommen und andere soziale Zusammenhänge zu erreichen. Die verschiedenen Gruppen-/Organisationsmitglieder können sich für ihr Wohnumfeld beispielsweise Listen mit Werbemöglichkeiten anlegen und diese kontinuierlich weiter ausspähen. Potentielle Werbemöglichkeiten können sich z.B. in Kneipen, Geschäften, Vereinstreffs, Betrieben, (Hoch-)Schulen, in Hausfluren, an (evtl. auch selbst installierten) schwarzen Brettern und in WGs ergeben. Am verlässlichsten geschieht die Verteilung, wenn jedes Mitglied seine Liste bei jeder Veranstaltung abgeht. Besonders effektiv ist die Verteilung an sympathisierende Multiplikatoren, d.h. Leute, die selber in viele WGs, Treffpunkte oder Gruppenzusammenhänge kommen und so Termine sehr weit streuen können.</p> <p> Eine weiterer Punkt ist die Online-Werbung. Neben lokalen, linken Terminseiten, der eigenen Präsenz und deutschlandweiten Portalen wie Indymedia Linksunten, Demoplaner und der Kalender der Direkten Aktion<a class="see-footnote" id="footnoteref5_4cxkkfq" title="demoplaner.de, linksunten.indymedia.org, direkteaktion.org/termine" href="#footnote5_4cxkkfq">5</a> gewinnen hier mehr und mehr die sozialen Netzwerke und neuen Internetmedien wie Facebook und Twitter an Wichtigkeit.<a class="see-footnote" id="footnoteref6_trpcfmx" title="Vor allem Facebook ist sehr kritisch zu betrachten, da von den Betreiber*innen selbst überwacht wird, Inhalte nicht mehr völlig löschbar sind und auch eine systematische Nutzung durch diverse Geheimdienste und Repressionsorgane stattfindet, die von Facebook volle Unterstützung erfährt. Auch bei vorsichtiger Benutzung von Facebook ist es immer ein schmaler Grad zwischen Nutzung, kritischer Intervention in der Facebook-Landschaft und der Gefährdung von sich und anderen. Eine gute Zusammenfassung zur Kritik an Facebook gibt es auf Wikipedia: de.wikipedia.org/wiki/Kritik_an_Facebook. Insbesondere um noch nicht organisierte Menschen zu erreichen, ist Facebook jedoch trotzdem ein äu&szlig;erst effektives Medium und kann dafür genutzt werden, neue Menschen als Stammleser*innen für die eigenen Medien zu gewinnen." href="#footnote6_trpcfmx">6</a></p> <h2> 1.2 Aktionen</h2> <p> Neben Vorstellungen und Vorträgen sind es natürlich auch Kundgebungen, Demonstrationen, Blockaden, Besetzungen etc., die durch unmittelbares erleben oder Medienberichte mehr Menschen auf die eigene Organisation aufmerksam machen. Aktionen sind daher nicht nur für das unmittelbare Ziel, sondern auch für den langfristigen Bestand der eigenen Organisation wichtig. Dabei ist es egal, ob es sich um eine allein organisierte Aktion, ein Bündnisprojekt oder um eine kritische Intervention z.B. auf einer DGB-Demo handelt.<br /> Die Wahrscheinlichkeit, durch Aktionen immer wieder spätere Neumitglieder kennen zu lernen, erhöht sich, wenn mensch auf Flugblättern, mit Transparenten etc. immer klar deutlich macht, zu welcher Organisation mensch gehört. Es ist auch hilfreich, immer etwas Infomaterial dabei zu haben oder wenigstens Visitenkarten/-zettel mit Kontaktdaten und Internetpräsenz. Es ist auch sinnvoll, darauf zu achten, immer nicht nur zur kritisieren, sondern auch möglichst konkret im Hier und Jetzt die angestrebten Alternativen deutlich zu machen.</p> <p> Im Rahmen von Aktionen lassen sich auch relativ aufwandsarm Vor(z.B. Anfertigung von Transparenten) und Nachbereitungstreffen organisieren. Diese geben eine praktische Möglichkeit, mit potentiellen Interessierten ins Gespräch zu kommen, sich zu vernetzen, inhaltliche Fragen zu diskutieren, soziale Hemmschwellen abzubauen. Ebenso bietet es sich auch immer an, im Zuge z.B. einer Demonstration einen eigenen Vorstellungsvortrag in der Woche danach vorzubereiten und diesen z.B. gleich auf dem eigenen Demonstrationsflugblatt zu bewerben.</p> <p> Generell gilt, dass Aktionen gerade für kleine Gruppen immer einen enormen Kraftaufwand bedeuten und schnell die Gefahr besteht, sich zu überlasten und aufzureiben. Je mehr aktive (!) Menschen Teil einer lokalen Organisation sind, desto grö&szlig;er deren Handlungsoptionen und die Freiräume für einzelne Mitglieder, sich auch mal zurück zu nehmen. Daher sollte die Gewinnung potentieller Neumitglieder immer ein wichtiger Punkt in der Planung und Durchführung von Aktionen sein.</p> <h2> 1.3 Hemmschwellen</h2> <p> Wie oben schon angedeutet bedeuten fremde, vor allem subkulturelle Lokalitäten, gefestigte soziale Strukturen oberflächlich betrachtet: gleichförmiges Auftreten und eine politisch-begründet andere soziale Grammatik immer eine potentielle Hemmschwelle für Interessierte. Da sich gewisse Umstände einfach aus einem geänderten politischen Verständnis und Wissen (z.B. in Sachen Sprache) oder einer längeren Freundschaft unter Organisationsmitgliedern ergeben, lässt sich diese Hemmschwelle nie völlig abbauen. Gleichzeitig gibt es gute Gründe, sich auch in Sachen Kleidung und Auftreten dem gesellschaftlichen Mainstream zu verwehren. Es sollte jedoch wenigstens eine bewusste Entscheidung sein, z.B. auf Demonstrationen oder den Organisationsveranstaltungen subkulturell aufzutreten oder nicht. So kann es auch eine Möglichkeit sein, die eigenen Kleidungsvorlieben während der Agitation zurück zu stellen um anderen Menschen einen offeneren Zugang zu den eigenen Inhalten zu ermöglichen. Dies sollte natürlich dann bei längerer Bekanntschaft auch entsprechend reflektiert werden.</p> <p> Auch in der eigenen Wortwahl und im Verweis auf Hintergrundwissen sollte Sensibilität dafür bewahrt werden, dass mensch selbst durch die Vertiefung in verschiedene Fragen wahrscheinlich einen anderen Wissensstand entwickelt hat als das Gegenüber auf der Stra&szlig;e. Auch bei Neumitgliedern bleibt es wichtig, die eigenen Begriffe und Kontexte zu erklären und darum bemüht zu sein, sich möglichst barrierefrei auszudrücken.</p> <h2> 2. Neue Menschen einbinden, Mitglieder halten</h2> <p> Schwieriger als die Gewinnung neuer Mitstreiter*innen ist oft deren Einbindung in bestehende Strukturen. In vielen Gruppen gibt es einen harten Kern oft langjähriger Aktivist*innen mit geringer Fluktuation, der den Gro&szlig;teil der organisatorischen Aufgaben übernimmt und einen Kreis von neueren Aktivist*innen, von denen nur ein kleiner Teil hängen bleibt. Der Rest wird aus Weiterbildungs-, Informations- und Entscheidungsfindungsprozessen ausgeschlossen (oder fühlt sich zumindest so), bzw. sieht sich sozial im Vergleich zur Kerngruppe nicht aufgehoben. Für neue Menschen, die zu einer schon lange Jahre bestehenden Gruppe dazu sto&szlig;en, gehört oft einiges an Selbstbewusstsein, Durchhaltewillen und Vorbildung dazu, um tatsächlich gleichberechtigter Teil der Gruppe zu werden. Dabei gilt, dass sich dieses Problem tendenziell verschärft, wenn die Gruppe aus nur einem Freundeskreis besteht. Es verringert sich, wenn in der Gruppe mehrere unabhängige Freundeskreise existieren oder die Mitglieder au&szlig;erhalb der politischen Arbeit wenig miteinander zu tun haben.</p> <h2> 2.1 Wissen vermitteln</h2> <p> Da neue Mitglieder grundsätzlich vor dem Problem stehen, dass die älteren Mitglieder ihnen gegenüber zumeist einen Vorsprung an Erfahrung und theoretischem Wissen besitzen, trauen sie sich Anfangs oft nicht Aufgaben zu übernehmen oder in Diskussionen offen ihre Meinung zu sagen. Dies steht sowohl einer gleichberechtigten Arbeitsweise als auch einer Verteilung der gemeinsamen Arbeit auf möglichst viele Schultern entgegen und muss daher kontinuierlich und zeitnah ausgeglichen werden.</p> <p> Ein gute Möglichkeit ist es, wenn sich in Absprache mit dem Neumitglied ein oder mehrere Verantwortliche (oft Buddys genannt) finden (vorzugsweise aufgrund von Bekanntschaft oder Sympathie) die dem Neumitglied Struktur und Geschichte der Organisation, nutzbare Strukturen in der Stadt, Leseempfehlungen und anderes Know-How vermitteln. Ebenso wichtig ist, für theoretische Fragen oder allgemeine Unklarheiten offen zu stehen. Der*die Verantwortliche kann z.B. auch im Plenum neben dem Neumitglied sitzen und bei Bedarf Fragen und Zusammenhänge im Zwiegespräch erklären, was die Hemmschwelle für Nachfragen enorm verringert.</p> <p> Darüber hinaus kann die Organisation einen Index vorhandener Literatur, eine Datenfestplatte mit Ebooks, Filmen, Musik, Readern und Bildern erstellen, eigene Weiterbildungen organisieren oder gemeinsam zu externen Vorträgen gehen, um sich kontinuierlich weiter zu bilden. Auch die Führung einer Organisationschronik ist nicht nur für spätere Generationen, sondern auch für die eigenen Mitglieder interessant um zu wissen, welche Erfahrungen ältere Aktivist*innen schon gemacht haben und sich darüber ggf. weiter zu informieren.</p> <h2> 2.2 Neue Menschen anlernen und Aufgaben übertragen</h2> <p> Für neue Mitglieder sind die grö&szlig;ten Hindernisse auf dem Weg zu einem festen Platz in der Organisation paradoxerweise oft die besonders aktiven, erfahreneren Mitglieder. Die Personen, die sich stark mit einer Organisation identifizieren, entwickeln oft einen Perfektionismus und eine &bdquo;am besten alles selbst machen&ldquo;-Mentalität. Diese führt nicht nur dazu, dass sie sich vorschnell für diverse Organisationsaufgaben melden, sondern strahlt anders herum auch auf die neueren Mitglieder aus und erhöht die Unsicherheit, sich für vorher noch nie erledigte Aufgaben zu melden.</p> <p> Generell sollten erfahrenere Aktivist*innen daher ihr Arbeitspensum reflektieren und versuchen, vor allem unterstützend, nicht federführend an Aufgaben beteiligt zu sein. Auch sollte ein nicht zu geringer Anteil der eigenen Organisationsarbeit für erfahrenere Mitglieder darin bestehen, das eigene Wissen aufzubereiten, zu strukturieren und Bildungsangebote bereit zu stellen. So könnte ein*e langjährige*r Aktivist*in z.B. in der selben Zeit, in der er*sie zum hundertsten mal eine Pressemitteilung schreibt, auch eine praktische Anleitung für diese Aufgabe erstellen, die dann von verschiedensten Aktiven genutzt werden könnte. Damit wird gemachte Erfahrung effektiv verwertet und die Grundlage für eine stabile und ausgeglichene Organisation geschaffen.</p> <p> Um solche informellen Hierarchien und festgefahrenen Aufgabenverteilungen aufzubrechen, kann es helfen, für die immer wieder oder kontinuierlich anfallenden Aufgaben feste Mandate mit zeitlicher Begrenzung einzurichten. Mandatsposten<a class="see-footnote" id="footnoteref7_26pllil" title="Gemeint sind hier die sogenannten imperativen (weisungsgebundenen) Mandate. Die Vollversammlung legt dabei die genauen Kompetenzen, Freiheiten und Aufgaben eines Mandatspostens fest. Bei Versto&szlig; gegen die gemeinsamen Beschlüsse ist die mandatierte Person jederzeit abwählbar." href="#footnote7_26pllil">7</a> könnten z.B. sein: Webauftritt, Kasse, Koordination, Weiterbildung etc.. Eine zeitliche Begrenzung ist für die Verteilung von Fähigkeiten in der Gruppe unbedingt empfehlenswert und erfordert von den Mandatsträger*innen auch eine transparente Arbeitsweise, da sich der*die Nachfolger*in anschlie&szlig;end ja auch zurechtfinden muss. Wenn die Organisationsgrö&szlig;e es zulässt ist überdies auch eine Mandats-Sperrzeit sinnvoll, d.h. dass z.B. nach zwei übernommenen Mandatsperioden eine Periode lang kein festes Mandat übernommen werden darf. Dies verhilft übereifrigen Genoss*innen zu einer oft bitter nötigen Zwangspause und bietet für andere Mitglieder eine zusätzliche Motivation, sich an neuen Aufgaben zu versuchen.<br /> Die Transparenz und Zugänglichkeit zu festen Mandaten und anderen Aufgaben kann zusätzlich dadurch erhöht werden, wenn als abschlie&szlig;ender Teil der Mandatsaufgabe die Erstellung bzw. Aktualisierung einer schriftlichen Mandatsanleitung (kombinierbar mit einer für alle Mitglieder besuchbaren mündlichen Einarbeitung des*der neuen Mandatierten) steht.</p> <h2> 2.3 Mitglieder halten</h2> <p> Oft möchten Menschen anarchistische Strukturen unterstützen, denen es an der Zeit fehlt, regelmä&szlig;ig Treffen zu besuchen, die virtuelle Kommunikation mit zu verfolgen oder kontinuierliche Aufgaben zu übernehmen. Ebenso kann sich durch Job, Nachwuchs oder anderweitige Projekte die Zeit von vormals aktiven Mitgliedern erheblich verringern. Trotzdem ist bei diesen Genoss*innen vielleicht Bereitschaft da, die Organisation punktuell und/oder finanziell zu unterstützen. Oft ist die mangelnde Fähigkeit, auf diese Bedürfnisse strukturell zu reagieren, ein Grund für das Ausscheiden vieler Mitglieder. Eine anarchistische Organisation, die für Menschen in unterschiedlichsten Lebenssituationen da sein will, muss auf dieses Problem eine Antwort finden.<br /> Ab einer gewissen Gruppengrö&szlig;e können dafür Stadtteilverantwortliche eine Lösung sein. Dabei haben die Verantwortlichen einen Überblick über alle Mitglieder und Sympathisierenden in ihrem Stadtteil/ Bezirk. Sie können sich mit Mitgliedern, die wenig Zeit haben, regelmä&szlig;ig oder sporadisch treffen, sie mit Infomaterial versorgen, aktuelle Diskussionen und Entscheidungen in der Organisation zusammen fassen und Feedback einholen. Dadurch behalten die weniger aktiven Mitglieder ohne gro&szlig;en zeitlichen Aufwand einen Überblick über das Organisationsgeschehen, sehen wo sie punktuell unterstützen können oder intervenieren müssen, weil sie die Entscheidungen der Organisation nicht mittragen wollen. Die weniger Aktiven werden so nicht einfach sich selbst überlassen, sondern bleiben in Kontakt mit der Organisation und behalten einen Überblick über die laufenden Vorgänge. Gleichzeitig können die Verantwortlichen auf diese Weise unkompliziert Beiträge einsammeln, Veranstaltungen bewerben und die Vernetzung von Anarchist*innen im jeweiligen Stadtteil befördern.</p> <p> Zusätzlich bemerkt der Verantwortliche, wenn sich Genoss*innen zurück ziehen und kann ggf. in persönlichen Gesprächen etwaige Unzufriedenheiten oder Probleme mit der Organisation zur Sprache bringen und verhindert so, dass Menschen mit der Zeit einfach kommentarlos die Organisation verlassen, wie es sonst oft der Fall ist.</p> <p> Eine funktionierende, kontinuierliche und dabei transparent bleibende Gruppe oder Organisation ist schwer zu erreichen. Ihre Entwicklung ist immer eine Gratwanderung zwischen Polen wie Pragmatismus und Ideal, Kurzund Langfristigkeit, Aktionismus und Strukturarbeit, Überstrukturierung und informellen Hierarchien.<br /> Die genannten Konzepte werden zu gro&szlig;en Teilen im Allgemeinen Syndikat Dresden (FAU IAA) umgesetzt. Auch wenn nicht alles reibungslos funktioniert, so zeitigt sich doch bereits jetzt ein Erfolg gegenüber vorherigen anarchistischen Gruppenkonzepten in Dresden, die sich eher an autonomen und Bezugsgruppenmodellen orientierten. Das Syndikat verzeichnet seit seiner Gründung im Sommer 2011 einen kontinuierlichen Mitgliederzuwachs. Dabei wurden vor allem Menschen angesprochen, die vorher wenig oder gar nicht politisch oder gewerkschaftlich aktiv waren. Kompetenzen und theoretisches Wissen werden in oben genannter Weise miteinander geteilt, was die Arbeit in mehreren, parallel arbeitenden AGs ermöglicht.</p> <p> Ich hoffe, dass die geschilderten Konzepte und Anregungen vielleicht auch in anderen Städten helfen, neue Menschen in die Bewegung einzubinden und die Mitgliederstagnation vieler älterer Gruppen aufzubrechen. Feedback und Anregungen sind wie immer erwünscht, gerne auch als Leser*innenbrief.</p> <p> &nbsp;</p> <h2> &nbsp;</h2> <h1> Fragen statt Antworten</h1> <p> <em>Eine Erwiderung. Von Tuli.</em></p> <p> Der obige Beitrag versucht eine Frage zu beantworten: Wie k&ouml;nnen wir uns effektiver organisieren?</p> <p> Das Problem sind dabei nicht die Hinweise, sondern was sie voraussetzen. Das Problem ist nicht Beantwortung der Frage als solche, sondern die anderen Fragen, die durch diese Beantwortung verstellt werden.<br /> Diese Erwiderung will das Gegenteil bieten: keine Antworten, nur Fragen.</p> <p> Die grunds&auml;tzlichste Fragen der Organisationsdebatte, die gar nicht mehr gestellt werden, lauten: Warum wollen wir uns &uuml;berhaupt organisieren? Wer ist &uuml;berhaupt wir? Und was hei&szlig;t es sich (anarchistisch) organisieren?</p> <p> Das Wir sollen wohl &quot;die Anarchist_innen&quot; sein. Eine heterogene Gruppe, denn die unterschiedlichsten Anarchismen, die nur wenig gemeinsam haben, existieren. Es ist vollkommen abwegig ein Set von Vorschl&auml;gen f&uuml;r &quot;anarchistische Zusammenh&auml;nge&quot; zu pr&auml;sentieren, da diese Zusammenh&auml;nge in ihrer <em>konkreten</em> Zielsetzung, wenn sie &uuml;ber eine solche verf&uuml;gen, &auml;u&szlig;erst divers sind. Doch vorausgesetzt wird, dass es ein <em>einheitliches</em> <em>positives</em> Ziel &quot;der Anarchist_innen&quot; g&auml;be. Nein, das gibt es nicht. (Es gibt zumindest weitreichend geteilte negative Ziele.)</p> <p> Der Text setzt voraus, dass es ein anarchistisches Wir gibt und, dass dieses Wir eine Massenbewegung werden will. Dies ist bei weitem keine Selbstverst&auml;ndlichkeit. Vielleicht gibt es auch Anarchist_innen, die nur ein widerst&auml;ndiges, ein eigenes Leben f&uuml;hren wollen, die nichts halten von der Massenbewegung als erstem Gebot unserer Organisierung? Ja, es gibt sie.</p> <p> Dieser Beitrag nimmt keine R&uuml;cksicht auf die Pluralit&auml;t selbst jener anarchistischer Selbstverst&auml;ndnisse, die Organisierung guthei&szlig;en. Nicht jedes anarchistische Organisierungsmodell hat &quot;personelle Reproduktion&quot; als Ziel, manche verneinen derartige Vorstellungen vollkommen. Nicht in jedem Organisationsmodell sind von Personen getrennte Funktionen vorgesehen. Und es gibt Fragen, die sich an solche Prozesse stellen lassen: Was bedeutet es wenn Funktionen von einzelnen Personen abgespaltet werden? Ist dies wom&ouml;glich der erste Gitterstab zu einem st&auml;hlernen Geh&auml;use der B&uuml;rokratie?</p> <p> Zur&uuml;ck zum Anfang: Warum organisieren wir uns? F&uuml;r die Bewegung! Das ist die Antwort, die uns der Text bietet. Doch vielleicht tun wir es um mit unseren Freund_innen etwa zu erleben, vielleicht um mehr Dinge in k&uuml;rzerer Zeit zerst&ouml;ren zu k&ouml;nnen, vielleicht auch nur um uns mit Theorie zu besch&auml;ftigen. Alle diese Zwecke k&ouml;nnten im Anarchismus Platz haben, wenn wir nicht zu schnell den Raum f&uuml;r sie schlie&szlig;en.</p> <p> Die Vorschl&auml;ge von &quot;Endlich raus aus der Nische&quot; haben eine legalistische Schlagseite. Ich w&uuml;rde Personen, die Verbrechen begehen wollen, nicht empfehlen dabei eine &quot;Organisationschronik&quot; zu f&uuml;hren. Auch w&auml;re das Anwerben von Mitglieder_innen wohl nicht die erste Priorit&auml;t.</p> <p> Doch all dies verschwindet, denn es wird ein massenkompatible anarchistische Praxis als implizites Ziel gesetzt. Warum sollten wir dies tun? Weil wir uns so nach 1936 sehnen? Weil uns ein widerst&auml;ndiges Leben nicht reicht, sondern wir in der Bewegung aufgehen wollen? Steckt hinter den Vorschl&auml;gen wom&ouml;glich eine Sehnsucht in der gro&szlig;en revolution&auml;ren Masse verschwinden zu k&ouml;nnen? &quot;Endlich aus der Nische raus&quot; Aus der Nische raus und rein in die Massenbewegung! Diese Zielrichtung wird vorausgesetzt.</p> <p> Das tiefe Warum bleibt ungekl&auml;rt. Vermutlich ist das anarchistische Wir zu schwach. Stellen wir die Frage des Warums in allem Ernst, droht es zu zerspringen und erm&ouml;glicht auf keinen Fall derart einfache Antworten.</p> <p> Ich denke, wir befinden uns in einer Zeit in der das Stellen von schwierigen Fragen eine hohe Priorit&auml;t beizumessen ist. In diesem historischen Moment h&auml;ngen wir genug in der Luft, um durch Reflexion unseren eigenen Pfad soweit wir k&ouml;nnen zu reflektieren und neuzukalibrieren. Ansonsten wechseln wir h&ouml;chstens von einer unreflektierten Praxis zur n&auml;chsten.</p> <p> Eine weitere Schw&auml;che des Textes ist, dass er die Umst&auml;nde in denen wir uns befinden weitestgehend unreflektiert l&auml;sst. Aus welchen Verh&auml;ltnissen heraus wollen wir uns organisieren (wenn wir uns &uuml;berhaupt organisieren wollen)? Ist in solchen Verh&auml;ltnissen eine Massenbewegung &uuml;berhaupt sinnvoll? Was f&uuml;r eine Rolle k&ouml;nnen Vortr&auml;ge in einer Welt, in der eine ungeheure Menge an Informationen st&auml;ndig zu Verf&uuml;gung stehen, spielen? Sollten vielleicht Situationen geschaffen, statt Vortr&auml;gen gehalten werden?</p> <p> Und was sind &uuml;berhaupt f&uuml;r Leute, die sich au&szlig;erhalb dieses merkw&uuml;rdigen Wirs, von dem aus auch ich hier geschrieben habe? In welchen Verh&auml;ltnissen finden sie sich wieder? Fragen wir umgekehrt, nicht mehr &quot;Wie k&ouml;nnen wir Leute organisieren?&quot;, sondern &quot;Warum sollten sich welche Leute aus ihrer spezifischen Situation heraus mit uns organisieren?&quot; Haben wir darauf eine Antwort? Eine bessere als &quot;f&uuml;r die Anarchie!&quot;? Ich nicht. Doch der Text stellt nicht einmal mehr die Frage.</p> <p> K&ouml;nnen wir die Frage des Warums &uuml;berhaupt sinnvoll stellen, wenn wir nicht genau sagen k&ouml;nnen, von wo aus wir sie stellen?</p> <p> Vor den Vorschl&auml;ge f&uuml;r die Organisierung einer anarchistischen Massenbewegung sind Fragen zu stellen. Wer sie schon vorab im Einklang mit dem Text &quot;Raus aus der Nische&quot; beantwortet hat, wird mit den Inhalten des Textes zu frieden sein. Er wird sich sogar als &auml;u&szlig;erst <em>n&uuml;tzlich</em> erweisen.</p> <p> Doch wenn wir keine oder nur eine in die Hintergrund gedr&auml;ngte Debatte &uuml;ber diese Fragen f&uuml;hren, dann sind wir, wer auch immer dieses wir ist, sicherlich kein selbstbestimmtes Wir, sondern eines das sich von der Geschichte werfen l&auml;sst.</p> <h2> &nbsp;</h2> <p> <em>Dies ist ein Versuch einen anarchistischen Diskussionszusammenhang zu schaffen, daher freuen wir uns &uuml;ber weitere Zusendnungen zu dem Thema. Unsere Kontaktdaten finden sich <a href="https://systempunkte.org/kontakt">hier</a>.</em></p> <ul class="footnotes"><li class="footnote" id="footnote1_ku19m99"><a class="footnote-label" href="#footnoteref1_ku19m99">1.</a> Während der Libertären Tage 2010 in Dresden kamen so z.B. völlig unerwartet ca. 100 überwiegend ältere Menschen zu einem AnarchismusVortrag in ein Dresdner Gymnasium.</li> <li class="footnote" id="footnote2_jb1lk1h"><a class="footnote-label" href="#footnoteref2_jb1lk1h">2.</a> Informationen zur jeweiligen Organisation und aktuellen Kampagnen werden z.B. vom Forum deutschsprachiger Anarchist*innen (FdA IFA) und der Freien Arbeiterinnen und Arbeiter Union auf Nachfrage kostenlos verschickt.</li> <li class="footnote" id="footnote3_n0d5qa0"><a class="footnote-label" href="#footnoteref3_n0d5qa0">3.</a> Ein breites Sortiment zur Geschichte, Gegenwart und Theorie des Anarchismus und des Anarchosyndikalismus bietet der Syndikat A Medienvertrieb, der auf Anfrage auch gern über die Wahl des Materials berät.</li> <li class="footnote" id="footnote4_i4tueif"><a class="footnote-label" href="#footnoteref4_i4tueif">4.</a> Da die eigene Anschaffung eines Bücherfundus zum Weiterverkauf für eine Gruppe sehr kostenintensiv ist, macht es Sinn, mit dem nächstgelegenen linken Buchladen über eine Zusammenarbeit zu reden. Oft können Bücher für Büchertische geliehen und bestellt werden. Die Buchläden haben damit mehr Absatz und werden bekannter und ihr habt die Möglichkeit, die Theorie zu streuen, die euch wichtig ist.</li> <li class="footnote" id="footnote5_4cxkkfq"><a class="footnote-label" href="#footnoteref5_4cxkkfq">5.</a> demoplaner.de, <a href="http://linksunten.indymedia.org">linksunten.indymedia.org</a>, <a href="http://direkteaktion.org/termine">direkteaktion.org/termine</a></li> <li class="footnote" id="footnote6_trpcfmx"><a class="footnote-label" href="#footnoteref6_trpcfmx">6.</a> Vor allem Facebook ist sehr kritisch zu betrachten, da von den Betreiber*innen selbst überwacht wird, Inhalte nicht mehr völlig löschbar sind und auch eine systematische Nutzung durch diverse Geheimdienste und Repressionsorgane stattfindet, die von Facebook volle Unterstützung erfährt. Auch bei vorsichtiger Benutzung von Facebook ist es immer ein schmaler Grad zwischen Nutzung, kritischer Intervention in der Facebook-Landschaft und der Gefährdung von sich und anderen. Eine gute Zusammenfassung zur Kritik an Facebook gibt es auf Wikipedia: de.wikipedia.org/wiki/Kritik_an_Facebook. Insbesondere um noch nicht organisierte Menschen zu erreichen, ist Facebook jedoch trotzdem ein äu&szlig;erst effektives Medium und kann dafür genutzt werden, neue Menschen als Stammleser*innen für die eigenen Medien zu gewinnen.</li> <li class="footnote" id="footnote7_26pllil"><a class="footnote-label" href="#footnoteref7_26pllil">7.</a> Gemeint sind hier die sogenannten imperativen (weisungsgebundenen) Mandate. Die Vollversammlung legt dabei die genauen Kompetenzen, Freiheiten und Aufgaben eines Mandatspostens fest. Bei Versto&szlig; gegen die gemeinsamen Beschlüsse ist die mandatierte Person jederzeit abwählbar.</li> </ul> <div class="flattr-box"><script type="text/javascript"> var flattr_uid = 'systempunkte'; var flattr_tle = '&quot;Endlich aus der Nische raus&quot; Aber warum und wohin?'; var flattr_dsc = '&lt;p&gt; In der &lt;a href=&quot;http://fda-ifa.org/gai-dao-nr-27-marz-2013/&quot;&gt;aktuellen M&amp;auml;rz-Ausgabe der GaiDao&lt;/a&gt; erschien ein Beitrag mit dem Titel &amp;quot;Endlich aus der Nische raus&amp;quot;. Um eine Diskussionszusammenhang zu erm&amp;ouml;glichen geben wir den Artikel hier in voller L&amp;auml;nge wieder und erg&amp;auml;nzen ihn um eine Erwiderung, die sich damit begn&amp;uuml;gt haupts&amp;auml;chlich jene Fragen zu stellen, die der urspr&amp;uuml;ngliche Text verstellt.&lt;/p&gt;'; var flattr_tag = 'Bewegung'; var flattr_cat = 'text'; var flattr_url = 'http://www.systempunkte.org/article/endlich-aus-der-nische-raus-aber-warum-und-wohin'; var flattr_lng = 'de_DE'</script> <script src="http://api.flattr.com/button/load.js" type="text/javascript"></script> </div> http://www.systempunkte.org/article/endlich-aus-der-nische-raus-aber-warum-und-wohin#comments Bewegung Mon, 04 Mar 2013 07:14:10 +0000 Tuli 190 at http://www.systempunkte.org Anmerkungen zum Artikel „Zu Räten wird geraten“ http://www.systempunkte.org/article/anmerkungen-zum-artikel-%E2%80%9Ezu-raeten-wird-geraten%E2%80%9C <p> <em>Anmerkung der Redaktion: Folgender Kommentar bezieht sich auf <a href="https://systempunkte.org/article/zu-raeten-wird-geraten-eine-andere-demokratie-ist-moeglich">den Text &quot;Zu R&auml;ten wird geraten: Eine andere Demokratie ist m&ouml;glich!&quot; von Peter Seyferth, der vor einiger Zeit auf dieser Webseite ver&ouml;ffentlicht wurde</a>. </em></p> <p> In seinem Artikel preist Peter Seyferth die R&auml;te als &bdquo;andere Demokratie&ldquo; an. Einige seine Thesen rufen Fragen hervor, die im Folgenden dargelegt werden.</p> <blockquote><p> &bdquo;Die parlamentarische Demokratie kennen wir aus eigener Anschauung. Im Prinzip ist sie eine Wahlaristokratie: wie in einer aristokratischen Staatsform herrschen wenige &uuml;ber viele, die Entscheidungen werden oben in einem kleinen Kreis getroffen und nach unten per Befehl (heute sagt man lieber &bdquo;Gesetz&ldquo;) durchgesetzt &ndash; wenn es sein mu&szlig;, auch mit Gewalt. Die Legitimation der Aristokratie liegt in der angeblichen Tugend des Adels: es herrschen die, die es am besten k&ouml;nnen. Das gilt in der parlamentarischen Demokratie nicht. Das ist auch gut so, denn dieses &bdquo;Am-Besten-K&ouml;nnen&ldquo; ist bekanntlich nur ein Mythos, den die Herrschenden zur Machtsicherung verbreiten. Im Parlamentarismus liegt die Legitimation beim Volk, das die Herrscher w&auml;hlt. Nun ist schon das mit dem Volk recht problematisch, weil da nicht die ganze Bev&ouml;lkerung dazugeh&ouml;rt, d.h. es werden Menschen ausgegrenzt und &uuml;bergangen. Die Wahlen verst&auml;rken dieses Problem: weil nicht &uuml;ber Sachthemen abgestimmt wird, sondern &uuml;ber Personen, die dann ohne weiteres Nachfragen &uuml;ber ebendiese Sachthemen entscheiden d&uuml;rfen, wird auch der gr&ouml;&szlig;te Teil des Volkes von der Herrschaft ausgeschlossen. Demokratie ist aber definitionsgem&auml;&szlig; die Herrschaft des Volkes.&ldquo;</p> </blockquote> <p> Die Demokratie erhebt den Anspruch, sich gerade von der Aristokratie dadurch zu unterscheiden, dass es Herrschaft der Vielen &uuml;ber nicht so viele ist: die Beschl&uuml;sse der Mehrheit sind bindend f&uuml;r die Minderheit. Daran k&ouml;nnte man schon Kritik &uuml;ben, aber den meisten Linken f&auml;llt eher auf, dass die Mehrheit gar keine richtige ist. Auch Peter Seyferth haut in diese Kerbe &ndash; auch wenn die gesamte Bev&ouml;lkerung zum Staatsvolk geh&ouml;rt und mitstimmt w&uuml;rde, g&auml;be es immer noch eine unterlegene Minderheit, f&uuml;r die die Entscheidung der Mehrheit verbindlich w&auml;re.</p> <p> &bdquo;Herrschaft des Volkes&ldquo; mag zwar die w&ouml;rtliche &Uuml;bersetzung des Wortes &bdquo;Demokratie&ldquo; sein bzw. es gibt die verbreitete rhetorische Figur vom &bdquo;Willen des Volkes&ldquo;, aber herrschen kann das gesamte Volk nicht &ndash; allein schon deswegen, weil im &bdquo;Volk&ldquo; ganz sch&ouml;n widerspr&uuml;chliche, sich ausschlie&szlig;ende Interessen auftreten.&nbsp; Zum Beispiel die der &bdquo;Arbeitgeber&ldquo; und der &bdquo;Arbeitnehmer&ldquo; &ndash; die Spielregeln der parlamentarischen Demokratie setzen f&uuml;r alle Interessen und Anlegen diesselbe Spielregeln: um umgesetzt zu werden, m&uuml;ssen politische Programme beim festgelegten Abstimmungsverfahren die Mehrheit gewinnen. Dabei wird schon davon ausgegangen, dass das Volk nicht einfach kollektiv dasselbe will und sich daher Mehrheit und Minderheit ergeben wird.</p> <blockquote><p> &bdquo;Wie sieht es denn mit dem anderen Modell aus, der R&auml;tedemokratie? Hier ist die Entscheidungsrichtung eine andere, n&auml;mlich von unten nach oben. In den verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen werden politische Entscheidungen in &uuml;berschaubaren Versammlungen der betroffenen Leuten getroffen, in den h&ouml;chstens 20 Personen umfassenden R&auml;ten.&ldquo;</p> </blockquote> <p> Es ist nicht ganz klar, ob der Autor historische R&auml;te in Deutschland oder Russland meint oder schon dabei ist, sein eigenes Modell zu beschreiben. Die historischen R&auml;te hatten als &bdquo;Basiseinheit&ldquo; oft gro&szlig;e Betriebe, wo die Versammlungen sicherlich mehr als 20 Personen umfassten.</p> <blockquote><p> &ldquo;Wenn mehr Leute betroffen sind, stellt sich freilich das Problem, da&szlig; fruchtbare Diskussionen unm&ouml;glich werden; ob an einer bestimmten Stelle am Flu&szlig; eine Fabrik gebaut werden soll, betrifft so viele Menschen, da&szlig; sie sich nicht mehr gemeinsam treffen k&ouml;nnen. In solchen F&auml;llen entsenden die kleinen R&auml;te auf der untersten Ebene Delegierte, die in sich in einem Rat auf h&ouml;herer Ebene treffen und dort die Entscheidungen aushandeln. Dabei ist wichtig, da&szlig; die Delegierten an die Entscheidungen der unteren Ebenen gebunden sind (man nennt das &bdquo;imperatives Mandat&ldquo;); im Delegiertenrat d&uuml;rfen sie nur solche Entscheidungen treffen, zu denen sie im untersten Rat beauftragt wurden &ndash; und ihre Entscheidungen m&uuml;ssen von den unteren Ebenen noch &bdquo;ratifiziert&ldquo; werden, bevor sie G&uuml;ltigkeit erlangen. Die Aufgabe von Delegiertenr&auml;ten ist also nicht, zu regieren, sondern weisungsgebunden die Entscheidungsfindung zwischen den vielen Leuten zu erm&ouml;glichen, die nicht alle gleichzeitig am selben Ort sein k&ouml;nnen.&ldquo;</p> </blockquote> <p> Was passiert aber beim imperativen Mandat, wenn eine Entscheidung gegen andere steht? Ein &bdquo;ja&ldquo; zu einem Vorschlag gegen ein &bdquo;nein&ldquo;? Denn die Delegierten sind an Entscheidung der Basis gebunden und die kann denen gar keinen Raum zu Verhandlungen lassen. In der parlamentarischen Demokratie w&uuml;rde man einfach abstimmen. Man k&ouml;nnte auch &uuml;ber das Thema diskutieren, aber wenn es unter den Delegierten stattfindet, ist die &bdquo;Basis&ldquo; wiederum nicht dabei. Au&szlig;erdem setzt Diskussion &uuml;berhaupt voraus, dass alle Seiten sich von Argumenten &uuml;berzeugen lassen wollen. Themen wie &bdquo;sollen Arbeiter mehr Lohn bekommen&ldquo; oder &bdquo;sollen Unternehmer mehr Steuern zahlen&ldquo; lassen sich wohl kaum durch Argumente l&ouml;sen &ndash; da steht Interesse gegen Interesse ausschlie&szlig;end gegen&uuml;ber. Niemand nimmt ernsthaft an, dass z.B. die Reden der FDP-Abgeordneten die LINKE-Fraktion &uuml;berzeugen werden oder umgekehrt, die Anliegen der W&auml;hler sind auch nicht gerade miteinander vers&ouml;hnbar.</p> <blockquote><p> &bdquo;Die gesellschaftlichen Bereiche, um die es geht, sind sehr vielf&auml;ltig. Vor &uuml;ber 90 Jahren gab es Arbeiter-, Soldaten- und Bauernr&auml;te, doch m&ouml;glich w&auml;ren auch R&auml;te von Sch&uuml;lern, Lehrern, Frauen, B&uuml;roangestellten, Migranten, Radfahrern, Mietern und allen, die von einem bestimmten politischen Problem betroffen sind.&ldquo;</p> </blockquote> <p> Einerseits arbeitet jedes R&auml;tesystem mit der Formalisierung der Entscheidungsabl&auml;ufe, aber w&auml;hrend die parlamentarische Demokratie die Frage des Wahlrechtes sehr klar beantwortet (Staatsb&uuml;rger ab einem bestimmten Alter), ist es in Seyferths Modell nicht ganz klar, wie man &bdquo;Betroffenheit&ldquo; definiert und nach welchem Prinzip R&auml;te nun gebildet werden. Der springende Punkt der historischen R&auml;te war ja gerade, dass nur &bdquo;Werkt&auml;tige&ldquo; (Arbeiter, Bauern, Soldaten) R&auml;te w&auml;hlen durften &ndash; darauf reagierten andere Gruppen oft mit der Bildung ihrer eigenen R&auml;te (B&uuml;rgerr&auml;te in Deutschland z.B.), die aber von Arbeiterr&auml;ten nicht anerkannt wurde. Au&szlig;erdem: Wenn z.B. jemand Frau und B&uuml;roangestellte ist, kann/muss diese Person in zwei R&auml;ten mitmachen? Das bedeutet einerseits mehr Zeitbelastung, kann aber anderseits eine Mehrheit durch die &bdquo;Doppelung&ldquo; organisieren. Auch die russischen Bolschewiki lie&szlig;en ihre Delegierten z.B. einmal in Soldaten- und einmal in Bauernr&auml;te w&auml;hlen, mit der Begr&uuml;ndung, die Soldaten w&auml;ren doch im zivilen Leben Bauern.</p> <blockquote><p> &bdquo;Das Konsensverfahren ist ein kommunikativer Akt, der Gemeinsamkeit schafft, ohne Einheitlichkeit zu erzwingen. Auf unser Beispiel angewandt, k&ouml;nnten sich die beiden D&ouml;rfer im Konsensverfahren darauf einigen, da&szlig; zwar eine Fabrik gebaut wird, diese aber mit einer Kl&auml;ranlage ausgestattet wird, au&szlig;erdem werden Arbeitspl&auml;tze und Gewinne der Fabrik zwischen den D&ouml;rfern geteilt &ndash; &uuml;ber die genauen Prozents&auml;tze wird etwas l&auml;nger gestritten, wie man sich leicht vorstellen kann, aber am Schlu&szlig; steht jeder hinter dem Beschlu&szlig;. Konsens bedeutet Einstimmigkeit und sch&uuml;tzt daher jede noch so kleine Minderheit.&ldquo;</p> </blockquote> <p> Das Problem vieler linker Debatten &uuml;ber Demokratie, &uuml;ber Entscheidungsverfahren und Mitbestimmung ist, dass sehr detailliert dar&uuml;ber diskutiert wird, wer und wie entscheidet, aber nicht so sehr <strong>wor&uuml;ber</strong>. Wenn es in Seyferths R&auml;te-Dorfidyll Geld, Lohnarbeit und Profit gibt, dann kann man noch so &bdquo;basisnah&ldquo; entscheiden &ndash; die Zw&auml;nge und die Konkurrenz werden nach wie vor da sein. Konsensentscheidungen sind unter solchen Umst&auml;nden v&ouml;llig illusorisch.</p> <div class="flattr-box"><script type="text/javascript"> var flattr_uid = 'systempunkte'; var flattr_tle = 'Anmerkungen zum Artikel „Zu Räten wird geraten“'; var flattr_dsc = '&lt;p&gt; &lt;em&gt;Anmerkung der Redaktion: Folgender Kommentar bezieht sich auf &lt;a href=&quot;https://systempunkte.org/article/zu-raeten-wird-geraten-eine-andere-demokratie-ist-moeglich&quot;&gt;den Text &amp;quot;Zu R&amp;auml;ten wird geraten: Eine andere Demokratie ist m&amp;ouml;glich!&amp;quot; von Peter Seyferth, der vor einiger Zeit auf dieser Webseite ver&amp;ouml;ffentlicht wurde&lt;/a&gt;. &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt; In seinem Artikel preist Peter Seyferth die R&amp;auml;te als &amp;bdquo;andere Demokratie&amp;ldquo; an. Einige seine Thesen rufen Fragen hervor, die im Folgenden dargelegt werden.&lt;/p&gt;'; var flattr_tag = 'Geschichte,Staat &amp; Parteipolitik'; var flattr_cat = 'text'; var flattr_url = 'http://www.systempunkte.org/article/anmerkungen-zum-artikel-%E2%80%9Ezu-raeten-wird-geraten%E2%80%9C'; var flattr_lng = 'de_DE'</script> <script src="http://api.flattr.com/button/load.js" type="text/javascript"></script> </div> http://www.systempunkte.org/article/anmerkungen-zum-artikel-%E2%80%9Ezu-raeten-wird-geraten%E2%80%9C#comments Geschichte Staat & Parteipolitik Thu, 28 Feb 2013 10:01:31 +0000 Tuli 188 at http://www.systempunkte.org Bondage, Zynismus und Konstruktionen http://www.systempunkte.org/article/bondage-zynismus-und-konstruktionen <p> Der neue &bdquo;Superstar des Anarchismus&ldquo; (<em>K&ouml;lner Stadtrevue</em>) <a class="see-footnote" id="footnoteref1_iqg8da3" title=" David Graeber: &bdquo;Der Rohstoff des Lebens&ldquo;, in: K&ouml;lner Stadtrevue, Juli 2012, http://www.stadtrevue.de/home/leseprobe/2748-david-graeber-der-rohstoff-des-lebens/" href="#footnote1_iqg8da3">1</a>, der vor allem wegen seines Buches <em>Schulden. Die ersten 5000 Jahre</em> viel beachtete Anthropologe David Graeber, beschreibt sich selbst als &bdquo;aufgeschlossenen Anarchisten&ldquo;.<a class="see-footnote" id="footnoteref2_678n8cj" title=" David Graeber: Inside Occupy, Frankfurt am Main/ New York 2012, Campus Verlag, S. 41." href="#footnote2_678n8cj">2</a> Er meint damit, offen zu sein f&uuml;r politische B&uuml;ndnisse und sich in seinen Organisierungsversuchen nicht nur auf anarchistische Kreise zu beschr&auml;nken.</p> <p> Als B&uuml;ndnispartnerInnen kommen all jene in Frage, die sich auf eine horizontale, also nicht-hierarchische Organisationsweise einlassen &ndash; AnarchistInnen, BasisgewerkschafterInnen und Unterst&uuml;tzerInnen des Zapatismus z&auml;hlt er in Inside Occupy auf. Poststrukturalistische Intellektuelle dagegen geh&ouml;ren f&uuml;r Graeber offenbar nicht dazu, denn diese, so polemisiert er, hielten es schon f&uuml;r radikal, &bdquo;sich teure Bondage-Ausr&uuml;stungen zu kaufen.&ldquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref3_oh3w2dh" title="Matthias Geffrath: &bdquo;Am Wendepunkt&ldquo;, in: Die Zeit, 18.05.2012, http://www.zeit.de/2012/21/L-Graeber. Auch Thomas Wagner zitiert in der Zeitung junge welt diese urspr&uuml;nglich aus &bdquo;Frei von Herrschaft&ldquo; stammende Passage. Interessanterweise ist ausgerechnet der orthodoxen junge welt Graeber hier ein &bdquo;Anarchist mit Klassenstandpunkt&ldquo;. Hier ging es wohl darum, den Feind des Feindes zum Freund zu erkl&auml;ren. Denn obwohl David Graeber Mitglied der klassenk&auml;mpferischen IWW ist, ist sein Klassenbegriff zwar vorhanden, aber doch etwas sehr schwammig. Vgl. dazu Ingo St&uuml;tzle: &bdquo;Schuld und S&uuml;hne.&ldquo; In: analyse und kritik Nr. 572, 18.05.2012, http://www.akweb.de/ak_s/ak572/42.htm; Ders.: Nachtrag zur Graeber-Besprechung, 28.05.2012 auf http://stuetzle.cc/2012/05/nachtrag-zur-graeber-besprechung/; sowie: &bdquo;Kein Interesse, au&szlig;er dem zu atmen.&ldquo; In: wildcat 93, Herbst 2012, http://www.wildcat-www.de/en/wildcat/93/e_w93_bb_graeber.html." href="#footnote3_oh3w2dh">3</a> Wie schon dieses Zitat vermuten l&auml;sst, hat Graeber nicht wirklich eine strukturierte Kritik am Poststrukturalismus vorzubringen, sondern seine Abneigung basiert u.E. lediglich auf &ndash; allerdings recht popul&auml;ren &ndash; Vorurteilen, wie wir sie in j&uuml;ngerer Zeit in linken Debatten allerdings recht h&auml;ufig antreffen. Nicht alles an dieser Kritik ist vollkommen unberechtigt.<a class="see-footnote" id="footnoteref4_2rkb58h" title=" Eine differenzierte Kritik findet sich etwa bei Silke van Dyk: &bdquo;Poststrukturalismus. Gesellschaft. Kritik. &Uuml;ber Potenziale, Probleme und Perspektiven.&ldquo; In: Prokla 167, Juni 2012. S.185 &ndash; 208." href="#footnote4_2rkb58h">4</a> Es gilt, zwischen den durchaus kritischen Urspr&uuml;ngen und Weiterentwicklungen des Poststrukturalismus &ndash; die h&auml;ufig auch Weiterentwicklungen marxistischer sowie libert&auml;rer Positionen sind &ndash; und seiner populistischen und oft tats&auml;chlich entpolitisierenden Varianten, die Einzug in das Akademische gehalten haben, zu unterscheiden.<br /> Gerade poststrukturalistische Ans&auml;tze sind in den vergangenen Jahren, so betonen etwa Isabel Lorey, Gerald Raunig und Roberto Nigro in ihrem Buch zur Re-Politisierung des Poststrukturalismus, sehr h&auml;ufig &bdquo;im Austausch mit sozialen Bewegungen und mikropolitischen Praxen&ldquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref5_gg6sq1o" title=" Isabel Lorey/ Roberto Nigro/ Gerald Raunig: &bdquo;Inventionen. Zur Aktualisierung poststrukturalistischer Theorie.&ldquo; In: Isabel Lorey/ Roberto Nigro/ Gerald Raunig (Hg.): Inventionen, Z&uuml;rich 2011, diaphanes Verlag, S. 9-19, hier S. 18." href="#footnote5_gg6sq1o">5</a> in Verbindung mit libert&auml;ren Politiken zum Ausdruck gekommen &ndash; also solchen Praktiken und Theorien, f&uuml;r die auch Graeber steht. Poststrukturalistische TheoretikerInnen wie Slavoj Žižek und Judith Butler sind in der Occupy-Bewegung nicht nur beliebte RednerInnen, sondern teilweise sogar sehr aktiv. Und dar&uuml;ber hinaus gibt es auch eine mittlerweile mehr als zwei Jahrzehnte w&auml;hrende anarchistische Auseinandersetzung mit poststrukturalistischer Theorie, die eine Reihe positiver gegenseitiger Bezugspunkte herausgearbeitet hat.<a class="see-footnote" id="footnoteref6_ex0wwbq" title=" Vgl. etwa die wiederabgedruckten Beitr&auml;ge von Andrew M. Koch, Todd May, Saul Newman und Hakim Bey in Duane Rouselle/ S&uuml;reyyya Evren (Hg.): Post-Anarchism. A Reader. New York: Pluto Books 2011." href="#footnote6_ex0wwbq">6</a> Nicht zuletzt wegen dieser durchaus produktiven Bezugnahmen lohnt es sich auch, sich etwas n&auml;her mit Graebers Ablehnung zu besch&auml;ftigen.<a class="see-footnote" id="footnoteref7_z8ppd61" title="David Graebers Ablehnung des Poststrukturalismus hat sicherlich auch biographische Gr&uuml;nde: Bekanntlich wurde Graebers Vertrag an der Universit&auml;t Yale 2007 nicht mehr verl&auml;ngert. Das Ereignis wurde zum globalen Politikum, denn als Hintergrund wurde einerseits Graebers anarchistisches Engagement vermutet, andererseits aber auch seine proletarische Herkunft. Und gerade Yale wurde seit den 1980er Jahren mit einer spezifisch US-amerikanischen Poststrukturalismus-Tradition verbunden, die die Kapitalismus-Kritik &uuml;ber Bord geworfen hatte. Vgl. Hanno Pahl: &bdquo;Genealogisch-poststrukturalistische &Ouml;konomiekritik und Kritik der politischen &Ouml;konomie. Eine Aufforderung zum Tanz.&ldquo; S. 213. In: Prokla 167, Juni 2012. S. 211 &ndash; 228." href="#footnote7_z8ppd61">7</a><br /> Worauf gr&uuml;ndet sich also Graebers Skepis gegen&uuml;ber dem Poststrukturalismus und was ist ihr entgegenzuhalten?</p> <h2> Die Nat&uuml;rlichkeit des Sozialen und der politische Zynismus</h2> <p> Schon in seinem Buch Frei von Herrschaft. Fragmente einer anarchistischen Anthropologie polemisiert Graeber gegen Michel Foucault: Ein Begriff von Macht, der, wie jener Foucaults, davon ausgehe, &bdquo;dass rohe Gewalt kein entscheidender Faktor mehr f&uuml;r soziale Kontrolle&ldquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref8_z8t6ady" title=" David Graeber: Frei von Herrschaft. Fragmente einer anarchistischen Anthropologie, Wuppertal 2008, Edition Trickster im Peter Hammer Verlag, S. 86." href="#footnote8_z8t6ady">8</a> sei, sei genau das richtige f&uuml;r pseudoradikale Intellektuelle, die keine Ahnung von der brutalen Welt da drau&szlig;en h&auml;tten. Rohe, aber auch strukturelle Gewalt &ndash; das konstatiert Graeber letztlich im Einklang mit den meisten Anarchismen &ndash; sei die zentrale Ordnungsweise und zudem die &bdquo;Grundlage des Staates&ldquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref9_pdt0hpb" title=" Graeber: Frei von Herrschaft, S. 87." href="#footnote9_pdt0hpb">9</a>. Dass Macht auch produktiv und nicht-intentional wirkt, wie Foucault meint, und dass der Staat auch mittels Absch&ouml;pfung dieser Produktivit&auml;t, mit Vereinnahmung aber auch Partizipation herrscht, das kann bzw. will Graeber &ndash; wieder: wie die meisten AnarchistInnen &ndash; nicht denken. F&uuml;r David Graeber ist der Staat eine immer gleich funktionierende Repressionsmaschinerie &ndash; das Konzept steht der Foucaultschen Kritik der Repressionshypothese diametral entgegen. Dabei hatte sich Foucault implizit sehr deutlich auf einen Klassiker der anarchistischen Literatur bezogen, als er die Frage formulierte, wie es denn sein k&ouml;nne, dass Menschen sich derma&szlig;en regieren lassen: Die Inspiration war &Eacute;tienne de La Bo&eacute;ties Von der freiwilligen Knechtschaft, ein Essay von 1574, in Deutschland durch die &Uuml;bersetzung Gustav Landauers bekannt geworden. Graeber dagegen steht als Anthropologe auch fest in einer anarchistischen Tradition, die vom Poststrukturalismus zu recht immer wieder angegriffen wurde und wird: Das Soziale wird darin immer auch auf &bdquo;Nat&uuml;rlichkeit&ldquo; zur&uuml;ckgef&uuml;hrt, sie ist auch f&uuml;r Graeber gegeben und entwickelt sich &ndash; kollektives Eigentum und Freiheit sind f&uuml;r ihn &bdquo;Naturzust&auml;nde&ldquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref10_97jmjf8" title="Graeber: Schulden, S. 214f." href="#footnote10_97jmjf8">10</a>, die er als gegeben hinnimmt. Hier akzeptiert Graeber die historischen Quellen als &bdquo;wahr&ldquo;. Den Freiheitsbegriff, den Graeber dabei als gegebenen und korrekten voraussetzt, ist der moderne Freiheitsbegriff &ndash; w&auml;hrend &bdquo;Natur&ldquo; das immer gleiche bezeichnet und offenbar auch immer bezeichnet hat, skizziert Graeber zwar sehr genau, wie sich der Freiheitsbegriff ver&auml;ndert hat, setzt hier aber die aktuelle Bedeutung als Ma&szlig;stab f&uuml;r die Geschichte an. Beide Vorgehensweisen stehen in der Tat in einem krassen Widerspruch zu poststrukturalistischen Theorien. Die Entwicklungstheorie, die Graeber hier implizit voraussetzt, ist sicherlich der Idee einer Anthropologie immanent. Sie ist, nebenbei bemerkt, n&auml;her am Marxismus, als Graeber es wahrscheinlich gerne h&auml;tte.<a class="see-footnote" id="footnoteref11_4ks0fgp" title="&bdquo;Materialismus&rdquo; ist David Graeber ein Konzept, dass &bdquo;Form und Inhalt&rdquo; [&hellip;] &bdquo;Substanz und Gestalt&ldquo; als Gegens&auml;tze betrachtet (Graeber: Schulden, S.260). Dies kann allerdings nur bis Marx G&uuml;ltigkeit besitzen, denn genau die Aufhebung dieser Dualit&auml;t ist der Kern der Marxschen Variante des Materialismus." href="#footnote11_4ks0fgp">11</a></p> <p> Und sie ist auch die Grundlage f&uuml;r seine kritischen &Auml;u&szlig;erungen zu poststrukturalistischen Annahmen: In Michel Foucaults Analyse von Formen institutionellen Wissens und der daran anschlie&szlig;enden These, dass dieses Wissen durch seine Verkn&uuml;pfung mit gesellschaftlicher Macht Realit&auml;ten nicht nur abbildet, sondern auch schafft, sieht Graeber nicht Foucaults emanzipatorische Absicht, diese Verquickung von Wissen und der Herstellung der Wirklichkeit offenzulegen. Im Gegenteil, er legt nahe, Foucault tue &bdquo;fast haargenau das Gleiche&ldquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref12_6qiqm7x" title="Graeber: Inside Occupy, S. 95." href="#footnote12_6qiqm7x">12</a> wie die religi&ouml;se Rechte, die ihre Weltsicht zur allgemein g&uuml;ltigen erkl&auml;re und zwar mit dem Hinweis auf deren angebliche &Uuml;bereinstimmung mit einer gottgewollten Ordnung. Zwischen der normativen, von den Rechten angewandten und der analytischen, Foucaultschen Dimension der Behauptung &bdquo;Worte schaffen Wirklichkeiten&ldquo;, unterscheidet Graeber nicht.<br /> Das zeitliche Aufeinandertreffen von &bdquo;der Luftblasenwirtschaft der 90er Jahre&ldquo; und dem Entstehen eines Stroms (sozialkonstruktivistischer) &bdquo;neuer radikaler theoretischer Ans&auml;tze &ndash; Performanztheorie, Akteur-Netzwerk-Theorie, Theorien immaterieller Arbeit &ndash;&ldquo;, scheint ihm Beleg f&uuml;r deren politische Gemeinsamkeit: Sie teilten das gemeinsame &bdquo;Postulat, die Realit&auml;t sei jeweils das, von dem man andere &uuml;berzeugen k&ouml;nne.&ldquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref13_9aibi1t" title="Graeber: Inside Occupy, S. 95." href="#footnote13_9aibi1t">13</a></p> <p> Aus der Sicht der meisten Menschen, denen nichts &uuml;brig bliebe, als in der Realit&auml;t zu leben, die sie nun gerade vorf&auml;nden, sei diese Haltung zynisch, sogar ein &bdquo;Zynismus auf einem geradezu mystischen Niveau.&ldquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref14_azsm6ji" title="Graeber: Inside Occupy, S. 95." href="#footnote14_azsm6ji">14</a></p> <h2> Drei beispielhafte Ann&auml;herungen: Politik, Geld, Identit&auml;t</h2> <p> Erstens ist die Zusammenfassung der neuen theoretischen Ans&auml;tze sicher etwas summarisch. Es geht ja nicht nur um die realit&auml;tswirksame &Uuml;berzeugungsarbeit, sondern um Ressourcen zur Durchsetzung bestimmter Sichtweisen, um die Beziehungen zwischen verschiedenen Bedeutungen, um bewusste und unbewusste Strategien und schlie&szlig;lich um Machtverh&auml;ltnisse. Deshalb ist es zweitens schon merkw&uuml;rdig, dass Graeber hier politisch nur Zynismus sieht, anstatt den emanzipatorischen Impetus der sozialkonstruktivistischen Ans&auml;tze zu erkennen. Denn wenn soziale Realit&auml;ten durch soziale Macht- und Kr&auml;fteverh&auml;ltnisse entstehen, konsolidiert und aufrechterhalten werden, k&ouml;nnen sie in diesen und durch diese auch ver&auml;ndert werden. Und nichts anderes beschreibt ja auch Graeber selbst unerm&uuml;dlich in seinen B&uuml;chern &ndash; umso merkw&uuml;rdiger also die Fehleinsch&auml;tzung gegen&uuml;ber poststrukturalistisch- sozialkonstruktivistischen Ans&auml;tzen.</p> <p> W&auml;hrend Graeber hin und wieder zu essenzialisierenden Erkl&auml;rungen neigt, gibt es eben auch Beispiele, in denen er sich letztlich sozialkonstruktivistischen Argumentationsweisen ann&auml;hert.</p> <p> <strong>Erstes Beispiel: Die Frage der Politik.</strong> In Inside Occupy f&uuml;hrt Graeber eine Diskussion &uuml;ber die Begriffe Politik und Demokratie fort, die er schon in Frei von Herrschaft begonnen hatte. Er bespricht u.a. einige g&auml;ngige Vorstellungen, die mit den Begriffen Demokratie und Politik verbunden sind und beschreibt dabei die vergessenen (und vergessen gemachten) Einfl&uuml;sse auf die US-amerikanische Verfassung. Dabei betont er, dass die wahren demokratischen Verfahren vermutlich viel eher auf den indigenen Irokesenbund und die Piratenschiffe des 17. und 18. Jahrhunderts &ndash; Graeber nennt letztere einen &bdquo;perfekte(n) interkulturelle(n) Versuchsraum&ldquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref15_kpgakms" title="Graeber: Inside Occupy, S. 116." href="#footnote15_kpgakms">15</a> &ndash; zur&uuml;ckgehen als auf George Washington und Konsorten. Auch die Occupy Wall Street-Bewegung beschreibt Graeber als einen der &bdquo;R&auml;ume demokratischer Kreativit&auml;t&ldquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref16_ikxbeq3" title="Graeber: Inside Occupy, S. 129." href="#footnote16_ikxbeq3">16</a>. Sehr unterschiedliche Menschen k&auml;men darin zusammen und m&uuml;ssten sich vor allem ganz grunds&auml;tzlich darauf einigen, &bdquo;was Politik eigentlich ist.&ldquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref17_h66ihrp" title="Graeber: Inside Occupy, S. 129." href="#footnote17_h66ihrp">17</a> Politik ist also in Graebers Verst&auml;ndnis nichts essenziell feststehendes, das sich akademisch definieren lie&szlig;e. Allein aufgrund der unterschiedlichen Bedeutungen, die das Wort Demokratie im Laufe der Geschichte in unterschiedlichen Kontexten innegehabt h&auml;tte, k&ouml;nne ein einziger Kern unm&ouml;glich festgestellt werden, es &bdquo;gibt hier eindeutig kein &sbquo;wahres Wesen&rsquo; zu entdecken.&ldquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref18_cek0kuq" title="Graeber: Frei von Herrschaft, S. 189." href="#footnote18_cek0kuq">18</a> Demokratie und Politik best&uuml;nden vielmehr aus konkreten Praktiken und den Arten und Weisen, in denen diese Praktiken konzeptualisiert werden (d.h. es muss auch eine gewisse explizite &Uuml;bereinstimmung dar&uuml;ber bestehen, dass etwa Handzeichen-Geben und das menschliche Mikrofon etwas mit politischer Entscheidungsfindung zu tun haben, und nicht nur Folklore sind.) Der Begriff von Politik, auf den sich die Occupy-Bewegung verst&auml;ndigt hat &ndash; und den Graeber als &bdquo;Verfahren kollektiver Probleml&ouml;sung&ldquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref19_ak88gc7" title="Graeber: Inside Occupy, S. 130." href="#footnote19_ak88gc7">19</a> verstanden wissen will &ndash;, entspricht ganz sicher nicht dem, von dem Wall Street-Angestellte denken, &bdquo;was Politik eigentlich ist.&ldquo; Die OWS-Bewegung hat, wie jede soziale Bewegung, also u.a. das Anliegen, ihr Postulat von Politik in Realit&auml;t umzusetzen. Ist also auch die OWS-Bewegung zynisch? Nein, denn weder sie noch poststrukturalistisch-sozialkonstruktivistische Theorieans&auml;tze behaupten &ndash; von Ausnahmen mal abgesehen &ndash;, dass die Umsetzung von irgendetwas in Realit&auml;t einfach sei und dass dazu nicht bestimmte soziale Bedingungen, kulturelle Techniken und symbolische Transaktionen n&ouml;tig sind.</p> <p> <strong>Zweites Beispiel: Geld.</strong> In Bezug auf das Geld, dessen angeblich notwendige Entstehung in komplexen Gesellschaften er in seinem Schulden-Buch so vehement bestreitet, ist Graeber sozialkonstruktivistischen Erkl&auml;rungen ebenfalls nicht abgeneigt. Geld selber, betont er, habe &bdquo;keine Essenz&ldquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref20_u73j7gn" title="Graeber: Schulden, S. 391." href="#footnote20_u73j7gn">20</a>. Was es ist und jeweils bedeutet, sei daher stets &bdquo;politisch umstritten&ldquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref21_45w7fza" title="Graeber: Schulden, S. 391." href="#footnote21_45w7fza">21</a>. Graebers Geschichte der Schulden rekurriert in diesem sozialkonstruktivistischen Sinne eben nicht auf eine lediglich historisch-materialistische Geschichte der &Ouml;konomie, sondern bezieht die Geschichte der Geschlechterverh&auml;ltnisse, der Religionen und zahlreicher anderer Aspekte mit ein &ndash; ganz &auml;hnlich wie Marieke de Goede ihre poststrukturalistische Genealogie des Finanzwesens anlegt.<a class="see-footnote" id="footnoteref22_uspi30c" title="Pahl, S. 221." href="#footnote22_uspi30c">22</a> Selbst der Finanz-Crash des Jahres 2008 sei letztlich nicht als Aufeinandertreffen verschiedener &ouml;konomischer hard facts zu verstehen, sondern als Kampf &bdquo;um die Definition von Geld und Kredit.&ldquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref23_ot3flw8" title="Graeber: Schulden, S. 392." href="#footnote23_ot3flw8">23</a> Dass die Definitionen der Dinge und Zusammenh&auml;nge von m&auml;chtigen, oft nicht eindeutig zu benennenden und in ihren Interessen vielf&auml;ltig ausgerichteten AkteurInnen sehr handfeste, reale Auswirkungen haben &ndash; nichts anderes hatte auch Foucault behauptet.</p> <p> Insofern kann &uuml;berhaupt das Buch Schulden. Die ersten 5000 Jahre mit Fug und Recht als eine Diskursanalyse gerade im Sinne Foucaults gelesen werden. &bdquo;Schulden&ldquo; sind f&uuml;r Graeber letztlich das, was Foucault ein Dispositiv genannt h&auml;tte. Allerdings sind es f&uuml;r Foucault die Br&uuml;che, die es zu analysieren gilt, w&auml;hrend Graeber &ndash; obwohl er eine &bdquo;gro&szlig;e Erz&auml;hlung&ldquo; der &Ouml;konomie eindeutig (auch gegen den Marxismus gewandt) und damit einhergehend eine Essenzialisierung der menschlichen Natur als &bdquo;homo economicus&ldquo; ablehnt.<a class="see-footnote" id="footnoteref24_ly28e92" title="Graeber: Schulden, S. 58." href="#footnote24_ly28e92">24</a></p> <p> W&auml;hrend Graeber in &bdquo;Inside Occupy&ldquo; die Vorstellung, Realit&auml;t durch Sprache (also den Diskurs) zu ver&auml;ndern, eindeutig ablehnt bzw. eine solche Strategie schlicht als &bdquo;l&uuml;gen&ldquo; entlarven m&ouml;chte und eine angebliche Parallelit&auml;t neoliberaler &Ouml;konomie und poststrukturalistischer Theorie nahe legt, impliziert der gesamte Aufbau von &bdquo;Schulden&ldquo; eine sprachliche Grundlage des heutigen &ouml;konomischen Systems &ndash; folglich spricht er auch vom &bdquo;Diskurs der Wirtschaftswissenschaften&ldquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref25_e6yi9jk" title="Graeber: Schulden, S. 50." href="#footnote25_e6yi9jk">25</a> und weist, Keynes zitierend, darauf hin, dass die Macht des Staates darauf basiere, Begriffe zu kl&auml;ren und &bdquo;den Sprachgebrauch zu &auml;ndern&ldquo;.<a class="see-footnote" id="footnoteref26_r0rhrws" title="Graeber: Schulden, S. 60, vgl. &auml;hnlich S. 95." href="#footnote26_r0rhrws">26</a></p> <p> Es ist sicherlich problematisch, die Finanzen &ndash; letztlich: das Geld &ndash; mit Sprache und Diskursivit&auml;t gleichzusetzen, nichtsdestotrotz zeigt gerade Graebers Analyse, das verschiedene Arten von Geld historisch Kommunikationsmittel waren, dass das, was Geld also begrifflich ist, nicht nur diskursiv hergestellt wurde, sondern auch, dass die Funktion des Geldes zumindest teilweise diskursive Wirkungen hat. Letztlich legt Graeber durchaus so etwas wie eine &bdquo;Grammatologie&ldquo; des Geldes vor.<a class="see-footnote" id="footnoteref27_0eut5mg" title="Hanno Pahl macht in seinem bereits zitierten Beitrag darauf aufmerksam, dass Marx solche Vergleiche strikt ablehnte. Dennoch betont Pahl, dass poststrukturalistische Diskursanalyse und Marxsche Formanalyse des Kapitals jeweils durchaus auf &auml;hnlicher Basis operierende Analysen verschiedener Symbolsysteme seien. Vgl. Pahl, S.225f." href="#footnote27_0eut5mg">27</a> Insbesondere, wenn Graeber analysiert, dass in der &bdquo;Achsenzeit&ldquo; (bei ihm die Jahre 800 v.u.Z. &ndash; 600 n.u.Z.) ein historischer Bruch einsetzt, der Philosophie und Politik nachhaltig beeinflusst, wird eine Verwandtschaft zu Foucault deutlich. Letztlich beschreibt Graeber, wie Diskurse um Politik, Wirtschaft und Milit&auml;r sich gegenseitig beeinflussten<a class="see-footnote" id="footnoteref28_fm48igp" title="Graeber: Schulden, S. 253." href="#footnote28_fm48igp">28</a> und einem Utilitarismus den Weg bahnten: der M&ouml;glichkeit, &bdquo;einen Nachbarn wie einen Fremden zu behandeln&ldquo;.<a class="see-footnote" id="footnoteref29_9mbxtoo" title="Graeber: Schulden, S. 251." href="#footnote29_9mbxtoo">29</a></p> <p> <strong>Drittes Beispiel: Identit&auml;t.</strong> Trotz seiner jeglichem poststrukturalistischem Denken widersprechenden Essenzialisierung hat Graeber einen dem Poststrukturalismus nicht un&auml;hnlichen skeptischen Blick auf Identit&auml;t: &bdquo;Die Logik der Identit&auml;t ist immer und &uuml;berall mit der Logik der Hierarchie verwoben. [&hellip;] In dem Augenblick, da wir ein Gegen&uuml;ber als eine andere Art Mensch erkennen, [&hellip;] werden die normalen Regeln der Gegenseitigkeit modifiziert oder au&szlig;er Kraft gesetzt&ldquo;.<a class="see-footnote" id="footnoteref30_cze1hez" title="Graeber: Schulden, S. 118." href="#footnote30_cze1hez">30</a> Die Kritik an den Klassifizierungen von Menschen &ndash; Identit&auml;tszuschreibungen und Identit&auml;tskritik &ndash;, die dann in eine Ordnung gebracht werden, sortiert in die &bdquo;Eigenen&ldquo; und die &bdquo;Anderen&ldquo;, das ist wohl das Hauptprojekt poststrukturalistischen Denkens. Warum harmoniert Graeber diesbez&uuml;glich &ndash; er nennt als Beispiele &bdquo;Rasse&ldquo; und &bdquo;Kaste&ldquo; &ndash; pl&ouml;tzlich mit der sonst kritisierten poststrukturalistischen Position? Die poststrukturalistischen Beurteilungen dieser Klassifizierungen sind in ein akademisches Kanon-Wissen all jener eingegangen, die sich f&uuml;r derart Probleme interessieren, sie sind allgemein nachvollziehbar und plausibel. In diesem Bereich unterscheiden sich die Meinungen und Ziele Graebers nicht vom Poststrukturalismus, die Akzeptanz dieser Position st&ouml;rt nicht in seinem Gesamtkonzept.</p> <h2> Der pr&auml;diskursive Mensch und die konstruierte Gesellschaft</h2> <p> Der entscheidende Unterschied zu den Theoremen des Poststrukturalismus allerdings liegt in Graebers Annahme einer pr&auml;diskursiven Realit&auml;t: Graeber spricht zwar von der Einbindung in Diskurse, in diesen spiegelt sich aber lediglich etwas wider, in den Diskursen findet er die Reaktionen der Menschen, die vorher, so impliziert er, nicht in Diskurse eingebunden waren. Bescheiden, wie er ist, betont er, dass &bdquo;allein die Anthropologen [&hellip;] in der Lage&ldquo; sind, diesen pr&auml;diskursiven Zustand der Menschen &bdquo;zu beobachten&ldquo;.<a class="see-footnote" id="footnoteref31_dwysd11" title="Graeber: Schulden, S. 256." href="#footnote31_dwysd11">31</a><br /> Dieser essenzielle individuelle Mensch steht bei Graeber zahlreichen Konstrukten gegen&uuml;ber: Letztlich ist ihm auch die Gesellschaft ein Konstrukt. Die Gesellschaft, so Graeber, mu&szlig; &bdquo;best&auml;ndig neu geschaffen werden&ldquo;. <a class="see-footnote" id="footnoteref32_q1hjk71" title="Graeber: Schulden, S. 131." href="#footnote32_q1hjk71">32</a> Ebenso wie im Poststrukturalismus ist bei Graeber gemeint: Die durch Staatsgrenzen, Religionen, Milieus oder Ethnien voneinander abgegrenzten Gesellschaften sind Konstrukte, sie tendieren zu einer gesellschaftlichen Totalit&auml;t und exkludieren die Vielfalt der Minderheiten. Sowohl in einer entpolitisierten Variante des Poststrukturalismus<a class="see-footnote" id="footnoteref33_rki2uej" title="Vgl. dazu erneut van Dyk, Silke: Poststrukturalismus. Gesellschaft. Kritik." href="#footnote33_rki2uej">33</a> wie auch im Neoliberalismus ist daraus das Thatchersche Diktum &bdquo;There is no such thing as society&ldquo; geworden, der sich Graeber hier erstaunlicherweise anschlie&szlig;t. W&auml;hrend aber der Poststrukturalismus letztlich nur darauf hinweist, dass Gesellschaft nichts essenzielles, absolutes, ahistorisches oder unver&auml;nderbares ist, geht David Graebers &bdquo;antigesellschaftliches&ldquo; Denken weit &uuml;ber den Gesellschaftsskeptizismus des Poststrukturalismus hinaus. Im Poststrukturalismus mag die Gesellschaft als Konstrukt verstanden werden, teilweise sogar als sprachliches Konstrukt. Eben dieser Aspekt der poststrukturalistischen Gesellschaftsanalyse wird oft als &bdquo;antigesellschaftlich&ldquo; kritisiert. &Uuml;bersehen wird dabei meist schlicht, dass die Analyse als Konstrukt noch lange keine wertende Aussage beinhaltet: Die Gesellschaft ist hier nicht weniger &bdquo;real&ldquo; als in anderen Gesellschaftstheorien. Da Graeber einen solchen &bdquo;Relativismus&ldquo; aber in Bausch und Bogen ablehnt, bedeutet seine Anzweiflung der Gesellschaft, es g&auml;be diese tats&auml;chlich nicht, selbst wenn man sich bem&uuml;hte, sie sprachlich zu konstruieren. Eine solche Bem&uuml;hung sei, so Graeber ausf&uuml;hrlich in Inside Occupy, eine Fiktion. Zugleich aber legt er dar, dass der Markt genauso sprachlich konstruiert wurde: letztlich finden wir doch eine Menge von Menschen vor, die durch sprachliche Mittel &uuml;berzeugt wurde, sich kollektiv in Marktf&ouml;rmigkeit zu verwalten.</p> <p> Bei Graeber steht also ein essenzieller, nat&uuml;rlicher Mensch (ein Individuum, dessen Realit&auml;t Graeber nicht bezweifelt) gegen eine letztlich fiktive, weil nur sprachlich konstruierte, Gesellschaft. Das ist eine erstaunliche Argumentationsweise f&uuml;r jemanden, der sich positiv auf einen &bdquo;elementaren Kommunismus&ldquo;, das Gemeinsam-Machen mehrerer Menschen, beruft, der sich r&uuml;hmt, die Parole der &bdquo;99 Prozent&ldquo; erfunden zu haben &ndash; denn man fragt sich unvermeidlich: 99 Prozent von was? Was Graeber geflissentlich ignoriert &ndash; zumindest wenn es ihm nicht in den Kram passt wie bei der Konstruktion des Marktes &ndash; ist das Sprechen als produktive T&auml;tigkeit des oder der Menschen, im letzten Falle in einer durchaus diversit&auml;ren Kollektivit&auml;t, als Gesellschaft, die eben Diskurs (re)produziert.</p> <p> Graeber gef&auml;llt sich in der Rolle des absoluten Verneiners von Gesellschaft &ndash; und bleibt damit letztlich genau in der von ihm kritisierten klassischen Spielart des Materialismus verhaftet. Dass Graeber auf diese Analyse seine anarchistische Staatskritik<a class="see-footnote" id="footnoteref34_5ozhdcp" title="Graeber: Schulden, S. 121." href="#footnote34_5ozhdcp">34</a> aufbaut, zeugt von einer eher individual-anarchistischen Tradition, letztlich auch einer US-amerikanischen Tradition von Anarchismus. Diese Gesellschafts- und Anarchismus-Interpretation basiert auch auf der Hegemonie des Neoliberalismus in den USA. Graeber m&ouml;chte die These einer Konkurrenz zwischen &bdquo;Regierungen und Kaufleuten&ldquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref35_ugn5fr2" title="Graeber: Schulden, S. 81." href="#footnote35_ugn5fr2">35</a> widerlegen, indem er den Diskurs nachvollzieht, der zu dieser These gef&uuml;hrt hat &ndash; letztlich ist dies aber nicht der Diskurs, sondern lediglich eine hegemoniale Diskursposition, die zudem im &bdquo;Alten Europa&ldquo; keineswegs so hegemonial ist.</p> <h2> Die Komplexit&auml;t der Herrschaft und das Begehren nach Eindeutigkeit</h2> <p> Ein guter Grund daf&uuml;r, sich f&uuml;r poststrukturalistische Aspekte im Anarchismus stark zu machen, besteht letztlich in der Komplexit&auml;t gegenw&auml;rtiger Herrschaftsverh&auml;ltnisse. Diese ist mit einem an Foucault angelehnten Machtbegriff eben doch besser zu beschreiben als mit dem traditionell anarchistischen. Letzterer fasst Macht vor allem als Gewaltverh&auml;ltnis, deren oberster Ausdruck und Vollstrecker der Staat ist. Herrschaft heute, lie&szlig;e sich einwenden, funktioniert aber l&auml;ngst nicht mehr allein durch Knechtung, Unterdr&uuml;ckung und Gewaltaus&uuml;bung und -androhung &ndash; sondern mit Hilfe von Kooptation, Einbindung, Beteiligung, Absch&ouml;pfung der allgemeinen Produktivit&auml;t, Partizipation auf allen Stufen der sozialen Hierarchie. Einerseits f&auml;llt der 99-Prozent-Slogan selbst hinter all die differenzierten Herrschaftsanalysen zur&uuml;ck, denn er trennt ja schlicht zwischen Herrschenden (1%) und Beherrschten (99%). Andererseits aber sind die Praktiken OWS und sogar die der weltweiten Occupy-Bewegungen da schlauer, sie scheinen sich dieser Aspekte der Einbindung etc. eigentlich sehr klar zu sein: In ihrer Verweigerung, Forderungen zu formulieren da, wie Graeber selber beschreibt, &bdquo;dadurch die Legitimit&auml;t &ndash; oder zumindest die Macht &ndash; jener anerkannt w&uuml;rde, an die die Forderungen gestellt werden&ldquo;,<a class="see-footnote" id="footnoteref36_1p4wajj" title="David Graeber: Die anarchistischen Wurzeln von &bdquo;Occupy Wall Street&ldquo;. S. 30. In: Infogruppe Bankrott (Hg.): Occupy Anarchy! Libert&auml;re Interventionen in eine neue Bewegung. M&uuml;nster: Edition Assemblage 2012. S. 28-36." href="#footnote36_1p4wajj">36</a> agieren sie gerade im Sinne einer Bewegung, die sich der Ambivalenz von Souver&auml;nit&auml;ten, Repr&auml;sentationen und Identit&auml;ten sehr bewusst ist.</p> <p> Graeber selbst muss in dieser Hinsicht letztlich auch einlenken. Im Interview mit der K&ouml;lner Stadtrevue muss er einwenden: &bdquo;Man kann nicht behaupten, es gibt unter der H&uuml;lle des Kapitals intakte Strukturen der Menschlichkeit, unser Leben ist auf mannigfaltige Weise mit dem Kapital verwickelt, diese Verfilzung m&uuml;ssen wir analysieren.&ldquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref37_ceunlcx" title="Graeber: &bdquo;Der Rohstoff des Lebens&ldquo;, in: K&ouml;lner Stadtrevue, Juli 2012, http://www.stadtrevue.de/home/leseprobe/2748-david-graeber-der-rohstoff-des-lebens/" href="#footnote37_ceunlcx">37</a> Gleiches lie&szlig;e sich &uuml;ber den Staat sagen, dass alle mit ihm auf vielf&auml;ltige Weise verkn&uuml;pft sind, eingebunden in seine Strukturen, die nur durch diese Einbindung aufrechterhalten werden k&ouml;nnen. Indem Graeber aber &ndash; wie die meisten AnarchistInnen &ndash; den Staat auf Polizei, Milit&auml;r etc., auf Gewalt und Repression also, reduziert, lassen sich die Verfilzungen gerade nicht analysieren. Nicht analysieren lassen sich mit diesem Staatsverst&auml;ndnis auch die vielen Differenzen unter den Marginalisierten. Die unterschiedliche strukturelle Betroffenheit von Ausbeutung, Ausgrenzung und Diskriminierung, die seit Jahrzehnten Thema von Feminismus und Ethnizit&auml;ts- und Rassismusforschung sind, werden im Anarchismus bisher nicht gerade ausufernd thematisiert. Graeber tut nicht allzu viel, um diese L&uuml;cke zu schlie&szlig;en. Hier k&ouml;nnte eine poststrukturalistisch informierte Herrschaftskritik, die alle Formen von auf unterschiedlichen Ressourcen basierenden Repr&auml;sentationen (inklusive ihrer materiellen Grundlagen) untersucht, eventuell Abhilfe schaffen.</p> <p> Die zunehmende Kritik am Poststrukturalismus ist u.E. auch mit einem &ndash; krisenbedingten &ndash; neuen Begehren nach Eindeutigkeit zu erkl&auml;ren. F&uuml;r breite Bev&ouml;lkerungsschichten findet sich diese wieder in der Religion, unter Gesellschaftskritiker_innen einerseits in einer neuen Marx-Lekt&uuml;re, die sich lediglich als wissenschaftliche &Ouml;konomie-Analyse versteht und andererseits in einer recht breiten Besinnung auf die Naturwissenschaften, die tendenziell die Emanzipationsbestrebungen aus Gender- und Queer-Aktivismus und &ndash;Forschung gef&auml;hrdet. Die Popularisierung der Anthropologie, gerade in Deutschland lange eher kritisch be&auml;ugt, f&auml;llt als interdisziplin&auml;re Humanwissenschaft, die Aspekte der Biologie mit aufnimmt, in diesen Bereich. Die Anthropologie neigt zu Essenzialisierungen und sogar zur Naturalisierung (sei es einzelner &bdquo;Ethnien&ldquo; oder gar der gesamten Menschheit). Solche Essenzialisierungen sind unseres Erachtens aus anarchistischer Sicht zur&uuml;ckzuweisen, selbst wenn sie &ndash; wie eine anarchistisch motivierte Anthropologie es auch vor Graeber schon tat &ndash; bei den Beherrschten und Ausgebeuteten so etwas Verlockendes wie &bdquo;antiherrschaftliche Mentalit&auml;t&ldquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref38_g3k38w5" title="Christian Sigrist: Regulierte Anarchie. Hamburg 1994: Europ&auml;ische Verlagsanstalt, 3. Aufl., S. 203." href="#footnote38_g3k38w5">38</a> aufzufinden vermeint.</p> <p> &nbsp;</p> <p> <em>Dieser Beitrag erschien zuerst in der November 2012 Ausgabe der <a href="http://graswurzel.net">Graswurzelrevolution</a>.</em></p> <ul class="footnotes"><li class="footnote" id="footnote1_iqg8da3"><a class="footnote-label" href="#footnoteref1_iqg8da3">1.</a> David Graeber: &bdquo;Der Rohstoff des Lebens&ldquo;, in: K&ouml;lner Stadtrevue, Juli 2012, <a href="http://www.stadtrevue.de/home/leseprobe/2748-david-graeber-der-rohstoff-des-lebens/">http://www.stadtrevue.de/home/leseprobe/2748-david-graeber-der-rohstoff-des-lebens/</a></li> <li class="footnote" id="footnote2_678n8cj"><a class="footnote-label" href="#footnoteref2_678n8cj">2.</a> David Graeber: Inside Occupy, Frankfurt am Main/ New York 2012, Campus Verlag, S. 41.</li> <li class="footnote" id="footnote3_oh3w2dh"><a class="footnote-label" href="#footnoteref3_oh3w2dh">3.</a> Matthias Geffrath: &bdquo;Am Wendepunkt&ldquo;, in: Die Zeit, 18.05.2012, <a href="http://www.zeit.de/2012/21/L-Graeber">http://www.zeit.de/2012/21/L-Graeber</a>. Auch Thomas Wagner zitiert in der Zeitung junge welt diese urspr&uuml;nglich aus &bdquo;Frei von Herrschaft&ldquo; stammende Passage. Interessanterweise ist ausgerechnet der orthodoxen junge welt Graeber hier ein &bdquo;Anarchist mit Klassenstandpunkt&ldquo;. Hier ging es wohl darum, den Feind des Feindes zum Freund zu erkl&auml;ren. Denn obwohl David Graeber Mitglied der klassenk&auml;mpferischen IWW ist, ist sein Klassenbegriff zwar vorhanden, aber doch etwas sehr schwammig. Vgl. dazu Ingo St&uuml;tzle: &bdquo;Schuld und S&uuml;hne.&ldquo; In: analyse und kritik Nr. 572, 18.05.2012, <a href="http://www.akweb.de/ak_s/ak572/42.htm">http://www.akweb.de/ak_s/ak572/42.htm</a>; Ders.: Nachtrag zur Graeber-Besprechung, 28.05.2012 auf <a href="http://stuetzle.cc/2012/05/nachtrag-zur-graeber-besprechung/">http://stuetzle.cc/2012/05/nachtrag-zur-graeber-besprechung/</a>; sowie: &bdquo;Kein Interesse, au&szlig;er dem zu atmen.&ldquo; In: wildcat 93, Herbst 2012, <a href="http://www.wildcat-www.de/en/wildcat/93/e_w93_bb_graeber.html">http://www.wildcat-www.de/en/wildcat/93/e_w93_bb_graeber.html</a>.</li> <li class="footnote" id="footnote4_2rkb58h"><a class="footnote-label" href="#footnoteref4_2rkb58h">4.</a> Eine differenzierte Kritik findet sich etwa bei Silke van Dyk: &bdquo;Poststrukturalismus. Gesellschaft. Kritik. &Uuml;ber Potenziale, Probleme und Perspektiven.&ldquo; In: Prokla 167, Juni 2012. S.185 &ndash; 208.</li> <li class="footnote" id="footnote5_gg6sq1o"><a class="footnote-label" href="#footnoteref5_gg6sq1o">5.</a> Isabel Lorey/ Roberto Nigro/ Gerald Raunig: &bdquo;Inventionen. Zur Aktualisierung poststrukturalistischer Theorie.&ldquo; In: Isabel Lorey/ Roberto Nigro/ Gerald Raunig (Hg.): Inventionen, Z&uuml;rich 2011, diaphanes Verlag, S. 9-19, hier S. 18.</li> <li class="footnote" id="footnote6_ex0wwbq"><a class="footnote-label" href="#footnoteref6_ex0wwbq">6.</a> Vgl. etwa die wiederabgedruckten Beitr&auml;ge von Andrew M. Koch, Todd May, Saul Newman und Hakim Bey in Duane Rouselle/ S&uuml;reyyya Evren (Hg.): Post-Anarchism. A Reader. New York: Pluto Books 2011.</li> <li class="footnote" id="footnote7_z8ppd61"><a class="footnote-label" href="#footnoteref7_z8ppd61">7.</a> David Graebers Ablehnung des Poststrukturalismus hat sicherlich auch biographische Gr&uuml;nde: Bekanntlich wurde Graebers Vertrag an der Universit&auml;t Yale 2007 nicht mehr verl&auml;ngert. Das Ereignis wurde zum globalen Politikum, denn als Hintergrund wurde einerseits Graebers anarchistisches Engagement vermutet, andererseits aber auch seine proletarische Herkunft. Und gerade Yale wurde seit den 1980er Jahren mit einer spezifisch US-amerikanischen Poststrukturalismus-Tradition verbunden, die die Kapitalismus-Kritik &uuml;ber Bord geworfen hatte. Vgl. Hanno Pahl: &bdquo;Genealogisch-poststrukturalistische &Ouml;konomiekritik und Kritik der politischen &Ouml;konomie. Eine Aufforderung zum Tanz.&ldquo; S. 213. In: Prokla 167, Juni 2012. S. 211 &ndash; 228.</li> <li class="footnote" id="footnote8_z8t6ady"><a class="footnote-label" href="#footnoteref8_z8t6ady">8.</a> David Graeber: Frei von Herrschaft. Fragmente einer anarchistischen Anthropologie, Wuppertal 2008, Edition Trickster im Peter Hammer Verlag, S. 86.</li> <li class="footnote" id="footnote9_pdt0hpb"><a class="footnote-label" href="#footnoteref9_pdt0hpb">9.</a> Graeber: Frei von Herrschaft, S. 87.</li> <li class="footnote" id="footnote10_97jmjf8"><a class="footnote-label" href="#footnoteref10_97jmjf8">10.</a> Graeber: Schulden, S. 214f.</li> <li class="footnote" id="footnote11_4ks0fgp"><a class="footnote-label" href="#footnoteref11_4ks0fgp">11.</a> &bdquo;Materialismus&rdquo; ist David Graeber ein Konzept, dass &bdquo;Form und Inhalt&rdquo; [&hellip;] &bdquo;Substanz und Gestalt&ldquo; als Gegens&auml;tze betrachtet (Graeber: Schulden, S.260). Dies kann allerdings nur bis Marx G&uuml;ltigkeit besitzen, denn genau die Aufhebung dieser Dualit&auml;t ist der Kern der Marxschen Variante des Materialismus.</li> <li class="footnote" id="footnote12_6qiqm7x"><a class="footnote-label" href="#footnoteref12_6qiqm7x">12.</a> Graeber: Inside Occupy, S. 95.</li> <li class="footnote" id="footnote13_9aibi1t"><a class="footnote-label" href="#footnoteref13_9aibi1t">13.</a> Graeber: Inside Occupy, S. 95.</li> <li class="footnote" id="footnote14_azsm6ji"><a class="footnote-label" href="#footnoteref14_azsm6ji">14.</a> Graeber: Inside Occupy, S. 95.</li> <li class="footnote" id="footnote15_kpgakms"><a class="footnote-label" href="#footnoteref15_kpgakms">15.</a> Graeber: Inside Occupy, S. 116.</li> <li class="footnote" id="footnote16_ikxbeq3"><a class="footnote-label" href="#footnoteref16_ikxbeq3">16.</a> Graeber: Inside Occupy, S. 129.</li> <li class="footnote" id="footnote17_h66ihrp"><a class="footnote-label" href="#footnoteref17_h66ihrp">17.</a> Graeber: Inside Occupy, S. 129.</li> <li class="footnote" id="footnote18_cek0kuq"><a class="footnote-label" href="#footnoteref18_cek0kuq">18.</a> Graeber: Frei von Herrschaft, S. 189.</li> <li class="footnote" id="footnote19_ak88gc7"><a class="footnote-label" href="#footnoteref19_ak88gc7">19.</a> Graeber: Inside Occupy, S. 130.</li> <li class="footnote" id="footnote20_u73j7gn"><a class="footnote-label" href="#footnoteref20_u73j7gn">20.</a> Graeber: Schulden, S. 391.</li> <li class="footnote" id="footnote21_45w7fza"><a class="footnote-label" href="#footnoteref21_45w7fza">21.</a> Graeber: Schulden, S. 391.</li> <li class="footnote" id="footnote22_uspi30c"><a class="footnote-label" href="#footnoteref22_uspi30c">22.</a> Pahl, S. 221.</li> <li class="footnote" id="footnote23_ot3flw8"><a class="footnote-label" href="#footnoteref23_ot3flw8">23.</a> Graeber: Schulden, S. 392.</li> <li class="footnote" id="footnote24_ly28e92"><a class="footnote-label" href="#footnoteref24_ly28e92">24.</a> Graeber: Schulden, S. 58.</li> <li class="footnote" id="footnote25_e6yi9jk"><a class="footnote-label" href="#footnoteref25_e6yi9jk">25.</a> Graeber: Schulden, S. 50.</li> <li class="footnote" id="footnote26_r0rhrws"><a class="footnote-label" href="#footnoteref26_r0rhrws">26.</a> Graeber: Schulden, S. 60, vgl. &auml;hnlich S. 95.</li> <li class="footnote" id="footnote27_0eut5mg"><a class="footnote-label" href="#footnoteref27_0eut5mg">27.</a> Hanno Pahl macht in seinem bereits zitierten Beitrag darauf aufmerksam, dass Marx solche Vergleiche strikt ablehnte. Dennoch betont Pahl, dass poststrukturalistische Diskursanalyse und Marxsche Formanalyse des Kapitals jeweils durchaus auf &auml;hnlicher Basis operierende Analysen verschiedener Symbolsysteme seien. Vgl. Pahl, S.225f.</li> <li class="footnote" id="footnote28_fm48igp"><a class="footnote-label" href="#footnoteref28_fm48igp">28.</a> Graeber: Schulden, S. 253.</li> <li class="footnote" id="footnote29_9mbxtoo"><a class="footnote-label" href="#footnoteref29_9mbxtoo">29.</a> Graeber: Schulden, S. 251.</li> <li class="footnote" id="footnote30_cze1hez"><a class="footnote-label" href="#footnoteref30_cze1hez">30.</a> Graeber: Schulden, S. 118.</li> <li class="footnote" id="footnote31_dwysd11"><a class="footnote-label" href="#footnoteref31_dwysd11">31.</a> Graeber: Schulden, S. 256.</li> <li class="footnote" id="footnote32_q1hjk71"><a class="footnote-label" href="#footnoteref32_q1hjk71">32.</a> Graeber: Schulden, S. 131.</li> <li class="footnote" id="footnote33_rki2uej"><a class="footnote-label" href="#footnoteref33_rki2uej">33.</a> Vgl. dazu erneut van Dyk, Silke: Poststrukturalismus. Gesellschaft. Kritik.</li> <li class="footnote" id="footnote34_5ozhdcp"><a class="footnote-label" href="#footnoteref34_5ozhdcp">34.</a> Graeber: Schulden, S. 121.</li> <li class="footnote" id="footnote35_ugn5fr2"><a class="footnote-label" href="#footnoteref35_ugn5fr2">35.</a> Graeber: Schulden, S. 81.</li> <li class="footnote" id="footnote36_1p4wajj"><a class="footnote-label" href="#footnoteref36_1p4wajj">36.</a> David Graeber: Die anarchistischen Wurzeln von &bdquo;Occupy Wall Street&ldquo;. S. 30. In: Infogruppe Bankrott (Hg.): Occupy Anarchy! Libert&auml;re Interventionen in eine neue Bewegung. M&uuml;nster: Edition Assemblage 2012. S. 28-36.</li> <li class="footnote" id="footnote37_ceunlcx"><a class="footnote-label" href="#footnoteref37_ceunlcx">37.</a> Graeber: &bdquo;Der Rohstoff des Lebens&ldquo;, in: K&ouml;lner Stadtrevue, Juli 2012, <a href="http://www.stadtrevue.de/home/leseprobe/2748-david-graeber-der-rohstoff-des-lebens/">http://www.stadtrevue.de/home/leseprobe/2748-david-graeber-der-rohstoff-des-lebens/</a></li> <li class="footnote" id="footnote38_g3k38w5"><a class="footnote-label" href="#footnoteref38_g3k38w5">38.</a> Christian Sigrist: Regulierte Anarchie. Hamburg 1994: Europ&auml;ische Verlagsanstalt, 3. Aufl., S. 203.</li> </ul> <div class="flattr-box"><script type="text/javascript"> var flattr_uid = 'systempunkte'; var flattr_tle = 'Bondage, Zynismus und Konstruktionen'; var flattr_dsc = '&lt;p&gt; Der neue &amp;bdquo;Superstar des Anarchismus&amp;ldquo; (&lt;em&gt;K&amp;ouml;lner Stadtrevue&lt;/em&gt;), der vor allem wegen seines Buches &lt;em&gt;Schulden. Die ersten 5000 Jahre&lt;/em&gt; viel beachtete Anthropologe David Graeber, beschreibt sich selbst als &amp;bdquo;aufgeschlossenen Anarchisten&amp;ldquo;. Er meint damit, offen zu sein f&amp;uuml;r politische B&amp;uuml;ndnisse und sich in seinen Organisierungsversuchen nicht nur auf anarchistische Kreise zu beschr&amp;auml;nken.&lt;/p&gt;'; var flattr_tag = 'Bewegung'; var flattr_cat = 'text'; var flattr_url = 'http://www.systempunkte.org/article/bondage-zynismus-und-konstruktionen'; var flattr_lng = 'de_DE'</script> <script src="http://api.flattr.com/button/load.js" type="text/javascript"></script> </div> http://www.systempunkte.org/article/bondage-zynismus-und-konstruktionen#comments Bewegung Thu, 21 Feb 2013 18:05:21 +0000 Tuli 186 at http://www.systempunkte.org Die schwarzen Ecken des Webs: Anarchismus.at http://www.systempunkte.org/article/die-schwarzen-ecken-des-webs-anarchismusat <p> <em><font face="Times">Mittlerweile sind es doch einige: die Webpr&auml;senzen des Anarchismus. In einer Reihe von Interviews m&ouml;chten wir euch mit den schwarzen Ecken des Webs vertraut machen. Diesmal stellen wir euch vor: <a href="http://anarchismus.at">Anarchismus.at</a></font></em></p> <p> &nbsp;</p> <p> &nbsp;</p> <p> <em>Warum hast du mit der Homepage anarchismus.at angefangen?</em></p> <p class="rteindent1"> Die Seite selbst gibt es schon lange, n&auml;mlich seit Dezember 2002. Damit begonnen hatte ich, weil viele anarchistische Texte oder Internetseiten bereits nach wenigen Monaten oder Jahren wieder aus dem Netz verschwunden waren, weil die Seiten einfach nicht mehr betreut und gel&ouml;scht wurden. Deshalb wollte ich ein Textarchiv zusammenstellen, das langfristig erreichbar sein sollte. Die Seite selbst wurde dann eine Mischung aus von anderen Quellen gesammelten und von mir selbst digitalisierten Texten und Bildern.</p> <p class="rteindent1"> Nachdem die Seite langsam in die Jahre kam, technisch veraltete und sich auch aus Zeitgr&uuml;nden lange nichts mehr tat, habe ich 2010 mit dem Umstieg auf ein moderneres System begonnen. Im November 2011 ging dann die neue Seite online und es sind massenhaft neue Texte, Bilder, PDF und MP3 dazugekommen. Ziel ist immer noch das selbe: ein umfangreiches Internetarchiv deutschsprachiger anarchistischer Texte.</p> <p> <em>Was sind die Schwerpunkte der Seite?</em></p> <p class="rteindent1"> Inhaltlich liegen die Schwerpunkte im Textarchiv bei anarchistischen Texten, es sind aber auch r&auml;tekommunistische Sachen, Texte &uuml;ber die EZLN oder die Wobblies und (anarcha)feministische Inhalte dazugekommen. Pers&ouml;nlich m&ouml;chte ich auch Schwerpunkte auf die Spanische Revolution 1936 und die dortigen (Schwierigkeiten der) Kollektivierungen sowie auf die Geschichte der FAUD und den Widerstand von AnarchistInnen und AnarchosyndikalistInnen gegen Faschismus und Nationalsozialismus legen.</p> <p class="rteindent1"> Komplett neu ist der regelm&auml;&szlig;ig aktualisierte Blogbereich. In dem finden sich viele Texte und News, die auch einen aktuellen Bezug zu Ereignissen heute aufweisen, etwa zu sozialen K&auml;mpfen in Griechenland und Spanien. Hier schreibe ich selbst &ouml;fter &uuml;ber Themen, die mich besonders interessieren.</p> <p> <em>F&uuml;r wen schreibst du, wer ist das &quot;Zielpublikum&quot; der Seite?</em></p> <p class="rteindent1"> Das Textarchiv ist so gestaltet, dass es einen &Uuml;berblick &uuml;ber viele verschiedene Themen bietet. Manches davon ist wohl nur f&uuml;r AnarchistInnen oder f&uuml;r KennerInnen der anarchistischen Bewegung interessant und einiges ist von rein historischem Interesse. Texte von Erich M&uuml;hsam zur &quot;Frauenfrage&quot; von 1914 etwa k&ouml;nnen wohl kaum mehr als interessanten Input f&uuml;r heutige Ideen und Debatten dienen...</p> <p class="rteindent1"> Andererseits versuche ich mit der Seite auch, Interessierte am Anarchismus anzusprechen. Entsprechend gibt es zu jeder einzelnen Kategorie eine kurze Einleitung, quasi als Einf&uuml;hrung ins Thema. Es geht mir also auch darum, andere f&uuml;r den Anarchismus und anarchistische Vorstellungen zu interessieren.</p> <p> <em>Angenommen, man w&uuml;rde dir eine Seite in der n&auml;chsten FAZ zur Verf&uuml;gung stellen - was w&uuml;rdest du schreiben?</em></p> <p class="rteindent1"> Ich w&uuml;rde &uuml;ber Beispiele von Kollektiven, horizontale Organisierungsmodelle und &auml;hnliches schreiben. Also &uuml;ber praktisch greifbare anarchistische Vorstellungen und gegenseitige Hilfe. Anarchismus ist f&uuml;r mich kein Wolkenkuckucksheim einer in ferner Zukunft liegenden idealen Welt, in der dann alle Menschheitsprobleme gel&ouml;st sind und es keine Konflikte und Probleme mehr gibt. Ich verstehe den Anarchismus vielmehr als eine egalit&auml;re soziale Praxis in allen Lebensbereichen - im Gegensatz zu hierarchischen Strukturen und den derzeit dominierenden Gesellschaftsvorstellungen.</p> <p> <em>Welche (Internet-)Lekt&uuml;re schl&auml;gst du vor?</em></p> <p class="rteindent1"> Selbst lese ich die Seiten der <a href="http://fau.org">FAU</a> und <a href="https://syndikalismus.wordpress.com/">syndikalismus.tk</a> zu Infos zu Arbeitsk&auml;mpfen, die <a href="http://fda-ifa.org/category/gai-dao/">Gai Dao</a>, <a href="http://graswurzel.net">Graswurzelrevolution</a> und <a href="http://systempunkte.org">systempunkte</a> zu Theorie und Debatte und Indymedia zu Szenenews. Empfehlen kann ich ansonsten noch <a href="http://blog.occupiedlondon.org/">occupiedlondon</a> und <a href="http://en.contrainfo.espiv.net/">contrainfo</a> zu den aktuellen Entwicklungen in Griechenland - ja und dann nutze ich noch twitter. Dar&uuml;ber kann man geteilter Meinung sein, aber als Informationspool finde ich es sehr n&uuml;tzlich. Da kriege ich von Spanien &uuml;ber Chile bis Russland viele Informationen &uuml;ber Ereignisse, die bei sonstigen (Szene)Medien komplett an mir vorbeigehen w&uuml;rden...</p> <p class="rteindent1"> Als Einstiegslekt&uuml;re zum Anarchismus empfehle ich immer noch die B&uuml;cher von Horst Stowasser. Ansonsten sind B&uuml;cher mehr davon abh&auml;ngig, was mich gerade interessiert - und vieles lese ich auch im Zuge der Digitalisierung von Texten f&uuml;r meine Homepage selbst.</p> <p> <em>Gab es in Sachen politischer Theorie in letzter Zeit etwas, was dich auf neue Gedanken gebracht oder zum Umdenken bewegt hat?</em></p> <p class="rteindent1"> Nicht wirklich ;-). Zwar schaue ich gerne &uuml;ber den Tellerrand des Anarchismus (feministische Debatten, r&auml;tekommunistisches, Zapatismus, Occupy, Soziale Revolten weltweit...), finde anarchistische Vorstellungen aber weiterhin am Interessantesten f&uuml;r soziale Alternativen f&uuml;r das 21. Jahrhunderts. Klar besch&auml;ftige ich mich mit vielen aktuellen Bewegungen und sehe mir auch an, welche Organisationsformen, Inhalte und Gesellschaftsalternativen diese beinhalten. Und manches steht mir da als &quot;sozialen Anarchisten&quot; dann auch n&auml;her, als so manche individualistische oder nihilistische anarchistische Str&ouml;mung.</p> <p> <em>Was braucht die oder fehlt deiner Meinung nach der anarchistischen Bewegung?</em></p> <p class="rteindent1"> Im deutschsprachigen Raum fehlt ihr der &quot;Ausbruch aus der Szene&quot;. Anarchismus ist hier haupts&auml;chlich als sich abschottende&nbsp; (Jugend)Szene wahrnehmbar und durch die kleine anarchosyndikalistische Bewegung. Selbst f&uuml;r Menschen mit Lohnarbeit oder mit Kindern ist es bereits schwierig, durch andere Lebensumst&auml;nde nicht aus den (autonomen) Szenestrukturen zu purzeln - und sei es, weil die regelm&auml;&szlig;ige Teilnahme an Plena nicht mehr m&ouml;glich ist. Entsprechend wenig &auml;ltere Menschen tummeln sich (zumindest in Wien) noch in der Szene. Anarchismus scheint hier inzwischen eher eine (studentische) Revoluzzerphase zu sein, die mensch dann ab 25 hinter sich l&auml;sst. Da blicke ich dann doch neidvoll auf andere L&auml;nder, in denen bei anarchistischen/anarchosyndikalistischen Demos Menschen jeden Alters und mit den verschiedensten gesellschaftlichen Hintergr&uuml;nden zu sehen sind...</p> <p class="rteindent1"> Um ein Beispiel zu bringen: Hausbesetzungen sind eine M&ouml;glichkeit der Aktion gegen den Mietenwahnsinn. Die K&auml;mpfe darum werden meistens jedoch nur innerhalb einer Szene gef&uuml;hrt und mensch bleibt ja auch gerne unter sich mit den eigenen subkulturellen Codes und Vorstellungen. Meiner alleinerziehenden Arbeitskollegin kann ich als Alternative aber schwerlich eine Hausbesetzung vorschlagen, wenn es wiedermal &Auml;rger mit dem Vermieter gibt. Vielleicht findet sie Besetzungen sogar gut, von ihrer Lebensrealit&auml;t ist diese M&ouml;glichkeit jedoch meilenweit entfernt. Mietenwahnsinn oder Zwangsr&auml;umungen k&ouml;nnen aber auch mit Formen Gegenseitiger Hilfe breiter thematisiert werden - etwa in gemeinsamen K&auml;mpfen mit &quot;normalen MieterInnen&quot; wie jetzt gerade in Berlin (Blockade gegen Zwangsr&auml;umung). Dieses &quot;&uuml;ber die eigene Selbstbezogenheit der Szene hinaus&quot; zu agieren finde ich einen wichtigen Schritt, wenn der Anarchismus im deutschsprachigen Raum (wieder) mehr werden soll, als reiner &quot;Lebensweltanarchismus&quot; einer abgeschottenen Subkultur.</p> <p> <em>Welche M&ouml;glichkeiten siehst du durch das Internet f&uuml;r die anarchistische Bewegung?</em></p> <p class="rteindent1"> Das Internet bietet einerseits viele M&ouml;glichkeiten der Vernetzung - man kommt mit Menschen in Kontakt, mit denen man ansonsten wohl nie etwas zu tun h&auml;tte, sei es, weil sie einfach tausende Kilometer weit weg leben. Andererseits k&ouml;nnen damit auch sehr viele Menschen einfach erreicht werden. Fr&uuml;her waren die M&ouml;glichkeiten, Menschen mit politischen Inhalten zu erreichen, durch viele Faktoren eingeschr&auml;nkt. Wurde ein Flugblatt geschrieben und verteilt, war damit die Zahl potentieller Empf&auml;ngerInnen deutlich reduziert - ein Text im Netz ist potentiell f&uuml;r Millionen Menschen erreichbar.</p> <p class="rteindent1"> Dieses Potential des Internets und die Geschwindigkeit der Informationsverf&uuml;gbarkeit hat auch soziale Bewegungen ma&szlig;geblich gepr&auml;gt. Dabei f&auml;llt mir neben dem &quot;arabischen Fr&uuml;hling&quot; oder Occupy in j&uuml;ngerer Zeit auch die Bewegung gegen die schwarz-blaue Regierung in &Ouml;sterreich im Jahr 2000 ein, als sich eine Protestbewegung hierzulande erstmals massiv dem Internet f&uuml;r die Mobilisierung und Durchf&uuml;hrung von Demonstrationen bediente. Nicht zuletzt deshalb geben Staaten weltweit ja auch gerade Unsummen daf&uuml;r aus, Kontrollm&ouml;glichkeiten &uuml;ber das Netz zu bekommen.</p> <p> <em>Wir danken f&uuml;r das Interview!</em></p> <div class="flattr-box"><script type="text/javascript"> var flattr_uid = 'systempunkte'; var flattr_tle = 'Die schwarzen Ecken des Webs: Anarchismus.at'; var flattr_dsc = '&lt;p&gt; &lt;font face=&quot;Times&quot;&gt;Mittlerweile sind es doch einige: die Webpr&amp;auml;senzen des Anarchismus. In einer Reihe von Interviews m&amp;ouml;chten wir euch mit den schwarzen Ecken des Webs vertraut machen. Diesmal stellen wir euch vor: &lt;a href=&quot;http://anarchismus.at&quot;&gt;Anarchismus.at&lt;/a&gt;&lt;/font&gt;&lt;/p&gt;'; var flattr_tag = 'Netz &amp; Digitales,Bewegung'; var flattr_cat = 'text'; var flattr_url = 'http://www.systempunkte.org/article/die-schwarzen-ecken-des-webs-anarchismusat'; var flattr_lng = 'de_DE'</script> <script src="http://api.flattr.com/button/load.js" type="text/javascript"></script> </div> http://www.systempunkte.org/article/die-schwarzen-ecken-des-webs-anarchismusat#comments Netz & Digitales Bewegung Mon, 18 Feb 2013 15:11:21 +0000 Tuli 183 at http://www.systempunkte.org Das Produkt ist das Exkrement der Tat http://www.systempunkte.org/article/das-produkt-ist-das-exkrement-der-tat <p> <em>&bdquo;Manchmal&ldquo; sagte Julia &bdquo;f&uuml;hle ich die Vergangenheit und die Zukunft so stark an mir zerren, dass gar kein Raum mehr f&uuml;r die Gegenwart bleibt.&ldquo;</em></p> <p> <em>Ehrlich! Wann hast du dass letzte mal einen ganzen Tag damit verbracht, einfach das zu genie&szlig;en, was du gerade gemacht und gef&uuml;hlt hast? Genuss um seiner selbst willen, ohne dabei an die Zukunft zu denken oder dir &uuml;ber die weit in der Zukunft liegenden Konsequenzen Sorgen zu machen?</em></p> <p> <em>Wann hast du das letzte Mal einen ganzen Monat auf diese Weise gelebt?</em></p> <p> <em>Tust du dich schwer, deine Verantwortlichkeit zu vergessen, deine Ziele, deine Produktivit&auml;t, und nur im Hier und Jetzt zu sein?</em></p> <p> Heutzutage dreht sich unser Leben um <em>Dinge</em>. Wir bestimmen unseren Wert als Ausdruck unserer materiellen Besitzt&uuml;mer: als Ausdruck unserer Kontrolle &uuml;ber Dinge, die au&szlig;erhalb von uns Selbst stehen. Wir beurteilen unseren Erfolg im Leben in Bezug auf unsere &bdquo;Produktivit&auml;t&ldquo;, d.h. in Bezug auf unsere F&auml;higkeit diese Dinge zu erzeugen. Unser soziales System dreht sich mehr als alles andere um die Produktion und Konsumption von G&uuml;tern. Auch wenn wir dabei nicht an materielle Objekte denken, so stellen wir uns gegenseitig unser Leben als Ding dar: Wir &auml;u&szlig;ern unsere Gl&uuml;ckw&uuml;nsche, unsere Zukunftsaussichten, unsere soziale Stellung&hellip; alles, nur nicht wie wir uns gerade <em>f&uuml;hlen</em>. Das Resultat rechtfertigt die Mittel, sagen wir. Das hei&szlig;t, das <em>Produkt</em> unserer Handlungen, das Endresultat unseres Lebens ist uns wichtiger als der Lauf des Lebens selbst.</p> <p> Aber Produkte sind die <em>Exkremente</em> von Taten. Das Produkt ist was &uuml;brig bleibt wenn der Staub f&auml;llt und der Puls sich normalisiert, wenn der Tag zu Ende ist und der Sarg in den Boden herabgelassen wird. Wir existieren nicht im gefallenen Staub oder in einer Wertauflistung; wir sind hier in der Gegenwart, im Prozess des Handelns, des Erschaffens und F&uuml;hlens. Genau wie wir versuchen uns unsterblich zu machen, indem wir uns in die Welt starrer, unsterblicher Abbilder fliehen, genau so fliehen wir vor uns selbst wenn wir lieber an das Resultat unserer Handlungen denken anstatt die Erfahrung dieser Handlungen selbst mitzunehmen. Letztendlich ist es ja auch ziemlich kompliziert dir tats&auml;chlich die Frage zu stellen, ob du dich gerade wirklich wohl f&uuml;hlst und was du gerade tats&auml;chlich im Moment f&uuml;r Gef&uuml;hle hast. Es ist wesentlich einfacher sich auf die Resultate zu konzentrieren, die anstrengenden Anzeichen deines Lebens. Es scheint so als seien diese Dinge einfacher zu verstehen und einfacher zu kontrollieren.</p> <p> Nat&uuml;rlich ist der/die durchschnittliche ArbeiterIn heutzutage gewohnt &uuml;ber das Resultat anstatt die Mittel nachzudenken. Der Gro&szlig;teil der Zeit und Energie wird f&uuml;r einen Job aufgewendet, der eigene Tr&auml;ume h&ouml;chstwahrscheinlich nicht erf&uuml;llt. Jeden Monat wird auf den Zahltag gewartet, denn aus der Gehaltsabrechnung errechnet sich der Sinn des Lebens: Ohne ihn w&uuml;rde mensch sich f&uuml;hlen, als vergeude er sein Leben. Wenn er die &bdquo;Konsequenzen&ldquo; seiner Handlungen nicht als Rechtfertigung f&uuml;r sie ansehen w&uuml;rde, dann w&auml;re das Leben unertr&auml;glich &ndash; was w&auml;re wenn mensch st&auml;ndig daran denken w&uuml;rde was er f&uuml;hlt w&auml;hrend er Waren verpackt, oder wenn er sich jedes Mal bei dem Kampf mit der streikenden Faxmaschine fragen w&uuml;rde ob er Spa&szlig; dabei hat? Gerade weil die Alltagserfahrungen im Leben so berechenbar und bedeutungslos sind, konzentrieren sich die Menschen vielmehr auf das kommende Wochenende, den n&auml;chsten Urlaub, die n&auml;chste Anschaffung, nur um nicht durchzudrehen. Und schlie&szlig;lich sind sie dazu gezwungen diese Denkweise auch auf andere Teile ihres Lebens auszuweiten: mensch beginnt damit m&ouml;gliche Handlungen nach dem zu beurteilen, was f&uuml;r einEn dabei herausspringt, genau so wie sich daf&uuml;r entschieden wird einen Job anzunehmen sobald die Bezahlung stimmt.</p> <p> Deshalb hat f&uuml;r den modernen Menschen die Gegenwart fast alle Bedeutung verloren. Stattdessen wird das Leben damit verbracht st&auml;ndig die Zukunft zu planen: Mensch studiert lieber f&uuml;r einen Abschluss als f&uuml;r die Freude am lernen; bei der Entscheidung einen Job anzunehmen &uuml;berwiegt das Bed&uuml;rfnis nach sozialem Status, Wohlstand und &bdquo;Sicherheit&ldquo; vor dem Freude an ihm zu haben; mensch spart lieber Geld f&uuml;r gro&szlig;e Anschaffungen und Urlaubsreisen, als dass er sich von der Lohnsklaverei freikauft um seine Ganztagsfreiheit zu genie&szlig;en. Wenn er tiefe Zufriedenheit mit einem anderen Menschen erlebt, dann versucht er diesen Moment einzufrieren, um ihn zu einem permanenten Bestand zu machen (einem Vertrag), indem geheiratet wird. Sonntags geht&rsquo;s in die Kirche in der er erz&auml;hlt kriegt, dass gute Taten vollbracht werden m&uuml;ssen um ewiges Heil zu erfahren, anstatt es einfach aus Hilfsbereitschaft zu tun (wie NietzsChe sagt: Der gute Christ will immer noch gut bezahlt werden). Die &bdquo;aristokratische Missachtung der Konsequenzen&ldquo;, die F&auml;higkeit des Handelns wegen zu Handeln, ist weit von ihm entfernt.</p> <p> <em>Die moderne Gesellschaft konzentriert sich eher auf die Produktion und Verteilung von materiellen Waren, als auf das Gl&uuml;ck und die Zufriedenheit ihrer Teilnehmer. Daher denkt der moderne Mensch &uuml;ber sein leben eher in Bezug auf das was er vorzuweisen hat nach, als dass er &uuml;ber das Leben selbst nachdenkt.</em></p> <p> Es ist ein Klischee, M&auml;nner und Frauen aus der Mittelklasse und im mittleren Alter w&uuml;rden sich schwer tun, ihre Versicherungspolicen und Investment Programme zur Seite zu legen um den Moment auszukosten. Denn auch wir machen es oft nicht anders und vertauschen die Gegenwart mit der Zukunft und die Erfahrungen mit den Souvenirs. Wir behalten Erinnerungsst&uuml;cke, Pokale, Kisten mit Andenken, alte Briefe, als ob das Leben f&uuml;r sp&auml;ter gesammelt und geordnet werden k&ouml;nnte &hellip; f&uuml;r sp&auml;ter? Wann? Das Leben findet im Hier und Jetzt statt, es durchflie&szlig;t uns wie einen Fluss; und wie ein Fluss kann es nicht angehalten werden ohne dass es dabei seinen Zauber verlieren w&uuml;rde. Je mehr Zeit wir damit verwenden es &bdquo;aufzubewahren&ldquo; desto weniger haben wir, um uns hineinzuschmei&szlig;en.</p> <p> Die schlimmsten von uns sind tats&auml;chlich die Radikalen und K&uuml;nstlerInnen. Allzu oft wenden wir &bdquo;Revolution&auml;rInnen&ldquo; unsere Bem&uuml;hungen daf&uuml;r auf, um &uuml;ber eine Revolution zu reden und nachzudenken, die &bdquo;irgendwann kommen wird&ldquo;, anstatt uns darauf zu konzentrieren die Revolution in der Gegenwart zu<em> machen</em>. Wir sind so daran gew&ouml;hnt in Produktionsweisen zu denken, dass selbst wenn wir versuchen das Leben zu etwas sofort stattfindendem und zu etwas Aufregendem zu machen, wir dabei enden unsere Energie auf ein Ereignis in der Zukunft zu richten &ndash; eines das wir m&ouml;glicherweise nicht einmal selbst erleben werden. Und wie die ManagerInnen in den Fabriken machen wir uns mehr Sorgen um die Produktivit&auml;t (die Anzahl neuer rekrutierter Gl&auml;ubigerInnen, das Voranschreiten der &bdquo;Sache&ldquo;, usw.) als darum wie wir und unsere Mitmenschen gerade f&uuml;hlen und leben.</p> <p> K&uuml;nstlerInnen leiden unter diesem Hang am meisten; denn ihre Begabung selbst h&auml;ngt davon ab Produkte aus dem Rohstoff wirklichen Lebens zu machen. In der Art und Weise wie K&uuml;nstlerInnen ihre Emotionen und Erlebnisse durch Ausdruck in ihre eigene Form bringen, ist etwas von der Gier nach Dominanz des Kapitalisten. Denn der Ausdruck von Gef&uuml;hlen und Empfindungen, so einzigartig und unergr&uuml;ndlich er auch sein mag, besteht im Endeffekt immer aus einer Vereinfachung. F&uuml;r den/die K&uuml;nstlerIn ist es nicht genug das Leben einfach so wie es ist zu erfahren und zu genie&szlig;en. Es kommt dazu dass sie ihr Leben f&uuml;r ihre Karriere ausschlachten, f&uuml;r eine Reihe von Produkten au&szlig;erhalb von ihnen, so dass sich letztendlich sogar das Leben nach ihrer <em>Karriere</em> ausrichtet. Es kann passieren dass sie sich nicht mehr vorstellen k&ouml;nnen bei Tagesanbruch auf einem Hausdach Liebe zu machen, ohne die <em>perfekte Szene f&uuml;r den neuen Roman</em> (Exkrement!) zu planen, in dem genau das vorkommt.</p> <p> Sicher, die Exkretion hat eine gesunde und notwendige Funktion f&uuml;r die Seele wie auch f&uuml;r den K&ouml;rper, und es gibt in unserem Leben einen Platz f&uuml;r Kunst als eine Art Gef&uuml;hle in die Welt einflie&szlig;en zu lassen w&auml;hrend das Herz bis zum &uuml;berlaufen gef&uuml;llt ist; aber wenn du darauf besteht es zu tun obwohl es unn&ouml;tig ist, zwingst du schlie&szlig;lich dein Herz und den Rest deines Inneren nur dazu. Wir m&uuml;ssen das Leben und die Erlebnisse an die vorderste Stelle setzen, nur mit dieser Absicht m&uuml;ssen wir der Welt begegnen, so frisch und unschuldig als w&auml;ren wir Kinder, ohne Absichten die weite Grenzenlosigkeit unserer Erfahrungen zu zerfressen, zu kategorisieren, zu organisieren oder zu vereinfachen. Sonst werden wir auf unserer Suche nach den Dingen die platt gedr&uuml;ckt und &bdquo;bis in alle Zeit&ldquo; aufbewahrt werden k&ouml;nnen das Wesentlichste, Sch&ouml;nste und Unmittelbarste auf der Welt &uuml;bersehen. <em>Die Vorstellungskraft sollte zuerst und vor allem dazu genutzt werden unsere allt&auml;gliche Wirklichkeit umzugestalten, nicht um sie nur symbolisch darzustellen.</em> Wie viele aufregende Romane k&ouml;nnen schon &uuml;ber die Art von Leben geschrieben werden, welche die meisten von uns zurzeit f&uuml;hren? <em>Lasst uns unsere Kunst leben, anstatt blo&szlig; anzustreben Kunst aus unserem Leben zu schaffen.</em></p> <p> Lasst uns damit aufh&ouml;ren &bdquo;Geschichte zu machen&ldquo; &ndash; wir sind alle so besessen davon ausgezeichnet zu werden &ndash; und endlich damit anfangen zu leben. <em>Das </em>w&auml;re eine wirkliche Revolution!</p> <p> <em>&bdquo;Aber ich sage dir, Henri, jeder Moment, den du der Gegenwart stiehlst, ist ein Moment, der f&uuml;r immer verloren ist. Es gibt nur das Jetzt.&ldquo;</em></p> <p> <em>Wenn wir jemals Gl&uuml;ck finden werden, dann wird es im Lebensprozess sein, indem wir das tun was wir tats&auml;chlich wollen und unsere Tr&auml;ume leben, nicht in den Produkten unseres Lebens. Wenn wir jetzt nicht innehalten und die Gegenwart genie&szlig;en, wann werden wir es sonst? </em></p> <p> <em>***</em></p> <p> <em>Dieser und andere Texte des CrimethInc. Kollektivs sind erstmals auf Deutsch in &quot;Message in a Bottle&quot; als Buch erschienen. Mehr Infos <a href="http://crimethinc.blogsport.de/">hier</a>.</em></p> <div class="flattr-box"><script type="text/javascript"> var flattr_uid = 'systempunkte'; var flattr_tle = 'Das Produkt ist das Exkrement der Tat'; var flattr_dsc = '&lt;p&gt; &lt;em&gt;&amp;bdquo;Manchmal&amp;ldquo; sagte Julia &amp;bdquo;f&amp;uuml;hle ich die Vergangenheit und die Zukunft so stark an mir zerren, dass gar kein Raum mehr f&amp;uuml;r die Gegenwart bleibt.&amp;ldquo;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt; &lt;em&gt;Ehrlich! Wann hast du dass letzte mal einen ganzen Tag damit verbracht, einfach das zu genie&amp;szlig;en, was du gerade gemacht und gef&amp;uuml;hlt hast? Genuss um seiner selbst willen, ohne dabei an die Zukunft zu denken oder dir &amp;uuml;ber die weit in der Zukunft liegenden Konsequenzen Sorgen zu machen?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;'; var flattr_tag = 'Arbeit &amp; Ökonomie,Kultur'; var flattr_cat = 'text'; var flattr_url = 'http://www.systempunkte.org/article/das-produkt-ist-das-exkrement-der-tat'; var flattr_lng = 'de_DE'</script> <script src="http://api.flattr.com/button/load.js" type="text/javascript"></script> </div> http://www.systempunkte.org/article/das-produkt-ist-das-exkrement-der-tat#comments Arbeit & Ökonomie Kultur Sun, 27 Jan 2013 16:44:52 +0000 Tuli 177 at http://www.systempunkte.org Zu Räten wird geraten: eine andere Demokratie ist möglich! http://www.systempunkte.org/article/zu-raeten-wird-geraten-eine-andere-demokratie-ist-moeglich <p> Die R&auml;terevolution in M&uuml;nchen ist jetzt schon &uuml;ber 90 Jahre her, aber was ist mit heute? Heute m&uuml;ssen wir keinen K&ouml;nig mehr durch Revolution entmachten, schlie&szlig;lich leben wir ja in einer Demokratie, und wir m&uuml;ssen keinen Krieg mehr durch Ungehorsam beenden, denn wir leben ja im Frieden. Hei&szlig;t es jedenfalls. Ob der Kapitalismus, der unser Leben durchdringt, wirklich so friedlich ist, sei mal dahingestellt. Aber zur Demokratie m&ouml;chte ich schon ein paar Worte verlieren. Als 1918 die Demokratie in Bayern eingef&uuml;hrt werden sollte, wurden zun&auml;chst zwei Modelle verwirklicht, die nicht ganz zusammenpassen wollten: Parlament und R&auml;te. Bekanntlich hat sich die parlamentarische Demokratie 1919 durchgesetzt, SPD und rechtsextreme Freikorps haben Anarchisten und Kommunisten besiegt. Die parlamentarische Demokratie kennen wir aus eigener Anschauung. Im Prinzip ist sie eine Wahlaristokratie: wie in einer aristokratischen Staatsform herrschen wenige &uuml;ber viele, die Entscheidungen werden oben in einem kleinen Kreis getroffen und nach unten per Befehl (heute sagt man lieber &bdquo;Gesetz&ldquo;) durchgesetzt &ndash; wenn es sein mu&szlig;, auch mit Gewalt. Die Legitimation der Aristokratie liegt in der angeblichen Tugend des Adels: es herrschen die, die es am besten k&ouml;nnen. Das gilt in der parlamentarischen Demokratie nicht. Das ist auch gut so, denn dieses &bdquo;Am-Besten-K&ouml;nnen&ldquo; ist bekanntlich nur ein Mythos, den die Herrschenden zur Machtsicherung verbreiten. Im Parlamentarismus liegt die Legitimation beim Volk, das die Herrscher w&auml;hlt. Nun ist schon das mit dem Volk recht problematisch, weil da nicht die ganze Bev&ouml;lkerung dazugeh&ouml;rt, d.h. es werden Menschen ausgegrenzt und &uuml;bergangen. Die Wahlen verst&auml;rken dieses Problem: weil nicht &uuml;ber Sachthemen abgestimmt wird, sondern &uuml;ber Personen, die dann ohne weiteres Nachfragen &uuml;ber ebendiese Sachthemen entscheiden d&uuml;rfen, wird auch der gr&ouml;&szlig;te Teil des Volkes von der Herrschaft ausgeschlossen. Demokratie ist aber definitionsgem&auml;&szlig; die Herrschaft des Volkes.</p> <p> Wie sieht es denn mit dem anderen Modell aus, der R&auml;tedemokratie? Hier ist die Entscheidungsrichtung eine andere, n&auml;mlich von unten nach oben. In den verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen werden politische Entscheidungen in &uuml;berschaubaren Versammlungen der betroffenen Leuten getroffen, in den h&ouml;chstens 20 Personen umfassenden R&auml;ten. Wenn mehr Leute betroffen sind, stellt sich freilich das Problem, da&szlig; fruchtbare Diskussionen unm&ouml;glich werden; ob an einer bestimmten Stelle am Flu&szlig; eine Fabrik gebaut werden soll, betrifft so viele Menschen, da&szlig; sie sich nicht mehr gemeinsam treffen k&ouml;nnen. In solchen F&auml;llen entsenden die kleinen R&auml;te auf der untersten Ebene Delegierte, die in sich in einem Rat auf h&ouml;herer Ebene treffen und dort die Entscheidungen aushandeln. Dabei ist wichtig, da&szlig; die Delegierten an die Entscheidungen der unteren Ebenen gebunden sind (man nennt das &bdquo;imperatives Mandat&ldquo;); im Delegiertenrat d&uuml;rfen sie nur solche Entscheidungen treffen, zu denen sie im untersten Rat beauftragt wurden&nbsp; &ndash; und ihre Entscheidungen m&uuml;ssen von den unteren Ebenen noch &bdquo;ratifiziert&ldquo; werden, bevor sie G&uuml;ltigkeit erlangen. Die Aufgabe von Delegiertenr&auml;ten ist also nicht, zu regieren, sondern weisungsgebunden die Entscheidungsfindung zwischen den vielen Leuten zu erm&ouml;glichen, die nicht alle gleichzeitig am selben Ort sein k&ouml;nnen. Die gesellschaftlichen Bereiche, um die es geht, sind sehr vielf&auml;ltig. Vor &uuml;ber 90 Jahren gab es Arbeiter-, Soldaten- und Bauernr&auml;te, doch m&ouml;glich w&auml;ren auch R&auml;te von Sch&uuml;lern, Lehrern, Frauen, B&uuml;roangestellten, Migranten, Radfahrern, Mietern und allen, die von einem bestimmten politischen Problem betroffen sind. R&auml;te k&ouml;nnen sich auch territorial organisieren. Die Idee bei den R&auml;ten ist, da&szlig; man Probleme an der Wurzel packt, sie also von den jeweils betroffenen Personen gel&ouml;st werden. Nur bei gr&ouml;&szlig;eren Problemen sind gr&ouml;&szlig;ere Entscheidungsstrukturen notwendig. So verhindert man, da&szlig; Menschen von Amts wegen &uuml;ber Menschen herrschen d&uuml;rfen. Durch die Einbeziehung aller Betroffener wird au&szlig;erdem die Diskriminierung nicht zum &bdquo;Volk&ldquo; geh&ouml;riger Menschen verhindert.</p> <p> In der Theorie mag das ganz sch&ouml;n klingen, aber funktioniert es &uuml;berhaupt? Auch in der R&auml;tedemokratie mu&szlig; Amtsmi&szlig;brauch verhindert werden. Das ginge z.B. mit dem Rotationsprinzip, das die Amtszeit eines jeden Delegierten einschr&auml;nkt. Selbstverst&auml;ndlich soll auch kein Delegierter Privilegien oder Befugnisse erhalten, die &uuml;ber das hinausgehen, was er zur direkten Aus&uuml;bung seiner Aufgaben ben&ouml;tigt. In der R&auml;tedemokratie sind die Delegierten eben keine Repr&auml;sentanten, sondern einschr&auml;nkt Beauftragte.<br /> Gefahr droht der Freiheit der Individuen aber nicht nur in der vertikalen Anordnung von politischen Institutionen, sondern auch in der angeblich egalit&auml;ren Teilnahme an R&auml;ten auf der untersten Ebene. Zu leicht k&ouml;nnte sich ein Rat bilden, der Entscheidungen trifft, die anderen Leuten Nachteile bringen. Nehmen wir an, im Dorf A solle eine Fabrik er&ouml;ffnet werden, ganz fair beschlossen in einem Rat aller B&uuml;rger des Dorfes A; doch leider sind nun im Dorf B gesundheitliche Probleme bei den Bewohnern zu beklagen, denn die Fabrik leitet ungekl&auml;rtes Abwasser in den Flu&szlig; und Dorf B liegt flu&szlig;abw&auml;rts. Die Bewohner des Dorfes B k&ouml;nnten freilich auch einen Rat gr&uuml;nden und darin beschlie&szlig;en, die Fabrik wieder zu schlie&szlig;en, z.B. durch Blockade der Zulieferstra&szlig;en oder durch Brandstiftung. Doch auch dieser Beschlu&szlig; h&auml;tte Benachteiligte, n&auml;mlich diesmal die Bewohner von Dorf A. Die Entscheidungsfindung in ad hoc gegr&uuml;ndeten R&auml;ten ist also keineswegs gefeit gegen Ungerechtigkeiten, die sogar zu gewaltsamen Auseinandersetzungen f&uuml;hren k&ouml;nnten. Also ist ein Rat erst dann berechtigt, in Dorf A die Fabrik zu errichten, wenn auch die Bewohner von B in diesem Rat mitentscheiden d&uuml;rfen.</p> <p> Eine weitere Gefahr ist die Mehrheitsentscheidung, denn sie kann die Interessen von Minderheiten systematisch au&szlig;en vor lassen. Wenn es in Dorf A dreimal so viele Leute gibt wie in Dorf B, so nutzt es den Leuten aus B recht wenig, am Rat teilzunehmen, wenn sie doch auf jeden Fall &uuml;berstimmt werden. Eine L&ouml;sung f&uuml;r dieses Problem w&auml;re der Konsens als Entscheidungsprinzip. Beim Konsens wird weniger die Entscheidung als vielmehr die Entscheidungsfindung betont. Jeder Betroffene kann seine Bedenken und W&uuml;nsche einbringen, keine Stimme bleibt ungeh&ouml;rt. Es geht bei Konsens nicht darum, meine Interessen auf Kosten der anderen durchzusetzen, sondern darum, herauszufinden, ob es vielleicht gemeinsame Interessen gibt oder L&ouml;sungen, die verschiedene Interessen bedienen. Das Konsensverfahren ist ein kommunikativer Akt, der Gemeinsamkeit schafft, ohne Einheitlichkeit zu erzwingen. Auf unser Beispiel angewandt, k&ouml;nnten sich die beiden D&ouml;rfer im Konsensverfahren darauf einigen, da&szlig; zwar eine Fabrik gebaut wird, diese aber mit einer Kl&auml;ranlage ausgestattet wird, au&szlig;erdem werden Arbeitspl&auml;tze und Gewinne der Fabrik zwischen den D&ouml;rfern geteilt &ndash; &uuml;ber die genauen Prozents&auml;tze wird etwas l&auml;nger gestritten, wie man sich leicht vorstellen kann, aber am Schlu&szlig; steht jeder hinter dem Beschlu&szlig;.<br /> Konsens bedeutet Einstimmigkeit und sch&uuml;tzt daher jede noch so kleine Minderheit. Konsens bedeutet aber auch, da&szlig; jeder Teilnehmer das Vetorecht besitzt und somit Entscheidungen auch noch so gro&szlig;er Mehrheiten blockieren kann. Wenn sich nicht alle einigen k&ouml;nnen, bleibt alles wie es ist, und das bedeutet, da&szlig; Konsensverfahren zu einem gewissen Konservativismus neigen. Es l&auml;&szlig;t sich zeigen, da&szlig; es prinzipiell unm&ouml;glich ist, ein Entscheidungsverfahren zu finden, das den kollektiven Willen einer Gruppe aus den individuellen Willen ihrer Mitglieder erzeugt, ohne dabei irgendwelche prinzipiellen Nachteile mit sich zu bringen. Der Konsens kann zu Stillstand f&uuml;hren, die Mehrheitsentscheidung unterdr&uuml;ckt die Minderheit &ndash; es gibt erwiesenerma&szlig;en keine ideale oder beste Methode. Es gibt immer die M&ouml;glichkeit f&uuml;r die unfaire Ausnutzung von Schw&auml;cheren. Solange es sozial angesehen ist, da&szlig; jemand sich &bdquo;nach oben&ldquo; k&auml;mpft und dabei Konkurrenten &bdquo;besiegt&ldquo; und &bdquo;Reicht&uuml;mer&ldquo; wie Geld und Statussymbole und Anh&auml;nger sammelt, so lange ist keine auch noch so demokratische Struktur davor gefeit, von machtgeilen Individuen ausgenutzt zu werden. Hier kommt wieder der Kapitalismus ins Spiel, denn er belohnt ebendiese und erzieht uns alle entsprechend.</p> <p> Abgesehen davon verlangt die R&auml;tedemokratie von jedem, der daran teilnimmt, deutlich mehr politisches Engagement, als das in einem politischen System der Fall ist, in dem man lediglich alle paar Jahre ein Kreuz machen darf. So lange also Machtk&auml;mpfer angesehen sind und politische Entscheidungsfindung als eine Dienstleistung aufgefa&szlig;t wird, die man den Experten oder den lautesten Marktschreiern &uuml;berlassen sollte, so lange wird auch ein R&auml;tesystem nicht verhindern k&ouml;nnen, da&szlig; letztlich &uuml;ber unsere K&ouml;pfe hinweg entschieden wird.</p> <p> Wer sich &uuml;ber solche Dinge gerne Gedanken macht, dem seien drei B&uuml;cher empfohlen: Ralf Burnicki geht in Anarchismus und Konsens (Edition AV, 305 S., 16,&ndash; &euro;) auf viele Vor- und Nachteile demokratischer Entscheidungsverfahren ein, und Darwin Dante beschreibt in Die neue Welt und das Ende der Lohnarbeit (Download unter <a href="http://5-stunden-woche.de/band6.pdf" title="http://5-stunden-woche.de/band6.pdf">http://5-stunden-woche.de/band6.pdf</a>) einen legalen Weg, wenigstens im pers&ouml;nlichen sozialen und wirtschaftlichen Umfeld direkte Demokratie zu verwirklichen und dabei nicht nur Freiheit, sondern auch Freizeit zu gewinnen. Schlie&szlig;lich erz&auml;hlt Ursula K. Le Guin in Die Enteigneten (Phantasia, 352 S., 19,90 &euro;), auch bekannt als Planet der Habenichtse (Argument, 320 S., 15,&ndash; &euro;), von einer Welt, die keine Regierungen mehr kennt &ndash; eine Utopie, aber kein Paradies.</p> <div class="flattr-box"><script type="text/javascript"> var flattr_uid = 'systempunkte'; var flattr_tle = 'Zu Räten wird geraten: eine andere Demokratie ist möglich!'; var flattr_dsc = '&lt;p&gt; Die R&amp;auml;terevolution in M&amp;uuml;nchen ist jetzt schon &amp;uuml;ber 90 Jahre her, aber was ist mit heute? Heute m&amp;uuml;ssen wir keinen K&amp;ouml;nig mehr durch Revolution entmachten, schlie&amp;szlig;lich leben wir ja in einer Demokratie, und wir m&amp;uuml;ssen keinen Krieg mehr durch Ungehorsam beenden, denn wir leben ja im Frieden. Hei&amp;szlig;t es jedenfalls. Ob der Kapitalismus, der unser Leben durchdringt, wirklich so friedlich ist, sei mal dahingestellt. Aber zur Demokratie m&amp;ouml;chte ich schon ein paar Worte verlieren.&lt;/p&gt;'; var flattr_tag = 'Geschichte'; var flattr_cat = 'text'; var flattr_url = 'http://www.systempunkte.org/article/zu-raeten-wird-geraten-eine-andere-demokratie-ist-moeglich'; var flattr_lng = 'de_DE'</script> <script src="http://api.flattr.com/button/load.js" type="text/javascript"></script> </div> http://www.systempunkte.org/article/zu-raeten-wird-geraten-eine-andere-demokratie-ist-moeglich#comments Geschichte Wed, 26 Dec 2012 12:34:08 +0000 Tuli 174 at http://www.systempunkte.org Wo fängt der Nationalsozialistische Untergrund/NSU an - wo hört der Staat auf? http://www.systempunkte.org/article/wo-faengt-der-nationalsozialistische-untergrundnsu-wo-hoert-der-staat-auf <p> Im Fr&uuml;hjahr 2013 wird aller Wahrscheinlichkeit nach der Prozess gegen Beate Zsch&auml;pe und weitere vier Neonazis wegen Mitgliedschaft in bzw. Unterst&uuml;tzung einer terroristischen Vereinigung nach &sect; 129a und Beihilfe zu Mord er&ouml;ffnet. Laut Anklageschrift bestand der Nationalsozialistische Untergrund/NSU aus drei Mitgliedern, das letzte lebende Mitglied soll Beate Zsch&auml;pe sein. Ebenso will die Generalbundesanwaltschaft keine Belege daf&uuml;r gefunden haben, dass es &raquo;Verflechtungen des NSU mit anderen Gruppierungen&laquo; (FAZ vom 8.11.2012) gab.</p> <p> Damit will die Generalbundesanwaltschaft etwas justiziabel machen, was seit Monaten als Legende aufgebaut und kolportiert wurde: Der Nationalsozialistische Untergrund/NSU ist &rsaquo;das Zwickauer Terrortrio&lsaquo;, die einzig &Uuml;berlebende Beate Zsch&auml;pe. Mit dem Prozess gegen sie soll ein Schlussstrich unter die neonazistische Mordserie gezogen werden.</p> <p> Was kann ein solcher Prozess aufkl&auml;ren? Was soll mit diesem Prozess auf jeden Fall verhindert werden? Wem soll auf jeden Fall nicht der Prozess gemacht werden?</p> <p> Um zu verstehen, auf welche Fakten sich meine politische Einsch&auml;tzung st&uuml;tzt, m&ouml;chte ich zuerst drei zentrale Behauptungen widerlegen, die mit unterschiedlichem Gewicht als Erkl&auml;rung daf&uuml;r dienen sollen, dass 13 Jahre lang eine neonazistische Terrorgruppe im Untergrund agieren konnte, dass die neun Morde zwischen 2000 und 2007, die dem NSU zugeordnet werden, nicht verhindert werden konnten.</p> <h2> 1. Behauptung</h2> <p> Bis hin zur Generalbundesanwaltschaft h&auml;lt sich die Legende, dass die bisher namentlich als NSU-Mitglieder genannten Neonazis abtauchen konnten, ohne dass es eine hei&szlig;e Spur gegeben h&auml;tte, sie festzunehmen.<br /> Lange vor Einrichtung der Untersuchungsaussch&uuml;sse gelangten unz&auml;hlige Beweise und Vorg&auml;nge an die &Ouml;ffentlichkeit, die das Gegenteil belegen. Ganz offensichtlich gab es auch innerhalb der Verfolgungsbeh&ouml;rden ein dissidentes Interesse daran, diese Legende zu zerst&ouml;ren.</p> <p> Legt man alle Fakten und Hinweise zusammen, ergibt sich ein v&ouml;llig anderes Bild: Die abgetauchten THS-Mitglieder befanden sich vom ersten Tag ihres Abtauchens im Aquarium der Verfolgungsbeh&ouml;rden: Die Telefon- und Adressenliste mit &uuml;ber 35 namhaften Neonazis, die 1998 in der Jenaer Garage gefunden wurden, bildete das komplette Netzwerk des Nationalsozialistischen Untergrundes ab.</p> <p> Mit mindestens zwei Neonazi-Kader und V-M&auml;nnern, Thomas Starke und Thomas Richter sa&szlig;en die Verfolgungsbeh&ouml;rden am K&uuml;chentisch bzw. an der Bettkante der abgetauchten Neonazis.<br /> Aufgrund unz&auml;hliger Abh&ouml;rma&szlig;nahmen, Observationen und V-Mann-Berichten waren die Verfolgungsbeh&ouml;rden &uuml;ber alle Details der Planung und Absichten informiert: Sie wussten, dass sie sich bewaffnen, sie wussten, dass sie sich falsche Papiere besorgen, sie wussten, dass man f&uuml;r sie eine Wohnung organsierte. Sie wussten, dass man offen in der Neonazi-Szene Geld sammelte, bis sie durch Bank&uuml;berf&auml;lle ihre Finanzierung selbst in die Hand nahmen.</p> <p> In jedem anderen Fall h&auml;tte dieses beh&ouml;rdliche Wissen vollkommen ausgereicht, ein Verfahren wegen Verdachts der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung (nach &sect; 129a) einzuleiten. Genau dies wurde bis hin zu Generalbundesanwaltschaft abgelehnt.</p> <p> All dieses Wissen beschreibt keinen hoch konspirativen Untergrund, der f&uuml;r die Verfolgungsbeh&ouml;rden undurchdringbar war. Das Gegenteil ist der Fall: Man &rsaquo;f&uuml;hrte&lsaquo; sie in einen Untergrund, der so dunkel war, wie eine hell erleuchtete Unterf&uuml;hrung.</p> <p> Die zahlreichen Fakten, die an die &Ouml;ffentlichkeit gespielt wurden, belegen zugleich, dass es zahlreiche M&ouml;glichkeiten gab, die abgetauchten THS-Mitglieder festzunehmen. Entweder wurden &rsaquo;Zugriffe&lsaquo; vors&auml;tzlich unterlassen oder die jeweiligen obersten Dienstherren verhinderten dies.</p> <h2> 2. Behauptung</h2> <blockquote><p> &raquo;Nach allem, was passiert ist, kann ich mit den bisherigen Strukturen sehr gut leben.&laquo; (Auf offener B&uuml;hne, FR vom 20.7.2012)</p> </blockquote> <p> Mit diesem Satz verabschiedete sich der Pr&auml;sident des Bundeskriminalamtes/BKA J&ouml;rg Ziercke in den vorzeitigen Ruhestand.</p> <p> Der Umstand, dass sich 13 Jahre lang ungest&ouml;rt Neonazis im Untergrund bewegen konnten, dass die Mordserie nicht verhindert werden konnte, wird mit Pannen, Beh&ouml;rdenwirrwar und Kompetenzstreitigkeiten entschuldigt und erkl&auml;rt. Das ist so glaubhaft wie die Begr&uuml;ndung, man habe die Festnahme nicht vornehmen k&ouml;nnen, weil man keine Handschellen dabei hatte.</p> <p> Die Erkl&auml;rung ist keine Entschuldigung, sondern eine vors&auml;tzliche Verschleierung der tats&auml;chlichen Ursachen. Unbestritten gibt es verschiedene Beh&ouml;rden, mit sich &uuml;berschneidenden Aufgabengebieten und unterschiedlichen Kompetenzen. Und in der Tat f&uuml;hren differierende Einsch&auml;tzungen auch zu Streitigkeiten. Doch in einem solchen Fall entscheidet nicht das Los und in aller Regel auch nicht die Selbstherrlichkeit einer Beh&ouml;rde, schon gar nicht im Laufe von &uuml;ber 13 Jahren. Die staatlichen Verfolgungsorgane, die verschiedenen Dienstebenen sind nicht nach dem Lotterieprinzip aufgebaut, sondern bekanntlich streng hierarchisch geordnet.</p> <p> Man l&uuml;ftet also kein Geheimnis, wenn man festh&auml;lt, dass in einem solchen &rsaquo;Zielkonflikt&lsaquo; zwischen Beh&ouml;rden das jeweilige Innenministerium das letzte Wort hat.</p> <p> Wenn also geplante Zugriffe in letzter Minute abgebrochen, wenn m&ouml;gliche Festnahmen verhindert werden, wenn Konflikte zwischen Polizei und Verfassungsschutz entschieden werden m&uuml;ssen, dann ist als oberster Dienstherr der Innenminister f&uuml;r diese Entscheidungen verantwortlich.</p> <p> Dass es diese Zielkonflikte gab, dass es nicht immer reibungslos funktioniert, wenn der Verfassungsschutz Straftaten deckt und erm&ouml;glicht und die Polizei - ahnungslos oder auch nicht - diese verhindern will, ist unbestritten. Doch wer sich in einem solchen Fall durchsetzt, ist nicht dem Zufall &uuml;berlassen, sondern auch im Fall des NSU eindeutig dokumentiert:</p> <blockquote><p> &raquo;Vergangene Woche war in einer vertraulichen Sitzung des Th&uuml;ringer Justizausschusses bekannt geworden, dass ein halbes Dutzend Aktennotizen aus der Zeit zwischen 2000 und 2002 existieren, laut denen das Innenministerium Festnahmeversuche verhindert hatte.</p> <p> Dieses Vorgehen f&uuml;hrte seinerzeit zu Krisengespr&auml;chen zwischen den Staatssekret&auml;ren der Landesministerien f&uuml;r Justiz und Inneres sowie zwischen dem Th&uuml;ringer Generalstaatsanwalt und dem LfV-Pr&auml;sidenten. Gro&szlig;e Folgen hatte das jedoch nicht: Im Jahr 2003 wurde das Ermittlungsverfahren gegen das gesuchte Trio eingestellt &ndash; und damit auch die Fahndung beendet.&laquo; (FR vom 8.12.2011)</p> </blockquote> <p> Der Schl&uuml;ssel f&uuml;r die fortgesetzte Unt&auml;tigkeit, der Schl&uuml;ssel f&uuml;r den Umstand, dass Mitglieder der NSU &uuml;ber sieben Jahre morden konnten, liegt also nicht im Dunklen, sondern in den jeweiligen Innenministerien.</p> <h2> 3. Behauptung</h2> <p> In der Ermittlungsarbeit zur Aufkl&auml;rung der Mordserie habe man einen rassistischen Hintergrund nicht ausgeschlossen, man habe diese Spur vielmehr aufgrund fehlender Indizien und Beweise fallen gelassen. So lauten die st&auml;ndigen Beteuerungen f&uuml;r den Umstand, dass in allen Mordf&auml;llen fieberhaft nach einem kriminellen Hintergrund im ausl&auml;ndischen Milieu gefahndet wurde - ausnahmslos erfolglos. Dass dies schon damals nicht stimmte, ist bitter und schmerzhaft genug. Dass diese Version auch heute noch aufrecht erhalten wird, unterstreicht eine Kontinuit&auml;t, deren wesentlichstes Merkmal fortgesetzte Verschleierung ist.<br /> Ich m&ouml;chte diese Behauptung am Beispiel des Terroranschlages in K&ouml;ln 2004 erkl&auml;ren.</p> <p> Am 9. Juli 2004 explodierte eine Nagelbombe in einer Gesch&auml;ftsstra&szlig;e in K&ouml;ln, in der sich viele t&uuml;rkische Kleinl&auml;den, Restaurants und Gesch&auml;fte befinden. Die Bombe, mit 5,5 Kilo Schwarzpulver und ca. 800 N&auml;geln gef&uuml;llt, wurde auf einer viel frequentierten Stra&szlig;e deponiert, also mit dem Ziel, wahllos m&ouml;glichst viele zu ermorden bzw. schwer zu verletzten. Um 15.56 Uhr wurde die Bombe gez&uuml;ndet, &uuml;ber 22 Personen wurden verletzt, viele davon schwer.</p> <p> Obgleich es Aufgabe der Polizei ist, in alle Richtungen zu ermitteln, wurde genau dies von Anfang an unterbunden: <em>&raquo;Der Begriff &rsaquo;Terroristischer Anschlag&lsaquo; wurde noch am Tattag aus einem Rundschreiben der Polizei wieder rausgestrichen.&laquo;</em> (SZ vom 22.11.2012)</p> <p> Auch hier handelt es sich nicht um eine Fehleistung eines einzelnen Beamten, sondern um eine Anweisung, die von ganz oben kam. Dem WDR-Magazin &rsaquo;Westpol&lsaquo; liegen Dokumente aus dem Lagezentrum des Innenministeriums vor, die belegen, dass die falsche F&auml;hrte in Richtung organisiertes Verbrechen vom SPD-gef&uuml;hrten Innenministerium gelegt wurde, obwohl Polizei und Verfassungsschutz auf den neonazistischen Hintergrund hinweisen.</p> <p> Am darauf folgenden Tag unterstrich der damalige SPD-Innenminister Otto Schily (SPD) diese Richtungsvorgabe: <em>&raquo;Die Erkenntnisse, die unsere Sicherheitsbeh&ouml;rden bisher gewonnen haben, deuten nicht auf einen terroristischen Hintergrund, sondern auf ein kriminelles Milieu.&laquo;</em> (Quelle: <a href="http://www1.wdr.de/themen/archiv/sp_amrechtenrand/terrorvonrechts/keupstrassekoeln100.html" title="http://www1.wdr.de/themen/archiv/sp_amrechtenrand/terrorvonrechts/keupstrassekoeln100.html">http://www1.wdr.de/themen/archiv/sp_amrechtenrand/terrorvonrechts/keupst...</a>)</p> <p> Mit dieser Stellungnahme, die nichts mit Ermittlungst&auml;tigkeiten, sondern erw&uuml;nschten Ergebnissen zu tun hat, gab der Innenminister den h&ouml;chst m&ouml;glichsten Segen dazu, auch diesen Terroranschlag ins &rsaquo;kriminelle Milieu&lsaquo; abzuschieben.</p> <p> Um diese vors&auml;tzlich falsche Ermittlungsrichtung durchzuboxen, schreckten die Verfolgungsbeh&ouml;rden auch vor Drohungen und Einsch&uuml;chterungen nicht zur&uuml;ck. Wenige Tage nach dem Bombenanschlag bekam auch der gesch&auml;digte Ladenbesitzer Arif Sagdic Besuch von Kriminalbeamten. Diesen gegen&uuml;ber &auml;u&szlig;erte er klar und deutlich den Verdacht, dass es sich um einen Terroranschlag von Neonazis handele. Daraufhin bekam er von den Polizisten die Antwort: <em>&raquo;&rsaquo;Schweig dar&uuml;ber. Kein Wort zu niemanden&lsaquo;. Sie haben mir richtig Angst gemacht.&laquo;</em> (WDR-Magazin &rsaquo;Westpol&lsaquo; vom 25.11.2012)</p> <p> Von dieser selbst gelegten Spur lie&szlig;en sich alle daran beteiligten Ermittlungsbeh&ouml;rden auch dann nicht abbringen, als ein paar Monate nach dem Anschlag ein Flugblatt verteilt wurde, das positiv Bezug darauf nahm: <em>&raquo;Es war mehr als ein Bombenanschlag, es war ein Zeichen von Protest&hellip;&laquo;</em> Das Flugblatt endete mit der Aufforderung: <em>&raquo;Deutsche wehrt euch!!!!&laquo;</em></p> <p> Die Begr&uuml;ndung, warum auch dieses Flugblatt nicht zum Anlass genommen wurde, die Ermittlungsrichtung zu &auml;ndern, erkl&auml;rt ein K&ouml;lner Generalstaatsanwalt so:</p> <blockquote><p> &raquo;Ausl&auml;nderfeindlichkeit sei dem Schreiben &rsaquo;nicht entnommen worden&lsaquo;, schreibt der K&ouml;lner Generalstaatsanwalt in internen Akten, vielmehr sei es als Aufforderung verstanden worden, sich &rsaquo;gegen den Fremdenhass zu wehren&lsaquo;.&laquo; (taz vom 10.5.2012)</p> </blockquote> <p> Wie unversch&auml;mt gut alle Dienstwege eingehalten wurden, alle Beh&ouml;rden darin involviert waren, niemand ausscherte, belegt der letzte Akt der vors&auml;tzlichen Vertuschung: Auch die Generalbundesanwaltschaft lehnte es ab, die Ermittlungen im Zusammenhang mit dem Bombenanschlag an sich zu ziehen. Eine Gefahr f&uuml;r die Bundesrepublik Deutschland, ein schweres Verbrechen, das eine neonazistische Terroraktion nahe legt, wollte sie unbedingt nicht sehen.</p> <p> All dies passierte nicht im Zweifel, sondern in dem Wissen, dass es Beweismittel gab, die kaum besser zur Aufkl&auml;rung dieses Terroranschlages h&auml;tten beitragen k&ouml;nnen. Eine Video&uuml;berwachungskamera hatte den Tathergang minuti&ouml;s festgehalten: <em>&raquo;Gegen 14.30 Uhr schiebt ein etwa 25 bis 30 Jahre alter Mann mit Baseballkappe zwei Mountainbikes durch die Schanzenstra&szlig;e. Kurz darauf kommt er ohne die R&auml;der zur&uuml;ck. Um 15.10 Uhr taucht er wieder auf &ndash; gefolgt von einem weiteren gleichaltrigen Mann, der ein Damenfahrrad mit aufmontiertem Hartschalenkoffer schiebt. Darin ist eine Bombe versteckt...&laquo;</em></p> <p> Dieses Beweismittel kommt dem Umstand sehr nahe, am Tatort einen Personalausweis zur&uuml;ckzulassen: Obwohl die beiden M&auml;nner M&uuml;tzen tragen, sind ihre Gesichter zu erkennen. Jeder Ermittler im Probejahr w&uuml;sste, was jetzt zu tun ist. Man hat als Beweismittel die Reste der Nagelbombe und hat die Physionomie der T&auml;ter. Man hat einen Tatort, der einen gezielten Anschlag definitiv ausschlie&szlig;t. Alleine dieses Tatprofil l&auml;sst alles andere wahrscheinlicher erscheinen, als eine Abrechnung im kriminellen Milieu.</p> <p> W&auml;re tats&auml;chlich auch nur eine Sekunde daran gedacht worden, in &rsaquo;alle Richtungen&lsaquo; zu ermitteln, w&auml;ren die n&auml;chsten Schritte ein Kinderspiel gewesen.</p> <p> Das BKA f&uuml;hrt eine Datei mit dem Namen &rsaquo;Tatmittelmeldedienst f&uuml;r Spreng- und Brandvorrichtungen&lsaquo; (TMD). Darin sind auch die Bombenfunde in der Jenaer Garage aufgelistet, also auch die Bilder der drei abgetauchten THS-Mitglieder. Alleine die Nutzung dieser Datei h&auml;tte ausgereicht, um diesen Terrorakt zuzuordnen.</p> <p> Neben dieser Datei verf&uuml;gen Polizei- und Geheimdienste auch &uuml;ber eine &rsaquo;Rechtsextremismus&lsaquo;-Datei, in der die NSU-Mitglieder ebenfalls aufgef&uuml;hrt sind. Weder der eine, noch der andere Ermittlungsschritt wurden unternommen. Dass es sich dabei nicht um ein pers&ouml;nliches Versagen handelt, sondern um die Umsetzung einer Dienstanweisung, an die sich alle gehalten haben, belegt der Fortgang der Ermittlungen: Weder die Polizeiermittler vor Ort, die darin involvierten Verfassungsschutzbeh&ouml;rden, noch die damit befasste Staatsanwaltschaft &auml;nderten die Richtung. Niemand in dieser langen Dienstkette stellte sich quer, scherte aus - bis heute.</p> <p> Im Bundesuntersuchungssauschuss war auch dieser Terroranschlag Thema. Man f&uuml;hrte den Anwesenden die Sequenzen der &Uuml;berwachungskamera vor. Die Aufnahmen sind gut, was den ehemaligen Polizisten und heutigen CDU-Bundestagabgeordneten Clemens Binninger zu der &Auml;u&szlig;erung veranlasste: <em>&raquo;Wer die beiden kennt, w&uuml;rde sie auf diesen Bildern identifizieren.&laquo;</em> Weniger sp&auml;ter f&uuml;gte er hinzu: <em>&raquo;N&auml;her kann man einem T&auml;ter nicht sein! Ich sage das als ehemaliger Polizist. So nah, wie Sie den T&auml;tern waren, kommt man als Ermittler den T&auml;tern nie wieder!&laquo;</em> (Auf offener B&uuml;hne, FR vom 20.7.2012)</p> <p> Auch der damalige Chef des Bundeskriminalamtes J&ouml;rg Ziercke wird befragt. Der sich dabei entsponnene Dialog zwischen dem BKA-Chef Ziercke und dem Fragesteller Clemens Binninger hat Mely Kiyak, die diese Sitzung beobachtet hatte, wie folgt zusammengefasst:</p> <blockquote><p> &raquo;Ach so?!&laquo; antwortete Ziercke auf die Frage, warum man sich nicht der Tatmitteldatei bedient habe.</p> <p> Binninger bleibt k&uuml;hl und ruhig: &raquo;Warum haben Sie die Tatmeldedatei nicht bedient?&laquo;</p> <p> Ziercke wird zickig: &raquo;Das m&uuml;ssen Sie mir beweisen, dass die drei Namen aufgetaucht w&auml;ren. Sensationell!&laquo;</p> <p> Binninger: &raquo;Ich habe mein Wissen aus den vorliegenden Akten.&laquo;</p> <p> Ziercke wird noch lauter: &raquo;Sen-sat-io-nell!!! Und das haben Sie nachgepr&uuml;ft?&laquo; (Auf offener B&uuml;hne, FR vom 20.7.2012)</p> </blockquote> <p> Nach dieser Falschaussage ging der BKA-Chef in den wohldotierten Vorruhestand. H&ouml;her kann man Straftaten im Amt nicht entlohnen.</p> <p> Mely Kiyak, die f&uuml;r die Frankfurter Rundschau einige herausragenden Kolumnen geschrieben hat, fasste ihre Eindr&uuml;cke an anderer Stelle so zusammen:</p> <blockquote><p> &rsaquo;Es gab keine hei&szlig;e Spur&lsaquo;, verteidigen sich ehemalige Minister, keine hei&szlig;e Spur in einem Land, wo allein in den letzten zwanzig Jahren 182 Mitb&uuml;rger von Rechtsextremisten get&ouml;tet wurden, deren Taten &rsaquo;fremdenfeindlich&lsaquo; genannt werden. Die Opfer sind fremd und die T&auml;ter stehen uns nahe? Gibt es Zeugen f&uuml;r das M&auml;rchen vom NSU-Untergrund? (FR vom 4.6.2012)</p> </blockquote> <h2> Wie weit reichte der staatliche Rettungsschirm f&uuml;r den NSU?</h2> <p> Mit aller Wut und allen Erfahrungen k&ouml;nnte man antworten: Neonazistische und rassistische Weltbilder sind nicht nur in neofaschistischen Gruppierungen beheimatet, sondern auch in Polizei und Geheimdiensten verbeamtet. Damit ist ein politische Matrix beschreiben, die bestimmte Entscheidungen wahrscheinlich(er) macht. Aber das reicht nicht, um folgende Fragen beantworten zu k&ouml;nnen:</p> <p> Warum wurde ein staatlicher Rettungsschirm &uuml;ber den NSU aufgespannt? Wie weit reichte er? Was schloss er ein, was schloss er aus? Was war gewollt, was nahm man in Kauf? Geht es beim Vorwurf des Staatsterrorismus um eine Intension, um eine willentliche Zustimmung oder um eine Vorgehensweise, f&uuml;r die neonazistischen Morde keine Dead-Line darstellen?</p> <p> Auf diesem schmalen Grad bewegt sich meine Suche nach Antworten. Ich werde mich dabei von der wohlwollendsten zur schlimmsten Annahme vortasten.</p> <p> Es geh&ouml;rt zu der g&auml;ngigen Praxis von Geheimdiensten &rsaquo;kleine Fische&lsaquo; laufen zu lassen, damit man mit ihrer Hilfe an die &rsaquo;gro&szlig;en Fische&lsaquo; herankommt. In diesem Fall k&ouml;nnte man davon ausgehen, dass die abgetauchten THS-Mitglieder zu Blood &amp; Honour-Gruppierungen f&uuml;hren sollten, zu denen sie hervorragende Kontakte pflegten. Das setzt eine hervorragende &rsaquo;F&uuml;hrung&lsaquo; der Abgetauchten durch die beteiligten Geheimdienste voraus, was auch sehr gut belegt ist. Geht man wohlwollend von dieser Zieloption aus, dann m&uuml;ssten zuallererst die Verfolgungsbeh&ouml;rden belegen, dass sich dieser Einsatz, dieser immense Aufwand gelohnt hat. Dieser Beweis ist bis heute nicht erbracht.</p> <p> Wenn es so gewesen ist, dann stellen sich jedoch weitere Fragen: Warum gehen die Verfolgungsbeh&ouml;rden mit diesem &rsaquo;ehrenwerten&lsaquo; Operationsziel nicht offensiv um? Warum leugnen sie bis heute, dass sie beste Kontakte zu den untergetauchten Neonazis hatten?</p> <p> Jenseits davon, was man von diesem m&ouml;glichen Operationsziel h&auml;lt &ndash; die Situation &auml;nderte sich schlagartig, als im Jahr 2000 der erste Mord in N&uuml;rnberg, den man heute den abgetauchten Neonazis zuschreibt, begangen wurde.</p> <p> Denn nun m&uuml;ssten die Verfolgungsbeh&ouml;rden glaubhaft belegen k&ouml;nnen, dass sie zwar fast alles &uuml;ber die Abgetauchten wussten, aber keine Ahnung, geschweige denn Hinweise hatte, dass die Abgetauchten einen Mord planen bzw. tats&auml;chlich durchf&uuml;hren.</p> <p> Wer w&uuml;rde ihnen das glauben? Wer w&uuml;rde ihnen das abnehmen wollen?</p> <p> Nun, es g&auml;be einen sicheren und glaubw&uuml;rdigen Weg, das schier Unm&ouml;gliche zu belegen: Man legt alle V-Mann-Protokolle, alle V-Mann-Berichte, alle Unterlagen &uuml;ber Observationen, Abh&ouml;rma&szlig;nahmen und Erkenntnisse von Kontaktpersonen aus dem Zeitraum 2000 bis 2011 offen. K&ouml;nnten diese Unterlagen genau dies, w&uuml;rde es sie heute noch geben! K&ouml;nnten all die Akten glaubhaft und nachvollziehbar belegen, dass die Verfolgungsbeh&ouml;rden keine Ahnung von den Mordpl&auml;nen hatten, keine einzige M&ouml;glichkeit hatten, die Mordserie zu stoppen, w&uuml;rde man sie den Untersuchungsaussch&uuml;ssen, den Angeh&ouml;rigen der Opfer, den Staatsanwaltschaften, der &Ouml;ffentlichkeit vorlegen.</p> <p> Exakt das Gegenteil passiert: Ein in Deutschland in diesem Ausma&szlig; nie da gewesene Aktenvernichtungswelle frisst sich durch alle Beh&ouml;rden. Es gibt kaum eine Dienststelle, die nicht daran beteiligt ist: Bislang sind Akten- und Beweisvernichtungsaktionen im Th&uuml;ringer, S&auml;chsischen, Berliner Verfassungsschutz, bei der Th&uuml;ringer Polizei, im LKA Berlin, im BKA Wiesbaden, im BfV in K&ouml;ln, beim Bundesnachrichtendienst/BND und im Bundesinnenministerium&nbsp; bekannt geworden.</p> <p> Der genetische Fingerabdruck, den diese einmalige Beseitigung von Beweismitteln dennoch hinterl&auml;sst, ist aus mehreren Gr&uuml;nden aufschlussreich:</p> <p> Die Aktion Konfetti von Polizei und Verfassungsschutz/MAD, von unteren und obersten Dienststellen, von CDU bis SPD-gef&uuml;hrten L&auml;ndern belegt, dass das gemeinsame Anliegen bei weitem die tats&auml;chlichen und vermeintlichen Konkurrenzen zwischen verschiedenen Beh&ouml;rden &uuml;berragt. Das Beh&ouml;rden-&uuml;bergreifende Bed&uuml;rfnis, Beweise und Hinweise zu vernichten, die belegen k&ouml;nnten, dass die neonazistische Mordserie zu verhindern gewesen w&auml;re, ist offensichtlich so immens, dass selbst die Aufdeckung dieser Rechtsbr&uuml;che in Kauf genommen wurde.</p> <p> Die nicht enden werdende Beseitigung von Beweismitteln l&auml;sst einen weiteren Schluss zu: Die stattgefundenen und stattfindenden Schredderaktionen k&ouml;nnen das &rsaquo;gerichtsverwertbare&lsaquo; Wissen nicht mehr aus der Welt schaffen, dass die Verfolgungsbeh&ouml;rden die Spur der Abgetauchten nie verloren hatten. Was heute und morgen jedoch um fast jeden Preis verhindert werden muss, dass es Hinweise, Belege und Beweise daf&uuml;r gibt, dass die Verfolgungsbeh&ouml;rden Kenntnisse &uuml;ber Planung und Durchf&uuml;hrung der Morde hatten.</p> <p> Die nicht mehr zu leugnenden Beweise, die einen engen Kontakt zwischen Verfolgungsbeh&ouml;rden und den abgetauchten Neonazis zwischen 1998 und 2000 verifizieren, belegen im g&uuml;nstigsten Fall, dass man sie in den Untergrund begleitete, um an neonazistische Organisationen heranzukommen, die man zerschlagen wollte. Im schlechtesten Fall belegen die bekannt gewordenen Fakten, dass man die abgetauchten THS-Mitglieder gar nicht festnehmen wollte, weil man mit ihrem neonazistischen und rassistischen Weltbild sympathisierte.<br /> W&uuml;rden hingegen Belege, Hinweise an die &Ouml;ffentlichkeit gelangen, die den Verdacht erh&auml;rten, dass die Verfolgungsbeh&ouml;rden auch nach dem ersten Mord 2000 Kontakt zum NSU hatten, w&auml;re mehr als eine Sympathie oder Gleichg&uuml;ltigkeit gegen&uuml;ber neonazistischen Gruppierungen belegbar. Es w&uuml;rde sich in diesem Fall um Beihilfe zum Mord handeln, um die Unterst&uuml;tzung einer terroristischen Vereinigung nach &sect; 129 a des StGB.</p> <p> Der Verdacht eines staatsterroristischen Hintergrundes, f&uuml;r den schon heute mehr Belege gibt als f&uuml;r die offizielle Version, ist weder polemisch, noch &uuml;berspitzt gemeint. Es geht schlicht darum, die Aufkl&auml;rer beim Wort zu nehmen, man werde ohne Ansehen der Person l&uuml;ckenlos und schonungslos aufkl&auml;ren.<br /> Was man mit dem Strafrechtsparagrafen 129a alles machen kann, erkl&auml;rt uns Heribert Prantl in der S&uuml;ddeutschen Zeitung vom 9. November 2012 am Beispiel der Anklageschrift gegen Beate Zsch&auml;pe:<br /> &raquo;Man muss eine Tat nicht eigenst&auml;ndig begehen, um Mitt&auml;ter zu sein; es gen&uuml;gt ein wesentlicher Tatbeitrag, der sich einf&uuml;gt in die gemeinschaftliche Tat und ins gemeinschaftliche Wollen.&laquo; In diesem Sinne gen&uuml;ge es, der Angeklagten &rsaquo;Organisationsmacht&lsaquo; nachzuweisen. Mit welchem Verfolgungswillen dieser Paragraf gegen Linke eingesetzt wurde, verr&auml;t uns Heribert Prantl auch. Zu RAF-Zeiten lie&szlig; die Justiz &raquo;quasi unsichtbare Tatbeitr&auml;ge f&uuml;r Mitt&auml;terschaft gen&uuml;gen&laquo;.</p> <p> Solange dieses Instrument des Willensstraftrechts noch angewandt wird, sollte man es aversiv nutzen, und Strafanzeige wegen des Verdachts der Unterst&uuml;tzung einer terroristischen Vereinigung stellen. Dabei ginge es weniger darum, auf einen juristischen Erfolg zu setzen. Vielmehr ginge es darum, die Richtung der Aufkl&auml;rung zu &auml;ndern, die Systematik, das Zusammenwirken in den Mittepunkt zu stellen, um zu verstehen, warum es einem Zusammenhang gibt, zwischen dem staatlichen Begleitschutz in den Nationalsozialistischen Untergrund und den Morden, die man nicht verhindert hat bzw. nicht stoppen wollte.</p> <p> <br /> Texte, die ausf&uuml;hrlicher auf die hier ausgef&uuml;hrte Argumentation eingehen, verschiedene Punkte beleuchten, die hier nur komprimiert dargestellt werden konnten, findet ihr hier: <a href="http://wolfwetzel.wordpress.com/category/04-texte/antifaschismus/" title="http://wolfwetzel.wordpress.com/category/04-texte/antifaschismus/">http://wolfwetzel.wordpress.com/category/04-texte/antifaschismus/</a></p> <div class="flattr-box"><script type="text/javascript"> var flattr_uid = 'systempunkte'; var flattr_tle = 'Wo fängt der Nationalsozialistische Untergrund/NSU an - wo hört der Staat auf?'; var flattr_dsc = '&lt;p&gt; Im Fr&amp;uuml;hjahr 2013 wird aller Wahrscheinlichkeit nach der Prozess gegen Beate Zsch&amp;auml;pe und weitere vier Neonazis wegen Mitgliedschaft in bzw. Unterst&amp;uuml;tzung einer terroristischen Vereinigung nach &amp;sect; 129a und Beihilfe zu Mord er&amp;ouml;ffnet. Laut Anklageschrift bestand der Nationalsozialistische Untergrund/NSU aus drei Mitgliedern, das letzte lebende Mitglied soll Beate Zsch&amp;auml;pe sein. Ebenso will die Generalbundesanwaltschaft keine Belege daf&amp;uuml;r gefunden haben, dass es &amp;raquo;Verflechtungen des NSU mit anderen Gruppierungen&amp;laquo; (FAZ vom 8.11.2012) gab.&lt;/p&gt;'; var flattr_tag = 'Staat &amp; Parteipolitik'; var flattr_cat = 'text'; var flattr_url = 'http://www.systempunkte.org/article/wo-faengt-der-nationalsozialistische-untergrundnsu-wo-hoert-der-staat-auf'; var flattr_lng = 'de_DE'</script> <script src="http://api.flattr.com/button/load.js" type="text/javascript"></script> </div> http://www.systempunkte.org/article/wo-faengt-der-nationalsozialistische-untergrundnsu-wo-hoert-der-staat-auf#comments Staat & Parteipolitik Wed, 12 Dec 2012 07:25:28 +0000 Tuli 171 at http://www.systempunkte.org Anarchismus und Organisation (Teil 2) http://www.systempunkte.org/article/anarchismus-und-organisation-teil-2 <p> <em>Bei diesem Text handelt es sich um den zweiten Teil (<a href="https://systempunkte.org/article/anarchismus-und-organisation-teil-1">erster Teil hier</a>) einer &uuml;berarbeitete Niederschrift eines Vortrages, den ich 2012 in verschiedenen anarchistischen R&auml;umen gehalten habe. Er wurde auf eine Zuh&ouml;rer_innenschaft zugeschnitten, die sich zwar als anarchistisch versteht, aber nicht unbedingt mit allen Theoriediskussion in der Geschichte der anarchistischen Bewegung vertraut ist.</em></p> <h2> Warum Organisationen?</h2> <p> Wenn wir uns diese Problemfelder ansehen (<a href="https://systempunkte.org/article/anarchismus-und-organisation-teil-1">siehe Teil 1</a>) wird deutlich, dass das Verh&auml;ltnis zwischen Anarchismus als Bewegung und Organisationen noch in einem anderen Punkt als der Vorwegnahme der zuk&uuml;nftigen Gesellschaft ein ganz besonderes ist. Der Anarchismus zeichnet sich dadurch aus Herrschaft als Ganzes abschaffen zu wollen. Die Herrschaft des Kapitals soll nicht einfach sozialpartnerschaftlich gemildert werden, sie soll ein f&uuml;r alle mal gebrochen werden. Der Staat soll nicht einfach durch eine Zivilgesellschaft begrenzt werden, er soll in jeder Beziehung verschwinden. Sexismus soll am besten gleich mit der Stabilit&auml;t aller Geschlechter beendet werden.<br /> Aber es scheint, dass im Bereich der Organisation der Anarchismus an seine Grenzen st&ouml;&szlig;t. Organisationen h&auml;ngen mit Herrschaft zusammen, dennoch scheint es keine anarchistische Str&ouml;mung1 zu geben, die wirklich glaubhaft machen kann, dass sie ohne jede Form der Organisation auskommt.</p> <p> Wir scheinen nur schwer oder gar nicht auf Organisationen verzichten zu k&ouml;nnen. Dies bringt uns zur Frage: Warum &uuml;berhaupt Organisationen? Bis hierher haben wir Organisationen von einem negativen Standpunkt behandelt, was ihre Gefahren sind, was wir nicht von ihnen wollen. Aber was sollen sie leisten?</p> <h2> &Ouml;ffentliche G&uuml;ter</h2> <p> Eine der Begr&uuml;ndungen, warum wir &uuml;berhaupt Organisationen brauchen, ist, dass diese eine M&ouml;glichkeit darstellen &ouml;ffentliche G&uuml;ter, G&uuml;ter die uns kollektiv betreffen, zu pflegen.</p> <p> Wenn von &ouml;ffentlichen G&uuml;tern die Rede ist, darf der Verweis auf das so genannte &bdquo;Free Rider Problem&ldquo; nicht fehlen. Unter gewissen Umst&auml;nden ergibt sich das Problem, dass die &ouml;ffentlichen G&uuml;ter zwar ben&uuml;tzt und aufgebraucht, aber nicht zu ihrer Erhaltung beigetragen wird. Dies kann bis zur Zerst&ouml;rung der &ouml;ffentliche G&uuml;ter f&uuml;hren.</p> <p> Wichtig ist, dass es mehrere Bedingungen gibt, damit dieses Problem eintritt. Einige von diesen sind:</p> <ol> <li> Eine opportunistische, in einem gewissen Sinne utilitaristische Handlungsorientierung der einzelnen Personen gegen&uuml;ber den &ouml;ffentlichen G&uuml;ter.