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Über iPads und Hunde

Diogenes saß in seiner Tonne. Er konnte sehen wie ein Hirte zum Bach der zwischen ihnen hinabstieg. Der Hirte bückte sich zum fließenden Wasser hinab und schöpfte mit der bloßen Hand einen Schluck ab. Als Diogenes sah wie der Hirte seinen Durst stillte ohne irgendein Hilfsmittel zu verwenden, fasste er sich erzürnt an den Kopf. "Ach was war ich für ein Tor!" schrie er aus und griff zu seiner Trinktasse. "Wozu habe ich dieses unnötige Instrument das meine genannt?" Mit einem weitausholenden Wurf ließ er seine Tasse durch die Luft segeln, sodass sie am Boden schellend zerbrach.

Die Kyniker_innen waren nicht das, was heute als Bild der klassischen griechischen Philosophie durch die Köpfe geistert. