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David Graeber: Armee der Altruisten

Eine kurze Besprechung des Essays "Armee der Altruisten" von David Graeber aus der Sammlung "Kampf dem Kamikaze-Kapitalismus", auf deutsch erschienen im Pantheon Verlag.

Der konservative Bundeswehr-Professor Michael Wolffsohn erregte 2009 mit dem Ausspruch aufsehen, mit der Abschaffung der Wehrpflicht verkomme die Bundeswehr zur "Unterschichtarmee". Den Halbsatz, den er nicht angehängt hat, konnte sich jeder dazudenken: "...wie bei den Amerikanern."

David Graeber beginnt also seinen Essay mit einem Zitat von John Kerry, ehemals Präsidentschaftskandidat der US-Demokraten: Bildung ist wichtig - wenn ihr eure Hausaufgaben nicht macht, sitz ihr irgendwann im Irak fest - so Kerry sinngemäß im Wahlkampf 2006. Was wahrscheinlich als spitze Bemerkung gegen George W. Bush gedacht war, nutzte die Gegenseite für einen Sturm der Entrüstung: Wie kann Kerry es wagen, unsere Soldaten zu beleidigen, die für uns ihr Leben riskieren?

Einige der Soldaten, die währenddessen tatsächlich im Irak festsaßen, hatten dabei die Möglichkeit, an "Outreach"-Programmen teilzunehmen: Zivil-militärische Kooperationen, bei denen Schulen gebaut, kostenlose zahnärztliche Behandlungen angeboten wurden und so weiter. Das verbesserte zwar nicht die Einstellung der lokalen Bevölkerung zu ihren Invasoren, allerdings die Moral der amerikanischen Soldaten. Bei solchen Gelegenheiten konnten diese Soldaten sich sagen, dass es bei ihrem Beruf nicht etwa in erster Linie um das organisierte, mechanisierte Töten geht, sondern um menschliche Werte: "Das ist es, warum ich zur Armee gegangen bin - nicht nur für mein Land, sondern auch um diesen Leuten zu helfen." Graebers These: Hier haben wir eine Armee von enttäuschten Altruisten aus den unteren sozialen Schichten, die im Militärdienst ihre Chance sahen, für andere da zu sein und ihr Leben mit Sinn zu füllen, statt in stupider Arbeit und unbefriedigendem Konsum unterzugehen.

Armee der Altruisten ist für mich der aufschlussreichste Essay in dieser Sammlung, weil Graeber darin die Axt an eine Wurzel bürgerlicher Ideologie anlegt: Den Gegensatz von Egoismus und Altruismus. Graeber schreibt: Weder Altruismus noch Egoismus sind in der Natur des Menschen angelegt. Derart simple Konzepte eignen sich kaum für die Erklärung menschlichen Verhaltens, das doch von komplexen sozialen Verflechtungen und persönlichen Motiven bestimmt wird.

Dabei kann Graeber als Anthropologe berichten:

In Gesellschaften, in denen die meisten Menschen in kleinen Gemeinschaften zusammenleben und in denen fast jeder, den man kennt, entweder ein Freund, ein Verwandter oder ein Feind ist, fehlen in den jeweiligen Sprachen häufig sogar die entsprechenden Wörter für 'Eigennutz' oder 'Selbstlosigkeit'.

Erst als profitorientierte Märkte begannen unser Leben zu dominieren, fingen wir an menschliches Handeln mit den Begriffen "Altruismus" und "Egoismus" zu erklären. Graeber beobachtet, dass die heutigen Weltreligionen (Buddhismus, Christentum und Islam) gerade in der Zeit entstanden, als der Markt begann die bisherige Gesellschaftsstruktur umzuwälzen. An die Stelle komplexerer sozialer und wirtschaftlicher Beziehungen trat der unpersönliche Austausch von Waren gegen Münzgeld. Wie Graeber in Debt: The First 5000 Years analysiert, enstehen diese Art von Märkten am Rande von Feldzügen, bei denen Imperien ihre riesigen Armeen täglich mit tonnenweise Silber versorgen, was die Soldaten dann idealerweise bei der lokalen Bevölkerung einlösen, statt zu plündern. Auf der einen Seite entstand eine Sphäre, in der es nur um den Handel mit materiellen Dingen zum eigenen Profit ging. Nur konsequent, dass auf der anderen Seite Menschen auftraten, die predigten, dass wir selbstlos sein sollen, dass unsere materielle Existenz auf der Erde nur vorübergehend ist, und dass das Materielle unwichtig ist: "Verkaufe alles, was du hast, und gib es den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben". Religiöse Wohltätigkeit, z.B. die christliche caritas, ist eigentlich nur die Kehrseite des "Egoismus", der menschliche Beziehungen auf den Warentausch reduziert.

Laut Graeber hat die politische Rechte immer versucht, diesen Gegensatz zu verstärken. So tritt sie sowohl für Egoismus als auch für Altruismus ein. Die amerikanische Republican Party dient dazu als Beispiel: Ihre Ideologie bewegt sich zwischen zwei Polen. Auf der einen Seite finden wir 'Libertarians', denen die Freiheit des Individuums angeblich am meisten gilt, und die am liebsten alle Aspekte der Gesellschaft von einem profitorientierten Markt regeln lassen würden. Auf der anderen Seite dann die christliche Rechte mit ihrem religiösen Fundamentalismus. Hier dominieren kollektivistische, anti-individualistische Ideologien (Patriotismus, Nationalstolz, "Familienwerte", Abtreibungsgegnerschaft etc.). Und hier hat auch die Verehrung "unserer" Soldaten, die unter Einsatz ihres Lebens Dienst für die Gemeinschaft leisten, ihren festen Platz.

Die Linke dagegen, so Graeber, habe immer versucht, diesen den Gegensatz zwischen "Egoismus" und "Altruismus" aufzulösen. Einerseits mit der Suche nach Wirtschaftsmodellen, die nicht am individuellen Profit, sondern am gesamtgesellschaftlichen Nutzen orientiert sind. Andererseits will sie an Stelle der "Wohltätigkeit" (für die Linke: Almosen der Ausbeuter an die Ausgebeuteten) Solidarität und Unterstützung durch die Gesellschaft setzen.

Graeber kommt zu dem Schluss, dass sich soziale Schichten auch darin unterscheiden, wie sie ihren "Egoismus" und "Altruismus" ausleben dürfen. Wer hat denn die Möglichkeit, sich mit dem Edlen, Guten und Wahren zu beschäftigen, und dabei auch noch Geld zu verdienen? In Zeiten geringer sozialer Mobilität sind es in erster Linie die Kinder der etablierten Mittelschicht - politisch tendenziell linksliberal. Sie können es sich leisten, nach der Schule ein freiwilliges soziales Jahr als Helfer in einem Behindertenheim in Nicaragua einzuplanen oder sich während des Studiums bei Amnesty International für Menschenrechte in Tibet einzusetzen, und später dann vielleicht Wissenschaftler oder Kulturkritiker zu werden. Sie haben die Chance, "etwas Soziales zu machen" - und ihr "soziales Engagement" macht sich auch noch gut im Lebenslauf. Diese Mittelschicht hat im Kapitalismus das Privileg, aus "Altruismus" eine Karriere zu machen. Sie kann für ihr materielles Wohl sorgen, indem sie nach höheren Werten strebt. Graebers Botschaft an sie, die doch eher auf ihre weniger privilegierten und konservativen Altersgenossen herabsehen: "Sie gehen im Prinzip zur Armee, weil sie so sein wollen wie ihr".


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"Egoismus und Menschlichkeit müssten das Gleiche bedeuten" - Max Stirner