</li> <li> Der Beitrag zur Erhaltung der &ouml;ffentlichen G&uuml;ter wird als unangenehm wahrgenommen.</li> <li> Die &ouml;ffentlichen G&uuml;ter m&uuml;ssen &uuml;berhaupt gepflegt werden.</li> <li> Die Abwesenheit oder fehlende Durchsetzung von Normen, die dies verhindern.</li> </ol> <p> Wenn von &ouml;ffentliche G&uuml;tern die Rede ist, wird oft auf f&uuml;r die Produktion &ouml;ffentliche Verkehrsmittel und andere G&uuml;ter verwiesen, die durch Kommodifizierung gekoppelt mit Strafe gehandhabt werden. F&uuml;r unseren Zweck interessanter sind aber ohnehin Beispiele direkt aus der heutigen anarchistischen Bewegung und Praxis heraus. So haben wir alle ein Interesse an einer m&ouml;glichst nazifreien Umgebung, warten jedoch darauf, dass bitte die anderen die m&uuml;hselige Antifa-Arbeit machen. Schon stehen wir vor einem Free-Rider-Problem, das sich in diesem Fall in einer erstarkenden Naziszene &auml;u&szlig;ert. &Auml;hnliches l&auml;sst sich vielleicht &uuml;ber Gewerkschaftsarbeit sagen. Soziale K&auml;mpfe generell k&ouml;nnten als &ouml;ffentliche G&uuml;ter betrachtet werden!</p> <p> Wie bereits gesagt sind Organisationen eine M&ouml;glichkeit die &ouml;ffentlichen G&uuml;ter zu erhalten. So kann sich eine Antifa-Gruppe gr&uuml;nden, die dann Mobilisierungsarbeit &uuml;bernimmt, Wissen &uuml;ber die &ouml;rtlichen Nazistrukturen sammelt, Hausbesuche macht und soweiter und sofort. Damit tr&auml;gt sie doppelt zur Erhaltung der nazifreien Umgebung bei, einerseits direkt selbst, andererseits erleichtert sie anderen ebenfalls etwas beizutragen.</p> <p> Allerdings ist eine Organisation eben wiederum selbst ein &ouml;ffentliches Gut mit dem selben Problem! Wir w&uuml;nschen uns ja eine aktive Antifa, die das Allgemeingut nazifreier Raum sichert, wir haben aber vielleicht selbst keine Lust uns in einer zu engagieren oder eine zu gr&uuml;nden. In der anarchistischen Bewegung ist es zwar noch nicht so weit, aber in der kapitalistischen Wirtschaft ist es nicht ungew&ouml;hnlich, dass es eine extra Organisation gibt, die sich um den Erhalt des &ouml;ffentlichen Guts Organisation k&uuml;mmern. Beratungs- und Anwerbeunternehmen k&ouml;nnen so verstanden werden.</p> <p> Meines Erachtens sollten wir es uns nicht zu einfach machen und wenn soziale K&auml;mpfe oder die Mobilisierung gegen Nazis nicht richtig laufen, uns dar&uuml;ber beschweren, dass die Organisationen versagt h&auml;tten. Dahinter steht ein fetischistisches Verst&auml;ndnis von Organisationen, die Schwierigkeit liegt vielmehr daran den Umgang mit den &ouml;ffentlichen G&uuml;ter so zu gestalten, dass diese m&ouml;glichst gedeihen und erhalten bleiben. Organisationen sind eine Teil der Antwort hierauf, aber sicherlich nicht die ganze. Denn sie sind schlussendlich selbst &ouml;ffentliche G&uuml;ter.</p> <p> Es mag vielleicht auf den ersten Blick absurd wirken, aber eine Methode um eine Erhaltung der &ouml;ffentlichen G&uuml;ter zu gew&auml;hrleisten ist der Stirnersche Egoismus als Technologie des Selbst. Aus dem starken Ich heraus, soll eine Handlungsorientierung folgen, die uns unsere gemeinsamen Interessen wahrnehmen l&auml;sst. So zumindest die Theorie: &bdquo;Wenn Ich Mich nicht um meine Sache bek&uuml;mmere, so muss Ich mit dem vorlieb nehmen, was anderen Mir zu gew&auml;hren beliebt. Brot zu haben, ist meine Sache, mein Wunsch und Begehren, und doch &uuml;berl&auml;&szlig;t man das den B&auml;ckern, und hofft h&ouml;chstens durch ihren Hader, ihr Rangablaufen, ihren Wetteifer, kurz ihre Konkurrenz einen Vorteil zu erlangen, auf welchen man bei den Z&uuml;nftigen, die g&auml;nzlich und allein im Eigentum der Backgerechtigkeit sa&szlig;en, nicht rechnen konnte. - Was jeder braucht, an dessen Herbeischaffung und Hervorbringung sollte sich auch jeder beteiligen; es ist seine Sache, sein Eigentum, nicht Eigentum des z&uuml;nftigen oder konzessionierten Meisters.&ldquo; (Stirner 1981: 306)</p> <p> Die Logik dahinter scheint mir folgende: Wir haben individuell ein Interesse an der Erhaltung der &ouml;ffentlichen G&uuml;ter. Das ist nicht zu leugnen, f&uuml;r Stirner ist es also Teil eines vern&uuml;nftigen Egoismus, dass wir uns um die &ouml;ffentlichen G&uuml;ter k&uuml;mmern. Vielleicht nicht direkt in dem Sinne, dass wir uns selbst der Sache annehmen, also in der B&auml;ckerei mithelfen, aber zumindest, dass wir uns darum k&uuml;mmern, dass sich jemensch um sie k&uuml;mmert. Alles andere w&auml;re aus einer egoistischen Perspektive unvern&uuml;nftig.</p> <h2> Ressourcenzusammenlegung der Massen</h2> <p> Eng mit der Begr&uuml;ndung der Organisationen als &ouml;ffentliches Gut ist die Vorstellung der Organisationen als eine Form von Ressourcenzusammenlegung verbunden. Wobei eine Ressourcenzusammlegung eher ein Common als ein &ouml;ffentliches Gut ist, auf den genauen Unterschied kommt es aber in unserem Kontext nicht an. Hinter der Konzeption der Ressourcenzusammenlegung steht die einfache aber sehr einleuchtende Idee, dass eine Organisation ein guter Weg ist, die einzelnen Kr&auml;fte zu vereinen und damit schlussendlich mehr zu erreichen. In der Tat begr&uuml;ndet auch Stirner seinen Verein als Zusammenlegung von Kr&auml;ften (vgl. Stirner 1981: 349).</p> <p> Eine besondere Variante dieser Argumentation stammt aus den Arbeitsk&auml;mpfen und findet sich unter anderem bei Robert Michels. Er schreibt: &bdquo;In der Tat ist der Einzelne, wenn er den arbeitenden Klassen angeh&ouml;rt, der Willk&uuml;r des &ouml;konomisch St&auml;rkeren hilflos preisgegeben. Nur indem die Proletarier sich zur Masse zusammenballen und ihrem Aggregat einer Struktur verleihen, erhalten sie politische Widerstandskraft und soziale W&uuml;rde. Die Bedeutung und Gr&ouml;&szlig;e der Arbeiterschaft liegt lediglich in ihrer Zahl. Um eine Zahl darzustellen, ist aber Zusammenreihung, Ordnung, vonn&ouml;ten. Das Prinzip der Organisation mu&szlig; also als die conditio sine qua non der sozialen Kampfesf&uuml;hrung der Massen betrachtet werden.&ldquo; (Michels 1911: 22)</p> <p> Also noch einmal Punkt f&uuml;r Punkt aufgeschl&uuml;sselt sieht das Argument folgenderma&szlig;en aus:</p> <ul> <li> Die_der einzelne Unterdr&uuml;ckte ist schw&auml;cher als der_die einzelne Unterdr&uuml;cker_in.</li> <li> Zusammengefasst sind die Unterdr&uuml;ckten jedoch st&auml;rker.</li> <li> F&uuml;r diese Zusammenfassung der Kr&auml;fte ist eine Organisation notwendig. Dieser letzte Punkt ist es, den ich angreifen m&ouml;chte.</li> </ul> <p> Interessanterweise pr&auml;sentiert Michels diese Logik als schlagendes Argument gegen die &bdquo;Theorien der Individualanarchisten&ldquo; (Michels 1911: 22). Michels sieht jedoch die Gefahren einer solchen Organisation der Massen. F&uuml;r ihn ist es es gewisserma&szlig;en ein unl&ouml;sbares Dilemma: F&uuml;r den Kampf gegen die &ouml;konomische Oligarchie braucht es eine starke Massenorganisation. Eine starke Massenorganisation bildet aber immer neue Oligarchien aus.</p> <p> Mir stellt sich die Frage inwiefern der heutige anarchistische Anspruch ist, eine Massenorganisation f&uuml;r die Revolution aufzubauen. Wom&ouml;glich reicht zur Bek&auml;mpfung von Herrschaft auch eine mehr oder weniger massenhafte soziale Bewegung. Teil einer solchen Bewegung k&ouml;nnten kleinere bis mittelgro&szlig;e anarchistische Organisationen sein, die aber von ihrer Gr&ouml;&szlig;e her weniger anf&auml;llig w&auml;ren f&uuml;r Oligarchieausbildung. Vielleicht k&ouml;nnen wir auch auf diese Weise unsere Kr&auml;fte zusammenlegen. Dennoch ist der Punkt nicht unwichtig, denn es gibt immer noch Organisationen mit anarchistischem Selbstverst&auml;ndnis, die, wenn sie auch faktisch keine Massenorganisationen sind, dennoch den Anspruch haben eine solche zu werden. Zum Beispiel FAU und FAS, aber auch manche anarchistischen F&ouml;derationen. Diese Gruppen folgen auch immer noch oft der Argumentation Michels. Dann sollten sie sich aber auch mit dem Michelschen Dilemma auseinandersetzen. Der Verweis auf formal f&ouml;deral-dezentrale Strukturen ist, wie ich bereits versucht habe zu zeigen, nicht ausreichend.</p> <h2> Tyrannei der Strukturlosigkeit</h2> <p> Es gibt ein weiteres, aus anarchistischer Sicht sehr gewichtiges Argument: Organisationen m&ouml;gen zwar auf ihre Weise mit Herrschaft verbunden sein, informelle, nicht organisiertere Zusammenh&auml;nge sind dies jedoch auch. Aus einem feministischen Kontext, um genau zu sein von Jo Freeman, stammt das Konzept der &bdquo;Tyranny of Structurlessness&ldquo;, also der Tyrannei der Strukturlosigkeit. Dabei ist die Idee, dass eine wirkliche Strukturlosigkeit gar nicht m&ouml;glich ist. Wenn wir die Strukturen nicht bewusst und mehr oder weniger formal bilden, entstehen sie sozusagen ohne unsere Zustimmung aus unseren Handlungen. Es bilden sich informelle Cliquen, die Jo Freeman so beschreibt: &bdquo;Bei jedem Treffen einer kleinen Gruppe kann dir jeder, der ein scharfes Auge und gespitzte Ohren hat, sagen, wer wen beeinflu&szlig;t. Mitglieder einer Gruppe von Freunden werden mehr aufeinander Bezug nehmen als auf andere Leute. Sie h&ouml;ren aufmerksamer zu und unterbrechen weniger; sie wiederholen gegenseitig ihre Kernpunkte und geben freundlich nach; sie ignorieren oder bek&auml;mpfen die &#39;outs&#39; (Au&szlig;enstehenden), deren Billigung f&uuml;r eine Entscheidung nicht notwendig ist.&ldquo; (Freeman o. A.)</p> <p> Die gegenseitige Bezugnahme und Unterst&uuml;tzung von Meinungen ist nur eine M&ouml;glichkeit, wie sich in informalen Gruppen Herrschaft ausbilden kann. Ein anderes ist der Zugriff auf Ressourcen. Wenn sich zum Beispiel immer eine Person um die Emails der Gruppe k&uuml;mmert und nicht etwa nach einem formellen Prinzip rotiert wird, dann kann es passieren, dass nur diese Person das Passwort etc. wei&szlig;. Sie hat dann mehr Machtmittel in der Hand, sie kann Informationen zur&uuml;ckhalten. Wom&ouml;glich leitet sie zuerst die Emails weiter, die ihr wichtig sind und kann schon damit den Schwerpunkt verschieben. Vielleicht spielt sie diese Karte gar nicht offensiv aus, aber sie hat sie auf jeden Fall in der Hand. Wenn diese Person dann droht die Gruppe wegen Unstimmigkeiten zu verlassen, hat dies gleich eine ganz andere Wirkung.</p> <p> Die Trennung von Person und Position, wie sie kennzeichnend f&uuml;r B&uuml;rokratie ist, kann personalisierte Hierarchien abbauen. Wenn jede Person, die Formular XY ausf&uuml;llt, Anspruch auf Unterst&uuml;tzung hat und dies formal in einem Protokoll der Organisation festgehalten ist, ist es wesentlich schwieriger ihr dies zu verweigern, nur weil sie nicht zum pers&ouml;nlichen Freundeskreis geh&ouml;rt oder zum Freundeskreis von Personen geh&ouml;rt, die eine punktuell andere Meinung vertreten. Wenn Rotation im Programm festgeschrieben ist, muss eher ein gewichtiger Grund vorgelegt werden, damit einer Person ein Posten verweigert werden kann oder eine Person sich diesen quasi einverleibt. Wie vielleicht schon deutlich geworden ist, zielt dieses Argument eher auf den formalen Charakter von Organisationen ab und streicht ihn hervor. Hier wird mehr oder weniger die Verselbstst&auml;ndigung gegen die Oligarchiebildung ausgespielt.</p> <p> Wenn wir Freemans Argument ernst nehmen, f&uuml;hrt einfach kein anarchistischer Weg an einem Mindestma&szlig; in formalisierten Organisationen vorbei. Und im Gegensatz zu Alfredo Bonanno und einigen anderen insurrektionalistischen Anarchist_innen nehme ich es ernst.</p> <h2> Abschluss</h2> <p> Zum Abschluss m&ouml;chte ich einen groben Vorschlag unterbreiten, wie wir uns organisieren sollten, in diesem Vorschlag m&ouml;chte ich gewisserma&szlig;en noch einmal die wichtigsten Punkte zusammenfassen. Vorneweg mein theoretisches Wissen und meine Erfahrungen reichen beide nicht, um einen solchen Vorschlag wirklich als genauen Plan zu erlauben. Vielmehr soll es sich um eine Grundlage f&uuml;r Diskussionen und Versuche handeln:</p> <p> Unsere Organisationen sollten sich st&auml;rker als Erhalterinnen von &ouml;ffentlichen G&uuml;ter und auch selbst als &ouml;ffentliche G&uuml;ter begreifen. Wir m&uuml;ssen verstehen, dass die Organisation jede_n Einzelne_n kollektiv betrifft. Bezugsgruppen und &auml;hnliche Organisationsformen sind geeignet f&uuml;r klandestine Aktivit&auml;ten und gegenseitigen Schutz bei gef&auml;hrlichen Aktionen. Sie sind jedoch nicht die passende Form um ein &ouml;ffentliches Gut, das &uuml;ber die Gruppe hinausgeht, als solches zu erhalten. Eine eingeschworene Clique von Freund_innen ist eine tolle Form um etwas zu erleben, aber nicht die geeignete Form um eine allgemeine Infrastruktur, die auch jenseits diese Gruppengrenze wichtig ist, zu bieten. Es sei noch einmal an das Problem der trennenden Grenzen erinnert. Das hei&szlig;t der Zugang f&uuml;r Personen, die an diesen G&uuml;tern teilhaben, ist m&ouml;glichst zu vereinfachen. Dies betrifft auch die Nachvollziehbarkeit und Mitbestimmung von Beschl&uuml;ssen. Dies w&auml;re ein Punkt, der sich f&uuml;r eine Formalisierung eignen w&uuml;rde. Allgemeine Anspr&uuml;che zu formalisieren ist dementsprechend sinnvoll, ob es sich nun um Wissen, Redezeit oder &auml;hnliche Ressourcen handelt. Durch diese Formalisierung kann noch einmal die Position als &ouml;ffentliches Gut betont werden. Ich sehe hier zudem betr&auml;chtliches Mobilisierungspotential. Wenn es gelingt, das Interesse welches jede_r Einzelne an der Organisation hat herauszustreichen, ist es hoffentlich leichter Solidarit&auml;t und Unterst&uuml;tzung eventuell auch &uuml;ber die Grenzen einer Szene zu erhalten.</p> <p> Formalisierung generell steht in der Spannung zwischen M&ouml;glichkeiten offen zu halten und sie durch Verselbst&auml;ndigung zu verschlie&szlig;en. Dabei gibt es einen Zusammenhang mit der Gr&ouml;&szlig;e der Organisationen. Wenn sich alle Beteiligten untereinander kennen und quasi zusammenleben, in einem besetzten Haus etwa, l&auml;sst sich die Formalisierung auf den harten Kern von Anspr&uuml;chen reduzieren. In einem derartigen Fall wird vermutlich ohnehin eine Diskrepanz zwischen formaler und faktischer Struktur auftreten. Bei allzu gro&szlig;en Organisationen jedoch droht die Formalisierung zur einzigen Kommunikationsweise zu werden und sich somit zu verselbst&auml;ndigen. Diesen &Uuml;berlegungen zu Folge scheint sich Formalisierung besonders f&uuml;r Organisationen zu eigenen, die so gro&szlig; sind, dass nicht alle Personen st&auml;ndig in Kontakt miteinander stehen k&ouml;nnen, aber sich doch zumindest alle kennen.</p> <p> Bei dieser Behandlung der Formalisierung sind Massenorganisationen schon gar nicht mehr vorgesehen. Angesichts der Argumente die gegen Massenorganisationen sprechen, sehe ich keinen Platz mehr f&uuml;r sie. Die Organisationen sollten eine gewisse Gr&ouml;&szlig;e nicht &uuml;berschreiten. Wenn eine Organisation so gro&szlig; ist, dass es nicht mehr m&ouml;glich ist, dass alle an ihr Beteiligten in einem Kreis zusammensitzen und ein Thema ruhig bereden k&ouml;nnen, kann sie sich f&ouml;deral-dezentral, das hei&szlig;t in mehr oder weniger autonomen Subgruppen, organisieren. Ab einer gewissen Gr&ouml;&szlig;e scheint mir jedoch auch das zu wenig zu sein. Eine wirkliche Massenorganisation l&auml;sst sich auf Grund des Koordinationsbedarf selbst bei strengster Dezentralit&auml;t nicht g&auml;nzlich hierarchiefrei gestalten. Ohnehin scheint der Zeitgeist nicht nach Massenorganisationen zu stehen. Eine Entwicklung, die auch positiv interpretiert werden kann. Oft hei&szlig;t es nur einen angesichts der heutigen Verh&auml;ltnisse beinahe l&auml;cherlichen und insgesamt zweifelhaften Anspruch aufzugeben. Ein Haufen autonom aktiver Gruppen von kleiner bis mittlerer Gr&ouml;&szlig;e, die in unterschiedlichen Verh&auml;ltnissen zueinander stehen und sich aufeinander beziehen, erlaubt eine wesentlich dynamischere Entwicklung f&uuml;r eine Bewegung. Um es auf eine Parole zu bringen: Massenbewegung statt Massenorganisation.</p> <p> Wie gesagt sind diese Randpunkte nur eine Diskussionsgrundlage und ich bin schon gespannt auf eure Meinung. Danke f&uuml;r eure Aufmerksamkeit!</p> <h2> Literaturverzeichnis:</h2> <p> FAS (2008): Prinzipienerkl&auml;rung. Statuten. Elektronisches Dokument. URL: <a href="http://syndikate.at/sites/default/files/FAS_Statuten_Prinzipien.pdf">http://syndikate.at/sites/default/files/FAS_Statuten_Prinzipien.pdf</a>. Abgerufen am 17. 8. 2012.</p> <p> FAU (2008): Statuten der FAU. Elektronisches Dokument. URL: <a href="http://www.fau.org/ueber_uns/statuten-25-08-2008.pdf">http://www.fau.org/ueber_uns/statuten-25-08-2008.pdf</a>. Abgerufen am 17. 8. 2012.</p> <p> Freeman, Jo (o. A.): Die Tyrannei der unstrukturierten Gruppen. Elektronisches Dokument. URL: <a href="http://www.anarchismus.at/texte-anarchismus/organisier-dich-anarchistisch/6040-joreen-die-tyrannei-der-unstrukturierten-gruppen">http://www.anarchismus.at/texte-anarchismus/organisier-dich-anarchistisch/6040-joreen-die-tyrannei-der-unstrukturierten-gruppen</a>. Abgerufen am 18. 8. 2012.</p> <p> Rocker, Rudolf (o. A.): Anarchismus und Organisation. Moers.</p> <p> Michels, Robert (1911): Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie. Untersuchungen &uuml;ber die oligarchischen Tendenzen des Gruppenlebens. Leipzig.</p> <p> M&uuml;mken, J&uuml;rgen (2003): Freiheit, Individualit&auml;t und Subjektivit&auml;t. Staat und Subjekt in der Postmoderne aus anarchistischer Perspektive. Frankfurt a. M.</p> <p> Stirner, Max (1981): Der Einzige und sein Eigentum. Stuttgart.</p> <p> Ward, Colin (2010): Anarchism as a Theory of Organization. Elektronisches Dokument. URL: <a href="http://theanarchistlibrary.org/library/colin-ward-anarchism-as-a-theory-of-organization">http://theanarchistlibrary.org/library/colin-ward-anarchism-as-a-theory-of-organization</a>. Abgerufen am 6. 8. 2012.</p> <div class="flattr-box"><script type="text/javascript"> var flattr_uid = 'systempunkte'; var flattr_tle = 'Anarchismus und Organisation (Teil 2)'; var flattr_dsc = '&lt;p&gt; Wenn wir uns diese Problemfelder ansehen (&lt;a href=&quot;https://systempunkte.org/article/anarchismus-und-organisation-teil-1&quot;&gt;siehe Teil 1&lt;/a&gt;) wird deutlich, dass das Verh&amp;auml;ltnis zwischen Anarchismus als Bewegung und Organisationen noch in einem anderen Punkt als der Vorwegnahme der zuk&amp;uuml;nftigen Gesellschaft ein ganz besonderes ist.&lt;/p&gt;'; var flattr_tag = 'Bewegung'; var flattr_cat = 'text'; var flattr_url = 'http://www.systempunkte.org/article/anarchismus-und-organisation-teil-2'; var flattr_lng = 'de_DE'</script> <script src="http://api.flattr.com/button/load.js" type="text/javascript"></script> </div> http://www.systempunkte.org/article/anarchismus-und-organisation-teil-2#comments Bewegung Sat, 08 Dec 2012 14:28:52 +0000 Tuli 170 at http://www.systempunkte.org Wirtschaft gestalten am Rande und mittendrin http://www.systempunkte.org/article/wirtschaft-gestalten-am-rande-und-mittendrin <p> Kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges erschien das Buch des bekannten Wirtschaftsforschers Friedrich August Hayek &bdquo;The Road to Serfdom&ldquo; (&bdquo;Der Weg zur Knechtschaft&ldquo;), das er den &bdquo;Sozialisten in allen Parteien&ldquo; widmete. Hayek analysiert darin die sozio&ouml;konomischen Megatrends der ersten H&auml;lfte des 20. Jahrhunderts und gelangt zu dem Schluss, dass die faschistischen Regierungen bei der Umgestaltung der Wirtschaftsordnung in Europa vielfach auf &bdquo;sozialistische Vorarbeit&ldquo; zur&uuml;ckgegriffen h&auml;tten. (Hayek 1976, S. 118, S. 122f) Ausf&uuml;hrlich besch&auml;ftigt er sich mit dem Wesen des &bdquo;nationalen Sozialismus&ldquo;, um den Nachweis einer Wesensverwandtschaft von faschistischem und sozialistischem Gedankengut zu erbringen. (Hayek 1976, S. 111ff, 173ff) Einer der Autoren, auf den sich Hayek bezieht, ist der Tat-Kreis-Initiator und &bdquo;Edelnazi&ldquo; Ferdinand Fried, der in seiner Schrift &bdquo;Die soziale Revolution&ldquo; (1942) die Entwicklungen seiner Zeit &ndash; Entstehung gro&szlig;er wirtschaftlicher Konglomerate, Zunahme der staatlichen Lenkung, Abl&ouml;sung der Unternehmer durch die Manager, Bedeutungsgewinn der Hochtechnologie &ndash; beschrieben und mit recht eigenwilligen Interpretationen versehen hatte. (Hayek 1976, S. 185)</p> <p> &Uuml;bereinstimmend ist bei Fried und Hayek die Neigung feststellbar, eine im Wesen des Kapitalismus grundangelegte Umw&auml;lzung einer halluzinierten Herausbildung sozialistischer Wirtschaftstrukturen zuzurechnen. Die wahrgenommenen Ver&auml;nderungen m&ouml;gen in einigen Punkten einem &bdquo;preu&szlig;ischen&ldquo; Sozialismus-Modell und damit einem Zerrbild entsprochen haben, ganz gewiss aber nicht dem Sozialismus an sich. (vgl. K&uuml;hnl 1993, S. 58ff) Hayek verzichtete in seinem Buch v&ouml;llig auf die Behandlung des libert&auml;ren Sozialismus bzw. des Anarchismus, der ihm aus seiner Wiener Schaffensperiode zumindest peripher bekannt gewesen sein muss. &Auml;hnlich ignorant verhalten hatte sich bereits Ludwig Mises, der Lehrer und F&ouml;rderer Hayeks, als er zu Beginn der 1920er Jahre sein umfangreiches Werk &bdquo;Die Gemeinwirtschaft&ldquo; vorlegte. (Mises 1922) Mises ging es damals ebenfalls um eine theoretische Widerlegung des Sozialismus, und auch er lieferte mit der Vernachl&auml;ssigung des libert&auml;ren Sozialismus ein nur fragmentarisches Betrachtungsergebnis, wie der &ouml;sterreichische Anarchist Pierre Ramus 1923 zu Recht feststellte. (Ramus 2001, S. 93ff)</p> <h2> <br /> 1. Der libert&auml;re Sozialismus nach 1945</h2> <p> In den L&auml;ndern der westlichen Welt waren die sozialen Gegebenheiten nach dem Zweiten Weltkrieg nur schwer vergleichbar mit jenen von 1918. Nach dem Ersten Weltkrieg war die Arbeiterschaft sehr selbstbewusst hervorgetreten, die Mitgliederzahlen der Gewerkschaften wuchsen sprunghaft an, eine Reihe sozialpolitischer Erfolge konnte so errungen werden. Die weit reichenden Emanzipationshoffnungen waren geweckt durch die Einfl&uuml;sse der Russischen Revolution und der R&auml;tesysteme in Deutschland bzw. Ungarn. In Italien kam es zu zahlreichen Unruhen und Streiks, die ihren H&ouml;hepunkt im Herbst 1920 erreichten, als die Arbeiterinnen und Arbeiter die Fabriken in den Industriebezirken besetzten. Im l&auml;ndlichen Raum wurden zahlreiche G&uuml;ter von der Landarbeiterschaft &uuml;bernommen und in Kooperativen umgewandelt. Ein dichtes Netz sozialistischer Konsumgenossenschaften sorgte f&uuml;r die Verteilung der produzierten G&uuml;ter. Auch in &Ouml;sterreich standen Betriebs&uuml;bernahmen durch die Arbeiterschaft und die Sozialisierung von Unternehmen auf der Tagesordnung. (Abendroth 1975, S. 87ff)</p> <p> V&ouml;llig anders hingegen gestalteten sich die Dinge nach 1945. Dem Faschismus war die weitgehende Zerschlagung der Arbeiterbewegung gelungen. Im Vordergrund stand f&uuml;r die Menschen der &ouml;konomische Wiederaufbau, an den in den 1950er Jahren das so genannte Wirtschaftswunder anschloss. Das Investitionsklima gestaltete sich bis in die 1960er Jahre g&uuml;nstig, der Kapitalstock wuchs, die Arbeitslosigkeit blieb gering, inflation&auml;re Prozesse hielten sich in Grenzen. Mit der Modernisierung der Wirtschaft fand der Fordismus &ndash; gekennzeichnet durch ein steigendes Lohnniveau, einem in Gang kommenden Massenkonsum, sozialstaatliche Absicherungsma&szlig;nahmen und garantierte Wohlfahrtsrechte &ndash; seine Ausbreitung. Vieles schien nun m&ouml;glich, mit dem Einr&uuml;cken smarter Technokraten in die Schaltstellen der Gesellschaft wurde der Fortschrittsglaube zu einer Art neuer Religion. (Senft II, S. 9f)</p> <p> Die in der Zwischenkriegszeit noch lebendige Kultur des libert&auml;ren Sozialismus geh&ouml;rte ohne Zweifel zu den Opfern der faschistischen &Auml;ra: &bdquo;Verfolgung, Vertreibung, Deportation, Gef&auml;ngnis, Hinrichtungen und die hohen Opfer im Widerstand hatten die Zahl aktiver Anarchisten dahinschmelzen lassen.&ldquo; (Stowasser 1995, S. 332) Eine gr&ouml;&szlig;ere libert&auml;re Restinsel bestand in S&uuml;dwestfrankreich, wohin sich zahlreiche &Uuml;berlebende der Spanischen Revolution der 1930er Jahre zur&uuml;ckgezogen hatten. Exilgruppen der spanischen Anarchosyndikalisten fanden sich auch in Nordafrika, in Australien oder in Lateinamerika. In Italien verhinderten interne Querelen und Fraktionsk&auml;mpfe eine Wiederbelebung der unter Mussolini verbotenen Organisationen. Wichtige Impulse kamen jedoch aus Gro&szlig;britannien, aus den Niederlanden und der Schweiz sowie aus den Vereinigten Staaten. Eine zentrale Rolle spielte Schweden, wo die 1910 gegr&uuml;ndete syndikalistische Sveriges Arbetares Centralorganisation (SAC) mit ihren etwa 30.000 Mitgliedern auf eine stetig gewachsene Infrastruktur zur&uuml;ckgreifen konnte. Von der &bdquo;Auslandshilfe&ldquo; der SAC profitierte vor allem der Anarchismus in Deutschland. Dort bem&uuml;hten sich versprengte Libert&auml;re im Rahmen der F&ouml;deration Freiheitlicher Sozialisten (FFS), der Nachfolgeorganisation der alten Freien Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD), um eine inhaltliche und organisatorische Neuorientierung. (Stowasser 1995, S. 331ff)</p> <h2> 2. Vom &bdquo;revolution&auml;ren&ldquo; zum &bdquo;pragmatischen Anarchismus&ldquo;</h2> <p> Die gesellschaftlichen Ver&auml;nderungen fanden auch im anarchistischen Wirtschaftsdenken nach 1945 ihren Niederschlag. So stellt Augustin Souchy fest, dass der westliche Kapitalismus durch vermehrte staatliche Eingriffe und F&ouml;rderma&szlig;nahmen wie dem US-Marshallplan eine erstaunliche Regenerationsf&auml;higkeit entwickelt habe und daher mit einem &bdquo;Zusammenbruch&ldquo; im Sinne marxistischer Theoretiker so bald nicht gerechnet werden k&ouml;nne. (Souchy I, S. 25ff) Der in den Vereinigten Staaten sesshaft gewordene Rudolf Rocker zeigt sich &uuml;berzeugt, dass das kapitalistische Wirtschaftssystem jedoch nichts von seiner negativen Dynamik eingeb&uuml;&szlig;t habe. Besonders in der Konkurrenz zwischen den Nationalstaaten und im ausgedehnten Rohstoffbedarf der industrialisierten L&auml;nder sieht er eine weiterhin schwelende Kriegsgefahr. Die Unf&auml;higkeit der westlichen Welt, geeignete Umgangsformen mit ehemaligen Kolonien in Afrika, Asien oder Lateinamerika zu entwickeln, betrachtet Rocker als zus&auml;tzlichen Faktor der Instabilit&auml;t. (Rocker I, S. 13f) Es gehe nun darum, so Rocker, sich von konflikttr&auml;chtigen ideologischen Mustern wie dem Malthusianismus (&bdquo;Der Tisch ist nicht f&uuml;r alle gedeckt&ldquo;) und dem Sozialdarwinismus (&bdquo;Kampf ums Dasein&ldquo;) zu verabschieden, um mit den vorhandenen Ressourcen einen vern&uuml;nftigen &bdquo;Wohlstand f&uuml;r Alle&ldquo; sicherzustellen. Keine andere Form menschlichen Handelns bringe eine solch gewaltige sinnlose Verschwendung hervor wie der Krieg. (Rocker I, S. 15)</p> <p> Interessant ist die Einsch&auml;tzung des Kapitalsektors bei Rudolf Rocker. Kapital, so f&uuml;hrt er aus, sei nicht mehr und nicht weniger als &bdquo;vorgeleistete Arbeit&ldquo;, kombiniert mit den vorhandenen nat&uuml;rlichen Ressourcen. Jedes moderne &ouml;konomische System sei auf Kapital angewiesen, zu verurteilen seien jedoch die ungleich verteilten Verf&uuml;gungsrechte, was zu einer einseitig orientierten Profitwirtschaft, zur Ausbeutung der &bdquo;Have-Nots&ldquo; f&uuml;hren m&uuml;sse. (Rocker I, S. 16) Fritz Linow pr&auml;zisiert: Nicht erst &bdquo;die Trusts und Kartelle, die Preisabreden und Marktregelungen&ldquo;, sondern bereits das &bdquo;unhaltbare private Besitzrecht an den Produktionsmitteln macht die Wirtschaft zur Monopolwirtschaft&ldquo;. (Linow II, S. 3)</p> <p> In derartige &Uuml;berlegungen einbezogen werden auch die mit der Umw&auml;lzung der Eigentumsverh&auml;ltnisse (Stichwort: Shareholder) und Entscheidungsbefugnisse (Stichwort: Manager) verbundenen Tendenzen in Richtung gro&szlig;betrieblicher Strukturen und Zusammenh&auml;nge. Helmut R&uuml;diger bezieht sich in seinen Betrachtungen auf den US-amerikanischen Autor James Burnham, der im Juni 1941 sein Buch &bdquo;The Managerial Revolution&ldquo; vorgelegt hatte. (R&uuml;diger II, S. 51) Burnham behauptet darin die Entstehung einer Gesellschaftsformation, in der Manager und technische Experten als neue &bdquo;herrschende Klasse&ldquo; auftreten. Das Managementprinzip &ndash; so seine Prognose &ndash; werde sich auf allen Ebenen durchsetzen und zur einer &bdquo;total verwalteten Gesellschaft&ldquo; f&uuml;hren. (Burnham 1951, S. 42f) W&auml;hrend &Ouml;konomen wie Joseph A. Schumpeter (1980, S. 213ff) Ver&auml;nderungselemente wie dieses als Mittel einer effizienter organisierten Wirtschaft und als Vorbote eines &bdquo;sozialistischen Systems&ldquo; deuteten, warnten die Anarchisten vor &uuml;berhand nehmenden Kontrollzw&auml;ngen in der Gesellschaft. (R&uuml;diger III, S. 74)</p> <p> Unisono wird auf libert&auml;rer Seite davor gewarnt, sich im Diskurs um den Sozialismus rein auf die &bdquo;Magenfrage&ldquo; zu beschr&auml;nken. Das sozialistische Denken habe prim&auml;r zu tun mit den Ideen der Gleichheit und der sozialen Integration, mit den Zielen eines selbstbestimmten Lebens und dem allseitigen Wohlbefinden des Individuums in der Gesellschaft.&nbsp; &bdquo;Sozialismus&ldquo;, so stellt Fritz Linow fest, &bdquo;ist die Vereinigung der Produzenten in genossenschaftlichem Geist und ein System der Verwaltung der &ouml;ffentlichen Angelegenheiten, welches in echter Demokratie den B&uuml;rger in einer zweckentsprechend gegliederten Gemeinde zum Tr&auml;ger der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Initiative macht.&ldquo; (Linow IV, S. 48) Die von anarchistischer Seite vorgeschlagene selbstverwaltete Gesellschaft besteht somit als ausdr&uuml;cklicher Gegenentwurf zum Technokraten-Modell &agrave; la Schumpeter. Vergleichbar den staatskapitalistischen Systemen in Osteuropa gerate die Gesellschaft unter technokratischen Bedingungen mehr und mehr in den Vormundschaftsbereich einer Managerelite, die &ndash; getrieben vom kapitalistischen Profitmotiv &ndash; jede Lebens&auml;u&szlig;erung zentralistisch und b&uuml;rokratisch zu erfassen versuche. &ndash; Ein neuer Totalitarismus sei die Folge. (Linow V, S. 53)</p> <p> Dass auch in den Gewerkschaften das den urspr&uuml;nglichen Ideen der Arbeiterbewegung zuwiderlaufende Managementprinzip Einzug gehalten habe, muss in einem Umfeld, das noch von den Traditionen des Syndikalismus und des Gildensozialismus gepr&auml;gt ist, als besonders bedenklich eingestuft werden. (Linow II, S. 11f) Funktion&auml;re systemkonformer Gewerkschaften &ndash; so zeigt sich Fritz Linow &uuml;berzeugt &ndash; seien inzwischen Teil einer zentralistischen Unterwerfungsordnung geworden; kein &bdquo;Mitbestimmungsrecht&ldquo; k&ouml;nne dar&uuml;ber hinwegt&auml;uschen. (Linow III, S. 10, 12) Nicht eine statistiklastige &bdquo;Kommandowirtschaft&ldquo; k&ouml;nne das Ziel sein, bekr&auml;ftigt Rocker im Gedankenaustausch mit Linow, sondern eine &ouml;konomische Ordnung, die Gestaltungsfreiheit, Raum f&uuml;r Experimente sowie die Begegnung von Produzenten und Konsumenten unter herrschaftsfreien Bedingungen erm&ouml;gliche. (Rudolf Rocker im Brief an Fritz und Lisa Linow vom 29. 8. 1949, S. 5, Archiv: Hans J&uuml;rgen Degen) &bdquo;Dezentralisation und F&ouml;deralismus in der Wirtschaft, auf jedem Gebiete des sozialen Lebens, ist heute das Gebot der Stunde.&ldquo; (Ebd., S. 4) Solche Ausf&uuml;hrungen sind jedoch nicht als Absage an planwirtschaftliche Elemente zu lesen. Rudolf Rocker: &bdquo;Wie man kein Haus bauen kann, ohne einen bestimmten Plan zu haben, so ist auch das Wirtschaftsleben ohne Planung nicht denkbar.&ldquo; (Ebd., S. 6) Aber, erg&auml;nzt Linow, &bdquo;wir verstehen unter Planwirtschaft etwas anderes als die kapitalistischen Konzernpolitiker und die Machthaber des Ostens. Wir verstehen darunter eine Wirtschaft, in der nicht der Mensch zum Sklaven der Planung wird, sondern wo die Planung bei den Bedarfstr&auml;gern beginnt, um an die Produktionsst&auml;tten&nbsp; weitergegeben zu werden. [&hellip;] Bedarf und Erzeugung m&uuml;ssen miteinander in &Uuml;bereinstimmung gebracht werden, und wenn die Erzeugung in Produktionsgenossenschaften ge&uuml;bt wird, dann d&uuml;rfte es sich als notwendig erweisen, den Bedarf in den Verbrauchsgenossenschaften zu organisieren.&ldquo; (Linow I, S. 60)</p> <p> Die formulierten Vorstellungen wiesen durchaus Realit&auml;tsn&auml;he auf, wie die Planification in Frankreich, eine spezifische Variante der Wirtschaftsplanung, seit 1946 zeigte. Diese hatte nichts gemein mit der Planwirtschaft in Osteuropa, sondern bestand in erster Linie aus einer mittelfristigen Finanz- und Investitionsplanung. Voraussetzung war, dass vor allem der Bankensektor unter &ouml;ffentliche Kontrolle gestellt war. Im Gegensatz dazu blieben die Entscheidungsspielr&auml;ume des Produktionssektors weitgehend unangetastet. Der erste 1946 verabschiedete Plan gab Priorit&auml;ten f&uuml;r Problembereiche wie Energie, Verkehr, Bauindustrie und Landwirtschaft vor. Mit wachsendem Erfolg wurde die Planification zu einem Aush&auml;ngeschild des franz&ouml;sischen Weges einer gelenkten Modernisierung. Ab Mitte der 1950er Jahre verlor die Planification zwar nach und nach an Bedeutung, als Ort des sozialen Dialogs oder als Prognose- und Beratungsstelle blieb sie jedoch bis 1974 erhalten. (P&uuml;tz 1979, S. 43ff)</p> <p> Im Gegensatz zur franz&ouml;sischen Planification weist die libert&auml;re Wirtschaftsprogrammatik deutlich st&auml;rker in Richtung dezentraler und f&ouml;deralistischer Strukturen. Als relativ h&auml;ufig zitiertes Referenzmodell taucht bei den Anarchisten nach dem Zweiten Weltkrieg die israelische Kibbuz&ouml;konomie auf. (Souchy II, S. 8) Wirtschaften beginnt im lokalen Rahmen, &uuml;bergeordnete Zusammenh&auml;nge sind aber nicht weniger wichtig. Auf der Basis des F&ouml;derationsprinzips wird f&uuml;r Helmut R&uuml;diger (1949!) sogar ein vereintes Europa vorstellbar. (R&uuml;diger I, S. 64ff) &bdquo;So viel Plan wie m&ouml;glich &ndash; so viel Markt wie n&ouml;tig&ldquo;, scheint dabei das Motto der Libert&auml;ren zu lauten. Ein v&ouml;lliger Marktverzicht sei jedoch auszuschlie&szlig;en, wie etwa der schwedische Syndikalist Bengt Hedin anmerkt. Marktwirtschaftliche Elemente h&auml;tten durchaus ihren Nutzen (z. B. Preis als Knappheitsindikator), nur d&uuml;rfe der Markt nicht von kapitalistischen Produzenten beherrscht werden. In jedem Fall aber sei die Selbstregulierung des Marktes einem staatlichen Dirigismus vorzuziehen. (Hedin 1953, S. 24ff) &nbsp;</p> <h2> 3. Br&uuml;che und Wendepunkte</h2> <p> In der Literatur wird die anarchistische Lehre zumeist als ein Ideenkonglomerat mit einer gemeinsamen Zielausrichtung, n&auml;mlich der Herrschaftsfreiheit, beschrieben. Die Klassiker des Anarchismus zeigen hinsichtlich ihrer Wirtschaftsauffassungen ein breites Spektrum unterschiedlicher Denkans&auml;tze:</p> <ul> <li> Individualistischer Anarchismus: Marktwirtschaft, Antimonopolismus, autonome Geldsch&ouml;pfung (Benjamin R. Tucker)</li> <li> Mutualistischer Anarchismus: Genossenschaftsprinzip, gegenseitige Hilfe, Tauschgerechtigkeit, F&ouml;deralismus (Pierre-Joseph Proudhon)</li> <li> Kollektivistischer Anarchismus: kollektive Produktion, individuelle Entlohnung (Michail A. Bakunin)</li> <li> Kommunistischer Anarchismus: Jeder nach seinen F&auml;higkeiten, jedem nach seinen Bed&uuml;rfnissen (Pjotr A. Kropotkin)</li> </ul> <p> <br /> In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg wirkte vor allem das Proudhonsche Gedankengut ungebrochen weiter. War es doch der franz&ouml;sische Anarchist gewesen, der in eine breite Auseinandersetzung mit der klassischen National&ouml;konomie eingetreten war, und der die Basis einer den Anforderungen einer funktionellen Demokratie entsprechenden Wirtschaftsordnung geliefert hatte. Allerdings fehlte es nach 1945 an einer umfassenden Auseinandersetzung mit der zeitgen&ouml;ssischen akademischen Wirtschaftslehre, die in einen temporeichen Prozess der Ausdifferenzierung eingetreten war (Arbeitsmarkttheorie, Au&szlig;enwirtschaftstheorie, Geldtheorie, etc.). Man konnte und man kann den Wirtschaftswissenschaften vieles anlasten &ndash; etwa unrealistische Annahmen beim Menschenbild oder hinsichtlich der Markttransparenz, bedenkliche Gradmesser des Wohlstandes (z. B. Bruttosozialprodukt), mit dem Profitmotiv gekoppelte mechanistische Vorstellungswelten &ndash;, die Weichenstellung in Richtung Programmatik bei gleichzeitiger Vernachl&auml;ssigung der Theorie, das Ausklinken aus dem &ouml;konomischen Diskurs stellte aber ein hausgemachtes Problem des libert&auml;ren Lagers dar. Immer deutlicher zeigte sich, dass den neuen gesellschaftlichen Herausforderungen nur begrenzt mit der Vorstellungswelt des 19. Jahrhunderts begegnet werden kann. Personen wie der analytisch begabte Rudolf Rocker wurden immer mehr zu Ausnahmeerscheinungen. In den 1950er Jahren machte sich das Fehlen einer Nachfolgegeneration bereits schmerzlich bemerkbar; die anarchistische Bewegung drohte zu vergreisen.</p> <p> Erst im Gefolge des Jahres 1968 wurde wieder ein Auftrieb f&uuml;r die libert&auml;re Ideenwelt sp&uuml;rbar. Was als Protestbewegung gegen den Vietnamkrieg begonnen hatte, m&uuml;ndete in einen Kampf gegen das Autorit&auml;tsprinzip &ndash; insbesondere in den Bereichen Erziehung und Bildung &ndash;, gegen sexuelle Repression oder f&uuml;r Minderheitenrechte. In den Vereinigten Staaten, in Westeuropa, aber auch im sowjetischen Herrschaftsbereich setzten tief greifende gesellschaftliche Ver&auml;nderungen ein. Das frisch entfachte Interesse am Anarchismus wurde von den Altanarchisten allerdings mit zum Teil erheblicher Skepsis aufgenommen. Die 68er-Bewegung verstand sich in erster Linie als Kulturbewegung, deren Zielausrichtung in &ouml;konomischer Hinsicht jedoch nicht klar erkennbar war. Der Anarchismus wurde nun vielfach zu einem romantischen &bdquo;Gef&uuml;hls-Anarchismus&ldquo;, dessen Unvereinbarkeit mit einem stringenten &ouml;konomischen Theoriegeb&auml;ude auf der Hand lag. Mit einer gewissen Folgerichtigkeit wurden Denkans&auml;tze benachbarter Str&ouml;mungen als &bdquo;L&uuml;ckenf&uuml;ller&ldquo; &uuml;bernommen. So kam es auf der einen Seite zum Crossover zwischen &bdquo;Bakunin&ldquo; und &bdquo;Marx&ldquo;, auf der anderen Seite erfolgte eine Ann&auml;herung an die Freiwirtschaftslehre Silvio Gesells, dessen Anh&auml;ngerschar &uuml;berwiegend eine sozialliberale Orientierung angenommen hatte. (Senft I, S. 213ff)</p> <p> Freilich gab es noch die Analysen des Italieners Luciano Lanza, Herausgeber des Blattes &bdquo;A-rivista anarchica&ldquo;, der unerm&uuml;dlich die Bedeutung des wirtschaftlichen Sektors betonte. Eine seiner zentralen Thesen lautet: Herrschaft ist als eine Art &bdquo;anthropologische Grundkategorie&ldquo; zu betrachten. Das Prinzip der Herrschaft verfolgt den Menschen seine gesamte Geschichte hindurch, wobei herrschaftliches Handeln besonders in dem Bestreben zum Ausdruck kommt, innerhalb der Gesellschaft die strategisch &bdquo;g&uuml;nstigste&ldquo; Position zu besetzen. So geht die Herrschaft heute weltweit von einem hegemonial positionierten &ouml;konomischen Sektor aus. Nur von dort aus sei der einzelne Mensch uneingeschr&auml;nkt zu kontrollieren, zu manipulieren und zu unterwerfen. (Lanza I und II)</p> <p> Angesichts solcher auf den ersten Blick nicht gerade ermutigender Einsichten war es wenig &uuml;berraschend, dass der Utopismus wieder einen gewissen Zuspruch erlebte. Eine vor allem im deutschsprachigen Raum beachtliche Popularit&auml;t erreichte der Entwurf &bdquo;bolo&rsquo;bolo&ldquo; des Z&uuml;richer &Ouml;konomen und Philosophen P. M., der an die Vorstellung einer aus vielen kleinen autonomen Gemeinschaften bestehenden Welt anschlie&szlig;t: &bdquo;bolo&ldquo; steht f&uuml;r eine sich selbst versorgende Kommune, &bdquo;bolo&rsquo;bolo&ldquo; f&uuml;r ein Netz derartiger Gemeinschaften, wobei die &bdquo;bolos&ldquo; auf Tauschbasis miteinander verkehren. Unzweifelhaft ist der Autor von der Selbstorganisationsf&auml;higkeit der Gesellschaft und von der M&ouml;glichkeit einer gemeinsamen Regulation der M&auml;rkte &uuml;berzeugt. Grundlage der politischen Entscheidungsfindung ist nach P. M. die Vollversammlung im &bdquo;bolo&ldquo;, &uuml;bergeordnete Belange werden mittels delegierter R&auml;te zwischen den Gemeinschaften ausverhandelt. (P. M. 1983) &bdquo;bolo&rsquo;bolo&ldquo; stand paradigmatisch f&uuml;r verschiedene Anliegen, wie sie seit Mitte der 1970er Jahre innerhalb der Autonomenszene formuliert wurden. Weder parteipolitisch noch sonst formal organisiert zielten die Autonomen auf Herstellung selbstbestimmter Freir&auml;ume, indem sie auf aktionistischem Wege die wunden Punkte des modernen Kapitalismus aufzeigten. Im Umfeld der sehr heterogenen Szene formierten sich die Hausbesetzerbewegung, die AKW-Gegner oder verschiedene Antifa- und Friedensgruppen. (Gross; Schultze 1997, S. 147ff )</p> <h2> 4. Was ist eigentlich &bdquo;Anarchokapitalismus&ldquo;?</h2> <p> Das eigenartige an dieser Entwicklung war, dass gerade zu einem Zeitpunkt, als der libert&auml;re Bezug zur &ouml;konomischen Theorie abhanden kam, Personen aus dem Forschungsestablishment ihr Interesse f&uuml;r die &bdquo;Anarchie&ldquo; zu bekunden begannen. Mitte der 1970er Jahre erschien James M. Buchanans Buch &bdquo;Limits of Liberty. Between Anarchy and Leviathan&ldquo;, etwa zeitgleich trat Robert Nozick mit seinem Werk &bdquo;Anarchy, State and Utopia&ldquo; (&bdquo;Anarchie, Staat, Utopia&ldquo;) hervor, in dem er einen Minimal- bzw. Nachtw&auml;chterstaat zu begr&uuml;nden versucht, der sich auf den Schutz der Rechte und des Eigentums seiner B&uuml;rger beschr&auml;nkt. Argumentativ vertritt Nozick darin u. a. die Position, dass jede mittels freien und einvernehmlichen Austauschs zwischen m&uuml;ndigen Personen herbeigef&uuml;hrte Verteilung von G&uuml;tern gerecht sei, selbst wenn durch diesen Prozess gravierende Ungleichheiten und somit auch Machtdifferenzen entstehen. (Nozick 1974, S. 150ff) Mit dem klassischen Anarchismus hatte all dies nicht mehr das Geringste zu tun. In Wahrheit handelt es sich bei Buchanan und Nozick um konservative Ideologen, ebenso wie bei dem 1976 mit dem Nobelpreis f&uuml;r Wirtschaftswissenschaften ausgezeichneten Milton Friedman, der uns auf diversen Internetforen bis heute als &bdquo;liberaler Anarchist&ldquo; pr&auml;sentiert wird.</p> <p> Durchaus &auml;hnlich gelagert erscheinen die Dinge im Fall des so genannten Anarchokapitalismus. Hierbei handelt es sich um eine sozialphilosophische Konzeption, die f&uuml;r einen freien Markt, f&uuml;r das Privateigentum und f&uuml;r freiwillige vertragliche Bindungen innerhalb der Gesellschaft eintritt, wobei staatliche Institutionen und Eingriffe ausgeschlossen sind. Der Begriff Anarchokapitalismus geht auf den nordamerikanischen Wirtschaftswissenschaftler und Philosophen Murray N. Rothbard zur&uuml;ck, der Elemente des klassischen Liberalismus, der &Ouml;sterreichischen Schule der National&ouml;konomie und der Programmatik der US-Libertarians zu verbinden versucht. (Rothbard 1978) Im Zentrum der Herrschaftskritik Rothbards &ndash; der sich selbst als &bdquo;Right-Wing Intellectual&ldquo; definiert &ndash; steht der Staat, sonstige gesellschaftliche Machtverh&auml;ltnisse spielen bei ihm nur eine untergeordnete Rolle. R&auml;tselhaft bleibt die Konnotation dieser oder &auml;hnlicher Theoriegebilde mit dem Begriff des Anarchismus. Aber vielleicht stand nur das Vorhaben im Raum, einer inzwischen endlos abgeleierten wirtschaftsliberalen Kennmelodie ein paar wuchtige &bdquo;Beats&ldquo; hinzuzuf&uuml;gen, um damit ein dynamischeres Erscheinungsbild zu erzeugen &hellip;</p> <p> Die &bdquo;anarchokapitalistische&ldquo; Position passte ideologisch jedenfalls ausgezeichnet in die Umbruchszeit der sp&auml;ten 1970er Jahre, in die Phase der krisenhaften wirtschaftlichen Entwicklungen, in der &bdquo;Keynesianische&ldquo;, also interventionistische wirtschaftspolitische Bew&auml;ltigungsversuche nicht mehr so richtig zu greifen schienen. Dem verlangsamten Wirtschaftswachstum, den sinkenden Produktivit&auml;tszuw&auml;chsen und dem durch die Erd&ouml;lkrisen ausgel&ouml;sten Preisgalopp sollte mittels angeblich neuer wirtschaftspolitischer Vorgaben zu Leibe ger&uuml;ckt werden. Mehr Vertrauen in die Marktkr&auml;fte wurde gefordert, die Nachfrageorientierung in der Wirtschaftspolitik sei durch eine Ausrichtung an so genannten Supply-Side-Economics (angebotsorientierte &Ouml;konomie) zu ersetzen. Der private Wirtschaftssektor mit seiner Innovationskapazit&auml;t w&auml;re stark genug, alles wieder ins Lot zu bringen. In der Phase ges&auml;ttigter Massenm&auml;rkte sch&uuml;rte die Verk&uuml;ndung einer neuen (&bdquo;postindustriellen&ldquo;) deregulierten Dienstleistungsgesellschaft erhebliche Hoffnungen. Weltweit machten sich die Staatsf&uuml;hrungen daran, Liberalisierungs-, Privatisierungs- und Flexibilisierungsprogramme auf breiter Ebene durchzusetzen. Doch weder die brutal vollzogene &bdquo;R&uuml;ckkehr ins Dienende&ldquo; auf dem Wege des &bdquo;Outsourcings&ldquo; und im Zuge der Steigerung der Zahl der &bdquo;Ich-AGs&ldquo;, noch die Versprechungen einer &bdquo;New Economy&ldquo; haben auf wirtschaftlicher Ebene etwas zum Besseren bewegt &ndash; viel mehr muss heute vom Gegenteil ausgegangen werden. (Hamelink 2000, S. 173)</p> <h2> 5. Umrisse einer libert&auml;ren &Ouml;konomie</h2> <p> Zweifellos wohnten dem Aktionismus, mit dem der Anarchismus im Gefolge der Bewegung von 1968 die Aufmerksamkeit auf sich zog, zahlreiche aufkl&auml;rerische Momente inne. Nicht nur der Anarchosyndikalismus erlebte nun seine Wiederauferstehung. (Dr&uuml;cke 1998, S. 190ff) Aufsehen erregend wirkten auch die konsumkritischen Aktivit&auml;ten aus dem Umfeld der Situationistischen Internationale. Einen legend&auml;r gewordenen Auftritt lieferte etwa eine Londoner K&uuml;nstlergruppe, die als Weihnachtsm&auml;nner verkleidet in einem Kaufhaus Spielzeug an sich nahm und an die anwesenden Kinder verteilte. Die herbeigerufene Polizei nahm den Kleinen die Waren wieder ab und verhaftete &ndash; unter den fassungslosen Blicken der Kinder &ndash; die Weihnachtsm&auml;nner.</p> <p> Nicht zu vergessen sind verschiedene &bdquo;realwirtschaftliche Projekte&ldquo;, die als Hoffnungstr&auml;ger einer libert&auml;ren Linken fungierten. Im Jahr 1971 wurde in D&auml;nemark die Freistadt Christiania als alternatives Siedlungsprojekt ins Leben gerufen. Die autonome Kommune umfasst ein ca. 34 ha gro&szlig;es Gebiet, das im Kopenhagener Stadtteil Christianshavn liegt. Hier gelang der Aufbau einer funktionierenden Infrastruktur, alle erforderlichen Dienste, von der Stra&szlig;enreinigung &uuml;ber die Post bis hin zu Kinderg&auml;rten und Schulen, bestehen bis heute in selbstorganisierter Form. (Bischoff 1995) In Portugal machte die Nelkenrevolution 1974 den Weg frei f&uuml;r eine in etlichen Bereichen vom Geist des iberischen Anarchosyndikalismus angeregte Umgestaltung der Wirtschaft. In zahlreichen Fabriken bildeten sich r&auml;te&auml;hnliche Strukturen, noch vor dem Einsetzen der gro&szlig;en Agrarreformen war es unter dem Motto &bdquo;A terra aquem a trabalha&ldquo; (&bdquo;Das Land denen, die es bearbeiten&ldquo;) zu spontanen Landbesetzungen und zur Bildung genossenschaftlicher Zusammenschl&uuml;sse gekommen. In den St&auml;dten wie im l&auml;ndlichen Bereich wurden basisdemokratisch organisierte Kommunalr&auml;te installiert. Konsumgenossenschaften, gewerbliche Produktionskollektive sowie Assoziationen im Baugewerbe oder im Wohnbaubereich erg&auml;nzten die bestehende Wirtschaftsstruktur. (Senft III, S. 19ff)</p> <p> Die meisten der einstigen Hoffnungsgebiete sind inzwischen wieder in der kapitalistischen Normalit&auml;t angekommen. Dennoch bleiben vom letzten Viertel des 20. Jahrhunderts genug gedankliche Ans&auml;tze, deren Weiterentwicklung lohnend erscheint. Als ein vielbeachteter Kritiker des modernen Kapitalismus trat Noam Chomsky hervor. In seiner Auseinandersetzung mit dem Machtph&auml;nomen in der Wirtschaft &uuml;bernahm er mehrere Kritikpunkte der amerikanischen Schule des Institutionalismus. Die Idee eines vollkommenen Wettbewerbes h&auml;lt er demgem&auml;&szlig; f&uuml;r eine Chim&auml;re, die bestimmende Rolle in der Wirtschaft habe eine anonyme F&uuml;hrungsschicht &uuml;bernommen, die aus dem engen Zusammenspiel von Gro&szlig;unternehmen und staatlichen Institutionen hervorgegangen sei. Die Gesellschaft werde von einer Elite manipuliert, um die Fertigungskapazit&auml;ten der Konzerne auszulasten und Absatzziffern zu steigern. So gehe es heute nicht mehr darum, f&uuml;r den Verbrauch zu produzieren, sondern f&uuml;r die Erzeugung zu konsumieren. (Chomsky 2004, S. 258) Widerspr&uuml;che ortet Chomsky auch im Zusammenhang mit dem spekulativen Kapital, dessen Anteil an dem f&uuml;r internationale Transaktionen zur Verf&uuml;gung stehenden Kapital zwischen 1970 und Mitte der 1990er Jahre von 10 auf 95 Prozent angewachsen sei. (Ebd., S. 447f) Politische Steuerungsma&szlig;nahmen seien so gegen&uuml;ber Spekulationsbewegungen immer unwirksamer geworden. Anarchisten sind seit jeher gegen den nationalen Protektionismus aufgetreten (Rocker II, S. 53), doch Chomsky hat auch gegen&uuml;ber der Freihandelsdoktrin seine Vorbehalte. Er weist insbesondere darauf hin, dass die urspr&uuml;nglichen Vertreter der Freihandelidee nur von einer Mobilit&auml;t der G&uuml;ter, nicht hingegen von einer Mobilit&auml;t des Kapitals ausgegangen waren. Chomsky pl&auml;diert heute daf&uuml;r, die sozialen Errungenschaften des Wohlfahrtsstaates zu verteidigen, und er reiht sich damit unter die so genannten revisionistischen Anarchisten ein. (Chomsky 2004, S. 409)</p> <p> Einen wertvollen Diskursbeitrag lieferte der Sozial&ouml;kologe Murray Bookchin mit seiner Darlegung des Begriffs der &ouml;konomischen Knappheit. (Bookchin II, S. 1ff) In den Wirtschaftswissenschaften wird Knappheit als ein relativer, n&auml;mlich auf des Menschen letzte Ziele bezogener Begriff verstanden, wobei diese Ziele in ihrer Vielf&auml;ltigkeit einen Mittelaufwand erforderten, der weit &uuml;ber jeden erdenklichen Vorrat an Hilfsquellen hinausgehe. Daher das gebetsm&uuml;hlenartig wiederholte Credo der Fachgelehrten: &bdquo;Wir leben in einer Welt der knappen G&uuml;ter.&ldquo; In diesem Punkt w&auml;hlt Bookchin einen anderen Zugang. Mit Hilfe qualitativ neuer Technologien sei es inzwischen m&ouml;glich geworden, mit vermindertem Arbeitsaufwand Subsistenzmittel und Luxusg&uuml;ter in gro&szlig;er Zahl zu erzeugen, wobei sich gleichzeitig mit den freigewordenen Energien die gesellschaftlichen und kulturellen M&ouml;glichkeiten im Hinblick auf eine erh&ouml;hte Lebensqualit&auml;t vervielfacht h&auml;tten. Bookchin erkennt darin eine neue Art von Reichtum: &bdquo;zum erstenmal in der Geschichte stehen wir an der Schwelle einer Nach-Mangelgesellschaft.&ldquo; (Bookchin I, S. 10) Die Kritik Bookchins am technokratischen Modernisierungskonsens relativiert seinen im Grunde technologiefreundlichen Standpunkt keineswegs. Er ist nur von den Vorteilen einer radikalen Dezentralisierung der gesellschaftlichen Strukturen &uuml;berzeugt; es gehe darum, regionale Ressourcen wieder verst&auml;rkt zu nutzen und das lokale Wirtschaften im Interesse einer verringerten Umweltsch&auml;digung zu f&ouml;rdern. Auch bedeute eine am Motto &bdquo;small and diversity are beautiful&ldquo; (Ebd., S. 69) ausgerichtete Produktion eine zukunftsf&auml;higere Wirtschaft f&uuml;r die Dritte Welt. Best&auml;tigt wird Bookchin neuerdings durch Frithjof Bergmann, der ebenfalls eine erh&ouml;hte Konvivialit&auml;t in den neuen Technologien zu erblicken vermeint. (Bergmann 2004, S. 193ff) Bereits heute &ndash; erl&auml;utert Bergmann &ndash; werde der Computer immer mehr eingesetzt, einen eigenen und unabh&auml;ngigen Lebensstil zu kreieren. Eine &bdquo;zweite &Ouml;konomie&ldquo; jenseits der industriellen Massenfertigung werde in Zukunft auf dem dezentral installierten &bdquo;Personal Fabricator&ldquo; beruhen, einer kleinen Werkbank, die mit Laser und Wasserjet Materialien zu bearbeiten und in beliebige Formen zu bringen vermag. Solcherart w&uuml;rden auch &uuml;berschaubare Gemeinschaften k&uuml;nftig in die Lage versetzt, mehr oder weniger komplizierte G&uuml;ter in Eigenregie auf lokaler Ebene herstellen zu k&ouml;nnen. (Ebd., S. 317ff)</p> <p> In enger Kooperation mit Murray Bookchin entwickelte Janet Biehl ihre Thesen zu einem neuen revolution&auml;ren Feminismus. (Biehl 1991, S. 46) Der radikale Feminismus steht, im Einklang mit der gesamten Frauenbewegung, f&uuml;r die Distanz gegen&uuml;ber patriarchalen Werthaltungen und Rollenzuweisungen, die in der Sph&auml;re der &Ouml;konomie als geschlechtsspezifische Segregation zum Ausdruck kommen. Als typisch ist in diesem Zusammenhang hervorzuheben, dass keine der g&auml;ngigen Arbeitsmarkttheorien die besonderen Problemlagen von Frauen &ndash; Aspekte der Berufswahl, Einkommensdiskriminierung, spezielle Krisenbetroffenheit &ndash; ad&auml;quat widerspiegelt. Vom b&uuml;rgerlichen Fl&uuml;gel der Frauenbewegung unterscheidet sich der radikale Feminismus durch seine N&auml;he zum Anarchismus, von dem er nicht nur das Verst&auml;ndnis von sozialer Hierarchie und Autorit&auml;t, sondern auch das revolution&auml;re Element &uuml;bernimmt. (Lohschelder 2000, S. 158) Janet Biehl setzt ihre Hoffnungen auf ein Zukunftsmodell: Schaffung einer kommunalen &Ouml;konomie, die eine den lokalen Bed&uuml;rfnissen angepasste sinnvolle Arbeit erm&ouml;glicht; hier liege die Chance f&uuml;r eine gleichberechtigte und vollwertige Teilnahme von Frauen am wirtschaftlichen Leben. (Biehl 1991, S.26)</p> <p> Hinzuweisen ist schlie&szlig;lich auf Kurt Zube, der den Anarchismus mit einer Reihe sozialliberaler Positionen (v. a. Theodor Hertzka, Franz Oppenheimer) verkn&uuml;pft. In seinem 1977 ver&ouml;ffentlichten Manifest tritt er f&uuml;r die &bdquo;gleiche Freiheit Aller&ldquo; (Zube 1977, S. 236) und somit f&uuml;r die Ausschaltung s&auml;mtlicher &bdquo;staatlicher und privater Machtpositionen&ldquo; ein. (Ebd., S. 181) In &ouml;konomischer Hinsicht thematisiert er vor allem den Produktionsfaktor Grund und Boden sowie das herrschende Geld- und Kreditsystem. Jedes Verf&uuml;gungsrecht &uuml;ber den Boden, das &uuml;ber die pers&ouml;nlichen Nutzungs- und Bearbeitungsm&ouml;glichkeiten hinausgehe, sei problematisch. Das Privateigentum an einem nicht beliebig erweiterbaren, aber von jedem Menschen ben&ouml;tigten Faktor trage n&auml;mlich grunds&auml;tzlich eine Sperr- und damit eine Monopolfunktion in sich. Der eingeschr&auml;nkte Zugang zum Boden f&uuml;hre in der Konsequenz zu betr&auml;chtlichen sozialen Defekten, zur privaten Absch&ouml;pfung der Grundrenten und der Bodenwertsteigerungen sowie zu Spekulationsgewinnen auf Kosten der Gesamtheit. (Ebd., S. 243f) Von noch gr&ouml;&szlig;erer Auswirkung sieht Zube das vom Staat an die Notenbanken &uuml;bertragene Recht der Geldsch&ouml;pfung. Die ausgegebenen Banknoten seien n&auml;mlich nicht nur mit einem Annahmezwang, sondern auch mit dem Privileg der Zinsforderung ausgestattet, sodass von einer &bdquo;direkt vom Staat ausgehenden [&hellip;] monopolistischen Ausbeutung durch Konkurrenzausschlu&szlig;&ldquo; gesprochen werden k&ouml;nne. (Ebd., S. 249f) Zube pl&auml;diert f&uuml;r die Bildung &bdquo;autonomer Rechts- und Sozialgemeinschaften&ldquo; (Ebd., S. 260), antimonopolistisch ausgerichtete &bdquo;offene Betriebsassoziationen&ldquo; sollten &bdquo;den freien Zugang zu den Produktionsmitteln&ldquo; sichern. (Ebd., S. 267ff) Die ungehinderte Geldsch&ouml;pfung durch die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger k&ouml;nnte &ndash; so Zube &ndash; zu einem Kreditsystem f&uuml;hren, in dem der Zins bzw. der Profit des Finanzkapitals gegen Null tendiert. (Ebd., S. 325) Viele der bekannten Ph&auml;nomene der kapitalistischen Marktwirtschaft, von Arbeitslosigkeit bis zu den zahlreichen Mangelerscheinungen, w&auml;ren mit solchen Ma&szlig;nahmen zumindest zu mildern. (Ebd., S. 295)</p> <h2> 6. Ausblick</h2> <p> Zeitgleich mit dem Inkrafttreten des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens NAFTA am 1. J&auml;nner 1994 begann der Aufstand der Neo-Zapatisten im mexikanischen Chiapas. Manche sehen darin die erste &bdquo;postmoderne Revolte&ldquo; bzw. ein Aufbegehren, das mit den Ordnungsvorstellungen und Zielen der mit dem Industriesystem verbundenen Moderne nicht mehr &uuml;bereinstimmt. (Bewernitz 2005, S. 132) Zu den Merkmalen postmodernen Denkens geh&ouml;rt, dass die Grundlagen der Erkenntnistheorie als unzuverl&auml;ssig angesehen werden &ndash; &bdquo;Fragend schreiten wir voran&ldquo;, ist daher ein zentrales Motto des neo-zapatistischen Politikverst&auml;ndnisses (Ebd., S. 125) &ndash;, die Geschichte erscheint nicht mehr zielgerichtet, wodurch auch der Fortschrittsgedanke seine Bodenhaftung verliert. Die Neo-Zapatisten stehen in Opposition zu allen neokonservativ-wirtschaftsliberalen Politikvorstellungen, wobei sie f&uuml;r &bdquo;Land, Freiheit und Gerechtigkeit&ldquo;, f&uuml;r eine weitergehende Demokratisierung sowie f&uuml;r die Anerkennung der Rechte und der Kultur der Ind&iacute;genas eintreten. (Huerta 2001, S. 76 ff, S. 84) Das beachtliche Echo, das die Neo-Zapatisten ausgel&ouml;st haben, ist nur ein Hinweis auf einen l&auml;nder&uuml;bergreifenden Perspektivenwechsel, der &ouml;kologischen Fragen und neuen sozialen Bewegungen einen h&ouml;heren Stellenwert zuordnet.</p> <p> Jenseits eines Verst&auml;ndnisses von Freiheit, das nur eine warenf&ouml;rmige Individualit&auml;t kennt, haben sich mittlerweile zahlreiche Projekte herausgebildet, die auf nicht-hierarchische, zwangsfreie und sozial gerechte Zusammenh&auml;nge in der Gesellschaft hinarbeiten:</p> <ul> <li> Komplement&auml;rw&auml;hrungen: F&ouml;rderung regionaler Entwicklungszusammenh&auml;nge. (Bartussek 2007, S. 191ff)</li> <li> Tauschkreise: Erweiterung des Angebots sozial orientierter Leistungen. (Schridde 1999, 101ff)</li> <li> Genossenschaftliche Selbsthilfe: Ausbau wirtschaftlicher Nischenbereiche. (Sywottek 2003, S. 8)</li> <li> Solidarische &Ouml;konomie: Vorzeigebeispiele sind hier die Kost-Nix-L&auml;den. (Uhl 2007, S. 10f)</li> </ul> <p> <br /> Klar ist, dass keinem der angef&uuml;hrten Projekte die System &uuml;berwindende Kraft innewohnt. Aber die Gesellschaft lernt durch Experimente, und so besteht die berechtigte Hoffnung auf eine &Ouml;konomie, die sich nicht mehr verh&auml;lt wie eine Armee im Feindesland. Eine solche &Ouml;konomie ist angewiesen auf eine erneuerte Wirtschaftstheorie, die bereits in der Wortwahl achtsam verf&auml;hrt. Manche Ausdr&uuml;cke vermitteln sehr viel, etwa wenn M&auml;rkte erobert, feindliche Betriebs&uuml;bernahmen abgewehrt oder neue W&auml;hrungssysteme im Gleichschritt eingef&uuml;hrt werden. Neue analytische Zug&auml;nge k&ouml;nnten auch helfen, zu einem fundierten Begriff von sozialer Gerechtigkeit zu gelangen, der sowohl Reziprozit&auml;tsmechanismen als auch dem Solidarit&auml;tsprinzip entsprechenden Raum gibt. (Bewernitz 2005, S. 128f) Die beste Voraussetzung f&uuml;r eine gelingende Praxis ist, so wissen wir, eine gute Theorie.</p> <p> &nbsp;</p> <p> <em>Dieser Text erschien zuerst in:<br /> Degen, Hans J&uuml;rgen / Knoblauch, Jochen (Hg.):<br /> <a href="http://www.schmetterling-verlag.de/page-5_isbn-3-89657-052-8.htm">Anarchismus 2.0. Bestandsaufnahmen. Perspektiven</a>. 1. Auflage 2009,<br /> Stuttgart, Schmetterling Verlag, Seite 72-90.</em></p> <h3> <br /> Bibliographie:</h3> <p> Abendroth, Wolfgang: Sozialgeschichte der europ&auml;ischen Arbeiterbewegung, Frankfurt/M 197510</p> <p> Bartussek, Ruth: &bdquo;Die Alchemie des Geldes.&ldquo; Ein Ausflug in die Welt der Komplement&auml;rw&auml;hrungen, in: Senft, Gerhard (Hg.): Zwischen Zeiten &amp; Unzeiten, Gedenkschrift f&uuml;r Ludwig Stadelmann, Leipzig 2007</p> <p> Bergmann, Frithjof: Neue Arbeit, Neue Kultur, Freiamt im Schwarzwald 2004</p> <p> Bewernitz, Torsten: Karl Marx und andere Gespenster oder: Eine neue Internationale der Hoffnung. Dekonstruktivismus als die dem Zapatismus angemessene Theorie, in: M&uuml;mken, J&uuml;rgen (Hg.): Anarchismus in der Postmoderne. Beitr&auml;ge zur anarchistischen Theorie und Praxis, Frankfurt/M 2005</p> <p> Biehl, Janet: Sozialer &Ouml;kofeminismus, Grafenau 1991</p> <p> Bischoff, Klaus: Chistiania. Der Kampf um eine alternative Gesellschaft, Berlin 1995</p> <p> Bookchin, Murray I: Die Formen der Freiheit. Aufs&auml;tze &uuml;ber &Ouml;kologie und Anarchismus, Asslar-Werdorf 1977</p> <p> Ders. II: Post-Scarcity Anarchism, Edinburgh - Oakland - West Virginia 20043</p> <p> Buchanan, James M.: The Limits of Liberty. Between Anarchy and Leviathan, Chicago - London 1975</p> <p> Chomsky, Noam: Eine Anatomie der Macht, Hamburg 2004</p> <p> Dr&uuml;cke, Bernd: Zwischen Schreibtisch und Stra&szlig;enschlacht? Anarchismus und libert&auml;re Presse in Ost- und Westdeutschland, Ulm 1998</p> <p> Fried, Ferdinand: Die soziale Revolution. Verwandlung von Wirtschaft und Gesellschaft, Leipzig 1942</p> <p> Gross, Almut; Schultze, Thomas: Die Autonomen. Urspr&uuml;nge, Entwicklung und Profil der Autonomen, Hamburg 1997</p> <p> Hamelink, Cees J.: The Ethics of Cyberspace, London - Thousand Oaks - New Delhi 20022</p> <p> Hayek, Friedrich August: Der Weg zur Knechtschaft (1944), M&uuml;nchen 19765</p> <p> Hedin, Bengt: Die Bedingungen des Marktes, in: Die Freie Gesellschaft, 5. Jg., Nr. 42/1953</p> <p> Huerta, Marta Dur&aacute;n de: Yo Marcos. Gespr&auml;che &uuml;ber die zapatistische Bewegung, Hamburg 2001</p> <p> K&uuml;hnl, Reinhard: Der Faschismus. Ursachen &ndash; Herrschaftsstruktur &ndash; Aktualit&auml;t, Heilbronn 19932</p> <p> Lanza, Luciano I: Jenseits der &Ouml;konomie. Ausgangspunkte f&uuml;r ein utopisches Wirtschaftskonzept, in: Schwarzer Faden, 9. Jg., Nr. 28/1988</p> <p> Ders. II: Herrschaft und &Ouml;konomie, in: Schwarzer Faden, 9. Jg., Nr. 29/1988</p> <p> Linow, Fritz I: Der freiheitliche Sozialismus und die Aufgaben einer sozialistischen Bewegung, in: Protokoll &uuml;ber die Verhandlungen der 3. Landeskonferenz der F&ouml;deration freiheitlicher Sozialisten vom 14. - 17. August 1949 in Darmstadt-Mordach, wieder abgedruckt in: Degen, Hans J&uuml;rgen (Hg.): Voraussetzungen des Anarchismus, Berlin 1997</p> <p> Ders. II: Wirtschaft, Demokratie und Mitbestimmungsrecht, in: Die Freie Gesellschaft, 2. Jg., Nr. 4/1950</p> <p> Ders. III: Mitbestimmung als sozialistische Perspektive, in: Die Freie Gesellschaft, 3. Jg., Nr. 16/1951</p> <p> Ders. IV: Gedanken zum 1. Mai, in: Die Freie Gesellschaft, 4. Jg., Nr. 31/1952, wieder abgedruckt in: Ders.: Anarchismus. Aufs&auml;tze, Berlin 1991</p> <p> Ders. V: Echte Demokratie gegen vermassende B&uuml;rokratie, in: Die Freie Gesellschaft, 4. Jg., Nr. 32/1952, wieder abgedruckt in: Ders.: Anarchismus. Aufs&auml;tze, Berlin 1991</p> <p> Lohschelder, Silke: AnarchaFeminismus. Auf den Spuren einer Utopie, M&uuml;nster 2000</p> <p> Mises, Ludwig: Die Gemeinwirtschaft. 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II: Nicht Managertum, sondern Sozialismus, in: Die Freie Gesellschaft, 3. Jg., Nr. 18/1951, wieder abgedruckt in: Ders.: Der Sozialismus wird frei sein, Berlin 1991</p> <p> Ders. III: Syndikalismus, Katastrophen und Krisen, in: Informationen, 16. M&auml;rz 1955, wieder abgedruckt in: Ders.: Der Sozialismus wird frei sein, Berlin 1991</p> <p> Schridde, Henning: Tauschringe: Herausforderungen und Chancen f&uuml;r die lokale Politikplanung, in: Finkeldey, Lutz (Hg.): Tausch statt Kaufrausch, Bochum 1999</p> <p> Schumpeter, Joseph A.: Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, M&uuml;nchen 19805</p> <p> Senft, Gerhard I: Weder Kapitalismus noch Kommunismus. Silvio Gesell und das libert&auml;re Modell der Freiwirtschaft, Archiv f&uuml;r Sozial- und Kulturgeschichte, Band 3, Berlin 1990</p> <p> Ders. II: Aufstieg und Niedergang der Technokratie, in: Zeitschrift f&uuml;r Sozial&ouml;konomie, 40. Jg., 139. Folge/2003</p> <p> Ders. III: Der lange Weg zur Freiheit. 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Solneman): Das Manifest der Freiheit und des Friedens, Freiburg/Br. 1977</p> <div class="flattr-box"><script type="text/javascript"> var flattr_uid = 'systempunkte'; var flattr_tle = 'Wirtschaft gestalten am Rande und mittendrin'; var flattr_dsc = '&lt;p&gt; Kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges erschien das Buch des bekannten Wirtschaftsforschers Friedrich August Hayek &amp;bdquo;The Road to Serfdom&amp;ldquo; (&amp;bdquo;Der Weg zur Knechtschaft&amp;ldquo;), das er den &amp;bdquo;Sozialisten in allen Parteien&amp;ldquo; widmete. Hayek analysiert darin die sozio&amp;ouml;konomischen Megatrends der ersten H&amp;auml;lfte des 20. Jahrhunderts und gelangt zu dem Schluss, dass die faschistischen Regierungen bei der Umgestaltung der Wirtschaftsordnung in Europa vielfach auf &amp;bdquo;sozialistische Vorarbeit&amp;ldquo; zur&amp;uuml;ckgegriffen h&amp;auml;tten.&lt;/p&gt;'; var flattr_tag = 'Arbeit &amp; Ökonomie'; var flattr_cat = 'text'; var flattr_url = 'http://www.systempunkte.org/article/wirtschaft-gestalten-am-rande-und-mittendrin'; var flattr_lng = 'de_DE'</script> <script src="http://api.flattr.com/button/load.js" type="text/javascript"></script> </div> http://www.systempunkte.org/article/wirtschaft-gestalten-am-rande-und-mittendrin#comments Arbeit & Ökonomie Wed, 05 Dec 2012 10:31:29 +0000 cls 168 at http://www.systempunkte.org Anarchismus und Organisation (Teil 1) http://www.systempunkte.org/article/anarchismus-und-organisation-teil-1 <p> <em>Bei diesem Text handelt es sich um die &uuml;berarbeitete Niederschrift eines Vortrages, den ich 2012 in verschiedenen anarchistischen R&auml;umen gehalten habe. Er wurde auf eine Zuh&ouml;rer_innenschaft zugeschnitten, die sich zwar als anarchistisch versteht, aber nicht unbedingt mit allen Theoriediskussion in der Geschichte der anarchistischen Bewegung vertraut ist. Aufgrund der L&auml;nge erscheint der Vortrag hier in zwei Teilen.</em></p> <p> Historisch wie theoretisch&nbsp; ist das Verh&auml;ltnis von Anarchismus zu Organisationen komplex und teilweise offen widerspr&uuml;chlich. Da wird einerseits von anarchistischer Seite zur &bdquo;Organisierung&ldquo; aufgerufen und andererseits werden dann wieder Organisationen kritisiert, weil sie als solche gewisse Dynamiken an den Tag legen. Kein Wunder, denn meistens wissen wir selbst gar nicht so genau, was wir meinen, wenn wir zur &bdquo;anarchistischen Selbstorganisation&ldquo; aufrufen. Wenn sich die Leute dann selbst organisieren, sind wir oft nicht zufrieden damit, was und wie sie es tun.</p> <p> Eine Schwierigkeit liegt in der Diffusit&auml;t des Begriffes. Mit &bdquo;Organisation&ldquo; kann sowohl ein Zweckverband, gekennzeichnet durch eine gewisse Zweck-Mittel-Rationalit&auml;t, gemeint sein, als auch eine Prozess der gegenseitigen Abstimmung, den ich in der N&auml;he von Koordination begreife. Aber selbst, wenn wir uns auf den ersten Begriff, Organisation als Zweckverband beschr&auml;nken, so wie ich es in diesem Vortrag tun, sind damit noch lange nicht alle Fragen gekl&auml;rt.</p> <p> Eine weitere Schwierigkeit eine anarchistische Organisation zu bestimmen, neben der begrifflichen, h&auml;ngt damit zusammen, dass im Anarchismus immer wieder der Anspruch auftaucht, &ndash; und auch ich vertrete ihn &ndash; dass die Organisationen die zuk&uuml;nftige, die gew&uuml;nschte Gesellschaft vorwegnehmen sollen. Da wir aber selbst nicht so genau wissen, was wir denn f&uuml;r die Zukunft wollen, wissen wir auch nicht, wie unsere Organisationen aussehen sollen. Im Allgemeinen l&auml;uft der Anspruch deswegen darauf hinaus, dass es in den Organisationen soweit als m&ouml;glich keine Herrschaft geben soll. Die Organisationen werden also negativ bestimmt. Soweit als m&ouml;glich sollen Sexismus und Rassismus verhindert und die Beziehungen eben nicht durch Besitzverh&auml;ltnisse, also b&uuml;rgerlich, vermittelt werden.</p> <p> Das alleine w&auml;re schon schwierig genug. Es gibt jedoch mindestens vier Problemfelder, vier Dynamiken der Herrschaft, die spezifisch f&uuml;r Organisationen sind:</p> <ul> <li> Verselbst&auml;ndigung von Organisationen: Darunter ist zu verstehen, dass die Organisation ein st&auml;hlernes Geh&auml;use aus formalen und/oder informalen Regeln ausbilden, in dem sich die einzelnen Mitglieder_innen gefangen finden.</li> <li> Ausbildung von Oligarchien: Darunter ist zu verstehen, dass durch die Eigendynamik von Organisationen eine Tendenz zur Herrschaft eines eingegrenzten Personenkreises entsteht.</li> <li> Trennende Grenzen der Organisationen: Organisationen kennen im Normfall einen Innen und ein Au&szlig;en. Oft bringen sie Vorteile f&uuml;r Personen, die Teil ihres Inneren sind und damit relative Nachteile f&uuml;r Personen, die au&szlig;erhalb der Organisationen stehen.</li> <li> Subjektivierender Charakter von Organisationen: Organisationen k&ouml;nnen durch ihren regulierenden Apparat subjektivierend wirken. Das hei&szlig;t, sie k&ouml;nnen das Selbst grundlegend bestimmen, konstituieren.</li> </ul> <p> Um eine kurz Vorschau zu geben: Zuerst werden die Problemfelder eins und zwei, Verselbst&auml;ndigung und Oligarchieausbildung erl&auml;utert werden, im Anschluss werden einige Strategien im Umgang mit diesen zwei Problemen Erw&auml;hnung finden. Danach wird das dritte Problemfeld, die trennenden Grenzen der Organisation, kurz aufgeworfen werden. Das vierte Problemfeld jedoch, der subjektivierende Charakter, wird hier nicht behandelt werden. Aus dem ganz einfachen Grund, dass ich mich selbst noch nicht sicher genug bei dieser Thematik f&uuml;hle, um auch nur vorschlagsweise eine Position zu pr&auml;sentieren.</p> <p> Sobald ich die Problemfelder mit der erw&auml;hnten Ausnahme abgehandelt habe, werde ich mich der Frage, warum und wozu wir &uuml;berhaupt Organisationen bilden, zuwenden. Damit soll noch einmal der Blickwinkel gewendet werden hin zur Funktionalit&auml;t von Organisationen. Zu guter Letzt soll der Inhalt noch einmal durch einen Vorschlag, was das f&uuml;r unsere Praxis bedeuten k&ouml;nnte, zusammengefasst werden.</p> <h2> 1. Problemfeld: Verselbst&auml;ndigung</h2> <p> Bei der Verselbst&auml;ndigung von Organisationen ist die B&uuml;rokratie wohl eine der bekanntesten und illustrativsten Formen. Bei der B&uuml;rokratie wird der formale Charakter einer Organisation unausweichlich und bildet, wie es der Soziologe Max Weber ausgedr&uuml;ckt hat, ein &bdquo;stahlhartes Geh&auml;use der H&ouml;rigkeit&ldquo;. Schon fast klassisch ist das Bild des_der nett l&auml;chelnden Beamt_in und die Worte: &bdquo;Da kann ich leider nichts f&uuml;r Sie tun&ldquo;. Selbstverst&auml;ndlich k&ouml;nnte diese Person etwas tun, aber sie kann es auch wieder nicht. Zumindest nicht in ihrer Position in der Organisation, eventuell auch gegen deren Widerstand.</p> <p> Die B&uuml;rokratie ist aber nicht die einzige Form der Verselbst&auml;ndigung von Organisationen. Eine Organisation kann sich auch abseits der sich alles einverlebenden Formalisierung, der B&uuml;rokratie, verselbst&auml;ndigen. Auch informelle Dynamiken k&ouml;nnen uns &uuml;ber die K&ouml;pfe wachsen. So kann uns Vetternwirtschaft und Korruption als handfestes Problem gegen&uuml;ber treten. Dieser Schritt ist generell dann &uuml;berschritten, wenn Organisationen beginnen eigene Scheininteressen auszubilden. Das hei&szlig;t praktisch gesprochen, sobald Menschen beginnen im Namen einer Organisation eindeutig und auch langfristig gegen ihre eigenen Interessen zu handeln, hat sich diese offensichtlich verselbst&auml;ndigt. Die Einzelnen sind ihr dann unterworfen. Wir k&ouml;nnen in diesem Fall von einer unpers&ouml;nlichen Herrschaft durch die Organisation sprechen.</p> <p> Max Stirner, ein Philosoph, der in den junghegelianischen Kreisen mit Marx und Engels verkehrte und von diesen zum Anarchisten abgestempelt wurde, dr&uuml;ckt dies in der Dichotomie von Gesellschaft und Verein aus. Wobei Gesellschaft bei ihm generell einen verselbst&auml;ndigten Zusammenhang von Menschen, also auch einen verselbst&auml;ndigten Zweckverband, eine verselbst&auml;ndigte Organisation bezeichnet. Der Verein hingegen ist die Organisation, &uuml;ber die wir als Einzelne die Kontrolle haben. Er schreibt:</p> <blockquote><p> &bdquo;[&hellip;]der Verein ist f&uuml;r Dich und durch Dich da, die Gesellschaft nimmt umgekehrt Dich f&uuml;r sich in Anspruch und ist auch ohne Dich; kurz die Gesellschaft ist heilig, der Verein dein eigen: die Gesellschaft verbraucht Dich, den Verein verbrauchst Du.&ldquo; (Stirner 1981: 351)</p> </blockquote> <p> Um festzuhalten, eine verselbstst&auml;ndigte Organisation bezeichnet er als Gesellschaft, und als solche verbraucht sie Dich. Es kommt gewisserma&szlig;en zu einem Interessenkonflikt mit einer geronnen Sozialit&auml;t, die eigentlich gar keine lebendigen Interessen hat.</p> <p> Nun ist aber der &Uuml;bergang zwischen diesen zwei Formen, Verein und Gesellschaft, flie&szlig;end, dessen ist sich auch Stirner bewusst. Das hei&szlig;t, wir k&ouml;nnen bei der Gr&uuml;ndung einer Organisation die besten Ziele haben, beziehungsweise sie nur f&uuml;r unsere Interessen gr&uuml;nden und dennoch beginnt sie uns zu verbrauchen. Vielleicht ist es einigen von euch ja schon passiert, dass ihr bei einer Politgruppe wart, ihr hattet Spa&szlig; und habt die Sachen weiter gebracht. Aber eines Tages habt ihr gemerkt, wie ihr Dinge getan habt, die eigentlich gar nicht notwendig waren, die ihr und die anderen ohne die Organisation gar nicht f&uuml;r notwendig gehalten h&auml;ttet und euch eigentlich nur verbraucht haben. An diesem Punkt hat sich die Organisation verselbst&auml;ndigt, an diesem Punkt hat sich die unpersonale Herrschaft der Organisation gezeigt.</p> <h2> 2. Problemfeld: Ausbildung von Oligarchien</h2> <p> Das zweite Problem ist die Ausbildung von Oligarchien. Organisationen neigen zumindest ab einer gewissen Gr&ouml;&szlig;e (und einer gewissen Bedeutung) dazu oligarchische Strukturen, das hei&szlig;t Eliten, auszubilden. Ein klassisch gewordenes Buch zu dieser Problematik ist &bdquo;Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie&ldquo; von Robert Michels (1911). Da Michels&#39; Werk und sein Leben untrennbar verbunden sind, soll ein kurzer Abriss seiner Biographie folgen.</p> <p> Robert Michels wurde 1876 in K&ouml;ln geboren, 1901 trat er der italienischen sozialdemokratischen Partei bei, wenige Jahre sp&auml;ter der deutschen. Er war Delegierter bei mehreren sozialdemokratischen Parteitagen. 1907 wandte er sich von der Sozialdemokratie ab. Michels war zu dieser Zeit nicht nur Sozialist, sondern auch Soziologe. Er stand im engen Kontakt mit Max Weber. Ihm widmete er auch sein Buch &bdquo;Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie&ldquo;. Dieses Buch speist sich aus seinen Erfahrungen mit der deutschen Sozialdemokratie. Seiner Ansicht nach war die Sozialdemokratie mit den besten Absichten gestartet und hatte am Ende doch die selben oligarchischen Strukturen ausgebildet. Nach seiner Abwendung von der Sozialdemokratie wandte Michels sich kurzzeitig dem Syndikalismus zu und war auch pazifistisch t&auml;tig. 1928 jedoch hatte ein tiefgehender Wandel stattgefunden, er trat der faschistischen Partei Italiens bei und wurde auch &ouml;ffentlich ein Propagandist des Faschismus. Wobei anzumerken ist, dass er ein Vertreter des italienischen Faschismus war und vor einem B&uuml;ndnis mit dem v&ouml;lkisch-deutschen warnte. Damit soll seine reaktion&auml;r autorit&auml;re Politik nicht relativiert, sondern spezifiziert werden.</p> <p> Das wichtigste Werk Michels&#39; blieb seine Soziologie des Parteiwesens. Dieses Buch war, wie bereits erw&auml;hnt, aus einer kritischen Auseinandersetzung mit der Arbeiter_innenbewegung, bzw. der deutschen Sozialdemokratie entstanden. Es zeigt eine allgemeine Desillusionierung gegen&uuml;ber Massenorganisationen, eben weil diese stark zu hierarchischen Strukturen tendieren. In diesem Kontext stellte Michels das &bdquo;eherne Gesetz der Oligarchie&ldquo; auf. Eines der wenigen Gesetze der Soziologie, das sich &uuml;berhaupt diesen Namen geben kann ohne l&auml;cherlich zu erscheinen.</p> <p> Kurz gesagt schreibt das eherne Gesetz der Oligarchie fest, dass gro&szlig;e Organisationen stets Oligarchien, also herrschende Gruppen, ausbilden.Wie l&auml;sst sich dieses &bdquo;eherne Gesetz&ldquo; begr&uuml;nden? Ab einer gewissen Gr&ouml;&szlig;e entwickeln Organisationen einen starken Koordinationsbedarf. Wird dieser nicht erf&uuml;llt, ist die Wahrscheinlichkeit einer Desintegration der Organisation gro&szlig;. Sie ist dann nicht mehr f&auml;hig einheitlich zu agieren oder zerf&auml;llt ganz.</p> <p> Die klassische Erf&uuml;llung des Koordinationsbedarf stellt eine starke, zentralistische Hierarchie dar. Nun k&ouml;nnen die L&ouml;sungen unterschiedlich ausfallen und es muss nicht gleich ein zentraler Kader entstehen, der alles entscheidet. Ab einer gewissen Gr&ouml;&szlig;e wird es jedoch nahezu unm&ouml;glich g&auml;nzlich ohne Hierarchien, m&ouml;gen diese auch informell sein, auszukommen und dennoch als eine Organisation zu agieren. Ein Zweckverband kann sicherlich eine widerspr&uuml;chlichen Zwecke in sich ertragen, wenn sich diese aber auch komplett entfalten, muss er platzen.</p> <p> Da es weiters bei komplexen Zusammenh&auml;ngen schlichtweg nicht m&ouml;glich ist, dass alle Personen sich mit allem auskennen, wird ein gewisses Expert_innentum innerhalb der Organisation entstehen. Aus rein praktischen Gr&uuml;nden k&ouml;nnen nicht alle Aufgaben st&auml;ndig neu zu gewiesen werden bei einer gro&szlig;en Organisation, die ohnehin schon beh&auml;biger ist. Diese Expert_innen haben dann jedoch mehr Machtmittel in ihrer Hand. Auf kurz oder lang wird dies die Dynamik der Organisation entscheidend &auml;ndern. Dass sich wirklich eine eigene, stabile Klasse von Personen, die lenken, bildet, wie Michels dies beschreibt, ist vielleicht nicht immer so, aber die Tendenz zur Hierarchiebildung ist vorhanden und wird sich nicht g&auml;nzlich ausschalten lassen.</p> <h2> Strategien</h2> <p> Es gibt jedoch einige Strategien, die sowohl gegen die Verselbst&auml;ndigung von Organisationen als auch die Oligarchiebildung wirken:</p> <ul> <li> ein radikaler F&ouml;deralismus, wie er in der anarchistischen Bewegung sp&auml;testens seit der ersten Internationalen und damit eigentlich von Anfang tief verwurzelt ist.</li> <li> Die vier Eigenschaften einer anarchistischen Organisation nach Colin Ward (2010): voluntary (freiwillig), functional (funktional), temporary (tempor&auml;r), und small (klein)</li> <li> Der Organisationsegoismus, wie er sich bei Stirner findet in seiner Unterscheidung zwischen Verein und Gesellschaft.</li> </ul> <h3> F&ouml;deralismus<span id="cke_bm_286E" style="display: none;">&nbsp;</span></h3> <p> Der radikale F&ouml;deralismus ist gewisserma&szlig;en eines der historischen Kennzeichen des Anarchismus. Ich habe bereits auf die erste Internationale, die Internationale Arbeiter Assoziation, hingewiesen, in der die anarchistischen Sektionen, aber nicht nur diese, auf einen F&ouml;deralismus gedr&auml;ngt haben und zwar im Gegensatz zur marxistischen Str&ouml;mung. Spulen wir 150 Jahre nach vorne und schauen wir uns die aktuellen Statuten von FAU und FAS an, zwei anarchosyndikalistischen Zusammenschl&uuml;ssen, die jeweils in Deutschland und &Ouml;sterreich aktiv sind und noch einen relativ klassischen F&ouml;deralismus vertreten. Obwohl die beiden Organisationen auch im anarchistischen Spektrum als Gewerkschaften wahrgenommen werden, ist dies eigentlich eine Ungenauigkeit, denn wie es in den Statuen der FAU hei&szlig;t: &bdquo;Die Freie Arbeiterinnen und Arbeiter Union (FAU) ist eine klassenk&auml;mpferische Gewerkschaftsf&ouml;deration.&ldquo; (FAU 2008: 1; Hervorhebung von mir) Die FAS hei&szlig;t ja schon in ihrem Namen &bdquo;F&ouml;deration der ArbeiterInnen Syndikate&ldquo;. Prinzipiell, so wollen es die Statuten, sind die Syndikate autonom und gewisserma&szlig;en in Metaorganisationen, den F&ouml;derationen, miteinander verbunden. Die FAS redet selbst auf diese Weise die Bedeutung der F&ouml;deration klein:</p> <blockquote><p> &bdquo;Die F&ouml;deration ist der Kitt, der die Syndikate bzw. Ortsgruppen/Lokalf&ouml;derationen zusammenh&auml;lt.&ldquo; (FAS 2008: 4)</p> </blockquote> <p> Inwiefern ist diese Form der Organisation, also ein Verband aus Verb&auml;nden, nun ein Mittel gegen Oligarchiebildung und Verselbstst&auml;ndigung? Einfach l&auml;sst sich dies an den Finanzen zeigen. In den Statuten der FAS hei&szlig;t es:</p> <blockquote><p> &bdquo;Prinzipiell verf&uuml;gen alle Syndikate &uuml;ber eigene Kassen. Damit wird der Zentralisierung der Bewegung entgegengewirkt.&ldquo; (FAS 2008: 9)</p> </blockquote> <p> Solche Ma&szlig;nahmen machen eine Verselbst&auml;ndigung eindeutig schwieriger, die Dynamik einer Organisation wird eingeschr&auml;nkt. Es wird versucht die Logik einer kleineren, st&auml;rker an Personen gebundenen Organisation beizubehalten. Auch Oligarchien haben es schwieriger sich zu etablieren, da sie schlichtweg keinen Zugriff auf alle Machtmittel haben. Dadurch, dass die Kassen dezentral verwaltet werden, haben alle Syndikate gewisserma&szlig;en ein kleines Pfand in der Hand. Sollte sich die F&ouml;deration als Organisation verselbstst&auml;ndigen oder sollte sich eine Oligarchie bilden, dann sind die Syndikate nicht machtlos.</p> <p> Bei allen f&ouml;deralistischen Strukturen stellt sich jedoch die Frage, inwiefern die offizielle, die formelle Struktur mit der faktischen, realen Struktur zusammenh&auml;ngt. Es ist zu bedenken, dass es f&uuml;r die Syndikate einfacher sein kann, sich jeweils an der Entscheidung einiger Vertrauenspersonen zu orientieren, anstelle des wirklich autonomen Entwickelns eines eigenen Ansatzes. W&uuml;rden sich die Syndikate wirklich g&auml;nzlich autonom verhalten ohne sich aneinander zu orientieren, w&uuml;rde sich die F&ouml;deration wohl schnell aufl&ouml;sen oder w&auml;re nicht mehr als Einheit schlagkr&auml;ftig Auch hier m&uuml;ssen die Zwecke der Teile des Verbandes in Schach gehalten werden. Ein F&ouml;deralismus f&uuml;hrt also zum Seiltanz zwischen Oligarchien und Aufl&ouml;sung. Wobei im politischen Eifer wohl &ouml;fter die Ausbildung von Oligarchien gew&auml;hlt wird. Es sei nur an die CNT im spanischen B&uuml;rgerkrieg erinnert, die schlussendlich Minister_innen stellte und Polizeifunktionen &uuml;bernommen hat!</p> <p> Dazu will ich noch sagen, dass dieses Problem momentan wohl eine eher theoretisches ist, da weder FAU noch FAS wirkliche, breite Massenorganisationen sind.</p> <h3> Ward</h3> <p> Die vier Kriterien die Ward f&uuml;r anarchistische Organisationen vorschl&auml;gt, freiwillig, funktional, tempor&auml;r, klein, sind gewisserma&szlig;en eine Versch&auml;rfung des klassisch anarchistischen F&ouml;deralismus, wie er sich bei FAU und FAS findet. Das Kriterium der Freiwilligkeit gilt selbstredend allgemein f&uuml;r den Anarchismus. Auch verstehen sich vermutlich die meisten anarchistischen Organisationen als funktional in dem Sinne, dass die Form der Organisation genau auf ein Ziel ausgerichtet ist, ob das nun hei&szlig;t einen autonomen Freiraum zu schaffen, oder den Klassenkonflikt voranzutreiben. Eine Ausnahme stellen eventuell die anarchistischen F&ouml;derationen da, die ein sehr allgemeines Selbstverst&auml;ndnis haben, und die Bezugsgruppen, wenn wir diese als Organisationen verstehen wollen. Aber ein gewisses Ma&szlig; an Funktionalit&auml;t als Zielgerichtetheit auf einen oder mehrere Zwecke wurde ja eingangs als Kennzeichen aller Organisationen, auch herrschaftlicher, festgesetzt</p> <p> Wichtiger scheinen die zwei letzteren Eigenschaften: tempor&auml;r und klein. Da sowohl eine Verselbst&auml;ndigung als auch die Ausbildung von Oligarchien Zeit brauchen, leuchtet das Kriterium der zeitlichen Beschr&auml;nktheit f&uuml;r Organisationen erst einmal ein. Allerdings stellt sich die Frage, wie praktikabel es wirklich ist. Bei gewisser Infrastruktur, wie zum Beispiel einer anarchistischen Bibliothek w&uuml;rden wir vermutlich vorziehen, dass sie immer da w&auml;re und nicht nur f&uuml;r die n&auml;chsten zwei Jahre. Bei Nahrungsmittelversorgung, Krankenh&auml;usern oder, um bei aktuellen Problemen zu bleiben, der Antifa w&auml;re es meines Erachtens sogar fahrl&auml;ssig sie zeitlich zu beschr&auml;nken. Was wenn sich nicht rechtzeitig eine neue Organisation gr&uuml;ndet? Wom&ouml;glich w&auml;re es sinnvoller anstatt einer zeitlichen Beschr&auml;nkung sich einen zeitlichen Rahmen zu setzen, nach dessen &Uuml;berschreiten die Organisation von Grund auf evaluiert und nach formellen wie informellen Hierarchien durchleuchtet werden soll. Am besten mit Unterst&uuml;tzung von Personen au&szlig;erhalb der Organisation.</p> <p> Wards Vorschlag zur Gr&ouml;&szlig;e scheint auf den ersten Blick &auml;hnlich gelagert zu sein. Ward geht selbst auf die Schwierigkeiten der Umsetzung dieser Forderung ein. Er schl&auml;gt vor einfach gr&ouml;&szlig;ere Aufgaben in kleinere zu spalten, so dass diese von kleineren Organisationen &uuml;bernommen werden k&ouml;nnen. Was mit ein Produktivit&auml;tsverlust einhergehen k&ouml;nnte, Stichwort hierbei sind die Economies of Scale. Schlie&szlig;lich l&auml;sst er auch zu, dass sich die kleinen Organisationen miteinander verkn&uuml;pfen, also f&ouml;rderieren (vgl. Ward 2010). Ward legt die Betonung zwar eindeutig st&auml;rker auf die kleinen Einheiten, aber zumindest meiner Lesart nach w&uuml;rde die FAU, auch wenn sie hundert mal so gro&szlig; w&auml;re, Wards Kriterium der Gr&ouml;&szlig;e zumindest theoretisch entsprechen. Es stellt sich deutlich die Frage, ob eine F&ouml;deration aus kleinen Organisationen nicht eine gro&szlig;e Organisation ist. Zumindest, wenn die kleinen Organisationen beginnen sich aneinander zu orientieren und versuchen einheitlich zu agieren, scheint dies der Fall zu sein. Es erscheint unglaubw&uuml;rdig, dass der Koordinationsbedarf g&auml;nzlich verschwindet, nur in dem ein Teil der Koordination in kleinere Gruppen verlagert wird. Zwar gibt es die M&ouml;glichkeit auf Koordination im engeren Sinne zu verzichten, ein Beispiel hierf&uuml;r w&auml;re das CrimethInc.-Kollektiv, dann scheint es jedoch unpassend von einer Organisation zu sprechen, weil es sich nicht mehr um eine kollektive Akteurin handelt, also eben nicht mehr einheitlich agiert wird und auch nur die Imaginationen eines konkreten gemeinsamen Zwecks fehlt. Bei CrimethInc. handelt es sich zwar um einen wardschen F&ouml;deralismus aber um keine Organisation mehr.</p> <h3> Organisationsegoismus</h3> <p> Kommen wir zu dritten Technik. Der Organisationsegoismus Stirners ist ein sehr anspruchsvolles Instrument. Er f&auml;llt gewisserma&szlig;en aus der Reihe der zwei vorhergehenden Methoden, die beide von der Organisation aus auf das Problem blicken, um zu sehen was an den Organisationen ver&auml;ndert werden k&ouml;nnte. Beim Egoismus Stirners blicken wir radikal vom Ich aus. F&uuml;r Stirner gilt es sich nicht in seinem Sein durch eine Organisation binden zu lassen (vgl. seine Er&ouml;rterung der Partei: Stirner 1981: 262), das Ich soll sich immer eine Autonomie von der Organisation bewahren. Eine stets flexible und sich wandelnde Autonomie, die somit unabh&auml;ngig dynamisch von der Organisation sein soll. Von dieser Autonomie aus soll das Ich dann die Organisation als ein Instrument verwenden. Nicht das Ich soll von der Organisation ausgen&uuml;tzt werden, sondern das Ich soll die Organisation ausn&uuml;tzen (vgl. Stirner 1981: 351). Wegen dieser Betonung des Ausn&uuml;tzens spreche ich vom Organisationsegoismus, genauer dem Egoismus gegen&uuml;ber Organisationen. Sobald die Organisation verlangt gegen meine Interessen, gegen meine Person zu handeln, soll d. Einzelne sich von der Organisation lossagen. Es soll niemals mehr als ein instrumentales Verh&auml;ltnis zur Organisation bestehen. Sowohl Oligarchien als auch Verselbst&auml;ndigung w&uuml;rden dieses Instrumentalverh&auml;ltnis st&ouml;ren.</p> <p> Warum ist dies eine so anspruchsvolle Technik? Bei diesem auf Organisationen bezogenen Egoismus handelt es sich um eine &bdquo;Technologie des Selbst&ldquo; (zu diesem Konzept bezogen auf Stirner vergleiche M&uuml;mken 2003: 242-245), eine Ver&auml;nderung des eigenen Seins. Eine derartige Autonomie, so eingeschr&auml;nkt sie auch sein mag, muss erst erarbeitet werden. Die formalen Strukturen einer Organisation anders festzuschreiben ist wesentlich einfacher, als sich selbst grundlegend zu &auml;ndern. Gleichzeitig handelt es sich hier wohl um das effektivste Instrument. Ein starkes Ich ist die beste Waffe gegen den Spuk der Organisationen, eben weil es zwar nicht unbedingt au&szlig;erhalb, aber &uuml;ber diesen steht und so gegen die innersten Tendenzen der Organisation agieren kann.</p> <p> Eine kleine Warnung soll noch zum Organisationsegoismus gewisserma&szlig;en als Beipackzettel gereicht werden. Alles immer nach dem eigenen Kopf haben zu wollen und zu verlangen, dass sich die Organisation stets und soweit es nur geht nach einem selbst richtet; das ist nicht unbedingt ein Weg um sich Freund_innen zu machen. Gerade bei einer derart selbstzentrierten Technik ist es wichtig, zu kommunizieren. Und gegen die anderen in einer Organisation l&auml;sst sich das Konzept ohnehin nicht oder nur sehr unbefriedigend durchsetzen. Vielmehr eskaliert die Situation dann in einen Konflikt, der uns alle von unseren Interessen fernh&auml;lt. In Rudolf Rockers &bdquo;Anarchismus und Organisation&ldquo; (0. A.) l&auml;sst sich dieser ausf&uuml;hrlich &uuml;ber die Stirnerinaner_innen seiner Zeit aus und wie diese eigentlich nur st&ouml;ren in den Organisationen. Das ist nicht was ich will, auch nicht was Stirner wollte.</p> <h2> 3. Problemfeld: Trennende Grenzen</h2> <p> Das Problem, dass Organisationen in ein Innen und ein Au&szlig;en trennen, ist als solches wohl unl&ouml;sbar, solange wir Organisationen bestehen lassen. Die Trennung in Innen und Au&szlig;en ist eigentlich das falsche Kriterium, um eine Organisation als Organisation zu beurteilen, denn jede Organisation weist es mehr oder weniger ausgepr&auml;gt auf, ansonsten k&ouml;nnten wir sie gar nicht als solche benennen. Wichtig sind vielmehr einerseits die Folgen der Zugeh&ouml;rigkeit, sowie die Durchl&auml;ssigkeit der Grenze zwischen Innen und Au&szlig;en.</p> <p> Besonders problematisch ist es, wenn die Grenzen von, wer in der Organisation eine Stimme hat und mitwirkt und wer von den Entscheidungen und Handlungen konkret betroffen ist, auseinanderfallen. Wenn also zum Beispiel eine Gruppe von Personen einen Betriebskampf f&uuml;r bessere Arbeitsbedingungen f&uuml;hrt, die gar nicht in dem betreffenden Betrieb arbeitet. Wenn sich eine solches Auseinanderfallen verfestigt und es gar nicht mehr m&ouml;glich ist, dass Personen, die gleichsam organisiert werden, gleichberechtigt mitwirken k&ouml;nnen, handelt es sich um Herrschaft. Um in der stirnerschen Terminologie zu bleiben, dann ist es nicht mehr m&ouml;glich, dass Ich mich Meiner Sache annehme. Wenn wir den anarchistischen Anspruch ernst nehmen, muss zumindest die M&ouml;glichkeit der Mitwirkung gew&auml;hrleistet sein. Der Zusammenhang von Durchl&auml;ssigkeit und Auswirkungen ist das Kernproblem.</p> <p> <em>Mehr in <a href="https://systempunkte.org/article/anarchismus-und-organisation-teil-2">Teil 2</a>...</em></p> <h2> Literaturverzeichnis:</h2> <p> FAS (2008): Prinzipienerkl&auml;rung. Statuten. Elektronisches Dokument. URL: <a href="http://syndikate.at/sites/default/files/FAS_Statuten_Prinzipien.pdf">http://syndikate.at/sites/default/files/FAS_Statuten_Prinzipien.pdf</a>. Abgerufen am 17. 8. 2012.</p> <p> FAU (2008): Statuten der FAU. Elektronisches Dokument. URL: <a href="http://www.fau.org/ueber_uns/statuten-25-08-2008.pdf">http://www.fau.org/ueber_uns/statuten-25-08-2008.pdf</a>. Abgerufen am 17. 8. 2012.</p> <p> Freeman, Jo (o. A.): Die Tyrannei der unstrukturierten Gruppen. Elektronisches Dokument. URL: <a href="http://www.anarchismus.at/texte-anarchismus/organisier-dich-anarchistisch/6040-joreen-die-tyrannei-der-unstrukturierten-gruppen">http://www.anarchismus.at/texte-anarchismus/organisier-dich-anarchistisch/6040-joreen-die-tyrannei-der-unstrukturierten-gruppen</a>. Abgerufen am 18. 8. 2012.</p> <p> Rocker, Rudolf (o. A.): Anarchismus und Organisation. Moers.</p> <p> Michels, Robert (1911): Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie. Untersuchungen &uuml;ber die oligarchischen Tendenzen des Gruppenlebens. Leipzig.</p> <p> M&uuml;mken, J&uuml;rgen (2003): Freiheit, Individualit&auml;t und Subjektivit&auml;t. Staat und Subjekt in der Postmoderne aus anarchistischer Perspektive. Frankfurt a. M.</p> <p> Stirner, Max (1981): Der Einzige und sein Eigentum. Stuttgart.</p> <p> Ward, Colin (2010): Anarchism as a Theory of Organization. Elektronisches Dokument. URL: <a href="http://theanarchistlibrary.org/library/colin-ward-anarchism-as-a-theory-of-organization">http://theanarchistlibrary.org/library/colin-ward-anarchism-as-a-theory-of-organization</a>. Abgerufen am 6. 8. 2012.</p> <div class="flattr-box"><script type="text/javascript"> var flattr_uid = 'systempunkte'; var flattr_tle = 'Anarchismus und Organisation (Teil 1)'; var flattr_dsc = '&lt;p&gt; Historisch wie theoretisch&amp;nbsp; ist das Verh&amp;auml;ltnis von Anarchismus zu Organisationen komplex und teilweise offen widerspr&amp;uuml;chlich. Da wird einerseits von anarchistischer Seite zur &amp;bdquo;Organisierung&amp;ldquo; aufgerufen und andererseits werden dann wieder Organisationen kritisiert, weil sie als solche gewisse Dynamiken an den Tag legen. Kein Wunder, denn meistens wissen wir selbst gar nicht so genau, was wir meinen, wenn wir zur &amp;bdquo;anarchistischen Selbstorganisation&amp;ldquo; aufrufen. Wenn sich die Leute dann selbst organisieren, sind wir oft nicht zufrieden damit, was und wie sie es tun.&lt;/p&gt;'; var flattr_tag = 'Bewegung'; var flattr_cat = 'text'; var flattr_url = 'http://www.systempunkte.org/article/anarchismus-und-organisation-teil-1'; var flattr_lng = 'de_DE'</script> <script src="http://api.flattr.com/button/load.js" type="text/javascript"></script> </div> http://www.systempunkte.org/article/anarchismus-und-organisation-teil-1#comments Bewegung Sat, 01 Dec 2012 20:21:12 +0000 Tuli 165 at http://www.systempunkte.org „I’m Not the Flesh“ – Krishnacore und Straight Edge http://www.systempunkte.org/article/%E2%80%9Ei%E2%80%99m-not-flesh%E2%80%9C-%E2%80%93-krishnacore-und-straight-edge <p> <em>(Anm. d. Red.: In diesem Beitrag wird die Subkultur, die unter dem Namen Straight Edge fimiert, behandelt. Straight Edge entstand aus der Hardcore-Subkultur und zeichnet sich durch eine Ablehnung von Drogen, inklusive Alkohol und Tabak, aus. Es bestehen auch Verbindung zur Tierbefreiungsbewegung. Mehr Infos finden sich in den B&uuml;chern, die in der Autorenbiographie erw&auml;hnt werden.)</em></p> <p> <em>Dieser Text wurde urspr&uuml;nglich f&uuml;r die testcard-Nr. 22 mit dem Thema &bdquo;Fleisch&ldquo; geschrieben &ndash; eine Reihe ungl&uuml;cklicher Umst&auml;nde f&uuml;hrte jedoch dazu, dass der Text dort niemals erschien.</em></p> <p> Wer sich Anfang der 1990er Jahre in der Hardcore-Szene, insbesondere in der Straight-Edge-Szene bewegte, kam den Diskussionen zur Krishna-Bewegung nicht aus. Dabei ging es in mehrfacher Hinsicht ums Fleisch: im Rahmen des Vegetarismus, des gesunden K&ouml;rpers, aber auch des philosophischen Gegensatzes von Geist und Materie.</p> <p> Dieser Text versucht drei Aufgaben zu erf&uuml;llen: 1. Die Entwicklung der Krishnacore-Szene der 1990er Jahre nachzuzeichnen. 2. Krishnacore als eine Ideologisierung der Straight-Edge-Bewegung zu begreifen. 3. Eine Straight-Edge-Interpretation anzubieten, die diese Ideologisierung nicht nur vermeidet, sondern sich ihr entgegenstellt.</p> <h2> <br /> ISKCON, die Lower East Side und Hardcore Punk</h2> <p> <br /> Hinter dem im Volksmund als Hare-Krishna-Bewegung bekannten Ph&auml;nomen, das im Allgemeinen mit kahlgeschorenen, singenden Buchverk&auml;ufern in indischen Roben sowie mit kostenlosem vegetarischen Essen verbunden wird, steht die International Society for Krishna Consciousness (ISKCON). Diese wurde 1966 in New York von dem indischen Hindu-Gelehrten Abhay Charan (&bdquo;furchtlos im Schutz der Lotosf&uuml;&szlig;e des Herrn&ldquo;) gegr&uuml;ndet. Charan wurden sp&auml;ter eine Reihe spiritueller Ehrentitel zuteil und er ging unter dem Namen Bhaktivedanta Swami Prabhupāda in die Geschichte ein. Im Jahr 1977 verstorben, bestimmt Prabhupāda bis heute die Identit&auml;t der Krishna-Bewegung, auch wenn es schon bald nach seinem Tod zu Streitigkeiten sowohl um die Auslegung seines Werks als auch um die Verwaltung der ISKCON kam.</p> <p> Prabhupāda entstammt der hinduistischen Gaudiya-Vaishnava-Schule, der zufolge der blauh&auml;utige und Fl&ouml;te spielende J&uuml;ngling Krishna die vollkommenste Ausdrucksform der G&ouml;ttlichkeit ist. Nachdem das Gl&uuml;ck des Menschen darin besteht, der G&ouml;ttlichkeit so nahe wie m&ouml;glich zu kommen, gilt es, im allt&auml;glichen Leben Krishna zu dienen. Das geschieht vor allem durch die Wiederholung seines Namens in der Form der Maha-Mantra (&bdquo;Hare Krishna, Hare Krishna, Krishna Krishna&hellip;&ldquo; usw.) und durch das Einhalten bestimmter ethischer Gebote, etwa vegetarischer Ern&auml;hrung, einer rein auf Fortpflanzung ausgerichteten Sexualit&auml;t und dem Verzicht auf Rauschmittel und Gl&uuml;cksspiel.</p> <p> Wie es die Legende haben will, machte sich Prabhupāda 1965 mittellos in die USA auf, um der westlichen Welt die Botschaft Krishnas zu vermitteln. Seine ersten Anh&auml;ngerInnen rekrutierten sich haupts&auml;chlich aus der Hippie-Szene. Die Bewegung wuchs schnell. Knapp ein Jahr nach Prabhupādas Ankunft in New York wurde das erste ISKCON-Zentrum an der Second Avenue in der Lower East Side eingerichtet. Nur zehn Jahre sp&auml;ter gab es um die hundert Tempel, Ausbildungsst&auml;tten und landwirtschaftliche Anlagen der ISKCON in der ganzen Welt. In den USA galt Hare Krishna eine Zeitlang als die am schnellsten wachsende religi&ouml;se Bewegung. Prominente Unterst&uuml;tzung, etwa durch den Beat-Poeten Allen Ginsberg oder den Beatle George Harrison, waren der Verbreitung &auml;u&szlig;erst zutr&auml;glich.</p> <p> Zu den ersten Ber&uuml;hrungen von Krishna und Hardcore kam es in den fr&uuml;hen 1980er Jahren. Wiederum wurden die ersten Schritte in New York getan. Das ISKCON-Zentrum der Lower East Side war nur einen Block vom legend&auml;ren Punk-Club CBGB entfernt. Eine zentrale Rolle spielten die kostenlosen vegetarischen Mahlzeiten, die von den Krishna-Anh&auml;ngerInnen ausgegeben wurden. Der Bassist &ndash; und gelegentliche S&auml;nger &ndash; der Cro-Mags, Harley Flanagan, erinnert sich: &bdquo;Die Krishnabewegung wurde von ISKCON getragen und das waren die Leute, mit denen ich und John [Joseph] in Kontakt kamen. &hellip;&nbsp; Zuerst ging ich nur hin, weil ich obdachlos und hungrig war. Au&szlig;erdem war ich Vegetarier und da konntest du kein besseres Essen finden. Am Anfang machte ich mich &uuml;ber sie lustig, aber bald sah ich ein, dass ich mich mit vielen ihrer Ideen und Prinzipien identifizieren konnte.&ldquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref1_gomij93" title="&bdquo;On the Real with Harley Flanagan&ldquo;, www.cromags.com/interviews.html (10.03.2012). Alle &Uuml;bersetzungen von Gabriel Kuhn." href="#footnote1_gomij93">1</a></p> <p> Flanagan und John Joseph, ebenfalls Mitglied der Cro-Mags, geh&ouml;rten neben Keith Burkhardt von Cause of Alarm zu den prominentesten Hardcore-Krishna-Pionieren. Wer sich f&uuml;r diese Zeit interessiert, dem sei die unterhaltsame Autobiographie von John Joseph, <em>The Evolution of a Cro-Magnon</em> (2007), empfohlen. Das Cro-Mags-Album <em>The Age of Quarrel</em> (1986), dessen Titel sich auf das dekadente Kali Yuga bezieht, dem vierten und letzten in den vedischen Schriften prophezeiten Zeitalter, wurde zum eindr&uuml;cklichsten Symbol der immer st&auml;rkeren Verschmelzung der Szenen. Krishna-inspirierte Covers zierten auch die Cro-Mags-Alben <em>Best Wishes</em> (1989) und <em>Near Death Experience</em> (1993).</p> <p> Nicht zuletzt aufgrund des Einflusses der Cro-Mags wurden die an Krishna interessierten Hardcore-Kids immer zahlreicher und zu einer un&uuml;bersehbaren Pr&auml;senz in der Lower East Side. Steve Reddy, der in mehreren Krishnacore-Bands spielte und das Label Equal Vision mitbegr&uuml;ndete, meinte in einem Interview: &bdquo;Wenn du mich 1987 gefragt h&auml;ttest, was ein Hare-Krishna-Anh&auml;nger ist, dann h&auml;tte ich gesagt, ein Kerl mit vielen T&auml;towierungen, der Leute verpr&uuml;gelt.&ldquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref2_qa1iwo5" title="Steve Reddy, in: Brian Peterson (Hg.): Burning Fight: The Nineties Hardcore Revolution in Ethics, Politics, Spirit, and Sound. Huntington Beach: Revelation, 2009, S. 115." href="#footnote2_qa1iwo5">2</a></p> <p> Zur Bildung des heute im engeren Sinne als Krishnacore bekannten Genres kam es um 1990. Der Unterschied zu Cause of Alarm oder den Cro-Mags bestand darin, dass es nun nicht mehr um blo&szlig;e Ber&uuml;hrungspunkte zwischen der Krishna-Bewegung und der Hardcore-Szene ging, sondern dass der Dienst an Krishna zum Sinn des Hardcore-Daseins an sich avancierte. Dies kam in den Namen und Texten sowie im Erscheinungsbild der Krishnacore-Bands unmissverst&auml;ndlich zum Ausdruck.</p> <p> Die Urspr&uuml;nge des Krishnacore lagen in der Straight-Edge-Bewegung und seine Entstehung war vor allem mit der spirituellen Erleuchtung zweier ihrer Ikonen verbunden: den Youth-of-Today-Mitgliedern Roy Cappo und John &bdquo;Porcell&ldquo; Porcelly.</p> <h2> <br /> Krishnacore und Straight Edge</h2> <p> <br /> Ray Cappo und Porcell waren bereits wesentlich f&uuml;r die Popularisierung von Straight Edge verantwortlich gewesen. Ian MacKaye, der das Straight-Edge-Ph&auml;nomen 1981 als Minor-Threat-S&auml;nger mit dem Anti-Drogen-Song &bdquo;Straight Edge&ldquo; losgetreten hatte, stand der Entwicklung einer sich an dem Label aufh&auml;ngenden Bewegung immer skeptisch gegen&uuml;ber. Bis heute betont er, dass es ihm mit dem Song um einen rein pers&ouml;nlichen Protest gegen die Normierung des Drogenkonsums innerhalb der Punk-Szene ging; er sei es leid gewesen, sich st&auml;ndig f&uuml;r seine Abstinenz rechtfertigen zu m&uuml;ssen. Das Schaffen einer neuen Identit&auml;t war nicht im Entferntesten die Absicht: &bdquo;Es war nicht so, dass ich sagte: &sbquo;Jetzt werde ich n&uuml;chtern&rsquo; oder &sbquo;Jetzt werde ich Straight Edge&rsquo;. Ich war das einfach. Ich war immer so.&ldquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref3_shi901g" title="Ian MacKaye, in: Gabriel Kuhn (Hg.): Sober Living for the Revolution: Hardcore Punk, Straight Edge, and Radical Politics. Oakland: PM Press, 2010, S. 33." href="#footnote3_shi901g">3</a></p> <p> Cappos und Porcells Zugang zu Straight Edge war ein anderer. Ende der 1980er Jahre propagierten sie mit ihrer Band Youth of Today das Straight-Edge-Label offensiv. Porcell erkl&auml;rt: &bdquo;Wir wollten nicht nur drogenfrei sein, sondern auch laut, selbstbewusst und stolz. Ray hatte sogar eine Jacke, auf der &rsaquo;Straight Edge in Your Face&lsaquo; stand.&ldquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref4_bzyjqor" title="Porcell, in: Beth Lahickey (Hg.): All Ages: Reflections on Straight Edge. Huntington Beach: Revelation, 1997, S. 130." href="#footnote4_bzyjqor">4</a> Dies hatte entsprechenden Erfolg: &bdquo;Als [1987] das Album <em>Break Down the Walls</em> erschien, gingen wir auf gro&szlig;e Tournee. Bei unserer R&uuml;ckkehr nach New York traute ich meinen Augen nicht. Wir spielten wieder im CBGB, wo ich noch ein Jahr zuvor Angst gehabt hatte, mit einem X auf der Hand [dem bekanntesten Straight-Edge-Symbol] aufzutreten. Als wir auf die B&uuml;hne gingen, warteten Dutzende von Kids mit schwarzen Kreuzen auf uns, und alle br&uuml;llten mit, als wir &sbquo;Thinking Straight&rsquo; spielten! Es war unglaublich.&ldquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref5_lhg2g7q" title="Porcell, in: Robert T. Wood: Straightedge Youth: Complexity and Contradictions of a Subculture. Syracuse: Syracuse University Press, 2006, S. 118." href="#footnote5_lhg2g7q">5</a></p> <p> Die Wendung zu Krishna kam, als Cappo und Porcell von der Straight-Edge-Szene zunehmend frustriert waren: &bdquo;Straight Edge wurde zu einem Trend und zu einem exklusiven Klub. Wie bei allen Trends folgte auf den H&ouml;henflug ein Sturz &ndash; und Straight Edge st&uuml;rzte besonders hart. Ich w&uuml;rde sagen, dass neunzig Prozent der Youth-Crew-Kids in Colleges verschwanden und jeden Abend auf einer Party abhingen. Ich verlor meine Illusionen, was die Szene betraf. Das war eine gro&szlig;e Entt&auml;uschung. Nach all den Konzerten, nach all dem Geschreie und Gesinge schien es nicht so, als h&auml;tten sich die Leute wirklich ge&auml;ndert. Ich f&uuml;hlte mich an das Shakespeare-Zitat erinnert: &sbquo;Voll von L&auml;rm und Eifer &ndash; aber ohne Bedeutung.&rsquo; Genau das empfand ich und es war wirklich hart.&ldquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref6_rhb8ym7" title="Porcell, in: Lahickey, All Ages, S. 132." href="#footnote6_rhb8ym7">6</a> Eine Ver&auml;nderung war unvermeidlich: &bdquo;Mir wurde klar, dass der einfache Verzicht auf Alkohol nicht das Ziel sein konnte. Das war es nicht, worum es ging. Ich begann, Straight Edge mehr und mehr als Grundlage f&uuml;r etwas anderes zu sehen.&ldquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref7_sb9f9hb" title="Porcell, in Wood, Straightedge Youth, S. 133." href="#footnote7_sb9f9hb">7</a></p> <p> Dieses andere war Krishna. Ray Cappo war der erste, der einen radikalen Schritt in diese Richtung unternahm. Nach dem Ende der letzten Youth-of-Today-Tournee reiste er nach Indien, um als M&ouml;nch zu leben. Er nahm den Namen Raghunath an und erkl&auml;rte sp&auml;ter, dass sein &bdquo;fanatisches Blut von Youth of Today zu fanatischem Krishna-Blut wurde&ldquo;.<a class="see-footnote" id="footnoteref8_sk8wfky" title="&bdquo;Ray Cappo Explains Straight Edge&ldquo;, bestoftimesoc.blogspot.com/2009/11/ray-cappo-explains-straight-edge.html (10.03.2012)" href="#footnote8_sk8wfky">8</a></p> <p> Dieser &Uuml;bergang war durchaus naheliegend. Die ethischen Alltagsprinzipien der Krishna-Bewegung decken sich weitgehend mit denen von Straight Edge: kein Alkohol und keine Drogen ist offensichtlich, und auch was die innerhalb der Straight-Edge-Kultur streitbaren Fragen von Ern&auml;hrung und Sexualit&auml;t betrifft, so sprachen sich viele Straight-EdgerInnen &ndash; insbesondere auch Youth of Today &ndash; bereits Ende der 1980er Jahre f&uuml;r Vegetarismus und Enthaltsamkeit aus. Porcell, mittlerweile auch Paramananda Das genannt, fasst die Entwicklung so zusammen: &bdquo;F&uuml;r mich war es einfach ein nat&uuml;rlicher Schritt. Es passte einfach zusammen. Es war auch kein gro&szlig;er Schritt: die grundlegenden ethischen Lehren der Krishna-Bewegung praktizierte ich bereits. Es ging eher darum zu verstehen, worin die wirkliche Bedeutung liegt, Straight Edge zu sein. Was ist der Sinn von Straight Edge? Der Sinn ist es, deinen Kopf nicht mit Dingen zu f&uuml;llen, die deine F&auml;higkeit zu denken einschr&auml;nken. Gut. Aber daraus musst du auch Nutzen ziehen &ndash; du musst denken! Straight Edge ist nur ein Mittel zum Zweck.&ldquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref9_ao7508m" title="Porcell, in Wood, Straightedge Youth, S. 137." href="#footnote9_ao7508m">9</a> Kurz: Krishna als Straight Edge f&uuml;r Fortgeschrittene.</p> <p> Cappo wurde in Indien klar, dass es nicht seine Berufung war, als M&ouml;nch zu leben; seine Berufung war es, die Botschaft Krishnas mit der Hilfe von Hardcore zu verbreiten. Daraus machte er keinen Hehl: &bdquo;Es ist leicht, in der Hardcore-Szene Botschaften zu verbreiten, weil die Szene bereits eine enge, zusammengeschwei&szlig;te Gemeinschaft ist. Und Krishna ist eine nette Botschaft.&rdquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref10_jfl6ymk" title="Zitiert nach Erik Davis: &bdquo;Krishnacore&ldquo;, in: Spin Magazine (August 1995), S. 73." href="#footnote10_jfl6ymk">10</a></p> <p> Der charismatische Straight-Edge-Guru fr&uuml;herer Tage spielte auch seine Rolle als Krishna-Guru gut. An Selbstvertrauen mangelte es ihm nicht: &bdquo;Jede kritische Frage, die mir jemals zu Krishna gestellt wurde, habe ich anderen Krishna-Anh&auml;ngerInnen schon l&auml;ngst selbst gestellt. Die Phase des Alles-in-Frage-Stellens habe ich hinter mehr.&ldquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref11_70mnz37" title="Ray Cappo, in: Peterson, Burning Fight, S. 111." href="#footnote11_70mnz37">11</a></p> <p> An kritischen Fragen aus der Punk/Hardcore-Szene mangelte es nicht. Ein &bdquo;Inside Ray Cappo and the Krishnas&ldquo; betitelter <em>Maximumrocknroll</em>-Beitrag in der Dezember-Nummer des Jahres 1989 sollte das Verh&auml;ltnis von Cappo zu dem gr&ouml;&szlig;ten US-amerikanischen Punk-Zine f&uuml;r immer tr&uuml;ben. Doch davon lie&szlig; Cappo sich nicht beirren. Er gr&uuml;ndete die Band Shelter &ndash; in der sp&auml;ter auch Porcell spielte &ndash; und gemeinsam mit Steve Reddy das Label Equal Vision, das sich umgehend als wichtigstes Outlet des Krishnacore behauptete.</p> <p> Bekannte fr&uuml;he Krishnacore-Bands neben Shelter waren Refuse to Fall, Prema und vor allem 108, benannt nach den 108 Perlen der Mala, der Gebetskette, die den Krishna-Anh&auml;ngerInnen das Z&auml;hlen ihrer Mantras erleichtert. Auch ein Equal-Vision-Release der Punk-Legende Poly Styrene war geplant, da die ehemalige X-Ray-Spex-S&auml;ngerin schon seit Anfang der 1980er Jahre in Krishna-Gemeinschaften in Gro&szlig;britannien lebte. Doch dazu kam es nicht.</p> <p> Ungeachtet dessen wurde Krishnacore immer einflussreicher. Zack de la Rocha, sp&auml;ter als S&auml;nger von Rage Against the Machine weltber&uuml;hmt, sang beispielsweise Anfang der 1990er Jahre f&uuml;r die Krishna-inspirierte Band Inside Out, deren bekannteste Platte den bezeichnenden Titel <em>No Spiritual Surrender</em> trug. Der Gitarrist der Band war Vic DiCara a.k.a. Vraja Kishor Das. DiCara spielte sp&auml;ter in Shelter, war Mitbegr&uuml;nder von 108 und ist heute renommierter vedischer Astrologe. Die wunderbare Welt Krishnas wurde auch in Zines wie <em>Krishna Grrrl</em>, <em>War on Illusion</em> und anderen gepriesen.</p> <p> 1995 ver&ouml;ffentlichten Shelter ihr Album Mantra auf dem kommerziellen Roadrunner-Label und verkauften 200.000 St&uuml;ck. Auch andere Krishnacore-Bands kamen bei gr&ouml;&szlig;eren Labels unter, etwa Baby Gopal, deren gleichnamiges Album 1996 von Victory herausgebracht wurde. Vic DiCara erinnert sich an diese Periode: &bdquo;Praktisch jedes Hardcore-Kid war irgendwann einmal in einem Krishna-Tempel oder hatte zumindest einen guten Freund, der dort gewesen war.&ldquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref12_iqkbijz" title="Vic DiCara, in: Peterson, Burning Fight, S. 149." href="#footnote12_iqkbijz">12</a> Die Bedeutung der Krishna-Bewegung f&uuml;r die Hardcore-Szene der 1990er Jahre wird auch in dem von Brian Peterson herausgegebenen Buch <em>Burning Fight: The Nineties Hardcore Revolution in Ethics, Politics, Spirit, and Sound</em> best&auml;tigt. Peterson, der auf beinahe 500 Seiten eine beeindruckende Auswahl an Stimmen zur Hardcore-Szene der 1990er Jahre dokumentiert, widmet eines seiner vier Kapitel (&bdquo;Spirituality&ldquo;) beinahe ausschlie&szlig;lich Krishnacore.</p> <p> Der harte Kern der Krishnacore-Szene war beinahe im wahrsten Sinne des Wortes eine kleine Familie. So handelte es sich bei der Baby-Gopal-S&auml;ngerin Kim Shopav a.k.a. Sri Kesava um Ray Cappos Frau. Zum Sexleben des Paares &auml;u&szlig;erte sich Cappo wie folgt: &ldquo;Sex ist dasselbe wie der Versuch, ein Feuer mit &Ouml;l zu l&ouml;schen.&ldquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref13_i2ycwno" title="Zitiert nach Davis, &bdquo;Krishnacore&ldquo;, erweiterte Online-Version, www.techgnosis.com/index_hare.html (10.03.2002)" href="#footnote13_i2ycwno">13</a> Womit wir bei einem Grundpfeiler der Krishna-Lehre w&auml;ren, der f&uuml;r diesen Band von besonderer Bedeutung ist: die Unsittlichkeit des Fleisches.</p> <h2> <br /> Spirit vs. Matter</h2> <p> <br /> Die Trennung zwischen Geist und Materie ist im Krishna-Weltbild zentral. Die Bhagavad-Gītā, das wichtigste Buch der Bewegung, best&auml;tigt dies an zahlreichen Stellen. Als Beispiel mag der Vers 5.22 dienen: &ldquo;Ein intelligenter Mensch sch&ouml;pft nicht aus den Quellen des Leids, die aus der Ber&uuml;hrung mit den materiellen Sinnen entstehen &hellip; solche Freuden haben einen Anfang und ein Ende, und daher erfreut sich der Weise nicht an ihnen.&ldquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref14_ud0ux5l" title="Bhagavad-Gītā wie sie ist mit Erl&auml;uterungen von His Divine Grace A. C. Bhaktivedanta Swami Prabhupāda. The Bhaktivedanta Book Trust: o.O., 1983, S. 126." href="#footnote14_ud0ux5l">14</a> Praphubāda erl&auml;utert diesen Vers folgenderma&szlig;en: &ldquo;Deshalb versp&uuml;ren diejenigen, die wahre <em>yogīs</em>oder gelehrte Transzendentalisten sind, keinerlei Anziehung zu Sinnenfreuden, die die Ursachen fortgesetzten materiellen Daseins sind. Je mehr man an materiellen Freuden h&auml;ngt, desto mehr ist man von materiellen Leiden gefangen.&ldquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref15_2j1outk" title="Ebd, S. 127." href="#footnote15_2j1outk">15</a> In seiner Erl&auml;uterung zu Vers 4.26 schreibt Praphubāda: &bdquo;Sexualit&auml;t, Berauschung und das Essen von Fleisch sind allgemeine Tendenzen der menschlichen Gesellschaft, doch ein regulierter Haush&auml;lter gibt sich nicht einem z&uuml;gellosen Geschlechtsleben und anderen Sinnesfreuden hin.&ldquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref16_9xz85mx" title="Ebd, S. 109." href="#footnote16_9xz85mx">16</a> Die Verurteilung des Fleischlichen wird noch deutlicher in der Erl&auml;uterung zu Vers 16.10: &bdquo;Solche d&auml;monischen Menschen f&uuml;hlen sich nur zu Wein, Frauen, Gl&uuml;cksspiel und Fleischessen hingezogen; das sind ihre <em>aśuci</em>, unsauberen Gewohnheiten.&ldquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref17_fnxhxx3" title="Ebd, S. 301." href="#footnote17_fnxhxx3">17</a></p> <p> Die letzte Bemerkung ist aufschlussreich, was den Vegetarismus der Krishna-Bewegung betrifft. Dieser hat zum einen mit dem Vermeiden von Leid zu tun, das geschlachteten Tieren zukommt. Zum anderen geht es jedoch darum, das Leid, das zwangsl&auml;ufig in der Fleischlichkeit bzw. dem fehlenden Bewusstsein tierischer Existenz liegt, nicht auf sich selbst zu &uuml;bertragen. So schreibt Praphubāda als Erl&auml;uterung zu Vers 14.16 der <em>Bhagavad-Gītā</em>: &bdquo;Tierisches Leben ist immer leidvoll, obwohl Tiere dies im Bann der illusionierenden Energie, <em>māyā</em>, nicht verstehen.&ldquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref18_jc7z960" title="Ebd, S. 278." href="#footnote18_jc7z960">18</a></p> <p> Werden die Lehren Praphubādas in Krishnacore-Sprache &uuml;bersetzt, klingt das beispielsweise so: &bdquo;Du kannst deine Religion &auml;ndern, aber nicht die Tatsache, dass du Geist bist. &hellip; Du bist eine lebendes Wesen, das einen K&ouml;rper bewohnt.&quot;<a class="see-footnote" id="footnoteref19_hyprz0t" title="Ray Cappo, in: Peterson, Burning Fight, S. 113." href="#footnote19_hyprz0t">19</a> Oder: &bdquo;Die Lehre der Reinkarnation hat mir klar gemacht, dass ich kein K&ouml;rper bin. Das ist ein riesiger Schritt.&ldquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref20_noaxp5y" title="Ebd, S. 114." href="#footnote20_noaxp5y">20</a> Die Erkl&auml;rung, die f&uuml;r diese Schlussfolgerung angeboten wird, &uuml;berrascht angesichts des hartn&auml;ckigen Beharrens auf die unfehlbare &bdquo;Logik&ldquo; der Lehre Krishnas: &bdquo;Ich wei&szlig;, dass ich einen K&ouml;rper habe, weil ich ihn analysiere, seit ich ein Kind bin. Und ich habe gesehen, wie er sich ver&auml;ndert, also kann ich nicht dieser K&ouml;rper sein.&ldquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref21_zznkn3f" title="Ebd, S. 114." href="#footnote21_zznkn3f">21</a></p> <p> Krishna-Anh&auml;ngerInnen lieben nicht nur Logik, die au&szlig;er ihnen niemand versteht, sondern auch tiefsch&uuml;rfende Allegorien. So schrieb Eric Dailey a.k.a. Ekendra Dasa, der fr&uuml;her in Shelter spielte und Krishna auch noch heute als Musiker dient, im September 2011 auf dem Blog der International Bhakti Yoga Society: &bdquo;Grundlegende Eigenschaften des Geistes sind: Ewigkeit, Bewusstsein, Zufriedenheit und Gl&uuml;ck. Grundlegende Eigenschaften der Materie sind: Verg&auml;nglichkeit, Unbewusstsein, Abh&auml;ngigkeit von &auml;u&szlig;eren Einfl&uuml;ssen. &hellip; Mein K&ouml;rper besteht aus biologisch abbaubarem Zeugs, das wir &sbquo;Materie&rsquo; nennen. Er kam zu einem bestimmten Zeitpunkt in diese Welt und wird wieder aus ihr verschwinden. Wenn ich mich nicht bewege, bewegt er sich auch nicht. Seine Existenz ist von allen m&ouml;glichen physischen Bedingungen abh&auml;ngig (Nahrung, Umwelteinfl&uuml;ssen usw.). &hellip; Das aktive Prinzip in jedem Lebewesen, seine Essenz, ist der Geist. Ohne den Geist ist die Materie bedeutungslos. Sie ist Zeugs. &hellip; Der Geist verh&auml;lt sich zur Materie wie der Chauffeur zum Auto: Auto ohne Chauffeur = geparktes Auto.&ldquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref22_g3x1yhd" title="Ekendra Dasa: &bdquo;What&rsquo;s the difference between spirit and matter?&ldquo;, ibys4life.wordpress.com/2011/09/ (10.03.2012)" href="#footnote22_g3x1yhd">22</a></p> <p> In den 1990er Jahren wurde mir von Krishna-Anh&auml;ngerInnen immer wieder erkl&auml;rt, dass eine Trommel nur tote Materie sei und von sich aus keinen Ton erzeugen k&ouml;nne. Dazu bed&uuml;rfe es eines Menschen, das hei&szlig;t eines Geistes, der auf sie schl&auml;gt. Ich versuchte jedes Mal einzuwenden, dass auch ein Mensch bzw. ein Geist keinen Trommelton erzeugen kann, wenn es keine Trommel gibt, vermochte damit jedoch nie zu punkten. Schon damals schien sich meine Logik mit jener Krishnas nicht zu vertragen.</p> <p> Die Geringsch&auml;tzung der Materie/des K&ouml;rpers/des Fleisches seitens der Krishna-Gemeinde wurde oft besonders deutlich zum Ausdruck gebracht; etwa in Norman Brannons popul&auml;rem Zine <em>Anti-Matter</em> oder in dem Shelter-Song &bdquo;I&rsquo;m Not The Flesh&ldquo;: &ldquo;Yes, yes, I&rsquo;m convinced we&rsquo;re not this flesh, can you hear what I&#39;m sayin&rsquo;? Yes, yes, I&rsquo;m convinced I&rsquo;m not this flesh, can you hear me!?&rdquo;</p> <p> Die Materie-, K&ouml;rper- und Fleischfeindlichkeit der Krishna-Bewegung ist zwangsl&auml;ufig auch eine Weltfeindlichkeit. Die Sehnsucht nach spiritueller Reinheit wird umso gr&ouml;&szlig;er, je deutlicher die Unvollkommenheit der materiellen Welt ist. Ray Cappo meint, dass wir uns zwangsl&auml;ufig nach einer anderen Sph&auml;re des Seins sehnen m&uuml;ssen, da &bdquo;es keinen Frieden in dieser Welt geben kann: irgendwer tritt immer auf irgendjemanden anderen, um existieren zu k&ouml;nnen, das ist einfach so.&ldquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref23_kz6b6tg" title="Ray Cappo, in: Peterson, Burning Fight, S. 114." href="#footnote23_kz6b6tg">23</a> Bezeichnenderweise trug ein Artikel zu Cappos Yoga- und Jiu-Jitsu-Training, erschienen in der Februar-2010-Ausgabe der Kampfsportzeitschrift <em>Fight!</em>, den Titel: &bdquo;Disengage: Ray Cappo Is In the World But Not Of It&ldquo;.</p> <p> Dass dies eine der Konsequenzen der Krishna-Bewegung ist, sagt viel &uuml;ber ihre ideologischen Grundlagen aus. Die meisten der fr&uuml;hen Anh&auml;ngerInnen &ndash; und dazu z&auml;hlen auch die Leute aus der Hardcore-Szene &ndash; begannen sich aufgrund eines Unbehagens an materialistischer Konsumkultur f&uuml;r ISKCON zu interessieren. An einem solchen Unbehagen liegt nichts Falsches, solange es zu einer Kritik an Verdinglichung und Entfremdung sowie zu einem Bem&uuml;hen um solidarische Lebensformen f&uuml;hrt. Der letztere Aspekt fehlt der Krishna-Bewegung auch nicht, was sich etwa in dem Aufbau von Tempelgemeinschaften und Landkommunen ausdr&uuml;ckt. Aufgrund des strengen ideologischen &Uuml;berbaus werden diese Ans&auml;tze jedoch reaktion&auml;r kanalisiert und k&ouml;nnen keine progressive Kraft entfalten. Die Krishna-Bewegung wird somit zum Paradebeispiel einer konsumkritischen Bewegung, die eine Antwort auf die Probleme ihrer Zeit in einem Zur&uuml;ck statt in einem Vorw&auml;rts sucht. Die Kritik am Materialismus wird nicht als Kritik an der Warenzirkulation artikuliert, sondern als Kritik am K&ouml;rper, am Fleisch, an der Lust, und schlie&szlig;lich an der Welt ganz allgemein.</p> <p> Wiederum sind die Parallelen zur Straight-Edge-Bewegung deutlich &ndash; allerdings mit dem Unterschied, dass Straight Edge angesichts eines fehlenden Gurus nach wie vor genug Freiraum bietet, um auch nicht-ideologische Interpretationen und progressive Ausdrucksformen zuzulassen.</p> <h2> <br /> Die verschiedenen Gesichter von Straight Edge</h2> <p> <br /> Die Trennlinie, die zwischen der progressiv-pers&ouml;nlichen Straight-Edge-Interpretation von Ian MacKaye und der reaktion&auml;r-ideologischen von Youth of Today liegt, teilt die Straight-Edge-Bewegung grob in zwei Lager. Die Trennlinie ist dabei nicht das Politische. Wir wissen, dass auch das Pers&ouml;nliche politisch ist und individuelle Lebensweisen Auswirkungen auf unsere soziale und &ouml;kologische Umwelt haben. Wenn der Entschluss, Straight Edge zu leben, dem Gef&uuml;hl entstammt, als Straight-EdgerIn bewusster und verantwortlicher handeln zu k&ouml;nnen, dann ist das ein politischer Entschluss, auch wenn er ein pers&ouml;nlicher bleibt. Ideologisch wird er in dem Augenblick, in dem der eigenen Lebensweise mit Bezugnahme auf ein h&ouml;heres Gut besonderer Wert zugeschrieben wird. Im Falle von Straight Edge erfordert dies zwangsl&auml;ufig einen Verweis auf religi&ouml;se &ndash; oder quasi-religi&ouml;se &ndash; Reinheitsgebote: Drogenkonsum kann nur dann universell verurteilt werden, wenn es etwas universell Wertvolles gibt (die Reinheit des Geistes und/oder K&ouml;rpers), das vor etwas universell Sch&auml;dlichem (dem &bdquo;Gift&ldquo; der Drogen) zu bewahren ist. Es ist daher kein Zufall, wenn alle ideologischen Straight-Edge-Interpretationen ihre Drogenablehnung an Konzepte geistiger und/oder k&ouml;rperlicher Gesundheit koppeln. Hier gibt es keine Ausnahmen, ob es sich nun um christliche, muslimische und hinduistische Straight-EdgerInnen handelt oder um s&auml;kulare Vitalit&auml;tsapostel. (Nat&uuml;rlich l&auml;sst sich auch einfach das Pers&ouml;nliche ideologisieren, frei nach dem Motto &bdquo;Du musst gut finden, was ich gut finde&ldquo; &ndash; doch mit dieser Form von Dumpfbacken-Straight-Edge will ich mich in diesem Artikel nicht l&auml;nger aufhalten.)</p> <p> F&uuml;r den Gesundheitsfetisch, der mit ideologischen Straight-Edge-Auffassungen einhergeht, gibt es scheinbar widerspr&uuml;chliche Erkl&auml;rungsstrategien. So besteht einerseits ein positiver, &bdquo;materialistischer&ldquo; Bezug zur K&ouml;rperlichkeit, der den eigenen K&ouml;rper als Teil des Selbst zu besch&uuml;tzen sucht. Andererseits wird im Rahmen eines negativen, &bdquo;idealistischen&ldquo; Bezugs zur K&ouml;rperlichkeit beabsichtigt, den eigenen K&ouml;rper als tempor&auml;re Heimat des Geistes wenigstens so rein wie m&ouml;glich zu halten. Das Resultat ist in beiden F&auml;llen das Gleiche: in der Zelebrierung des narzisstischen K&ouml;rperkults finden der &bdquo;k&ouml;rperpositive&ldquo; Straight-Edge-Wrestler CM Punk und der &bdquo;k&ouml;rpernegative&ldquo; Yogalehrer Ray Cappo problemlos zusammen. Auch der Exhibitionismus schwitzender, nackter Jungs im Moshpit passt tadellos ins Bild.</p> <p> Nun ist weder an schwitzenden und nackten Jungs noch an Yoga etwas auszusetzen (bei Wrestling bin ich mir nicht so sicher), doch sobald sich menschliche Vollkommenheitsideale mit Disziplinierungsdoktrinen vermischen, lassen unweigerlich die Dead Kennedys und &bdquo;California &Uuml;ber Alles&ldquo; gr&uuml;&szlig;en. Tats&auml;chlich ist es schwer, die Krishna-Lehre, und damit auch den Krishnacore, von faschistoiden Dimensionen freizusprechen. Schlie&szlig;lich dr&uuml;cken sich diese innerhalb der Bewegung nicht nur in K&ouml;rper- und Lustfeindlichkeit aus, sondern auch in konservativen Geschlechterrollen, Homophobie, hierarchischen Organisationsstrukturen und konspirationstheoretischen Phantasmen. Aufgrund der dogmatischen Interpretation der <em>Bhagavad-Gītā</em> und der Verg&ouml;ttlichung Prabhubādas gibt es innerhalb der Krishna-Bewegung auch wenig Spielraum. Das ideologische Korsett ist f&uuml;r emanzipatorische Varianten schlicht zu eng.</p> <p> In der Straight-Edge-Bewegung sieht das zum Gl&uuml;ck anders aus. Dort ist es m&ouml;glich, reaktion&auml;ren Deutungen progressive gegen&uuml;berzustellen. Und das geschieht auch. Viele Straight-EdgerInnen k&uuml;mmern sich nicht um Dogmen und Reinheitsgebote, sondern darum, ob es ihnen und anderen gut geht. JournalistInnen st&uuml;rzen sich oft auf das ewig verlockende Thema des Sexes, doch wird hier gerne &uuml;bertrieben. Zwar gibt es bis heute autorit&auml;tsbed&uuml;rftige Straight-EdgerInnen, die trotz der unerm&uuml;dlichen Proteste Ian MacKayes darauf bestehen, &bdquo;Don&rsquo;t drink, don&rsquo;t smoke, don&rsquo;t fuck&ldquo; als Regelwerk zu betrachten und die &bdquo;wahre Bedeutung&ldquo; dieser Textzeile zu er&ouml;rtern,<a class="see-footnote" id="footnoteref24_0agn46a" title="Der Minor-Threat-Song &bdquo;Out of Step&ldquo; enthielt die Textzeile &bdquo;Don&rsquo;t drink, don&rsquo;t smoke, don&rsquo;t fuck, at least I can fucking think&ldquo;. Dies wird bis heute in manchen Kreisen als Grundlage der &bdquo;drei Regeln&ldquo; von Straight Edge betrachtet, obwohl MacKaye der zweiten Pressung des Songs sogar eine Erkl&auml;rung hinzuf&uuml;gte, in der feststellte: &bdquo;Listen, this is no set of rules. I&rsquo;m not telling you what to do&hellip;&ldquo;" href="#footnote24_0agn46a">24</a> doch handelt es sich dabei um eine m&ouml;glicherweise laute, aber letztlich kleine Gruppe. Selbst das Thema Veganismus wird hei&szlig;er gegessen, als es ist: es gibt immer noch Straight-EdgerInnen, die auch mal gerne ins (nicht-vegane) Schnitzel bei&szlig;en.</p> <p> Vielen Straight-EdgerInnen geht es in ihrem Verst&auml;ndnis von Straight Edge um wenig mehr als um subjektive Bestimmungen von Verl&auml;sslichkeit, Verantwortung, Empathie oder Unabh&auml;ngigkeit. Wenn dabei auf bestimmte Substanzen verzichtet wird, dann aufgrund des Gef&uuml;hls, dass einem diese Substanzen nicht gut tun. Das ist keine ideologische Selbstdisziplinierung, sondern Hausverstand. So hat es nichts mit Verzichtsideologie zu tun, sich den Genuss von Unkrautvertilgungsmittel zu versagen. Gut, es ist anzunehmen, dass Unkrautvertilgungsmittel nicht besonders gut schmeckt, aber vielen Straight-EdgerInnen schmeckt Bier auch nicht. Und wenn Menschen aus anderen Gr&uuml;nden kein Bier trinken, beispielsweise weil sie trockene AlkoholikerInnen sind, wird das Verzichtsideologieargument gar zynisch.</p> <p> Auch das Argument der Lustfeindlichkeit greift in diesen F&auml;llen nicht. Tats&auml;chlich assoziieren zahlreiche Straight-EdgerInnen ihre Lebensweise mit einer Steigerung des Lustempfindens. So l&auml;sst sich am Ende dieses Abschnitts aus der etwas pathetischen, aber nichtsdestotrotz ausdrucksvollen CrimethInc.-Brosch&uuml;re <em>Wasted Indeed: Anarchy and Alcohol</em> zitieren:</p> <p> &bdquo;Versteht uns nicht falsch: wir sind nicht gegen Genuss, sondern daf&uuml;r. Ambrose Bierce hat den Asketen wie folgt definiert: &sbquo;eine schwache Person, die der Versuchung nachgibt, sich selbst Lust zu verweigern&rsquo;. Wir stimmen dem zu! Charles Baudelaire folgend k&ouml;nnen wir sagen: <em>Du musst immer high sein &ndash; alles h&auml;ngt davon ab!</em> Wir sind nicht gegen Rausch, sondern gegen Alkohol. Diejenigen, die auf den Konsum von Alkohol angewiesen sind, um sich in einen Rauschzustand zu versetzen, bringen sich um den wirklichen Zauber dieses Zustandes. &hellip; Wir wollen Ekstase in jedem Moment, nicht als einen die Leber zerst&ouml;renden <em>&sbquo;alcoholiday&rsquo;</em>. &hellip; Brennt die Schnapsl&auml;den nieder und ersetzt sie mit Spielpl&auml;tzen! <em>F&uuml;r Bacchanale bei klarem Verstand, f&uuml;r ekstatische N&uuml;chternheit!</em>&ldquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref25_6cx18mp" title="CrimethInc., &bdquo;Wasted Indeed: Anarchy and Alcohol&ldquo;, zahlreiche Ausgaben, hier zitiert nach: http://crimethinc.com/tools/downloads/pdfs/anarchy_and_alcohol_reading.pdf (10.03.2012)" href="#footnote25_6cx18mp">25</a></p> <h2> Schlusswort</h2> <p> ISKCON erlebte nach dem (k&ouml;rperlichen) Tod Prabhupādas eine turbulente Geschichte. Einige der Gurus, die im Rahmen der von ihm eingesetzten Governing Body Commission (GBC) die Administration weiterf&uuml;hrten, wurden des sexuellen Missbrauchs, der Geldw&auml;sche und des Drogenhandels angeklagt. Aus den eigenen Reihen hagelte es Vorw&uuml;rfe der Korruption und Heuchelei.</p> <p> Mittlerweile existiert mit dem ISKCON Revival Movement (IRM) eine innere Opposition, die eine strenge R&uuml;ckbesinnung auf Prabhupāda fordert; der Name ihrer Zeitschrift ist Programm: <em>Back to Prabhupāda</em>. John Joseph ist einer der Hardcore-Veteranen, die sich im IRM engagieren. Andere halten sich von den institutionellen Streitigkeiten fern, leben jedoch nach wie vor im Sinne Krishnas.</p> <p> Krishnacore hat viel von der Bedeutung, die er in den 1990er Jahren innehatte, verloren, ist aber nicht ausgestorben. Bands wie Foose in den USA, Traces of You in Italien, Argot in Kolumbien oder Mihara auf den Philippinen setzen die Tradition in der ein oder anderen Weise fort. Websites wie <a href="http://krishnacore.blogspot.com">krishnacore.blogspot.com</a> oder <a href="http://www.krishnacore.net" title="www.krishnacore.net">www.krishnacore.net</a> dokumentieren die Geschichte. Equal Vision, das heute einen breiten Hardcore-Katalog anbietet, hat mit Mantralogy ein Tochterlabel f&uuml;r Krishnamusik aller Art gegr&uuml;ndet. Auch das Hardcore-Reunion-Ph&auml;nomen ist am Krishnacore nicht vorbeigegangen. So spielen 108 seit ein paar Jahren wieder zusammen, auch wenn sich die Wiedervereinigung aufgrund des in seinen &Uuml;berzeugungen schw&auml;chelnden S&auml;ngers Rob Fish a.k.a. Rasaraja Dasa nicht immer einfach gestaltet hat.<a class="see-footnote" id="footnoteref26_tbd31p9" title="Siehe z.B. &bdquo;108 singer quits, band breaks up&ldquo;, lambgoat.com/news/view.aspx?id=14196 (10.03.2012)" href="#footnote26_tbd31p9">26</a></p> <p> Musikalisch am gewagtesten sind vielleicht die Versuche von Ekendra Dasa, Krishna gemeinsam mit dem Planet Cow Orchestra und einer Mischung aus Country und Psychobilly unter die Leute zu bringen. Die Albumtitel <em>God Project</em> und <em>200 Proof Absolute Truth</em> sprechen f&uuml;r sich. Inhaltlich gibt es freilich keine Unterschiede zu anderen MusikerInnen im Dienste der perfektesten aller g&ouml;ttlichen Inkarnationen. So erkl&auml;rt Ekendra Das den Song &ldquo;Maggot Poo Poo&rdquo; (also in etwa: &bdquo;Madenschei&szlig;e&ldquo;) auf seiner Website wie folgt: &bdquo;Solange das Selbst/der Geist/die Seele in unserem K&ouml;rper weilt, sind wir auf diesen fixiert und eitel. Aber wenn das alles vorbei ist, werden wir nur sagen: &sbquo;Weg mit ihm! Er stinkt!&rsquo;.&ldquo;<a class="see-footnote" id="footnoteref27_zq0hk57" title="&bdquo;Maggot Poo Poo&ldquo;, ekendradasa.com/maggot-poo-poo/ (10.03.2012)" href="#footnote27_zq0hk57">27</a></p> <p> In diesem Sinne&hellip;</p> <ul class="footnotes"><li class="footnote" id="footnote1_gomij93"><a class="footnote-label" href="#footnoteref1_gomij93">1.</a> &bdquo;On the Real with Harley Flanagan&ldquo;, <a href="http://www.cromags.com/interviews.html ">www.cromags.com/interviews.html </a>(10.03.2012). Alle &Uuml;bersetzungen von Gabriel Kuhn.</li> <li class="footnote" id="footnote2_qa1iwo5"><a class="footnote-label" href="#footnoteref2_qa1iwo5">2.</a> Steve Reddy, in: Brian Peterson (Hg.): Burning Fight: The Nineties Hardcore Revolution in Ethics, Politics, Spirit, and Sound. Huntington Beach: Revelation, 2009, S. 115.</li> <li class="footnote" id="footnote3_shi901g"><a class="footnote-label" href="#footnoteref3_shi901g">3.</a> Ian MacKaye, in: Gabriel Kuhn (Hg.): Sober Living for the Revolution: Hardcore Punk, Straight Edge, and Radical Politics. Oakland: PM Press, 2010, S. 33.</li> <li class="footnote" id="footnote4_bzyjqor"><a class="footnote-label" href="#footnoteref4_bzyjqor">4.</a> Porcell, in: Beth Lahickey (Hg.): All Ages: Reflections on Straight Edge. Huntington Beach: Revelation, 1997, S. 130.</li> <li class="footnote" id="footnote5_lhg2g7q"><a class="footnote-label" href="#footnoteref5_lhg2g7q">5.</a> Porcell, in: Robert T. Wood: Straightedge Youth: Complexity and Contradictions of a Subculture. Syracuse: Syracuse University Press, 2006, S. 118.</li> <li class="footnote" id="footnote6_rhb8ym7"><a class="footnote-label" href="#footnoteref6_rhb8ym7">6.</a> Porcell, in: Lahickey, All Ages, S. 132.</li> <li class="footnote" id="footnote7_sb9f9hb"><a class="footnote-label" href="#footnoteref7_sb9f9hb">7.</a> Porcell, in Wood, Straightedge Youth, S. 133.</li> <li class="footnote" id="footnote8_sk8wfky"><a class="footnote-label" href="#footnoteref8_sk8wfky">8.</a> &bdquo;Ray Cappo Explains Straight Edge&ldquo;, <a href="http://bestoftimesoc.blogspot.com/2009/11/ray-cappo-explains-straight-edge.html">bestoftimesoc.blogspot.com/2009/11/ray-cappo-explains-straight-edge.html</a> (10.03.2012)</li> <li class="footnote" id="footnote9_ao7508m"><a class="footnote-label" href="#footnoteref9_ao7508m">9.</a> Porcell, in Wood, Straightedge Youth, S. 137.</li> <li class="footnote" id="footnote10_jfl6ymk"><a class="footnote-label" href="#footnoteref10_jfl6ymk">10.</a> Zitiert nach Erik Davis: &bdquo;Krishnacore&ldquo;, in: Spin Magazine (August 1995), S. 73.</li> <li class="footnote" id="footnote11_70mnz37"><a class="footnote-label" href="#footnoteref11_70mnz37">11.</a> Ray Cappo, in: Peterson, Burning Fight, S. 111.</li> <li class="footnote" id="footnote12_iqkbijz"><a class="footnote-label" href="#footnoteref12_iqkbijz">12.</a> Vic DiCara, in: Peterson, Burning Fight, S. 149.</li> <li class="footnote" id="footnote13_i2ycwno"><a class="footnote-label" href="#footnoteref13_i2ycwno">13.</a> Zitiert nach Davis, &bdquo;Krishnacore&ldquo;, erweiterte Online-Version, <a href="http://www.techgnosis.com/index_hare.html ">www.techgnosis.com/index_hare.html </a>(10.03.2002)</li> <li class="footnote" id="footnote14_ud0ux5l"><a class="footnote-label" href="#footnoteref14_ud0ux5l">14.</a> Bhagavad-Gītā wie sie ist mit Erl&auml;uterungen von His Divine Grace A. C. Bhaktivedanta Swami Prabhupāda. The Bhaktivedanta Book Trust: o.O., 1983, S. 126.</li> <li class="footnote" id="footnote15_2j1outk"><a class="footnote-label" href="#footnoteref15_2j1outk">15.</a> Ebd, S. 127.</li> <li class="footnote" id="footnote16_9xz85mx"><a class="footnote-label" href="#footnoteref16_9xz85mx">16.</a> <span lang="de-DE">Ebd, S. 109.</span></li> <li class="footnote" id="footnote17_fnxhxx3"><a class="footnote-label" href="#footnoteref17_fnxhxx3">17.</a> <span lang="de-DE">Ebd, S. 301.</span></li> <li class="footnote" id="footnote18_jc7z960"><a class="footnote-label" href="#footnoteref18_jc7z960">18.</a> <span lang="de-DE">Ebd, S. 278.</span></li> <li class="footnote" id="footnote19_hyprz0t"><a class="footnote-label" href="#footnoteref19_hyprz0t">19.</a> Ray Cappo, in: Peterson, Burning Fight, S. 113.</li> <li class="footnote" id="footnote20_noaxp5y"><a class="footnote-label" href="#footnoteref20_noaxp5y">20.</a> Ebd, S. 114.</li> <li class="footnote" id="footnote21_zznkn3f"><a class="footnote-label" href="#footnoteref21_zznkn3f">21.</a> Ebd, S. 114.</li> <li class="footnote" id="footnote22_g3x1yhd"><a class="footnote-label" href="#footnoteref22_g3x1yhd">22.</a> Ekendra Dasa: &bdquo;What&rsquo;s the difference between spirit and matter?&ldquo;, <a href="http://ibys4life.wordpress.com/2011/09/">ibys4life.wordpress.com/2011/09/</a> (10.03.2012)</li> <li class="footnote" id="footnote23_kz6b6tg"><a class="footnote-label" href="#footnoteref23_kz6b6tg">23.</a> Ray Cappo, in: Peterson, Burning Fight, S. 114.</li> <li class="footnote" id="footnote24_0agn46a"><a class="footnote-label" href="#footnoteref24_0agn46a">24.</a> Der Minor-Threat-Song &bdquo;Out of Step&ldquo; enthielt die Textzeile &bdquo;Don&rsquo;t drink, don&rsquo;t smoke, don&rsquo;t fuck, at least I can fucking think&ldquo;. Dies wird bis heute in manchen Kreisen als Grundlage der &bdquo;drei Regeln&ldquo; von Straight Edge betrachtet, obwohl MacKaye der zweiten Pressung des Songs sogar eine Erkl&auml;rung hinzuf&uuml;gte, in der feststellte: &bdquo;Listen, this is no set of rules. I&rsquo;m not telling you what to do&hellip;&ldquo;</li> <li class="footnote" id="footnote25_6cx18mp"><a class="footnote-label" href="#footnoteref25_6cx18mp">25.</a> CrimethInc., &bdquo;Wasted Indeed: Anarchy and Alcohol&ldquo;, zahlreiche Ausgaben, hier zitiert nach: <a href="http://crimethinc.com/tools/downloads/pdfs/anarchy_and_alcohol_reading.pdf">http://crimethinc.com/tools/downloads/pdfs/anarchy_and_alcohol_reading.pdf</a> (10.03.2012)</li> <li class="footnote" id="footnote26_tbd31p9"><a class="footnote-label" href="#footnoteref26_tbd31p9">26.</a> Siehe z.B. &bdquo;108 singer quits, band breaks up&ldquo;, <a href="http://lambgoat.com/news/view.aspx?id=14196">lambgoat.com/news/view.aspx?id=14196</a> (10.03.2012)</li> <li class="footnote" id="footnote27_zq0hk57"><a class="footnote-label" href="#footnoteref27_zq0hk57">27.</a> &bdquo;<span lang="en-GB">Maggot Poo Poo&ldquo;, </span><a href="http://ekendradasa.com/maggot-poo-poo/"><span lang="en-GB"><i>ekendradasa.com/maggot-poo-poo/</i></span></a><span lang="en-GB"> (10.03.2012)</span></li> </ul> <div class="flattr-box"><script type="text/javascript"> var flattr_uid = 'systempunkte'; var flattr_tle = '„I’m Not the Flesh“ – Krishnacore und Straight Edge'; var flattr_dsc = '&lt;p&gt; Wer sich Anfang der 1990er Jahre in der Hardcore-Szene, insbesondere in der Straight-Edge-Szene bewegte, kam den Diskussionen zur Krishna-Bewegung nicht aus. Dabei ging es in mehrfacher Hinsicht ums Fleisch: im Rahmen des Vegetarismus, des gesunden K&amp;ouml;rpers, aber auch des philosophischen Gegensatzes von Geist und Materie.&lt;/p&gt;&lt;p&gt; Dieser Text versucht drei Aufgaben zu erf&amp;uuml;llen: 1. Die Entwicklung der Krishnacore-Szene der 1990er Jahre nachzuzeichnen. 2. Krishnacore als eine Ideologisierung der Straight-Edge-Bewegung zu begreifen. 3. Eine Straight-Edge-Interpretation anzubieten, die diese Ideologisierung nicht nur vermeidet, sondern sich ihr entgegenstellt.&lt;/p&gt;'; var flattr_tag = 'Bewegung,Kultur'; var flattr_cat = 'text'; var flattr_url = 'http://www.systempunkte.org/article/%E2%80%9Ei%E2%80%99m-not-flesh%E2%80%9C-%E2%80%93-krishnacore-und-straight-edge'; var flattr_lng = 'de_DE'</script> <script src="http://api.flattr.com/button/load.js" type="text/javascript"></script> </div> http://www.systempunkte.org/article/%E2%80%9Ei%E2%80%99m-not-flesh%E2%80%9C-%E2%80%93-krishnacore-und-straight-edge#comments Bewegung Kultur Wed, 21 Nov 2012 08:09:43 +0000 Tuli 164 at http://www.systempunkte.org Die Rechte gegen die Stadt http://www.systempunkte.org/article/die-rechte-gegen-die-stadt <p> <em>A. d. &Uuml;.: Der Text steht im Kontext krtischen Geographie und ist als Intervention in den akademisch gepr&auml;gten und emanzipatorisch orientierten Diskurs eines Rechtes auf die Stadt gedacht.</em></p> <p> &ldquo;Reclaim our cities&rdquo; &ndash; &ldquo;Selbstorganisaton&rdquo; &ndash; &ldquo;Werdet in der Nachbarschaft aktiv&rdquo; &ndash;&nbsp; Betrachtet diese Slogans einen Moment. Kommen sie euch bekannt vor? Das sollten sie tats&auml;chlich, denn sie spielgeln einen Theoriezweig (e.g. Amin and Thrift 2005;&nbsp; Butler 2012; Chatterton 2010; Dike&ccedil; 2001; Harvey 2003; Leontidou 2006;&nbsp; 2010; Marcuse 2009; Mayer 2009; Simone 2005) wieder, der zur&uuml;ckgeht auf Henri Lefebvres (1996) Idee des &quot;Rechts auf Stadt&quot; (im folgenden als &lsquo;RaS&rsquo; abgek&uuml;rzt). Trotz dieser gemeinsamen Wurzel sind die Interpretationen des Lefebvreschen Rechts &auml;u&szlig;erst vielf&auml;ltig gewesen; vielleicht hat sein oftmals abstrakter Schreibstil unbeabsichtigt dazu beigetragen, dass sich die Theorie auch au&szlig;erhalb seiner eigenen politischen Zugeh&ouml;rigkeit und Gedankenwelt verbreitet hat: Vor zehn Jahren protestierte Mark Purcell (2002), dass die urspr&uuml;ngliche Vorstellung des &#39;RaS&#39; radikaler war, als die damalige Literatur scheinen lie&szlig;. Aber heute k&ouml;nnte eine reformistische Interpretation Lefebvres die geringste Sorge sein, mit der wir an der s&uuml;d-&ouml;stlichen K&uuml;ste des Mittelmeers, das hei&szlig;t im griechischen Territorium konfrontiert sind.</p> <p> Die einleitenden Worte dieser Intervention waren Wahlversprechen von Antonis Samaras, des derzeitigen Ministerpr&auml;sidenten Griechenlands. Kurz nach seinem Aufstieg an die Macht im Juni 2012 machte Samaras seine Worte wahr. Im fr&uuml;hen Augst startete die Polizei eine Operation,<a class="see-footnote" id="footnoteref1_1mpa9kh" title="Die Operation l&auml;uft noch zur Zeit der Verfassung (Mitte September)." href="#footnote1_1mpa9kh">1</a> angeblich um gegen die illegale Immigration durchzugreifen. Alleine in den ersten Tagen wurden ungef&auml;hr 6700 Personen festgesetzt<a class="see-footnote" id="footnoteref2_ximghs6" title="&ldquo;Police claim Xenios Zeus operation a success.&rdquo; ekathimerini.com 10 August 2012 http://www.ekathimerini.com/4dcgi/_w_articles_wsite1_1_10/08/2012_456497" href="#footnote2_ximghs6">2</a>. Ein Rekord f&uuml;r die Anzahl an Verhaftungen an einem Tag, zumindest seit dem Ende der Diktatur (1974). Grotesker- und ironischerweise wurde die Operation &quot;Xenios Zeus&quot; genannt, nach dem antiken griechischen Gott der Gastlichkeit. Gleichzeitig und angefeuert von ihrem beispielslosen Wahlerfolg<a class="see-footnote" id="footnoteref3_w1cu3ea" title="In den Nationalwahlen im Mai 2012 erreichte &quot;Goldene Morgend&auml;mmerung&quot; knapp unter 7% (6,97%), gefolgt von einem ann&auml;hernd gleichem Prozentsatz im Juni (6,92%). Dies bedeutet ein Wachstum um 2303% verglichen mit den 0,29%, die die &quot;Goldene Morgend&auml;mmerung&quot; noch in der Wahl von 2009 erhalten hatte." href="#footnote3_w1cu3ea">3</a> f&uuml;hrte die offen nationalsozialistisch orientierte Partei &quot;Goldene Morgend&auml;mmerung&quot; (GM) eine militante Stra&szlig;enoperation durch, und rief dabei die Menschen auf, das Gesetz im Stil einer B&uuml;rgerwehr in die eigenen H&auml;nde zu nehmen. Als Effekt wurden nach Angaben der &quot;Migrantischen Arbeiter Assoziation&quot;<a class="see-footnote" id="footnoteref4_70tzrpu" title="&ldquo;Nearly 500 hate attacks carried out in the last six months.&rdquo; ekathimerini.com 14 August 2012 http://www.ekathimerini.com/4dcgi/_w_articles_wsite1_1_14/08/2012_456870" href="#footnote4_70tzrpu">4</a> ann&auml;hrend 500 rassistische Attacken gegen Migrant_innen alleine zwischen Februar und August 2012 registriert.</p> <p> Der Wahlslogan der GM war ebenfalls untrennbar r&auml;umlich: &ldquo;gia na xebrwmίsei o tόpos&rdquo;, &quot;damit wir den Platz von Dreck befreien k&ouml;nnen&quot;. Und, nicht zu vergessen, den Bewegung zum beispiellosen Wahlerfolg der GM begann mit mit dem sehr bescheidenen Versprechen &quot;in der Nachbarschaft aktiv zu werden&quot;, als sie begann den Fokus auf lokale, graswurzelartige Organisation in der Nachbarschaft Agios Panteleimonas im Zentrums Athen zu verschieben. All dies w&auml;hrend die linke, anarchistische und allgemein widerst&auml;ndige Bewegung mit den Nachwirkungen des Aufstandes von 2008 besch&auml;ftigt war (Vradis and&nbsp; Dalakoglou, 2008).</p> <p> Eine reflexhafte Antwort auf den donnerten Einbruch der Rechten in das Gebiet der allt&auml;glichen Organisierung der Stadt w&auml;re es, &quot;Wiederaneignung&quot; zu schreien. Sicherlich k&ouml;nnte doch gesagt werden, dass auf dieselbe Art und Weise wie die griechische Polizei schamlos die Bedeutung von &quot;Gast-Schutz&quot; verkehrte, die reaktion&auml;re Kraft, die die GM nun einmal ist, die Bedeutung von emanzipatorischen Theorien verdreht hat? Dies zu behaupten w&uuml;rde jedoch unsere Pflicht vergessen, derartige Theorien gegen ebenjene Kr&auml;fte zu verteidigen, gegen die sie stehen soll. Das Wiederfinden von Deleuze, Guattari and Debord<a class="see-footnote" id="footnoteref5_q1o20ug" title="Gilles Deleuze und F&eacute;lix Guattari k&ouml;nnen als bedeutende Vertreter der postmoderne gelten. Guy Debord war ein ma&szlig;gebliches Mitglied der Situationistischen Internationalen. A. d. &Uuml;." href="#footnote5_q1o20ug">5</a> als Referenzen in einem milit&auml;rischen Trainingsbuch (Weizman, 2006) h&auml;tte doch ein deutliches Warnzeichen sein sollen?</p> <p> Der Aufstieg der Goldenen Morgend&auml;merung war unvorhergesehen und&nbsp; &ndash; mit den intellektuellen Werkzeugen, die kritischen Akademiker_innen zur Verf&uuml;gung stehen &ndash; auch weitgehend unerkl&auml;rbar. Das ist eine harte Lektion: Wir haben es nicht geschafft vorherzusehen, was passieren w&uuml;rde und wir haben versagt die Gesellschaft gegen die kommende Katastrophe zu verteidigen. Aber f&uuml;r uns kritische Geograph_innen gibt es eine zus&auml;tzliche Last. Die Sprache, die GM verwendet, erteilt uns eine Lektion, die speziell f&uuml;r unsere Disziplin relevant ist &ndash; und f&uuml;r unseren Versuch, durch das RaS Theoriegeb&auml;ude eine Kritik an der bestehenden urbanen Ordnung zu formulieren, eine Kritik die allzuoft verloren ging in einer ahistorischen, aber absichtlichen Abstraktion.<br /> Werfen wir einen Blick auf das Missverh&auml;ltnis welches Purcell sieht zwischen Lefebvres festliche Vorstellung des RaS und den neueren RaS Studien. Auf der einen Seite steht ein Recht auf die Stadt, welches den euphorischen post-1968er Glauben wiederspieglt, dass die Welt sich f&uuml;r immer ver&auml;ndern wird, dass eine emanzipatorische Transfomration ante portas steht &ndash; und dass diese Emanzipaton aus einer Ver&auml;nderungen in der Art, wie urbaner Raum produziert und gelebt wird, stammen und begr&uuml;nden wird. Auf der anderen Seite befindet ein Zweig neuerer &quot;Recht auf die Stadt&quot;-Studien, die oft eine zentrale Tatsache verstecken, die Tatsache, dass sie im Gro&szlig;en und Ganzen als ein Exodus durch den Ma&szlig;stab entstanden sind.<br /> &nbsp;<br /> Die Berufung auf ein RaS war nicht nur &quot;ein Weg um auf den neoliberalen Urbanismus zu reagieren&quot; (Purcell 2002: 99), sondern ein Weg, um der offensichtlichen Unf&auml;higkeit die Agenden im nationalen und internationalen Ma&szlig;stab zu beeinflussen, zu entgehen. Denkt hier an das weitgehend reaktion&auml;re Klima in den USA unter Reagen und im UK unter Thatcher in den 1980ern. Berufung auf das RaS bedeutete sich ein Asyl jenseits der neoliberalen nationalen Agenden der Zeit zu suchen; ein Exodus der aus einer Notwendigkeit entstand. Oder denkt an den sp&auml;teren Vorwurf das RaS sei eine Pazifizierung: &quot;eine &#39;neuer Urbanismus&#39;-Bewegung, die den Verkauf von Gemeinschaft und Boutique Lifestyles, um urbane Tr&auml;ume zu erf&uuml;llen, bewirbt&quot; (Harvey 2009: 323). Selbst in diesen F&auml;llen bot das RaS ein Versprechen einer Politik, die n&auml;her ist am Ma&szlig;stab des Menschen, und des Potentials unserer unmittelbare Umgebung in der wir agieren und leben zu beeinflussen. Im R&uuml;ckblick scheint es nun vielleicht ein gro&szlig;er Fehlschluss gewesen zu sein, dass wir uns wom&ouml;glich erlaubt haben zu glauben, dass die urbane Politik unabh&auml;ngig, im &Auml;ther der Stadt selbst existieren k&ouml;nnte. Der scheinbar abrupte, gewaltt&auml;tige Einbruch der weit aussenstehenden Rechten in die urbane Arena und ihre eigene Berufung auf das RaS kommt f&uuml;r viele von uns als &Uuml;berraschung, aber es h&auml;tte keine sein sollen. Weder als kritische Geograph_innen, noch als weitere oppositionelle soziale Bewegung (welches Label wir uns auch geben) haben wir ein Monopol auf das Verst&auml;ndnis, dass der Aufbau einer Graswurzelpr&auml;senz durch die Ma&szlig;st&auml;be sickern kann, oftmals bis zum Herzen der Macht. Was dort getan wird &ndash; es abschaffen (im Fall von Anitautorit&auml;ren) oder es an sich rei&szlig;en (im Fall von Autorit&auml;ren) &ndash; ist eine andere Angelegenheit; aber der Weg um diesen exakten Punkt zu erreichen, erscheint dennoch identisch.</p> <p> Mittlerweile ist es ein Faktum: (Neo-)Nazis und die Ultrakonservativen, autorit&auml;re und neoliberale Regierungen, die dem Diktat von EU, IMF und EZB in Griechenland folgen, haben sich beide einen Ma&szlig;stab f&uuml;r Interventionen gew&auml;hlt, der bis vor kurzem den oppositionellen sozialen Bewegungen und der kritischen Linken vorbehalten war: der urbane Ma&szlig;stab. Vor uns liegt die kritische Frage: Wie gehen wir von hier an voran? Wie auch Michael Watts (2010) fragt, &quot;was k&ouml;nnte [der unaufhaltsame Aufstieg der radikalen Rechten] bedeuten f&uuml;r die eigene Radikalit&auml;t (einer ganz anderen Schattierung) heute?&quot; Eine - nicht empfehlenswerte - Option w&auml;re, unsere kollektive Kraft aus dem urbanen Raum abzuziehen und im R&uuml;ckzug einen weiteren Exodus durch den Ma&szlig;stab zu versuchen, genau wie jenen, der den RaS Theoriezweig angesichts des Neoliberalismus verj&uuml;ngte. Es ist schwer vorstellbar, welche katastrophalen Konsequenzen ein weiterer R&uuml;ckzug dieser Art haben k&ouml;nnte. Eine zweite Option - im Grunde die einzig praktikable - w&auml;re diesen nie dagewesenen Angriff als Chance zu begreifen, eine Chance, um stabil zu definieren, was an diesem besonderen Ma&szlig;stab der Intervention (des Urbanen) so politisch anziehend und fruchtbar ist f&uuml;r die breitere Bewegung f&uuml;r soziale und menschliche Emanzipation. Aber nun sp&uuml;ren wir selbstverst&auml;ndlich die zus&auml;tzliche Dringlichkeit, durch eine ausreichend schnelle und sorgf&auml;ltige Intervention im urbanen Ma&szlig;stab sicherzustellen, dass der Ansturm der Rechten gegen die Stadt nicht unaufhaltbar ist.</p> <p> Die Aufgabe ist dringlich, aber keineswegs unm&ouml;glich. Selbst jetzt sollten wir nicht vergessen, dass wir immernoch auf unserem eigenen Terrain agieren, mit unseren eigenen Begriffen: Die Verwendung der &quot;Recht auf Stadt&quot;-Rethorik durch Rechte und Rechtsradikale ist nichts als Blendwerk. Totalit&auml;re, faschistische und neonazistische Aktivit&auml;ten sind essentiell anti-urban. Anti-urban, wenn man unter Urbanit&auml;t eine Vermischung verschiedenster Kulturen, Weltbilder und Ethnien verstehet, die eine Stadt florieren l&auml;sst. Die Stadt als ein Ort der Begegnung (Lefebvre 1996: 158); und die Begegnung wiederum als Mittel zu einem sozial und politisch bereicherten Leben. Auf diese Weise - und nur auf diese Weise - macht uns Stadtluft frei. Ansonsten bietet das Leben in einem sterilen, streng aufgeteilten Ballungsraum nur eine Halluzination von Freiheit. Und aus diesem Grund ist der archetypische Schritt hin zum Urbizid (dem Mord an St&auml;dten) immer die abrupte, gewaltsame Vertreibung von allem Fremden gewesen. Allem weiteren - der physische Zerst&ouml;rung der urbanen Infrastruktur und der Vertreibung der Bev&ouml;lkerung - ging voran, dass eine entscheidende Distanz zwischen den T&auml;tern und ihren Opfern geschaffen wurde.</p> <p> Eine falsche Distanz zwischen &quot;Eingesessenen&quot; und &quot;Fremden&quot; zu schaffen und dann zu versuchen eine rassisch-definierte &quot;Ordnung&quot; zwischen diesen beiden durchzusetzen ist essentiell anti-urban, wendet sich gegen die Unordnung, die Sennett (1970) als grundlegendste Zutat f&uuml;r das urbane Leben gelesen hat. Und es ist auch in diesem Sinne, dass Forscher_innen der kritischen Geographie nun eine unsch&auml;tzbare M&ouml;glichkeit haben, die Bedeutung eines RaS radikal neu zu denken und zu formen, auch wenn durch einen initialen Prozess der Negation. Unser Recht auf die Stadt ist nicht die Attacke gegen jenes, was anders, schwach oder unterdr&uuml;ckt ist. Noch ist es (oder sollte es zumindest nicht sein) eine holistische Akzeptanz gegen&uuml;ber jeder_m Akteur_in im urbanen Terrain. Ein wirklich emanzipatorisches RaS sollte per Definition jene ausschlie&szlig;en, die in diesem Moment die urbane Psyche angreifen. Dieses RaS sollte weder eine leerer Slogan an Stelle von politischer Substanz sein, noch eine fragmentierte Anrufung der existierenden M&auml;chte. Wo es aufh&ouml;ren w&uuml;rde ist unbekannt. Aber es w&uuml;rde mit gr&ouml;&szlig;ter Sicherheit von einem Verst&auml;ndnis aus beginnen, das einen jeden Kampf im urbanen Terrein als eine Fortsetzung von K&auml;mpfen um Emanzipation in allen anderen sozialen und politischen Ma&szlig;stab begreift. Von der urspr&uuml;nglichen Vorstellung eines RaS sprechend warnte Lefebvre (1996: 195): &quot;es schafft Konfrontationen und K&auml;mpfe nicht ab. Ganz im Gegenteil!&quot;</p> <p> Es gibt wenig Zeit zum Gr&uuml;beln und keinen Platz, um zur&uuml;ckzuweichen: Wir m&uuml;ssen unsere eigenen Bindungen und Allianzen aufbauen, herausfinden, was das Urbane zu einem fruchtbaren Boden f&uuml;r emanzipatorische Gedanken gemacht hat, und es hochhalten, f&uuml;r es k&auml;mpfen. Dies ist nicht l&auml;nger eine rhetorische Frage, oder ein R&uuml;ckzug durch den Ma&szlig;stab; f&uuml;r ein Recht auf Stadt zu k&auml;mpfen, und nicht nur zu fordern, wird nun mehr als je zuvor die Zukunft der sozialen und politischen K&auml;mpfe, die vor uns liegen, beschreiben und gleichzeitig bestimmen.</p> <p> <br /> <strong>Literaturverzeichnis</strong></p> <p> Amin A and Thrift N (2005) What&rsquo;s left? Just the future. Antipode 37(2):220&ndash;238</p> <p> Butler C (2012) Henri Lefebvre: Spatial Politics, Everyday Life, and the Right to the City. London: Routledge</p> <p> Chatterton P (2010) The urban impossible: A eulogy for the unfinished city. City 14(3):234&ndash;244</p> <p> Dike&ccedil; M (2001) Justice and the spatial imagination. Environment and Planning A 33(10):1785&ndash;1805</p> <p> Harvey D (2003) The right to the city. International Journal of Urban and Regional Research 27(4):939&ndash;941</p> <p> Harvey D (2009 [1973]) Social Justice and the City. Athens, GA: University of Georgia Press</p> <p> Lefebvre H (1996) The right to the city. In Kofman E and Lebas E (eds) Writings on Cities (pp147-159). Oxford: Blackwell</p> <p> Leontidou L (2006) Urban social movements: From the &lsquo;right to the city&rsquo; to transnational spatialities and flaneur activists. City 10(3):259&ndash;268</p> <p> Leontidou L (2010) Urban social movements in &lsquo;weak&rsquo; civil societies: The right to the city and cosmopolitan activism in southern Europe. Urban Studies 47(6):1179&ndash;1203</p> <p> Marcuse P (2009) From critical urban theory to the right to the city. City 13(2/3):185&ndash;197</p> <p> Mayer M (2009) The &lsquo;right to the city&rsquo; in the context of shifting mottos of urban social movements. City 13(2/3):362&ndash;374</p> <p> Purcell M (2002) Excavating Lefebvre: The right to the city and its urban politics of the inhabitant. GeoJournal 58:99&ndash;108</p> <p> Sennett R (1970) The Uses of Disorder. New York: Knopf</p> <p> Simone A (2005) The right to the city. Interventions: International Journal of Postcolonial Studies 7(3):321&ndash;325</p> <p> Vradis A and Dalakoglou D (2008) After December: Spatial legacies of the 2008 Athens uprising. Upping the</p> <p> Anti 10 <a href="http://uppingtheanti.org/journal/article/10-after-december-spatial-legacies-of-the-2008-athens-uprising/">http://uppingtheanti.org/journal/article/10-after-december-spatial-legacies-of-the-2008-athens-uprising/</a> (letzter Zugriff 27. 10. 2012)</p> <p> Watts M J (2010) Now and then. Antipode 41(s1):10-26</p> <p> Weizman E (2006) The art of war. frieze <a href="http://www.frieze.com/issue/article/the_art_of_war/">http://www.frieze.com/issue/article/the_art_of_war/</a> (letzter Zugriff 27. 10. 2012)</p> <ul class="footnotes"><li class="footnote" id="footnote1_1mpa9kh"><a class="footnote-label" href="#footnoteref1_1mpa9kh">1.</a> Die Operation l&auml;uft noch zur Zeit der Verfassung (Mitte September).</li> <li class="footnote" id="footnote2_ximghs6"><a class="footnote-label" href="#footnoteref2_ximghs6">2.</a> &ldquo;Police claim Xenios Zeus operation a success.&rdquo; ekathimerini.com 10 August 2012 <a href="http://www.ekathimerini.com/4dcgi/_w_articles_wsite1_1_10/08/2012_456497">http://www.ekathimerini.com/4dcgi/_w_articles_wsite1_1_10/08/2012_456497</a></li> <li class="footnote" id="footnote3_w1cu3ea"><a class="footnote-label" href="#footnoteref3_w1cu3ea">3.</a> In den Nationalwahlen im Mai 2012 erreichte &quot;Goldene Morgend&auml;mmerung&quot; knapp unter 7% (6,97%), gefolgt von einem ann&auml;hernd gleichem Prozentsatz im Juni (6,92%). Dies bedeutet ein Wachstum um 2303% verglichen mit den 0,29%, die die &quot;Goldene Morgend&auml;mmerung&quot; noch in der Wahl von 2009 erhalten hatte.</li> <li class="footnote" id="footnote4_70tzrpu"><a class="footnote-label" href="#footnoteref4_70tzrpu">4.</a> &ldquo;Nearly 500 hate attacks carried out in the last six months.&rdquo; ekathimerini.com 14 August 2012 <a href="http://www.ekathimerini.com/4dcgi/_w_articles_wsite1_1_14/08/2012_456870">http://www.ekathimerini.com/4dcgi/_w_articles_wsite1_1_14/08/2012_456870</a></li> <li class="footnote" id="footnote5_q1o20ug"><a class="footnote-label" href="#footnoteref5_q1o20ug">5.</a> Gilles Deleuze und F&eacute;lix Guattari k&ouml;nnen als bedeutende Vertreter der postmoderne gelten. Guy Debord war ein ma&szlig;gebliches Mitglied der Situationistischen Internationalen. A. d. &Uuml;.</li> </ul> <div class="flattr-box"><script type="text/javascript"> var flattr_uid = 'systempunkte'; var flattr_tle = 'Die Rechte gegen die Stadt'; var flattr_dsc = '&lt;p&gt; &amp;ldquo;Reclaim our cities&amp;rdquo; &amp;ndash; &amp;ldquo;Selbstorganisaton&amp;rdquo; &amp;ndash; &amp;ldquo;Werdet in der Nachbarschaft aktiv&amp;rdquo; &amp;ndash;&amp;nbsp; Betrachtet diese Slogans einen Moment. Kommen sie euch bekannt vor? Diese Worte waren Wahlversprechen von Antonis Samaras, des derzeitigen Ministerpr&amp;auml;sidenten Griechenlands. Kurz nach seinem Aufstieg an die Macht im Juni 2012 machte Samaras seine Worte wahr. Im fr&amp;uuml;hen Augst startete die Polizei eine Operation, angeblich um gegen die illegale Immigration durchzugreifen.&lt;/p&gt;'; var flattr_tag = 'Bewegung'; var flattr_cat = 'text'; var flattr_url = 'http://www.systempunkte.org/article/die-rechte-gegen-die-stadt'; var flattr_lng = 'de_DE'</script> <script src="http://api.flattr.com/button/load.js" type="text/javascript"></script> </div> http://www.systempunkte.org/article/die-rechte-gegen-die-stadt#comments Bewegung Sun, 28 Oct 2012 19:37:57 +0000 Tuli 155 at http://www.systempunkte.org Eine kurze Weltgeschichte - wie sie die Ökonomen nicht hören wollen http://www.systempunkte.org/article/eine-kurze-weltgeschichte-wie-sie-die-oekonomen-nicht-hoeren-wollen <p> Hier eine Reihe von historischen Fakten, die meiner Ansicht nach sowohl wahr als auch kontr&auml;r zum Denken der meisten Wirtschaftswissenschaftler (und <em>Libertarians</em><a class="see-footnote" id="footnoteref1_pwhjwgx" title="Wir verwenden den englischen Begriff, um zu zeigen, dass hier Anh&auml;nger der amerikanischen Tradition des Libertarismus angesprochen sind. In Europa erhielt sich &quot;libert&auml;r&quot; noch eher in der urspr&uuml;nglichen Bedeutung, n&auml;mlich um den antiautorit&auml;ren Fl&uuml;gel der sozialistischen Bewegung zu bezeichnen. Eine Definition, die wir auch auf dieser Seite so verwenden. Nat&uuml;rlich gibt es aber &Uuml;berschneidungen und Diskussionsbedarf zwischen diesen politischen Str&ouml;mungen." href="#footnote1_pwhjwgx">1</a>) sind. Sie alle haben erhebliche historische Belege im R&uuml;cken, w&auml;hrend sich die Gegenseite meiner Erfahrung nach haupts&auml;chlich auf vage Geschichten st&uuml;tzt. Alle drei lassen erhebliche Zweifel an den prokapitalistischen Erz&auml;hlungen &uuml;ber Handel und wirtschaftliche Entwicklung aufkommen.</p> <h2> 1</h2> <p> <img alt="" src="/sites/default/files/Protectionism2.jpg" style="width: 351px; height: 280px; margin: 10px; float: left;" />Reiche L&auml;ndern sind nicht durch Freihandel reich geworden, sondern mittels Protektionismus und anderen staatlichen Interventionen, darunter Kapitalkontrolle und Subventionen. Dazu z&auml;hlen unter anderem: Gro&szlig;britannien, die USA, Deutschland, Japan und die skandinavischen L&auml;nder. Au&szlig;erdem sind die erst seit kurzem entwickelten L&auml;nder durch eine &auml;hnliche Strategie reich geworden: Im Falle der s&uuml;dostasiatischen &quot;Tigerstaaten&quot; [S&uuml;dkorea, Taiwan, Singapur] war die staatliche Intervention sogar noch expliziter, mit Staatsbediensteten, die innerhalb der sich entwickelnden Industrien arbeiteten. Es gibt ein paar Ausnahmen, wie die Niederlande, aber selbst in diesem Fall war der anf&auml;ngliche Aufstieg gepr&auml;gt von gro&szlig;en staatlich gest&uuml;tzten Monopolen [wie die <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Niederl%C3%A4ndische_Ostindien-Kompanie">Niederl&auml;ndische Ostindien-Kompanie</a>], die dazu dienten <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Transaktionskosten">Transaktionskosten</a> zu &uuml;berwinden. Und schlie&szlig;lich sind auch angebliche Bastionen des Freihandels, wie Singapur und Hong Kong, gepr&auml;gt durch verschiedene &ouml;ffentliche Infrastrukturen, und Singapur hat einen gro&szlig;en Sektor an <em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Government_sponsored_enterprise">Government Sponsored Enterprises</a></em>. Die beste gut zug&auml;ngliche Quelle zu diesem Thema ist [&Ouml;konom]&nbsp;<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Ha-Joon_Chang">Ha-Joon Chang</a>, aber es gibt auch <a href="http://www.amazon.co.uk/How-Rich-Countries-Poor-Stay/dp/1845298748/ref=sr_1_1?s=books&amp;ie=UTF8&amp;qid=1351343008&amp;sr=1-1">andere</a>.</p> <h2> 2.</h2> <p> <img alt="" src="/sites/default/files/voluntary_exchange_0.jpg" style="width: 248px; height: 260px; margin: 10px; float: right;" />Geld kam nicht auf, um das Problem zu l&ouml;sen, dass Menschen zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche G&uuml;ter ben&ouml;tigen, was den Tauschhandel mit G&uuml;tern erschwert.<a class="see-footnote" id="footnoteref2_f8n0d5k" title="Das Problem ist bekannt unter dem Begriff &quot;coincidence of wants&quot;. Beispiel: Ein professioneller Musiker spielt allabendlich in einer Bar, denn er will sich diesen Monat eine Wohnung leisten. Die Bar kann ihm als Gegenleistung Essen und Schnaps bieten, was der Vermieter allerdings nicht als Bezahlung akzeptieren wird. L&ouml;sen k&ouml;nnen die Beteiligten dieses Problem nur, wenn sie ein Gut haben, was alle jederzeit haben wollen. Und so wurde das Geld erfunden - jedenfalls nach g&auml;ngigen liberalen Wirtschaftstheorien. Es war einmal..." href="#footnote2_f8n0d5k">2</a> Ein h&ouml;chst unwahrscheinliches Konzept, das einige Fragen aufwirft. Geld entstand in erster Linie als eine Form von Kredit. Kreditbeziehungen waren eng verwoben mit sozialen Beziehungen und hielten Gemeinschaften zusammen. Solche Kreditverh&auml;ltnisse wurden erst exakt quantifizierbar, sobald sie durch Gewalt statt durch sozialen Druck durchgesetzt wurden, und die Beweislage weist darauf hin, dass die Verwendung von M&uuml;nzen und Geldscheinen meist nach der Einf&uuml;hrung von Besteuerung folgte. Davor war Tauschhandel ausgesprochen selten und fand zwischen verschiedenen St&auml;mmen/Nationen statt. Tauschhandel wurde oft begleitet von Gelagen, Sex und Gewalt (manchmal all das zur gleichen Zeit). Die Prim&auml;rquelle zu diesen Thema ist nat&uuml;rlich David Graeber. Ich habe noch keine &uuml;berzeugende Kritik an Graebers Thesen gesehen. Nicht, dass es keiner <a href="http://mises.org/daily/5598/Have-Anthropologists-Overturned-Menger">versucht</a> <a href="http://econlog.econlib.org/archives/2012/07/hummel_on_graeb.html">h&auml;tte</a>. (&quot;Es k&ouml;nnte passiert sein, selbst wenn es keine Belege gibt.&quot; und &quot;Schulden sind ja blo&szlig; Tauschhandel mit Verz&ouml;gerung&quot;, um die Kritiken kurz zusammenzufassen.)</p> <h2> 3.</h2> <p> <img alt="" src="/sites/default/files/Peasant%2C-Working%2C-Lower-Part-of-Drawing.jpg" style="width: 344px; height: 230px; float: left; margin: 10px;" />Kleinbauern haben damals nicht freiwillig ihr Land f&uuml;r einen 12-oder-mehr-Stunden-Tag in den Fabriken verlassen, weil das &quot;besser als die Alternative war&quot;. In vielen F&auml;llen wurde ihnen ihr Land per Gesetz durch Zwangsvollstreckung genommen, und ihre Jagdm&ouml;glichkeiten wurden durch neue Gesetze ernsthaft eingeschr&auml;nkt. Vor der industriellen Revolution hatten Bauern gen&uuml;gend Probleme - sie waren besonders anf&auml;llig f&uuml;r Krankheit und Hunger - aber es gibt <a href="https://www.youtube.com/watch?v=TKu8Zlg8dtE">Belege</a><a class="see-footnote" id="footnoteref3_icgw26e" title="Diese Belege m&ouml;chtest du dir wirklich genauer ansehen, denn sie werden pr&auml;sentiert von Monty Python&#39;s Terry Jones." href="#footnote3_icgw26e">3</a></a> daf&uuml;r, dass sie ein weit gr&ouml;&szlig;eres Ma&szlig; an Freizeit und Selbstbestimmung &uuml;ber ihre Arbeitsbedingungen besa&szlig;en als die Lohnarbeiter. Michael Perelman behandelt dies detailliert in seinem <a href="http://www.amazon.co.uk/The-Invention-Capitalism-Classical-Accumulation/dp/0822324911/ref=sr_1_sc_1?s=books&amp;ie=UTF8&amp;qid=1351343122&amp;sr=1-1-spell">Buch</a>, und &auml;hnliche Argumente finden sich in der marxistischen Literatur.</p> <p> &nbsp;</p> <p> &nbsp;</p> <h2> Fazit</h2> <p> Die Schlussfolgerung ist klar, und ich wiederhole mich hier: Der Kapitalismus westlicher Pr&auml;gung ist weder harmonisch noch nat&uuml;rlich. Er ist ein Produkt besonderer historischer Umst&auml;nde, von denen einige unglaublich brutal waren. Alle <em>Libertarians,</em> die diese Erkenntnis akzeptieren (und <a href="http://www.thefreemanonline.org/features/the-subsidy-of-history/">manche tun dies</a>), sollte h&ouml;chst skeptisch allem gegen&uuml;berstehen, was danach folgte (z.B. die moderne Welt) - vorausgesetzt, dass sie sich in ihrem Verst&auml;ndnis von Gerechtigkeit in etwa nach Robert Nozick richten<a class="see-footnote" id="footnoteref4_z218fq3" title="Der Philosoph Robert Nozick etablierte mit seinem Buch Anarchy, State and Utopia (1974) (rechts-)libert&auml;re Positionen im Mainstream der politischen Philosophie. Der Text bezieht sich hier auf Nozicks Ideen zur Verteilungsgerechtigkeit: Die Verteilung von G&uuml;tern sei gerecht, wenn sie mittels freiem und einvernehmlichem Austausch zwischen erwachsenen Personen erfolge, selbst wenn durch diesen Prozess gro&szlig;e Ungleichheiten entstehen (und somit auch Machtungleichgewichte). Es sollte klar werden, dass die historischen Wurzeln des Kapitalismus weit weniger mit einvernehmlichem, freiem Austausch zwischen Gleichen zu tun hatten, als allgemein behauptet wird." href="#footnote4_z218fq3">4</a>. In der Tat sollten die meisten <em>Libertarians</em> wohl Revolution&auml;re sein</p> <p> <em>Der Originaltext erschien im Blog <a href="http:// http://unlearningeconomics.wordpress.com/2012/10/27/a-brief-anti-economist-history/">Unlearning Economics</a>. &Uuml;bersetzung von systempunkte.org. Fu&szlig;noten von systempunkte.org - zur Erl&auml;uterung.</em></p> <ul class="footnotes"><li class="footnote" id="footnote1_pwhjwgx"><a class="footnote-label" href="#footnoteref1_pwhjwgx">1.</a> Wir verwenden den englischen Begriff, um zu zeigen, dass hier Anh&auml;nger der amerikanischen Tradition des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Libertarismus">Libertarismus</a> angesprochen sind. In Europa erhielt sich &quot;libert&auml;r&quot; noch eher in der urspr&uuml;nglichen Bedeutung, n&auml;mlich um den antiautorit&auml;ren Fl&uuml;gel der sozialistischen Bewegung zu bezeichnen. Eine Definition, die wir auch auf dieser Seite so verwenden. Nat&uuml;rlich gibt es aber &Uuml;berschneidungen und Diskussionsbedarf zwischen diesen politischen Str&ouml;mungen.</li> <li class="footnote" id="footnote2_f8n0d5k"><a class="footnote-label" href="#footnoteref2_f8n0d5k">2.</a> Das Problem ist bekannt unter dem Begriff <em>&quot;coincidence of wants&quot;. </em>Beispiel: Ein professioneller Musiker spielt allabendlich in einer Bar, denn er will sich diesen Monat eine Wohnung leisten. Die Bar kann ihm als Gegenleistung Essen und Schnaps bieten, was der Vermieter allerdings nicht als Bezahlung akzeptieren wird. L&ouml;sen k&ouml;nnen die Beteiligten dieses Problem nur, wenn sie ein Gut haben, was alle jederzeit haben wollen. Und so wurde das Geld erfunden - jedenfalls nach g&auml;ngigen liberalen Wirtschaftstheorien. Es war einmal...</li> <li class="footnote" id="footnote3_icgw26e"><a class="footnote-label" href="#footnoteref3_icgw26e">3.</a> Diese Belege m&ouml;chtest du dir wirklich genauer ansehen, denn sie werden pr&auml;sentiert von Monty Python&#39;s Terry Jones.<a href="https://www.youtube.com/watch?v=TKu8Zlg8dtE"></li> <li class="footnote" id="footnote4_z218fq3"><a class="footnote-label" href="#footnoteref4_z218fq3">4.</a> Der Philosoph <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Nozick">Robert Nozick</a> etablierte mit seinem Buch <em>Anarchy, State and Utopia</em> (1974) (rechts-)libert&auml;re Positionen im Mainstream der politischen Philosophie. Der Text bezieht sich hier auf Nozicks Ideen zur Verteilungsgerechtigkeit: Die Verteilung von G&uuml;tern sei gerecht, wenn sie mittels freiem und einvernehmlichem Austausch zwischen erwachsenen Personen erfolge, selbst wenn durch diesen Prozess gro&szlig;e Ungleichheiten entstehen (und somit auch Machtungleichgewichte). Es sollte klar werden, dass die historischen Wurzeln des Kapitalismus weit weniger mit einvernehmlichem, freiem Austausch zwischen Gleichen zu tun hatten, als allgemein behauptet wird.</li> </ul> <div class="flattr-box"><script type="text/javascript"> var flattr_uid = 'systempunkte'; var flattr_tle = 'Eine kurze Weltgeschichte - wie sie die Ökonomen nicht hören wollen '; var flattr_dsc = '&lt;p&gt; Hier eine Reihe von historischen Fakten, die meiner Ansicht nach sowohl wahr als auch kontr&amp;auml;r zum Denken der meisten Wirtschaftswissenschaftler (und &lt;em&gt;Libertarians&lt;/em&gt;) sind. Sie alle haben erhebliche historische Belege im R&amp;uuml;cken, w&amp;auml;hrend sich die Gegenseite meiner Erfahrung nach haupts&amp;auml;chlich auf vage Geschichten st&amp;uuml;tzt. Alle drei lassen erhebliche Zweifel an den prokapitalistischen Erz&amp;auml;hlungen &amp;uuml;ber Handel und wirtschaftliche Entwicklung aufkommen.&lt;/p&gt;'; var flattr_tag = 'Arbeit &amp; Ökonomie,Geschichte,Staat &amp; Parteipolitik'; var flattr_cat = 'text'; var flattr_url = 'http://www.systempunkte.org/article/eine-kurze-weltgeschichte-wie-sie-die-oekonomen-nicht-hoeren-wollen'; var flattr_lng = 'de_DE'</script> <script src="http://api.flattr.com/button/load.js" type="text/javascript"></script> </div> http://www.systempunkte.org/article/eine-kurze-weltgeschichte-wie-sie-die-oekonomen-nicht-hoeren-wollen#comments Arbeit & Ökonomie Geschichte Staat & Parteipolitik Sun, 28 Oct 2012 11:59:52 +0000 cls 156 at http://www.systempunkte.org Die schwarzen Ecken des Webs: Gai Dào http://www.systempunkte.org/article/die-schwarzen-ecken-des-webs-gai-dao <p> <em><font face="Times">Mittlerweile sind es doch einige: die Webpr&auml;senzen des Anarchismus. In einer Reihe von Interviews m&ouml;chten wir euch mit den schwarzen Ecken des Webs vertraut machen. Diesmal stellen wir euch vor: <a href="http://fda-ifa.org/category/gai-dao/">Die Zeitschrift Gai D&agrave;o</a>.&nbsp;Zu diesem Zweck haben wir ein Interview mit Mitgliedern der Redaktion gef&uuml;hrt.</font></em></p> <p> &nbsp;</p> <p> &nbsp;</p> <p> Warum habt ihr angefangen zu schreiben?</p> <p class="rteindent1"> <strong>Rudi</strong>: Das FdA<a class="see-footnote" id="footnoteref1_cnxgzmd" title="Forum deutschsprachiger Anarchist_innen" href="#footnote1_cnxgzmd">1</a> hatte schon lange vor, eine eigene Publikation herauszugeben. Unser erster Versuch schlief allerdings schon mit der Nullnummer ein. Im September 2010 hatte dann ein Genosse, auch durch die 1. Libert&auml;re Medienmesse inspiriert, die Idee, es einfach noch einmal zu probieren. Gesagt, getan &ndash; es wurde im Forum vorgeschlagen, und da es keine Gegenstimmen gab, fing dieser an, die Nummer 1 der Gai D&agrave;o f&uuml;r den 1.1.2011 vorzubereiten.</p> <p class="rteindent1"> Aber eure Frage zielt ja sicher auch noch in eine andere Richtung. Darum nun auch noch ein paar Worte zur grunds&auml;tzlichen Motivation. Nachdem der Schwarze Faden<a class="see-footnote" id="footnoteref2_a0rdwzu" title="von 1980 bis 2004 erschienene Zeitschrift" href="#footnote2_a0rdwzu">2</a> eingegangen war, gab es im deutschsprachigem Raum eigentlich nur noch zwei bundesweit erscheinende anarchistische Zeitungen (die auch in der Schweiz und &Ouml;sterreich bekannt sind): die Graswurzelrevolution und die Direkte Aktion.<a class="see-footnote" id="footnoteref3_jpfzfck" title="beide Zeitungen haben auch online-Pr&auml;senzen: Graswurzelrevolution; Direkte Aktion" href="#footnote3_jpfzfck">3</a> Beide Zeitungen beschr&auml;nken sich selbst, aus guten Gr&uuml;nden, auf bestimmte Themen bzw. auf bestimmte Perspektiven auf die Themen. Wir wollten das von Anfang an anders machen und unseren organisatorischen Ansatz, offen f&uuml;r alle Anarchist*innen und anarchistischen Str&ouml;mungen zu sein, auch im Magazin umsetzen. Dar&uuml;ber hinaus unterscheiden uns noch einige andere Punkte von den beiden vorgenannten Zeitungen. So haben wir die Freiheit, nicht auf die L&auml;nge von Artikel achten zu m&uuml;ssen, da wir von Anfang an bereit waren Artikel auch in Teilst&uuml;cken und (Mini-)Serien zu ver&ouml;ffentlichen.</p> <p class="rteindent1"> Im Editorial der Nummer eins der Gai D&agrave;o steht Folgendes zur Motivation: &bdquo;Mit diesem Zeitungsprojekt versuchen wir einen weiteren Schritt zu einer anarchistischen F&ouml;deration zu gehen. Dar&uuml;ber hinaus hoffen wir neben Zeitungen wie der &#39;Graswurzelrevolution&#39; und der &#39;Direkte Aktion&#39; und Internetportalen wie &#39;syndikalismus.wordpress.com&#39; weiterf&uuml;hrende Informationen zur aktuellen anarchistischen Bewegung geben zu k&ouml;nnen. Dabei bem&uuml;hen wir uns &uuml;ber den Tellerrand des deutschsprachigen Raumes hinaus zu sehen .... Gleichzeitig wollen wir perspektivisch auch Platz f&uuml;r theoretische Auseinandersetzungen bieten, denn immerhin sind viele unserer Gedanken schon mehr als 150 Jahre alt. Es gilt also sie an unserer allt&auml;glichen Praxis zu pr&uuml;fen und zu sehen ob sie noch Zeitgem&auml;&szlig; sind und wie ggf. ein modernisierter Anarchismus im dritten Jahrtausend (nach unserer Zeitrechnung) aussehen k&ouml;nnte.&ldquo;</p> <p> Wor&uuml;ber schreibt ihr?</p> <p class="rteindent1"> <strong>Rudi</strong>: Wir denken, dass wir eine erstaunliche Vielfalt an Artikeln und Themen haben. Dabei liegt der Schwerpunkt eindeutig auf aktuellen Bewegungen und den konkreten Aktivit&auml;ten anarchistischer Projekte, Organisationen, Initiativen und Personen. Dabei geht es nicht ausschlie&szlig;lich um rein anarchistische Projekte/Aktionen, im Gegenteil: Wir wollen ja gerade versuchen anarchistische Positionen zu aktuellen politischen Ereignissen zu entwickeln und aufzuzeigen, dass die anarchistische Bewegung sich nicht in irgendeinem selbstgew&auml;hltem Ghetto verkriecht, sondern sich in vielen Bereichen und B&uuml;ndnissen engagiert.</p> <p class="rteindent1"> <strong>annihilation</strong>: Wir haben an einer Stelle mal geschrieben &bdquo;&hellip;dabei sind unsere Themen so vielf&auml;ltig wie wir selbst&rdquo; und ich denke, das trifft den Kern der Sache ganz gut. Nat&uuml;rlich an erster Stelle &uuml;ber Themen, Bewegungen und Ereignisse, bei denen wir denken, dass sie f&uuml;r &bdquo;die&rdquo; anarchistische Bewegung wichtig oder interessant sein k&ouml;nnten. Aber sowohl wir als auch unsere Leser*innen haben nat&uuml;rlich Interessen und Bed&uuml;rfnisse, die &uuml;ber &bdquo;klassische&rdquo; politische Themen hinausgehen. Und nat&uuml;rlich stecken wir alle in den kleinen und gro&szlig;en T&uuml;cken des gemeinen Alltags. Dem versuchen wir auch Rechnung zu tragen und so findet ihr auch mal &bdquo;triviale&rdquo; Gedichte und Geschichten, Tipps f&uuml;r den &Auml;mtergang, Kochrezepte und vieles mehr.</p> <p> F&uuml;r wen schreibt ihr?</p> <p class="rteindent1"> <strong>Rudi</strong>: Im Idealfall stellt die Gai D&agrave;o ein Scharnier dar zwischen der anarchistischen Bewegung und dem ganzen Rest der Welt. Zum einen wollen wir mithelfen, die anarchistische Bewegung im deutschsprachigen Raum vermittels gemeinsamer Kommunikation und Informationsaustausches zu vernetzen, andererseits wollen wir auch und gerade nicht-Anarchist*innen erreichen. Diese sollen sehen wie vielf&auml;ltig die Bewegung ist, wie gut Organisation ohne Zentralinstanz funktionieren kann und wie eine Diskussions- und Streitkultur aussehen kann, die anstelle der &bdquo;Rechthaberei&rdquo; lieber versucht konkrete Probleme zu l&ouml;sen.</p> <p class="rteindent1"> <strong>jt</strong>: Das ist ein offener Entwicklungsprozess. So richtig eingrenzen l&auml;sst sich die Frage des Zielpublikums ja leider (oder zum Gl&uuml;ck) nicht: Menschen sind irgendwie &ndash; unterschiedlich.</p> <p class="rteindent1"> Generell sind wir jedoch ganz klar ein Blatt f&uuml;r Menschen, die entweder Anarchist*innen sind oder sich f&uuml;r diese Themen oder diese Perspektive interessieren. Neben der Bereitstellung von Informationen f&uuml;r Erstere, sind wir stark daran interessiert, auch Letzteren Ankn&uuml;pfungspunkte zu bieten, die zu einer Verbreiterung der anarchistischen Bewegung f&uuml;hren k&ouml;nnen.</p> <p> Angenommen, man w&uuml;rde Euch eine Seite in der n&auml;chsten FAZ zur Verf&uuml;gung stellen, was w&uuml;rdet ihr schreiben?</p> <p class="rteindent1"> <strong>Rudi</strong>: Ich w&uuml;rde vermutlich einen modernen Werbetext schreiben dessen Inhalt sich auf folgende Aussage reduzieren lie&szlig;e: Liebe FAZ-Leser*innen, sucht anarchistische Medien und informiert euch an der Quelle. Wenn euch die anarchistischen Grundideen gefallen, dann sucht Anarchist*innen in eurer N&auml;he und seht zu, ob/wie ihr mit ihnen zusammen aktiv werden k&ouml;nnt!</p> <p class="rteindent1"> <strong>jt</strong>: Vielleicht was Selbstreferentielles &uuml;ber das Verh&auml;ltnis von FAZ zu David Graeber, am liebsten jedoch was aus der Trickkiste der Kommunikationsguerilla im Sinne einer subversiven Affirmation oder einer &Uuml;beridentifizierung.</p> <p class="rteindent1"> <strong>annihilation</strong>: Ich w&uuml;rde mich da eher jt anschlie&szlig;en, denn bei allem Wohlwollen, das zur Zeit in der b&uuml;rgerlichen Presse f&uuml;r Anarchismus besteht, ist es doch genau diese, die anarchistische Intervention und Kritik im Zweifelsfall dann doch eher abwiegelt, verschweigt und verleumdet. Also w&uuml;rde ich eine solche Chance dann doch eher als Propagandam&ouml;glichkeit nutzen, gerne im Stil der Kommunikationsguerilla.</p> <p class="rteindent1"> Aber ich denke unsere konkrete Entscheidung w&uuml;rde auch von den Umst&auml;nden abh&auml;ngen, etwa ob wir uns zu einem bestimmten Thema &auml;u&szlig;ern sollen oder so.</p> <p> Wie sch&auml;tzt ihr das Potenzial der Occupy-Bewegung ein? Kn&uuml;pft ihr Verbindungen?</p> <p class="rteindent1"> <strong>w.m.</strong>: Zumindest in Ostdeutschland w&uuml;rde ich sagen, dass sich die Bewegung schon wieder v&ouml;llig totgelaufen hat, vielleicht mit Ausnahme von Berlin. Da gibt es nix zum Ankn&uuml;pfen. Auch europaweit zeichnet sich ja ab, dass vorerst wieder die &bdquo;klassischen&rdquo; Akteur*innen, allen voran die Gewerkschaften den Protest weitertragen. Ich denke, in Deutschland war Occupy wichtig f&uuml;r die Radikalisierung von hunderten, vielleicht tausenden von Menschen &ndash; diese haben sich nun aber zu gro&szlig;en Teilen entweder in die verschw&ouml;rungstheoretischen Kreise gefl&uuml;chtet oder sich in den klassischen Linken und anarchistischen Organisationen eingereiht. Ein Freund von mir war bei Occupy sehr aktiv und traf in St. Imier<a class="see-footnote" id="footnoteref4_ittheac" title="Gemeint ist das das Internationale anarchistische Zusammentreffen in St. Imier. Siehe diesen Beitrag." href="#footnote4_ittheac">4</a> diverse Leute wieder, die nun in verschiedensten anarchistischen Zusammenh&auml;ngen aktiv sind.</p> <p> Gibt es in Sachen politischer Theorie in letzter Zeit etwas, das Euch auf neue Gedanken gebracht oder zum Umdenken bewegt hat?</p> <p class="rteindent1"> <strong>annihilation</strong>: Also, auf neue Gedanken komme ich tagt&auml;glich, oftmals durch winzige Kleinigkeiten, die ich irgendwo sehe, lese oder aufschnappe und die entweder in laufende Denkprozesse einflie&szlig;en oder manchmal auch neue aufmachen. Konkret auf eure Frage bezogen f&auml;llt mir gerade nichts Konkretes ein, was w&auml;hrend des Lesens ein &bdquo;Klick&rdquo; erzeugt h&auml;tte, mich also in einem bestimmten Punkt radikal hat umdenken lassen. Da sind es eher ganze Themengebiete, mit denen ich mich seit einiger Zeit besch&auml;ftige und die mir viel neuen Input gegeben haben: Zum einen der Poststrukturalismus, gerade bezogen auf das Werk von Foucault und seine Analysen &uuml;ber Herrschaft, Staat und Strafe. Dann die Kritische Psychologie, die neben ihrer &ndash; vollkommen berechtigter und interessanter &ndash; Kritik an verschiedenen Formen der &bdquo;Mainstreampsychologie&rdquo; viel zur Frage zu bieten hat, wie sich gesellschaftlichen Bedingungen auf die Entwicklung und das Verhalten von Menschen auswirkt. Und zu guter Letzt einige Texte des crimeThink-Kollektivs aus den USA, die es in einer wundersch&ouml;nen Sprache schaffen, zumindest eine Alternative zum &bdquo;traditionellen&rdquo; Anarchismus anzubieten, der sich meiner Meinung nach in vielen Punkten undogmatischer, realit&auml;tsbezogener und auch ansprechender darstellt als vieles vor ihm.</p> <p class="rteindent1"> <strong>w.m.</strong>: Nun ja, ich habe mich im letzten Jahr sehr zum Anarchosyndikalisten entwickelt, dagegen hatte ich mich viele Jahre konsequent gewehrt . Das ist nat&uuml;rlich nicht ohne sehr viel theoretische Weiterbildung, Debatten etc. abgegangen. Das Ganze besch&auml;ftigt mich nat&uuml;rlich insofern gerade besonders, als dass derzeit in Spanien, Portugal und Italien die anarchosyndikalistischen Gewerkschaften ja eine regelrechte Renaissance erleben und die Generalstreiks in Europa ja gerade im Monatstakt durchgef&uuml;hrt werden. Das h&auml;tte ich vor ein paar Jahren noch f&uuml;r unm&ouml;glich gehalten. Spannende Zeiten also. Ebenso spannend finde ich die Frage, wie eine aktuelle anarchistische Klassenanalyse aussehen kann und adaptiere da gerne bei Bourdieu, der ja dem Klassenmodell einiges mehr an Komplexit&auml;t und Detailreichtum verliehen hat.</p> <p> Was braucht oder fehlt Eurer Meinung nach der anarchistischen Bewegung?</p> <p class="rteindent1"> <strong>Rudi</strong>: Kontinuit&auml;t, Zuverl&auml;ssigkeit und selbstbewusstes Auftreten als anarchistische Bewegung! Gl&uuml;cklicherweise scheint sich beides in den letzten Jahren in Ans&auml;tzen herauszubilden. Lange Zeit gab es eigentlich nur die FAU-IAA, die ja einen sehr spezifischen Teil der anarchistischen Bewegung darstellt, die diese drei Merkmale pr&auml;sentierte.</p> <p class="rteindent1"> <strong>jt</strong>: Eine Vision von Transformation/Revolution. Anarchist*innen machen sich sehr viele Gedanken dazu, wie eine &bdquo;bessere&rdquo; Gesellschaft aussehen k&ouml;nnte, aber auch zu den Problemen, die die Menschen heute haben. Was uns jedoch fehlt, ist eine klare Idee davon, wie wir die Probleme hinter uns lassen und diese &bdquo;bessere&rdquo; Welt erreichen k&ouml;nnen. Da m&uuml;ssten wir viel mehr Ideen entwickeln und (jenseits von Protest und Aufkl&auml;rung) Ansatzpunkte f&uuml;r konkretes Eingreifen finden und dies dann strategisch umsetzen.</p> <p class="rteindent1"> <strong>annihilation</strong>: Einiges von dem, was Rudi und jt bereits gesagt haben. Ich denke, was unsere Vision einer freien Gesellschaft betrifft, sind wir ganz gut aufgestellt. Hier m&uuml;sste die anarchistische Bewegung nur noch<br /> selbstbewusster auftreten, gerade in einer Zeit, in der mensch wieder &bdquo;offiziell&rdquo; &uuml;ber Alternativen redet. Was meiner Meinung nach wichtig ist, w&auml;re, sich Konzepte zu &uuml;berlegen, die anarchistische Ideen und Modelle auch konkret attraktiv machen. Denn ich denke, dass einige Menschen unsere Ideen in der Theorie gut finden, aber dennoch genug mit den allt&auml;glichen Problemen zu k&auml;mpfen haben und die im Anarchismus keine &ndash; auch nicht mittelfristige &ndash; L&ouml;sung ihrer Probleme sehen. Also ganz konkret, denen der Anarchismus auch nicht sagen kann, was sie machen k&ouml;nnen, wenn mal das Geld f&uuml;r Miete oder Essen fehlt, womit sie alles bezahlen sollen, wenn im Betrieb mal gestreikt wird etc. pp. Dazu m&uuml;ssten die Gegenstrukturen &ndash; die es ja durchaus in gro&szlig;er Zahl gibt &ndash; weiter ausgebaut und &ndash; ganz wichtig &ndash; auch weiter in die b&uuml;rgerliche Mitte getragen werden. Also bspw. mehr Lebensmittel-Kooperativen in den Stadtteilen, mehr selbstorganisierte Sprachkurse, Nachhilfestunden und Kinderbetreuungen oder eine wirklich gef&uuml;llte Streikkasse f&uuml;r die FAU oder andere Basisgewerkschaften.</p> <p> Welche M&ouml;glichkeiten seht ihr durch das Internet f&uuml;r die anarchistische Bewegung?</p> <p class="rteindent1"> <strong>jt</strong>: Das Internet birgt ein Potential, das wir noch immer nicht auch nur ansatzweise richtig nutzen: Unsere Zeitschrift ist ein exzellentes Beispiel f&uuml;r dieses Potential, da sie mittlerweile beinahe zwei Jahre lang ausschlie&szlig;lich online erstellt wird. Alle Arbeit l&auml;uft &uuml;ber ein internes Forum, die gesamte Planung ist virtuell. Das Internet bietet die handfeste M&ouml;glichkeit, Gruppen und Projekten Skills anzubieten, die dort nicht verf&uuml;gbar sind (insofern sie sich virtuell vermitteln lassen, nat&uuml;rlich) &ndash; oder eben, wie im Fall der Gaidao, Projekte zu stemmen, die lokal nicht oder nur unter gro&szlig;en Erschwernissen umsetzbar w&auml;ren. Das soll jetzt aber nicht zu einem blau&auml;ugigen Pl&auml;doyer f&uuml;r das Internet und Virtualisierung ausarten: Nat&uuml;rlich kann kein Internet lokale Arbeit an der Basis und zwischenmenschlichen Beziehungen ersetzen. Es ist ein Tool, nicht mehr, aber auch nicht weniger &ndash; n&auml;mlich ein M&auml;chtiges.</p> <p class="rteindent1"> <strong>annihilation</strong>: Ich w&uuml;rde da sogar noch weiter gehen als jt: Das Internet ist mittlerweile DAS zentrale Medium f&uuml;r Informationsgewinnung, die Bew&auml;ltigung des allt&auml;glichen Lebens und auch f&uuml;r die eigenen sozialen Kontakte. Dabei habe ich nat&uuml;rlich viel Kritik daran, aber diese Realit&auml;t gilt es ersteinmal anzuerkennen. Wenn es in Deutschland mittlerweile fast genausoviele Facebook-Accounts wie Einwohner*innen gibt, hilft es wenig, sich besserwisserisch rauszuziehen und nur mit dem Zeigefinger zu wedeln, weil Facebook ja &ndash; nat&uuml;rlich &ndash; ein beschissenes Unternehmen und eine Datenkrake ist, sondern vielmehr zu &uuml;berlegen, wie dieses Medium genutzt werden kann, ohne die eigenen Anspr&uuml;che in &Uuml;bergeb&uuml;hr zu strapazieren. Informationen k&ouml;nnen beispielsweise mit so einem Medium x-mal schneller verbreitet werden als ganz klassisch &uuml;ber die eigene Homepage mit ein paar Dutzend Besucher*innen am Tag. Mobilisierungen funktionieren durch ein solches Prinzip weit einfacher und erreichen auch leichter Menschen ohne konkreten Bezug zur Thematik oder der Richtung, aus der sie kommt, denke ich. Aber nat&uuml;rlich muss immer eine kritische Reflektion da sein, inwieweit das jetzt &bdquo;der Sache&rdquo; n&uuml;tzt, oder wie weit mensch schon unkritisch auf irgendwelche Hypes aufspringt oder ihnen hinterherrennt.</p> <p class="rteindent1"> <strong>w.m.</strong>: Ich denke vor allem, dass das Internet eine anarchistische Gesellschaft wesentlich machbarer erscheinen l&auml;sst. Beispiel Konsumplanung: anstatt dass die Produktionsf&ouml;derationen sich einen gesch&auml;tzten Bedarf aus den Fingern saugen oder an alle Menschen Umfragen verteilt werden m&uuml;ssen oder &ndash; noch schlimmer &ndash; jede*r das regelm&auml;&szlig;ig auf ner Versammlung kl&auml;ren muss, was er/sie/es vermutlich konsumieren wird, k&ouml;nnte das jetzt bequem z.B. &uuml;ber Onlineformulare laufen, entweder bei den Konsument*innen direkt oder aber bei den G&uuml;terlagern. &Auml;hnliches gilt nat&uuml;rlich allgemein f&uuml;r Informationsweitergabe und Entscheidungsfindung. Ein Problem des Anarchismus ist ja, dass die Zeit und Konzentration des einzelnen Menschen begrenzt ist, folglich auch seine Partizipationsf&auml;higkeit. Online-Debatten, Stimmungsbilder etc. erm&ouml;glichen jedoch, dieses Problem zumindest zu mildern, da die Kooperationspartner*innen nicht mehr zur gleichen Zeit oder am gleichen Ort entscheiden m&uuml;ssen. Insofern liegt in sogenannter Groupware m.M.n auch die Zukunft einer anarchistischen Gesellschaft. <a href="http://we.riseup.net">we.riseup.net</a> ist da ein Beispiel, wenn auch lange nicht das funktionalste. Ein weiterer Vorteil f&uuml;r den Anarchismus ist die leichte Informationsweitergabe via Internet. H&auml;tten wir nicht das Problem der staatlichen Repression, wir h&auml;tten nahezu grenzenlose M&ouml;glichkeiten der Transparenz und Wissensvermittlung. Wir br&auml;uchten gar keine eigenen Festplatten mehr und die Arbeit von Mandatstr&auml;ger*innen, z.B. in einer anarchistischen Produktionsf&ouml;deration w&auml;re zu jeder Zeit nachvollziehbar. Interessant sind diesbez&uuml;glich auch sogenannte &ldquo;Open Hardware&rdquo;-Projekte in Verbindung mit FabLabs, also quasi dezentralen Kleinstfabriken. Durch die m&ouml;glichst gro&szlig;e Standardisierung von Bauteilen und eine gr&ouml;&szlig;ere Forschung und Entwicklung nach flexibel herstellbaren und verarbeitbaren Baustoffen lie&szlig;en sich mit Hilfe von Open-Hardware-Datenbanken z.B. mittels moderner 3D-Drucker-Bauteile f&uuml;r Maschinen dezentral herstellen. Dies w&uuml;rde eine gr&ouml;&szlig;ere Autonomie einzelner Produktionsgemeinschaften garantieren und h&auml;tte trotzdem im Vergleich zu fr&uuml;heren Methoden keinen sonderlich h&ouml;heren Arbeits- und Rohstoffaufwand zur Folge. Es ist also vermutlich nicht zu viel gesagt, wenn mensch behauptet: das Internet ist DAS Werkzeug zur Schaffung einer anarchistischen Gesellschaft.</p> <p> Welche (Internet-)Lekt&uuml;re schlagt ihr vor?</p> <p class="rteindent1"> <strong>Rudi</strong>: Hier ist sicher nicht der Raum alles was es gibt aufzulisten. Einige sachdienliche Hinweise m&ouml;chte ich aber doch geben.</p> <p class="rteindent1"> Zuerst nat&uuml;rlich mal die Gai D&agrave;o selbst. Diese findet ihr unter <a href="http://gaidao.blogsport.de">gaidao.blogsport.de</a>. Nat&uuml;rlich ist auch die Seite des Foruma deutschsprachiger Anarchist*innen eine Empfehlung wert: <a href="http://fda-ifa.org">fda-ifa.org</a>. Dort findet ihr auch zahlreiche Links zu weiteren anarchitsichen Gruppen, Initiativen, Organisationen und Medien und viele weitere Links mehr. Dar&uuml;berhinaus k&ouml;nnen wir nat&uuml;rlich auch die Seiten der GWR (<a href="http://www.graswurzel.net">www.graswurzel.net</a>), der FAU (<a href="http://www.fau.org">www.fau.org</a>) und der DA (<a href="http://www.direkteaktion.org">www.direkteaktion.org</a>) bedenkenlos empfehlen (wo ihr auch wieder jede Menge Links finden werdet). Neben systempunkte.org gibt es auch noch <a href="http://syndikalismus.wordpress.com">syndikalismus.wordpress.com</a> und nat&uuml;rlich noch zahlreiche weitere Blogs, anarchistische (web)Radios usw. usf.</p> <p class="rteindent1"> <strong>jt</strong>: Dazu sei kurz erw&auml;hnt, dass unsere Redakteur*innen neben den &uuml;blichen A-Seiten auch immer wieder auf eurer Seite st&ouml;bern sowie auf Telepolis und den gro&szlig;en b&uuml;rgerlichen Infoseiten.</p> <p class="rteindent1"> Hier einige spezielle Tipps mit eher unbekannten Seiten:</p> <ul> <li class="rteindent1"> Interessante Infos &uuml;ber die USA und die Wissenschaften im Allgemeinen(engl.):&nbsp; <a href="http://dangerousintersection.org">dangerousintersection.org</a></li> <li class="rteindent1"> Der neue Atheismus im Aufwind (engl.): <a href="http://bigthink.com/blogs/daylight-atheism">bigthink.com/blogs/daylight-atheism</a></li> <li class="rteindent1"> Exzellente Wirtschaftsanalysen (dt.): <a href="http://spiegelfechter.com/wordpress">spiegelfechter.com/wordpress</a></li> <li class="rteindent1"> Wer&rsquo;s lieber etwas trashiger mag&hellip; (dt.): <a href="http://blog.pantoffelpunk.de">blog.pantoffelpunk.de</a></li> <li class="rteindent1"> Aktuelle Infos zu Lateinamerika (als News, aber auch Radio) (dt.): <a href="http://npla.de">npla.de</a></li> </ul> <p class="rteindent1"> <strong>w.m.</strong>: Die beste deutschsprachige Anarch@seite ist m.M.n. <a href="http://anarchismus.at">anarchismus.at</a> &ndash; richtig viele gute Texte aus verschiedensten Zeiten und Str&ouml;mungen und dazu im Vergleich zu vielen anderen Seiten sehr gut strukturiert. Die hat mir sehr weiter geholfen, als ich noch auf der Stra&szlig;e gelebt hab&#39; und selten Kohle f&uuml;r B&uuml;cher hatte. Zum Thema Shoa und Nationalsozialismus noch zwei sehr gute und leider viel zu unbekannte Seiten: Zum einen <a href="http://holocaustmusic.ort.org">holocaustmusic.ort.org</a>, eine Seite, die sich mit Musik w&auml;hrend der Shoa auseinandersetzt und dort auch h&ouml;rbar ist. Dort findet sich auch eine sehr reichhaltige Liste von eher unbekanntem Liedgut aus Widerstand und KZs, l&auml;sst sich auch sehr gut z.B. f&uuml;r audio-visuelle Mahnwachen nutzen. Die zweite Seite ist ein Projekt zum Mitmachen: <a href="http://gedenkplaetze.info">gedenkplaetze.info</a> dokumentiert europaweit Mahnmale der faschistischen Gewaltherrschaft und der Arbeiter*innenbewegung. Die Seite ist noch am Wachsen, aber sehr gut angelegt.<br /> Vielleicht noch eine letzte Seite, nochmal zum Thema Musik, da halten mich die Leute immer f&uuml;r bescheuert: <a href="http://kampflieder.org">kampflieder.org</a> Eine Seite mit mittlerweile ann&auml;hernd 2.000 politischen Liedern mit Text, oft Noten und Akkorde, Youtube-Videos und auch diversen Playlisten. Seid gewarnt, da gibt es richtig viel ekligen Stalin- und Leninkram, aber eben auch die wohl gr&ouml;&szlig;te strukturierte Sammlung von Anarch@-Liedern oder jiddischem Widerstandsliedgut.</p> <ul class="footnotes"><li class="footnote" id="footnote1_cnxgzmd"><a class="footnote-label" href="#footnoteref1_cnxgzmd">1.</a> Forum deutschsprachiger Anarchist_innen</li> <li class="footnote" id="footnote2_a0rdwzu"><a class="footnote-label" href="#footnoteref2_a0rdwzu">2.</a> von 1980 bis 2004 erschienene <a href="http://deu.anarchopedia.org/Schwarzer_Faden">Zeitschrift</a></li> <li class="footnote" id="footnote3_jpfzfck"><a class="footnote-label" href="#footnoteref3_jpfzfck">3.</a> beide Zeitungen haben auch online-Pr&auml;senzen: <a href="http://graswurzel.net/">Graswurzelrevolution</a>; <a href="http://www.direkteaktion.org/">Direkte Aktion</a></li> <li class="footnote" id="footnote4_ittheac"><a class="footnote-label" href="#footnoteref4_ittheac">4.</a> Gemeint ist das das Internationale anarchistische Zusammentreffen in St. Imier. Siehe <a href="https://systempunkte.org/article/zur%C3%BCck-aus-st-imier">diesen Beitrag.</a></li> </ul> <div class="flattr-box"><script type="text/javascript"> var flattr_uid = 'systempunkte'; var flattr_tle = 'Die schwarzen Ecken des Webs: Gai Dào'; var flattr_dsc = '&lt;p&gt; &lt;font face=&quot;Times&quot;&gt;Mittlerweile sind es doch einige: die Webpr&amp;auml;senzen des Anarchismus. In einer Reihe von Interviews m&amp;ouml;chten wir euch mit den schwarzen Ecken des Webs vertraut machen. Diesmal stellen wir euch vor: &lt;a href=&quot;http://fda-ifa.org/category/gai-dao/&quot;&gt;Die Zeitschrift Gai D&amp;agrave;o&lt;/a&gt;. Zu diesem Zweck haben wir ein Interview mit Mitgliedern der Redaktion gef&amp;uuml;hrt.&lt;/font&gt;&lt;/p&gt;'; var flattr_tag = 'Netz &amp; Digitales,Bewegung'; var flattr_cat = 'text'; var flattr_url = 'http://www.systempunkte.org/article/die-schwarzen-ecken-des-webs-gai-dao'; var flattr_lng = 'de_DE'</script> <script src="http://api.flattr.com/button/load.js" type="text/javascript"></script> </div> http://www.systempunkte.org/article/die-schwarzen-ecken-des-webs-gai-dao#comments Netz & Digitales Bewegung Sun, 21 Oct 2012 18:54:54 +0000 Tuli 152 at http://www.systempunkte.org Die Karte der Verzweiflung http://www.systempunkte.org/article/die-karte-der-verzweiflung <p> In der modernen Welt wird automatisch Kontrolle &uuml;ber uns ausge&uuml;bt durch die R&auml;ume in denen wir leben und in denen wir uns bewegen. Wir durchwandern bestimmte Rituale in unserem Leben: Arbeit, &ldquo;Freizeit&rdquo;, Konsum, Unterwerfung. Denn die Welt in der wir leben ist allein daf&uuml;r konzipiert worden. Wir alle wissen, dass Einkaufszentren zum Shoppen da sind, B&uuml;ros um darin zu arbeiten, Wohnzimmer um darin Fernsehen zu glotzen und Schulen um unsern Lehrer_innen zu gehorchen. Alle R&auml;ume in denen wir uns bewegen haben vorher festgelegte Bedeutungen. Und alles was mensch braucht um uns in diesen R&auml;umen vorw&auml;rts zu treiben, ist, dass wir auf den &uuml;blichen Wegen gehalten werden. Es ist schwer irgendeine andere T&auml;tigkeit im Walmart ausfindig zu machen als Waren zu betrachten und einzukaufen. Und weil wir es so gewohnt sind ist es f&uuml;r uns auch schwierig uns vorzustellen, dort etwas anderes zu tun. Ganz zu schweigen davon, dass alles andere als Einkaufen dort illegal ist, wenn wir genauer dar&uuml;ber nachdenken.</p> <p> <br /> Es gibt immer weniger freie und unentwickelte R&auml;ume auf der Welt, in denen wir unserem K&ouml;rper und unseren Gedanken freien Lauf lassen k&ouml;nnen. Fast jeder Raum, den mensch betritt, geh&ouml;rt einer Person oder einer Gruppe und ist bereits mit einer bestehenden Bedeutung und einer festgelegten Benutzung belegt: Privatgrundst&uuml;cke, Einkaufspassagen, Stadtautobahnen, Klassenzimmer, Naturschutzgebiete,&hellip; Und unsere festgelegten Bahnen durch die Welt bringen uns nur selten in die N&auml;he der wenigen freien R&auml;ume, die noch &uuml;brig sind.</p> <p> <br /> Diese R&auml;ume, in denen die Gedanken und die L&uuml;ste vollkommen frei sein k&ouml;nnen werden durch kontrollierte R&auml;ume wie Disneyland ersetzt. Orte, an denen uns unsere W&uuml;nsche vorgefertigt werden und an uns zur&uuml;ck verkauft werden zu Lasten unseres Geldbeutels und unserer Gef&uuml;hle. Der Welt unseren eigenen Sinn zu geben und unsere eigenen Arten zu schaffen in ihr zu handeln und zu spielen sind fundamentale Teile des menschlichen Daseins. Heute darf es uns nicht wundern, dass sich so viele von uns verzweifelt und unerf&uuml;llt f&uuml;hlen, wenn wir nie die M&ouml;glichkeit haben, uns in solchen R&auml;umen zu bewegen, die genau das von uns fordern. Gerade weil die Welt nur noch so wenige dieser Orte zu bieten hat und der Ablauf unseres Alltags uns nie dorthin bringt, ist es nicht verwunderlich, dass wir gezwungen sind auf solche Orte wie Disneyland zur&uuml;ckzugreifen, um &uuml;berhaupt den Anschein von Spiel und Abenteuer zu bekommen. So sind die wahren Abenteuer, nach denen sich unser Herz sehnt durch imitierte Abenteuer und die Spannung des Erschaffens durch die Spannung des Betrachtens ersetzt.</p> <p> <br /> Unsere Zeit ist genau wie unser Raum vollkommen besetzt und reguliert. Die Unterteilung unseres Raums ist tats&auml;chlich nur ein Ausdruck davon, was bereits mit unserer Zeit geschehen ist. Die gesamte Welt verl&auml;uft und lebt nach einer standardisierten Zeitrechnung, erdacht um unsere Bewegungen auf dem gesamten Planeten genau aufeinander abzustimmen. Innerhalb dieses gr&ouml;&szlig;eren Systems wird unser aller Leben reglementiert: Durch unseren Arbeitsablauf und unseren Stundenplan, durch die Fahrpl&auml;ne der &ouml;ffentlichen Verkehrsmittel und die &Ouml;ffnungszeiten der Gesch&auml;fte. Diese Durchplanung unseres Lebens, die bereits in der Kindheit beginnt, &uuml;bt eine subtile aber gewaltige Kontrolle &uuml;ber uns alle aus. Dabei vergessen wir immer mehr, dass eigentlich die Zeit in unserem Leben alleine uns geh&ouml;rt und wir entscheiden k&ouml;nnen, wie wir sie verbringen wollen. Stattdessen denken wir in Einheiten von Arbeitstagen, Mittagspausen und Wochenenden. Ein tats&auml;chlich spontanes Leben ist f&uuml;r die meisten von uns undenkbar. Und die so genannte &ldquo;Freizeit&rdquo; ist gew&ouml;hnlich nur Zeit, die durch etwas anderes als Arbeiten verplant ist. Wie oft kommst du dazu dir den Sonnenaufgang anzusehen? F&uuml;r wie viele Nachmittagsspazierg&auml;nge an einem warmen Fr&uuml;hlingstag hast du tats&auml;chlich Zeit? Wenn du die M&ouml;glichkeit h&auml;ttest diese Woche eine noch nie erlebte Reise zu machen, k&ouml;nntest du sie dann tats&auml;chlich unternehmen?</p> <p> <br /> Diese einschr&auml;nkenden R&auml;ume und Zeitplanungen beschr&auml;nken das gro&szlig;e Potential unseres Lebens drastisch. Sie isolieren uns auch voneinander. An unserem Arbeitsplatz verbringen wir die meiste Zeit mit einer bestimmten Arbeit mit einer bestimmten Gruppe von Menschen in einem bestimmten Raum (oder zumindest in einer bestimmten Umgebung). Solche beschr&auml;nkenden, sich st&auml;ndig wiederholende Erfahrungen bieten uns nur eine sehr eingeschr&auml;nkte Sichtweise auf die Welt und halten uns davon ab andere Menschen mit einem v&ouml;llig anderen Background kennenzulernen. Unser Zuhause isoliert uns noch weiter voneinander. Heutzutage sperren wir uns in unseren eigenen vier W&auml;nden gegenseitig aus, zum Teil aus Angst vor denen, die der Kapitalismus beschissener als uns behandelt hat, zum Teil weil wir der Paranoia-Propaganda derjenigen Konzerne auf den Leim gegangen sind, die Sicherheitssysteme verkaufen. Die heutigen Vororte sind Friedh&ouml;fe einer Gemeinschaft, die die Menschen getrennt in Kisten packt &hellip; wie die Supermarktprodukte, luftdicht verschlossen, um &ldquo;frisch&rdquo; zu bleiben. Wegen der dicken Mauern zwischen uns und unseren Nachbarn und weil unsere Familien und FreundInnen auf viele verschiedene St&auml;dte und L&auml;nder verstreut sind, ist es schwer &uuml;berhaupt irgendeine Gemeinschaft aufzubauen, geschweige denn in einer Gemeinschaft zu leben, in denen die Menschen untereinander von der Kreativit&auml;t jedes und jeder Einzelnen profitieren k&ouml;nnen. Sowohl unser Zuhause als auch unsere Arbeit kettet uns an einen bestimmten Ort, an eine bestimmte Stelle und h&auml;lt uns davon ab anders durch die weite Welt zu reisen au&szlig;er auf hastigen Urlaubstrips.</p> <p> <br /> Auch unsere Reisen sind eingeschr&auml;nkt und einschr&auml;nkend. Unsere modernen Transportm&ouml;glichkeiten &ndash; Autos, Busse, U-Bahnen, Z&uuml;ge, Flugzeuge &ndash; halten uns alle auf einer vorgegebenen Bahn und wir sehen die Au&szlig;enwelt durch eine Scheibe an uns vorbei rauschen, als w&auml;re sie eine ziemlich langweilige Fernsehshow. Jede_r von uns lebt in einer pers&ouml;nlichen Welt, die sich zum Gro&szlig;teil aus gut bekannten Zielen zusammensetzt (Arbeitsplatz, Supermarkt, Wohnung, Tanzlokal, usw.) mit ein paar Verbindungen dazwischen (im Auto sitzen, in der U-Bahn stehen, die Rolltreppe hinaufgehen, usw.) und einer klitzekleinen Chance eine v&ouml;llig neue Erfahrung zu machen oder neue Orte zu entdecken. Mensch k&ouml;nnte die Schnellstra&szlig;en aller EU-Staaten durchfahren ohne dabei etwas anderes zu sehen als Asphalt und Rastpl&auml;tze, so lange mensch im Auto bleibt. Weil wir auf unseren festgelegten Bahnen gefangen sind k&ouml;nnen wir uns ein tats&auml;chlich freies Reisen nicht vorstellen, Expeditionen, die uns immer wieder in direkten Kontakt mit v&ouml;llig neuen Leuten und Dingen bringen.</p> <p> <br /> Stattdessen stecken wir in Verkehrsstaus fest, umgeben von hunderten von anderen Menschen, die in derselben misslichen Lage wie wir selbst stecken, aber von denen wir durch unsere Blechkarossen getrennt werden. Dadurch erscheinen sie uns eher als Objekte auf unserem Weg anstatt als Mitmenschen. Wir denken wir erreichen mehr Dinge und Orte der Welt durch unsere modernen Transportmittel, aber tats&auml;chlich sehen wir, wenn &uuml;berhaupt, viel weniger von all den Dingen und Orten. W&auml;hrend unsere Transportm&ouml;glichkeiten steigen, wuchern unsere St&auml;dte immer weiter in die Landschaft hinein. Je mehr sich die Transportstrecken vergr&ouml;&szlig;ern, desto mehr Autos werden ben&ouml;tigt. Mehr Autos beanspruchen mehr Raum und deshalb w&auml;chst die Distanz immer weiter an. Bei diesem Tempo werden Autobahnen und Tankstellen eines Tages all das ersetzen, das uns am Anfang eine Reise wert war.</p> <p> <br /> Einige von uns blicken auf das Internet als die &ldquo;letzte Grenze&rdquo;, als einen freien, noch nicht v&ouml;llig entwickelten Raum, der viel Entdeckungen zu bieten hat. Der Cyberspace mag vielleicht denjenigen, die es sich leisten k&ouml;nnen, einen gewissen Grad an Freiheit bieten, aber was auch immer er uns bietet, er bietet es uns nur an, wenn wir unseren K&ouml;rper an der T&uuml;r ablegen: Durch freiwillige Amputation. Vergiss nicht, dass du sowohl aus einem K&ouml;rper als auch aus einem Geist bestehst. Ist das tats&auml;chlich Freiheit, f&uuml;r Stunden gebannt auf blinkende Lichter zu starren ohne unsere Tast- und Geschmackssinne zu benutzen? Hast du das Gef&uuml;hl vergessen, wie es ist, nasses Gras oder warmen Sand an den blo&szlig;en F&uuml;&szlig;en zu sp&uuml;ren? Oder den Geruch von Eukalyptusb&auml;umen oder Feuerholz in der Nase zu haben? Kannst du dich an den Duft von Tomaten erinnern? Den Glanz von Kerzenschein, die Erregung beim Laufen, Schwimmen und Ber&uuml;hren?<br /> Heute klinken wir uns ins Internet ein, wenn wir etwas aufregendes erleben wollen ohne dabei das Gef&uuml;hl zu bekommen verarscht zu werden, denn das moderne Leben unterliegt solchen Zw&auml;ngen und ist so vorhersehbar, dass wir einfach vergessen haben, wie lustvoll Aktionen und Bewegungen in der wirklichen Welt sein k&ouml;nnen. Warum sollen wir uns mit der beschr&auml;nkten Freiheit zufrieden geben, die uns das Internet bieten kann, wenn es so viel mehr Erfahrungen und Gef&uuml;hle hier drau&szlig;en in der realen Welt zu erleben gibt? Wir sollten laufen, tanzen, Kanu fahren, das Leben in vollen Z&uuml;gen genie&szlig;en und neue Welten entdecken. Was f&uuml;r neue Welten? Wir m&uuml;ssen unseren eigenen K&ouml;rper wieder entdecken, unsere Sinne und den Raum um uns herum. Dann k&ouml;nnen wir diesen Raum in eine neue Welt umformen, die wir nach unseren Bed&uuml;rfnissen gestalten k&ouml;nnen.</p> <p> <br /> Bis dahin m&uuml;ssen wir neue Spiele einf&uuml;hren. Spiele die in den besetzten R&auml;umen dieser Welt stattfinden k&ouml;nnen, in den Einkaufszentren, Restaurants und Klassenzimmern und ihre vorgegebenen Bedeutungen zu Fall bringen, so dass wir diesen R&auml;umen in Einklang mit unseren Tr&auml;umen und W&uuml;nschen neue Bedeutungen verleihen k&ouml;nnen. Wir brauchen Spiele, die uns n&auml;her zusammenbringen, raus aus der Gefangenschaft und Isolation unserer Eigenheime und hinein in &ouml;ffentliche R&auml;ume, in denen jede_r von der Hilfe und der Kreativit&auml;t des Anderen profitieren kann. Wir werden Gedichte in Fabriken vortragen, Konzerte auf der Stra&szlig;e geben, Sex in Feldern und Bibliotheken haben, kostenlose Picknicks in Superm&auml;rkten und Flohm&auml;rkte auf Autobahnen.</p> <p> <br /> Wir m&uuml;ssen nat&uuml;rlich auch neue Auffassungen von Zeit einf&uuml;hren und neue Arten zu reisen. Versuch mal ohne Uhr zu leben, ohne dass du dein Leben der hektischen Welt angleichst. Versuch mal eine lange Reise zu Fu&szlig; oder mit dem Fahrrad zu machen, so dass du alles von deinem Startpunkt bis zu deinem vorl&auml;ufigen Ziel erleben kannst ohne durch eine Scheibe darauf zu blicken. Mach dich auf Entdeckung in deiner Nachbarschaft, besteige H&auml;userd&auml;cher, schau um die hintersten Ecken deiner Umgebung, die du noch nie bemerkt hast. Du wirst begeistert sein wie viel Abenteuer da drau&szlig;en auf dich warten!</p> <p> &nbsp;</p> <p> <em>Dieser und andere Texte des CrimethInc. Kollektivs sind erstmals auf Deutsch in &quot;Message in a Bottle&quot; als Buch erschienen. Zu diesem Buch gibt es aktuell eine Vorstellungstour durch den deutschsprachigen Raum. Mehr Infos <a href="http://crimethinc.blogsport.de/">hier</a>.</em></p> <div class="flattr-box"><script type="text/javascript"> var flattr_uid = 'systempunkte'; var flattr_tle = 'Die Karte der Verzweiflung'; var flattr_dsc = '&lt;p&gt; In der modernen Welt wird automatisch Kontrolle &amp;uuml;ber uns ausge&amp;uuml;bt durch die R&amp;auml;ume in denen wir leben und in denen wir uns bewegen. Wir durchwandern bestimmte Rituale in unserem Leben: Arbeit, &amp;ldquo;Freizeit&amp;rdquo;, Konsum, Unterwerfung. Denn die Welt in der wir leben ist allein daf&amp;uuml;r konzipiert worden.&lt;/p&gt;'; var flattr_tag = 'Bewegung'; var flattr_cat = 'text'; var flattr_url = 'http://www.systempunkte.org/article/die-karte-der-verzweiflung'; var flattr_lng = 'de_DE'</script> <script src="http://api.flattr.com/button/load.js" type="text/javascript"></script> </div> http://www.systempunkte.org/article/die-karte-der-verzweiflung#comments Bewegung Wed, 10 Oct 2012 18:26:20 +0000 Tuli 151 at http://www.systempunkte.org Friedensverträge und andere Kriegserklärungen http://www.systempunkte.org/article/friedensvertraege-und-andere-kriegserklaerungen <p> <em>Der vorliegende Artikel erhebt nicht Anspruch darauf, die Verh&auml;ltnisse auf dem Balkan vollst&auml;ndig und umfassend zu beleuchten. Insbesondere verschweigt der Artikel wichtige historische Zusammenh&auml;nge und Entwicklungen sowie die vielf&auml;ltigen Menschenrechtsverletzungen der verschiedenen Parteien, nicht etwa weil diese von der Autorin als unwichtig oder vernachl&auml;ssigbar angesehen w&uuml;rden oder verharmlost werden sollten, sondern weil der Schwerpunkt <strong>dieser</strong> Betrachtung das Handeln westlicher Staaten und deren Motivation sein soll. Wer sich &uuml;ber die eigentlichen Konflikte in S&uuml;dosteuropa und insbesondere im ehemaligen Jugoslawien informieren m&ouml;chte, wird an anderer Stelle <a href="http://www.oldenbourg-verlag.de/wissenschaftsverlag/suedosteuropa/0722480x">n&uuml;tzlichere Artikel</a> finden.</em></p> <h2> Vorgeschichte</h2> <p> Die Volksrepublik Jugoslawien zersplitterte im Anschluss an den Zusammenbruch des Ostblocks in immer kleinere Teile. Konflikte wurden entlang ethnischer Trennlinien ausgefochten. Ein Schauplatz dieser Konflikte war und ist das Kosovo. W&auml;hrend in der serbischen Regierung Kosovo als Teil Serbiens betrachtet wurde, gab es insbesondere unter albanischen Kosovaren Autonomie- und Unabh&auml;ngigkeitsbestrebungen, verst&auml;rkt seit 1989 der Autonomiestatus Kosovos auf Betreiben Slobodan Milo&scaron;evićs (damals Pr&auml;sident der Sozialistischen Republik Serbien, eine Teilrepublik Jugoslawiens) aufgehoben wurde. Zun&auml;chst k&auml;mpften kosovo-albanische Separatisten durch gewaltfreien Widerstand f&uuml;r eine &bdquo;Republik Kosova&ldquo;. 1996 begann, im Wesentlichen durch die paramilit&auml;rische Befreiungsarmee des Kosovo (=U&Ccedil;K), der bewaffnete Kampf vor allem gegen die serbische Polizei. Der Konflikt wuchs sich 1998 zum B&uuml;rgerkrieg aus.</p> <h2> Friedensvertr&auml;ge und andere Kriegserkl&auml;rungen</h2> <p> <img alt="durch NATO-Bombardement zerstörte Brücke von Varvarin http://www.rosalux.de/fileadmin/ls_bw/bilder/Zerstoerte_Bruecke.jpg" src="http://www.rosalux.de/fileadmin/ls_bw/bilder/Zerstoerte_Bruecke.jpg" style="width: 440px; height: 312px; border-width: 3px; border-style: solid; margin-left: 20px; margin-right: 20px; float: left;" />Im Februar und M&auml;rz 1999 verhandelten dann eine kosovo-albanische Delegation und eine Delegation bestehend aus Abgesandten der jugoslawischen Regierung sowie nicht-albanischer Ethnien im Kosovo miteinander unter Vermittlung einer Kontaktgruppe aus den USA, der EU und Russland &uuml;ber den k&uuml;nftigen Status des Kosovo. Schlie&szlig;lich unterzeichnete die kosovo-albanische Delegation den im wesentlichen von der Kontaktgruppe formulierten Vertragsentwurf, die jugoslawische Delegation unterschrieb hingegen nicht. Obwohl Serbien einen revidierten Entwurf vorschlug und die serbische Nationalversammlung zu weiteren Verhandlungen aufrief<a class="see-footnote" id="footnoteref1_hcinypc" title="Die serbische Nationalversammlung kritisiert in ihrer Resolution vom 23. M&auml;rz, statt &bdquo;ernsthafter Versuche einer politischen Einigung&ldquo; seien der serbischen Delegation in Frankreich &bdquo;F&auml;lschungen, Drohungen, Erpressungen und NATO-Truppen&ldquo; geboten worden. Es wird erkl&auml;rt, warum es aus ihrer Sicht nicht zu einer Einigung gekommen ist. Schlie&szlig;lich werden weitere Verhandlungen gefordert. Meines Wissens gibt es keine Reaktion der NATO dazu." href="#footnote1_hcinypc">1</a>, wurde die Nichtunterzeichnung von der NATO zum Anlass genommen am 24. M&auml;rz mit der Bombardierung Jugoslawiens zu beginnen.</p> <p> Der Tenor der westlichen Massenmedien war eindeutig: die jugoslawische Regierung weigert sich, Frieden zu schlie&szlig;en &ndash; das Blut klebt an ihren H&auml;nden. Doch es lohnt sich, einen genaueren Blick in den Entwurf dieses Friedensvertrages zu werfen. Warum zum Beispiel glaubt ein Staatsminister im Kriegsministerium des Vereinigten K&ouml;nigreiches, die Vertragsbedingungen h&auml;tten von Jugoslawien gar nicht akzeptiert werden k&ouml;nnen?</p> <blockquote><p> Ich denke bestimmte Leute in der NATO legten es damals auf einen Kampf an. Wenn Sie meine pers&ouml;nliche Meinung h&ouml;ren wollen, ich denke, die Bedingungen die Milo&scaron;ević in Rambouillet vorgelegt wurden waren absolut untragbar; wie h&auml;tte er die akzeptieren k&ouml;nnen; das war ganz vors&auml;tzlich. Das entschuldigt viele andere Dinge nicht, aber wir waren an einem Punkt, an dem manche Leute meinten, es m&uuml;sse etwas getan werden, also provozierte man einen Kampf.<a class="see-footnote" id="footnoteref2_bfl49cq" title="aus einer Zeugenvernehmung des britischen Unterhauses" href="#footnote2_bfl49cq">2</a></p> </blockquote> <p> Der Entwurf<a class="see-footnote" id="footnoteref3_j5b99zy" title="Der Originaltext ist auf Englisch verfasst. Ich habe mich darum bem&uuml;ht, m&ouml;glichst unverf&auml;lscht ins Deutsche zu &uuml;bertragen. Im Zweifelsfalle sollte die geneigte Leserin/der geneigte Leser nat&uuml;rlich das Original studieren." href="#footnote3_j5b99zy">3</a> enth&auml;lt vielf&auml;ltige Regelungen f&uuml;r die k&uuml;nftige Verfasstheit des Kosovo und sein Verh&auml;ltnis zur Republik Serbien und zur Bundesrepublik Jugoslawien. Unter anderem sah er vor, dass die Bev&ouml;lkerung des Kosovo feste Sitze im serbischen Parlament, in der serbischen Regierung und am Obersten Gerichtshof Serbiens haben sollte &ndash; gleichzeitig sollten diese Institutionen aber gar nicht zust&auml;ndig sein f&uuml;r Belange des Kosovo.</p> <p> F&uuml;r die meiste Verstimmung auf Seiten der jugoslawischen Delegation sorgte aber wohl der Anhang B des Entwurfs. Dieser Teil des Abkommens spezifiert die Bedingungen unter denen NATO-Truppen in Jugoslawien stationiert werden sollten. Der Verhandlungsf&uuml;hrer auf jugoslawischer Seite, Ratko Marković, hat <a href="http://www.slobodan-milosevic.org/news/smorg011905.htm">nach eigenen Angaben</a> erst &auml;u&szlig;erst kurzfristig von diesem Anhang erfahren:</p> <blockquote><p> Professor Marković zufolge wurde der Delegation der serbischen Regierung erst um halb zehn Uhr am letzten Morgen der Konferenz der vollst&auml;ndige Text des sogenannten &bdquo;Rambouillet-Abkommens&ldquo; vorgelegt, diese Tatsache wird durch Datums- und Zeitstempel auf dem Dokument belegt.</p> <p> Der serbischen Regierungsdelegation wurde eine Frist bis 13 Uhr gegeben (dreieinhalb Stunden), um sich f&uuml;r oder gegen die Unterzeichnung des Dokumentes zu entscheiden. Es gab nie irgendwelche Verhandlungen &uuml;ber die Inhalte des Dokuments. Es wurde als &bdquo;alles oder nichts&ldquo; pr&auml;sentiert.</p> </blockquote> <p> Dreieinhalb Stunden bieten wenig Gelegenheit, einen derart wichtigen Vertragstext auf Herz und Nieren zu pr&uuml;fen. Dabei verdienen einige Passagen, die im Folgenden zitiert werden, besondere Aufmerksamkeit. Zun&auml;chst geht es um Immunit&auml;ten der NATO:</p> <blockquote><p> 6. a. NATO genie&szlig;t Immunit&auml;t gegen jeglichen Rechtsweg, ob zivil-, verwaltungs- oder strafrechtlich.<br /> b. NATO-Mitarbeiter genie&szlig;en unter allen Umst&auml;nden und zu jeder Zeit Immunit&auml;t gegen die Rechtsprechung der Vertragsparteien in Bezug auf von ihnen in der BRJ [=Bundesrepublik Jugoslawien, d.V.] ver&uuml;bte zivil-, verwaltungs-, straf- oder disziplinarrechtliche Verst&ouml;&szlig;e. Die Vertragsparteien unterst&uuml;tzen an der Operation teilnehmende Staaten bei der Aus&uuml;bung der Rechtsprechung &uuml;ber ihre Staatsangeh&ouml;rigen.<br /> c. Ungeachtet dessen k&ouml;nnen die Beh&ouml;rden der BRJ mit ausdr&uuml;cklichem Einverst&auml;ndnis des NATO-Kommandeurs in jedem Einzelfall ausnahmsweise in solchen F&auml;llen Rechtsprechung &uuml;ben, jedoch nur bez&uuml;glich desjenigen Vertragspersonals, das nicht der Rechtsprechung des Staates dem sie angeh&ouml;ren unterliegen.</p> <p> 7. NATO-Mitarbeiter genie&szlig;en Immunit&auml;t gegen jede Form von Verhaftung, Ermittlung oder Inhaftierung durch Beh&ouml;rden der BRJ. Irrt&uuml;mlicherweise verhaftetes oder inhaftiertes NATO-Personal wird unverz&uuml;glich an NATO-Stellen &uuml;bergeben.</p> </blockquote> <p> Jugoslawien h&auml;tte sich damit ganz dem Wohlwollen der NATO-Institutionen ausgeliefert. Die Verfolgung von durch NATO-Personal begangene Verbrechen w&auml;re ihren Herkunftsl&auml;ndern &uuml;berlassen geblieben. Die NATO h&auml;tte sich hier weit mehr Rechte gesichert als nur die einer &bdquo;Friedenstruppe&ldquo;. Solche Rechte kann ein siegreicher Staat wohl einem unterworfenen abverlangen, nicht aber einem Staat, der seine Souver&auml;nit&auml;t erhalten will.<br /> Weiter geht es mit der Mobilit&auml;t der Truppe, man braucht ja auch mal einen Tapetenwechsel:</p> <blockquote><p> 8. NATO-Mitarbeiter genie&szlig;en, inklusive ihrer Fahrzeuge, Schiffe, Flugzeuge und Ausr&uuml;stung, uneingeschr&auml;nkte Freiz&uuml;gigkeit und ungehinderten Zugang in der gesamten BRJ einschlie&szlig;lich des Luftraums und der Hoheitsgew&auml;sser. Dies beinhaltet, ohne sich darauf zu beschr&auml;nken, das Recht, Feldlager zu errichten, Man&ouml;ver abzuhalten, sich zu kasernieren und jegliche Gebiete oder Einrichtungen, die f&uuml;r Unterst&uuml;tzung, Training und Operationen ben&ouml;tigt werden, zu nutzen.</p> </blockquote> <p> Ganz richtig: in der gesamten Bundesrepublik Jugoslawien. Obwohl es doch angeblich um die Befriedung des Kosovo geht, verlangt die NATO Bewegungsfreiheit im <strong>ganzen</strong> Bundesgebiet. Au&szlig;erdem &bdquo;<strong>jegliche</strong> Gebiete oder Einrichtungen&ldquo;, die n&uuml;tzlich erscheinen, beanspruchen zu k&ouml;nnen, ist sicherlich so wertvoll f&uuml;r die NATO wie schmerzlich f&uuml;r vormalige Nutzer. Im Zusammenhang dieses Artikels 8 wird auch deutlich, dass die in den Artikeln 6 und 7 gefordete &bdquo;Narrenfreiheit&ldquo; f&uuml;r ganz Jugoslawien gilt &ndash; von der Vojvodina bis Montenegro k&ouml;nnen sich NATO-Truppen frei bewegen und Infrastruktur nutzen, ohne sich f&uuml;r eventuelle Gesetzesverst&ouml;&szlig;e den lokalen Beh&ouml;rden gegen&uuml;ber verantworten zu m&uuml;ssen.</p> <blockquote><p> 10. Die Beh&ouml;rden der BRJ unterst&uuml;tzen priorisiert mit allen zur Verf&uuml;gung stehenden Mitteln alle Personal-, Fahrzeug-, Schiffs-, Flugzeug-, Ausr&uuml;stungs- oder Nachschubbewegungen durch oder in benutzten Luftraum, H&auml;fen, Flugh&auml;fen oder Stra&szlig;en. Es d&uuml;rfen keine Geb&uuml;hren von der NATO erhoben werden f&uuml;r Flugsicherung, Landen oder Abheben von Flugzeugen, ob regierungseigen oder angemietet. Gleicherma&szlig;en d&uuml;rfen keine Z&ouml;lle, Geb&uuml;hren oder Abgaben von NATO-Schiffen, ob regierungseigen oder angemietet, f&uuml;r blo&szlig;es Ein- oder Auslaufen eines Hafens erhoben werden. [&hellip;]</p> </blockquote> <p> &bdquo;Ihr d&uuml;rft nicht nur alles f&uuml;r uns machen, was wir verlangen &ndash; ihr d&uuml;rft auch selbst die Kosten daf&uuml;r tragen!&ldquo;</p> <blockquote><p> 15. [&hellip;] Die Vertragsparteien stellen auf einfache Anforderung s&auml;mtliche Telekommunikationsdienste zur Verf&uuml;gung, inklusive Rundfunkdienste, die nach Einsch&auml;tzung der NATO f&uuml;r die Operation ben&ouml;tigt werden. Dies beinhaltet das Recht, solche Mittel und Dienste zu verwenden, die zur Sicherstellung der vollst&auml;ndigen Kommunikationsf&auml;higkeit ben&ouml;tigt werden, sowie das Recht, das gesamte elektromagnetische Spektrum zu diesem Zweck kostenlos zu verwenden. Bei der Umsetzung dieses Rechts unternimmt die NATO jegliche angemessene Anstrengung, sich mit den betreffenden Beh&ouml;rden der BRJ zu koordinieren und deren Anforderungen und Anspr&uuml;che zu ber&uuml;cksichtigen.</p> </blockquote> <p> Dazu k&ouml;nnte eine kleine Erl&auml;uterung f&uuml;r der Physik abgeneigte hilfreich sein: Das &bdquo;<strong>gesamte</strong> elektromagnetische Spektrum&ldquo; beinhaltet jede Form von technisch genutzter Strahlung, im Kommunikationsbereich sind das alle Rundfunk- und Fernsehfrequenzen, Mikrowellen, Infrarot, sichtbares Licht und Ultraviolett (die weiteren werden nicht zur Kommunikation genutzt). Insbesondere hei&szlig;t das, die NATO beh&auml;lt sich das Recht vor, auf allen Sendern ihr Programm zu senden. Zwar verspricht sie, die Nutzungsanspr&uuml;che der BRJ zu ber&uuml;cksichtigen &ndash; k&ouml;nnte aber prinzipiell jeden Radio- oder Fernsehsender nach Belieben und ganz legal st&ouml;ren.</p> <p> Vielleicht ist deutlich geworden, dass solche Bedingungen von einer Regierung, die ihre Souver&auml;nit&auml;t erhalten will, nicht akzeptiert werden k&ouml;nnen. Auch den Verantwortlichen in der NATO d&uuml;rfte das bewusst gewesen sein. Es dr&auml;ngt sich der Verdacht auf, dass der Rambouilletvertrag absichtlich so formuliert war, dass er von serbischer Seite nicht angenommen werden konnte. So konnten die Westm&auml;chte der Welt&ouml;ffentlichkeit verkaufen, sie h&auml;tten ja alles menschenm&ouml;gliche f&uuml;r eine friedliche L&ouml;sung getan, doch weil Serbiens Regierung keinen Frieden gewollt habe, habe man einschreiten m&uuml;ssen. Ein hoher Beamter im amerikanischen Au&szlig;enministerium soll das Vorgehen angeblich w&auml;hrend der Verhandlungen in Rambouillet einigen Pressevertretern im Vertrauen so geschildert haben:</p> <blockquote><p> Wir haben die H&uuml;rde absichtlich zu hoch f&uuml;r eine Zustimmung der Serben gesetzt. Sie brauchen ein bisschen Bombardierung, und die werden sie auch bekommen.<a class="see-footnote" id="footnoteref4_q0igp7f" title="&bdquo;Fairness &amp; Accuracy In Reporting&ldquo;, eine medienkritische Gruppe US-amerikanischer Aktivist_innen und Journalist_innen wirft auch die Frage auf, welche Medien zu welcher Zeit welche Kenntnis &uuml;ber den Vertragsentwurf und insbesondere den Anhang B hatten." href="#footnote4_q0igp7f">4</a></p> </blockquote> <h2> Si vis bellum, para pacem (Wenn du Krieg willst, bereite dich zum Frieden vor)<a class="see-footnote" id="footnoteref5_8cwt43n" title="Richtig, der urspr&uuml;ngliche Spruch lautet genau andersherum. Aber in dieser Umkehrung ist er auch erstaunlich sinnvoll, vielleicht noch mit der Erg&auml;nzung &bdquo;wenn du Krieg willst, tu so, als bereitetest du dich auf Frieden vor&ldquo;." href="#footnote5_8cwt43n">5</a></h2> <p> Diese Methode einer Konstruktion eines Casus Belli durch einen vorget&auml;uschten Friedenswillen wurde allerdings nicht erst in Rambouillet erfunden. Es gibt einige &auml;hnliche Beispiele in der Geschichte, bei denen vorgeblich friedliche Konfliktl&ouml;sungen gesucht wurden, aber in unannehmbare Forderungen gebettet waren.</p> <p> <img alt="Zeichnung in einer zeitgenössischen österreichischen Zeitung" dir="" src="http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/d1/Gavrilo_Princip_assassinates_Franz_Ferdinand.jpg" style="width: 300px; height: 328px; border-width: 3px; border-style: solid; margin: 0px 20px; float: right;" />So weist der Beginn des ersten Weltkriegs einzelne Parallelen zum Beginn der Bombardierung Jugoslawiens auf. Auch damals entz&uuml;ndete sich der Konflikt durch ein Ultimatum an die damalige Regierung in Belgrad. Am 28. Juni 1914 wurden in der zu &Ouml;sterreich-Ungarn geh&ouml;renden Hauptstadt Bosnien-Herzegowinas, Sarajevo, der &ouml;sterreichisch-ungarische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Ehefrau Sophie Chotek von bosnisch-serbischen Nationalisten ermordert. Die k. u. k. Regierung vermutete Verbindungen der Attent&auml;ter bis hinein in offizielle Stellen des serbischen K&ouml;nigreiches und stellte der serbischen Regierung am 23. Juli ein 48-st&uuml;ndiges <a href="http://www.uibk.ac.at/zeitgeschichte/zis/library/rauchensteiner.html">Ultimatum</a> mit zehn Forderungen, die die Aufkl&auml;rung des Attentates betrafen. Die Regierung in Belgrad widersprach nur dem sechsten Punkt, der eine Teilaufgabe ihrer Souver&auml;nit&auml;t bedeutet h&auml;tte, und akzeptierte alle anderen Forderungen. Das gen&uuml;gte den &ouml;sterreichisch-ungarischen Autorit&auml;ten hingegen nicht; vieles deutet darauf hin, dass die Entscheidung f&uuml;r einen Krieg gegen Serbien l&auml;ngst gefallen war und wenig mit Franz Ferdinand, viel hingegen mit der Sicherung der Vormachtstellung der k. u. k. Monarchie auf dem Balkan zu tun hatte. Der erste Weltkrieg begann folgerichtig mit einer Kriegserkl&auml;rung &Ouml;sterreich-Ungarns an Serbien am 28. Juli 1914.</p> <p> Im Vorfeld des deutsch-franz&ouml;sischen Krieges 1870/71 legten es sowohl der franz&ouml;sische Kaiser Napol&eacute;on III als auch der preu&szlig;ische Ministerpr&auml;sident Bismarck l&auml;ngst auf eine kriegerische Auseinandersetzung an. Die offene Frage war eigentlich nur, wer die Kriegsschuld w&uuml;rde &uuml;bernehmen m&uuml;ssen, willkommener Anlass war daf&uuml;r die unklare Thronfolge in Spanien. Schlie&szlig;lich gelang es Bismarck durch die verk&uuml;rzte Ver&ouml;ffentlichung eines <a href="http://www.documentarchiv.de/nzjh/ndbd/emser-depesche.html">Telegramms</a>, das dann wiederum mit einigen Freiheiten auf franz&ouml;sischer Seite &uuml;bersetzt wurde, Frankreich zur Kriegserkl&auml;rung zu treiben, wodurch ihm die Unterst&uuml;tzung s&uuml;ddeutscher Staaten sicher war. Mit der Gr&uuml;ndung des deutschen Kaiserreichs in Versailles 1871 erreichte der deutsche Nationalismus seine Ziele weitgehend und legte den Grundstein f&uuml;r ein hasserf&uuml;lltes Verh&auml;lnis der Nachbarstaaten; das blutige 20. Jahrhundert kann wohl kaum verstanden werden ohne die Kaiserkr&ouml;nung in Versailles zu betrachten.</p> <h2> It&#39;s the economy, stupid! (Es geht um die Wirtschaft, Idiot!)</h2> <p> Doch kommen wir zur&uuml;ck zum Ende des 20. Jahrhunderts. Wenn die Bombardierung Jugoslawiens schon vor den Rambouilletverhandlungen beschlossene Sache war, warum hatten die NATO-Staaten die Hoffnung auf eine friedliche L&ouml;sung des Konfliktes so fr&uuml;h aufgegeben? Insbesondere die deutsche Regierung wusste von Massakern<a class="see-footnote" id="footnoteref6_08hx90p" title="NDR-Sendung &bdquo;Zeitreise&ldquo;, Datum unbekannt, scheint jedoch von 2012 zu sein." href="#footnote6_08hx90p">6</a> der jugoslawischen Armee und Polizei an der Zivilbev&ouml;lkerung zu berichten, von denen bis heute aber keine Spur zu finden ist. War sie der Ansicht, diese angeblichen Massaker und die Vertreibung von Kosovo-Albanern w&uuml;rden nachlassen, wenn sich die NATO milit&auml;risch engagieren w&uuml;rde? Norma Brown, US-Diplomatin bei der OSZE-Beobachtermission im Kosovo vor Beginn der Luftangriffe wei&szlig; zu berichten:</p> <blockquote><p> Bis zum Beginn der NATO-Luftangriffe gab es keine humanit&auml;re Krise. Sicher, es gab humanit&auml;re Probleme und es gab viele Vertriebene durch den B&uuml;rgerkrieg, aber das spielte sich so ab: Die Leute verlie&szlig;en ihre D&ouml;rfer, wenn die Serben eine Aktion gegen die U&Ccedil;K durchf&uuml;hrten und kamen danach wieder zur&uuml;ck. Tatsache ist: Jeder wusste, dass es erst zu einer humanit&auml;ren Krise kommen w&uuml;rde, wenn die NATO bombardiert. Das wurde diskutiert in der NATO, der OSZE, vor Ort und in der Bev&ouml;lkerung.<a class="see-footnote" id="footnoteref7_wysbhnq" title="&bdquo;Es begann mit einer L&uuml;ge&ldquo;, WDR-Dokumentation aus dem Jahr 2001. Erster Teil" href="#footnote7_wysbhnq">7</a></p> </blockquote> <p> Wenn es die Absicht der NATO-M&auml;chte gewesen w&auml;re, die kosovarische Zivilbev&ouml;lkerung zu sch&uuml;tzen, dann h&auml;tte sie kaum ungeschickter handeln k&ouml;nnen. Wenn sich Verantwortliche dieser Tatsache sogar selbst bewusst sind, liegt die Vermutung nahe, dass nicht nur der Kriegsanlass (Nichtunterzeichnung des Rambouilletabkommens) sondern auch der Kriegsgrund (Schutz der Kosovo-Albaner vor serbischen Menschenrechtsverletzungen) vorgeschoben war, um die tats&auml;chliche Motivation des NATO-Engagements zu verschleiern. Es ist bezeichnend, dass ein wichtiges Mitglied der Clinton-Administration offen schreibt:</p> <blockquote><p> Es ist kaum verwunderlich, dass die NATO und Jugoslawien sich auf einem Kollisionskurs wiederfanden. Es war Jugoslawiens Widerstand gegen die breiten Trends politischer und wirtschaftlicher Reform &ndash; nicht die Notlage der Kosovo-Albaner &ndash;, der den NATO-Krieg am besten erkl&auml;rt. Milo&scaron;ević war der transatlantischen Gemeinschaft schon so lange ein Dorn im Auge gewesen, dass die Vereinigten Staaten der Ansicht waren, er w&uuml;rde nur auf milit&auml;rischen Druck reagieren.<a class="see-footnote" id="footnoteref8_dm86gu4" title="John Norris war damals Kommunikationsleiter des Vizeau&szlig;enministers der USA, Strobe Talbott. Als solcher war er an den zahlreichen Verhandlungen mit russischen und finnischen Regierungsmitgliedern w&auml;hrend der Bombardierungen beteiligt. Das Zitat ist der Einleitung seines Buches &bdquo;Collision Course: NATO, Russia, and Kosovo&ldquo; entnommen, in dem er die politischen Zusammenh&auml;nge rund um den Kosovokrieg aus Sicht der US-Regierung schildert. Verbrecher k&ouml;nnen sich das Werk herunterladen" href="#footnote8_dm86gu4">8</a></p> </blockquote> <p> Michel Chossudovsky, ein Professor f&uuml;r Volkswirtschaftslehre an der Universit&auml;t von Ottawa geht deutlich weiter. Er bezeichnet die gesamte S&uuml;dosteuropapolitik westlicher Staaten als &bdquo;<a href="http://www.nadir.org/nadir/initiativ/agp/free/chossudovsky/ecoterrorism.html">&ouml;konomischen Terrorismus</a>&ldquo;. Leitlinie dieser Politik sei die &Ouml;ffnung der betroffenen Volkswirtschaften f&uuml;r die neoliberale Agenda. Sp&auml;testens 1990 habe mit dem Zusammenbruch des Ostblocks die gezielte Zerschlagung Jugoslawiens und die Privatisierung der Wirtschaft begonnen. Westliche Massenmedien stellten die &ouml;konomische Liberalisierung als Notwendigkeit zum Wiederaufbau vom Krieg zerr&uuml;tteter Gesellschaften dar. Chossudovsky zufolge sei der kausale Zusammenhang aber umgekehrt: Ethnische, kulturelle und religi&ouml;se Konflikte seien gezielt gesch&uuml;rt worden, um soziale Konflikte f&uuml;r sich zu entscheiden.</p> <blockquote><p> Solch falsches Bewusstsein maskiert nicht nur die Wahrheit, es behindert uns auch darin historische Ereignisse richtig einzuordnen. Letztlich entstellt es die wahren Ursachen sozialer Konflikte. Auf das ehemalige Jugoslawien angewandt, verschleiert es das historische Fundament s&uuml;dslawischer Einheit, Solidarit&auml;t und Identit&auml;t. Doch dieses falsche Bewusstsein herrscht rund um den Globus, wo geschlossene Fabriken, Arbeitslose und ausgeh&ouml;hlte Sozialsysteme die einzige m&ouml;gliche Welt und bittere &ouml;konomische Medizin die einzige Verschreibung sind.<a class="see-footnote" id="footnoteref9_2d7e32p" title="Interessanterweise &auml;u&szlig;erte Chossudovsky diese Gedanken bereits drei Jahre vor dem Kosovokrieg in seinem Artikel &bdquo;Jugoslawien demontieren; Bosnien kolonisieren&ldquo;." href="#footnote9_2d7e32p">9</a></p> </blockquote> <h2> Und die Moral von der Geschicht&#39;?</h2> <p> Die liefert ein Hauptakteur der Bombardierungen, Wesley Clark, Oberbefehlshaber der NATO-Streitkr&auml;fte im Kosovokrieg, selbst (allerdings zu einem ganz anderen Thema, n&auml;mlich dem Irakkrieg):</p> <blockquote><p> Nichts w&auml;re eine schlimmere Verletzung &ouml;ffentlichen Vertrauens als bewusst einen Krieg auf falschen Behauptungen basierend zu beginnen.<a class="see-footnote" id="footnoteref10_o0r3laf" title="ge&auml;u&szlig;ert auf einer Konferenz milit&auml;rischer Reporter und Herausgeber; nachzulesen auf mindspace.org, unter dem Eintrag &bdquo;October 05, 2003&ldquo;" href="#footnote10_o0r3laf">10</a></p> </blockquote> <p> So ist es.</p> <ul class="footnotes"><li class="footnote" id="footnote1_hcinypc"><a class="footnote-label" href="#footnoteref1_hcinypc">1.</a> Die serbische Nationalversammlung kritisiert in ihrer <a href="://www.serbia-info.com/news/1999-03/24/10030.html">Resolution</a> vom 23. M&auml;rz, statt &bdquo;ernsthafter Versuche einer politischen Einigung&ldquo; seien der serbischen Delegation in Frankreich &bdquo;F&auml;lschungen, Drohungen, Erpressungen und NATO-Truppen&ldquo; geboten worden. Es wird erkl&auml;rt, warum es aus ihrer Sicht nicht zu einer Einigung gekommen ist. Schlie&szlig;lich werden weitere Verhandlungen gefordert. Meines Wissens gibt es keine Reaktion der NATO dazu.</li> <li class="footnote" id="footnote2_bfl49cq"><a class="footnote-label" href="#footnoteref2_bfl49cq">2.</a> aus einer <a href="http://www.publications.parliament.uk/pa/cm199900/cmselect/cmdfence/347/0062005.htm">Zeugenvernehmung</a> des britischen Unterhauses</li> <li class="footnote" id="footnote3_j5b99zy"><a class="footnote-label" href="#footnoteref3_j5b99zy">3.</a> Der Originaltext ist auf <a href="http://www.state.gov/www/regions/eur/ksvo_rambouillet_text.html">Englisch</a> verfasst. Ich habe mich darum bem&uuml;ht, m&ouml;glichst unverf&auml;lscht ins Deutsche zu &uuml;bertragen. Im Zweifelsfalle sollte die geneigte Leserin/der geneigte Leser nat&uuml;rlich das Original studieren.</li> <li class="footnote" id="footnote4_q0igp7f"><a class="footnote-label" href="#footnoteref4_q0igp7f">4.</a> &bdquo;<a href="http://www.fair.org/press-releases/kosovo-talks.html">Fairness &amp; Accuracy In Reporting</a>&ldquo;, eine medienkritische Gruppe US-amerikanischer Aktivist_innen und Journalist_innen wirft auch die Frage auf, welche Medien zu welcher Zeit welche Kenntnis &uuml;ber den Vertragsentwurf und insbesondere den Anhang B hatten.</li> <li class="footnote" id="footnote5_8cwt43n"><a class="footnote-label" href="#footnoteref5_8cwt43n">5.</a> Richtig, der urspr&uuml;ngliche Spruch lautet genau andersherum. Aber in dieser Umkehrung ist er auch erstaunlich sinnvoll, vielleicht noch mit der Erg&auml;nzung &bdquo;wenn du Krieg willst, tu so, als bereitetest du dich auf Frieden vor&ldquo;.</li> <li class="footnote" id="footnote6_08hx90p"><a class="footnote-label" href="#footnoteref6_08hx90p">6.</a> NDR-Sendung &bdquo;Zeitreise&ldquo;, Datum unbekannt, scheint jedoch von 2012 zu sein.</li> <li class="footnote" id="footnote7_wysbhnq"><a class="footnote-label" href="#footnoteref7_wysbhnq">7.</a> &bdquo;Es begann mit einer L&uuml;ge&ldquo;, WDR-Dokumentation aus dem Jahr 2001. <a href="https://www.youtube.com/watch?v=HBHefedY4fw">Erster Teil</a></li> <li class="footnote" id="footnote8_dm86gu4"><a class="footnote-label" href="#footnoteref8_dm86gu4">8.</a> John Norris war damals Kommunikationsleiter des Vizeau&szlig;enministers der USA, Strobe Talbott. Als solcher war er an den zahlreichen Verhandlungen mit russischen und finnischen Regierungsmitgliedern w&auml;hrend der Bombardierungen beteiligt. Das Zitat ist der Einleitung seines Buches &bdquo;Collision Course: NATO, Russia, and Kosovo&ldquo; entnommen, in dem er die politischen Zusammenh&auml;nge rund um den Kosovokrieg aus Sicht der US-Regierung schildert. <a href="http://www.raubkopierer-sind-verbrecher.de/">Verbrecher</a> k&ouml;nnen sich das <a href="magnet:?xt=urn:btih:19ecb42da8eedf73ce90701fc5afc096ca5e780e&amp;dn=John%20Norris-Collision%20Course">Werk herunterladen</a></li> <li class="footnote" id="footnote9_2d7e32p"><a class="footnote-label" href="#footnoteref9_2d7e32p">9.</a> Interessanterweise &auml;u&szlig;erte Chossudovsky diese Gedanken bereits drei Jahre vor dem Kosovokrieg in seinem Artikel &bdquo;<a href="http://www.hartford-hwp.com/archives/62/022.html">Jugoslawien demontieren; Bosnien kolonisieren</a>&ldquo;.</li> <li class="footnote" id="footnote10_o0r3laf"><a class="footnote-label" href="#footnoteref10_o0r3laf">10.</a> ge&auml;u&szlig;ert auf einer Konferenz milit&auml;rischer Reporter und Herausgeber; nachzulesen auf <a href="http://www.mindspace.org/liberation-news-service/archives/2003_10.html">mindspace.org</a>, unter dem Eintrag &bdquo;October 05, 2003&ldquo;</li> </ul> <div class="flattr-box"><script type="text/javascript"> var flattr_uid = 'systempunkte'; var flattr_tle = 'Friedensverträge und andere Kriegserklärungen'; var flattr_dsc = '&lt;p&gt; Vor&amp;nbsp; mehr als dreizehn Jahren bombardierten Flugzeuge der NATO Ziele in Jugoslawien. Warum eigentlich?&lt;/p&gt;'; var flattr_tag = 'Geschichte,Krieg &amp; Frieden'; var flattr_cat = 'text'; var flattr_url = 'http://www.systempunkte.org/article/friedensvertraege-und-andere-kriegserklaerungen'; var flattr_lng = 'de_DE'</script> <script src="http://api.flattr.com/button/load.js" type="text/javascript"></script> </div> http://www.systempunkte.org/article/friedensvertraege-und-andere-kriegserklaerungen#comments Geschichte Krieg & Frieden Fri, 05 Oct 2012 22:08:46 +0000 Hypatia 120 at http://www.systempunkte.org Making Connections http://www.systempunkte.org/article/making-connections <p> Namensk&auml;rtchen zum Anheften, Pr&auml;sentationen wissenschaftlicher &quot;Papers&quot; und&nbsp; sogar einen Kulgelschreiber des &bdquo;Center for the Study of International Governance&ldquo;. Sehr professionell im akademischen Sinne mutete die &bdquo;Anarchist Studies Network Conference 2.0&ldquo;, mit dem einladenden Titel &bdquo;Making Connections&ldquo;, an. &Uuml;ber 100 Personen waren dem Ruf zur Loughborough University (UK) gefolgt, um vom dritten bis zum f&uuml;nften September am dichten Programm von Workshops, runden Tischen und vor allem Pr&auml;sentationen beizuwohnen.</p> <p> Das Publikum war akademisch dominiert, wobei die Konferenz eindeutig nicht nach dem &uuml;blichen universit&auml;ren Muster abgelaufen ist. Dennoch ist hier wohl der erste Kritikpunkt angebracht, denn der akademische Habitus kann ausschlie&szlig;end wirken. Zum Beispiel eben dadurch, dass W&ouml;rter wie Habitus als gegeben vorausgesetzt werden. Aus einem zynischen Blickwinkel k&ouml;nnte die Konferenz als das Treffen der &bdquo;Elite des Anarchismus&ldquo; erscheinen, wo sich Sesselw&auml;rmer_innen der Bewegung treffen, um sich ihre eigenen Theorien gegenseitig zu loben. Gegen diese allzu ver&auml;chtliche Betrachtung spricht jedoch die angestrebte Offenheit, sowie der Versuch das akademisierte Wissen nicht im eigenen Kreis zu behalten, sondern m&ouml;glichst weiterzugeben. Peinlicherweise scheint die Verbindung zwischen akademischen Anarchist_innen und der breiteren anarchistischen Bewegung wirklich mangelhaft zu sein. Nur wenige der Teilnehmer_innen in Loughborough waren auch in <a href="https://systempunkte.org/article/zur%C3%BCck-aus-st-imier">St. Imier</a> gewesen. Manche wussten gar nicht, dass ein gut besuchtes internationales anarchistisches Zusammentreffen stattgefunden hatte! Die Kommunikation innerhalb der anarchistischen Bewegung ist eindeutig zu vertiefen. Dazu w&auml;re es notwendig &uuml;ber den eigenen Schatten aus Vorurteilen und Dogmatismus zu springen und sich tiefgehender miteinander auseinanderzusetzen.</p> <p> Das dichte Programm, gespickt mit zahlreichen ungl&uuml;cklichen &Uuml;berschneidungen, bot inhaltlich durchaus Abwechslung. Utopien gegen die Arbeit, das Verh&auml;ltnis von Anarchismus und Religion, sowie die Frage, ob Anarchismus &bdquo;westlich&ldquo; sei, und vieles vieles mehr fanden Platz. Die Veranstaltungen selbst wurden jedoch alle in Englisch abgehalten. Insofern der gr&ouml;&szlig;te Teil der Besucher_innen aus englischsprachigen L&auml;ndern kam, trug dies einer gewissen Faktizit&auml;t Rechnung, dennoch wurde somit Personen aus anderen Regionen die Teilhabe zus&auml;tzlich erschwert. Einige Unzufriedenheit war die Folge. Zugegebenerma&szlig;en: &Uuml;bersetzungen sind oft schwer oder unm&ouml;glich bereitzustellen, es sei an <a href="https://systempunkte.org/article/zur%C3%BCck-aus-st-imier">die Situation in St. Imier</a> erinnert, aber das fehlende Problembewusstsein muss als erstes hergestellt werden. Vielleicht k&ouml;nnten bei zuk&uuml;nftigen Konferenzen einige Veranstaltungen in anderen Sprachen abgehalten werden, um so ein diverseres Angebot zu schaffen.</p> <p> Eine weitere Schw&auml;che des Programms war, dass sich auf ihm praktisch nur m&auml;nnliche Namen wiederfanden. Dies ist als ein gesellschaftliches Problem zu verstehen, taucht es doch sowohl in der akademischen Umgebung, wie in der anarchistischen Bewegung auf auf. Eine Veranstaltung zu &quot;Feminismus+Gender+Sex&quot; in der &bdquo;Open Session&ldquo; kritisierte diesen Zustand und bot ein Gegengewicht. F&uuml;r eine L&ouml;sung des Problems wird aber wohl noch viel gemeinsame Anstrengung notwendig sein. Dabei ist Geschlecht leider nicht die einzige Linie von Ungleichheit, die schlagend wurde, &auml;hnliches l&auml;sst sich &uuml;ber Persons of Color und Personen mit einem proletarischen Hintergrund sagen. Um diese Kritik nicht schief darstehen zu lassen: Laut Angaben einer Person, die schon bei der vorhergehenden Konferenz teilgenommen hat, hat sich die Situation gebessert.</p> <p> Viele der wichtigsten Momente fanden aber ohnehin abseits des offizi&ouml;sen Programms statt. Ob es sich nun um den Streit &uuml;ber die Idee des Anarchismus am Fr&uuml;hst&uuml;ckstisch, oder um das Kennenlernen beim Konzert im &ouml;rtlichen Pub handelte. &bdquo;Making Connections&ldquo; war der Titel der Konferenz und wenn auch nur in einem kleinen, etwas exklusiven Rahmen, es ist gelungen!</p> <p> ---</p> <p> Beitr&auml;ge und weitere Infos zur Konferenz sollen in naher Zukunft auf der <a href="http://www.anarchist-studies-network.org.uk/">Webseite des anarchist studies network</a> erscheinen.</p> <div class="flattr-box"><script type="text/javascript"> var flattr_uid = 'systempunkte'; var flattr_tle = 'Making Connections'; var flattr_dsc = '&lt;p&gt; Namensk&amp;auml;rtchen zum Anheften, Pr&amp;auml;sentationen wissenschaftlicher &amp;quot;Papers&amp;quot; und&amp;nbsp; sogar einen Kulgelschreiber des &amp;bdquo;Center for the Study of International Governance&amp;ldquo;. Sehr professionell im akademischen Sinne mutete die &amp;bdquo;Anarchist Studies Network Conference 2.0&amp;ldquo;, mit dem einladenden Titel &amp;bdquo;Making Connections&amp;ldquo;, an. &amp;Uuml;ber 100 Personen waren dem Ruf zur Loughborough University (UK) gefolgt, um vom dritten bis zum f&amp;uuml;nften September am dichten Programm von Workshops, runden Tischen und vor allem Pr&amp;auml;sentationen beizuwohnen.&lt;/p&gt;'; var flattr_tag = 'Bewegung'; var flattr_cat = 'text'; var flattr_url = 'http://www.systempunkte.org/article/making-connections'; var flattr_lng = 'de_DE'</script> <script src="http://api.flattr.com/button/load.js" type="text/javascript"></script> </div> http://www.systempunkte.org/article/making-connections#comments Bewegung Fri, 07 Sep 2012 09:15:39 +0000 Tuli 147 at http://www.systempunkte.org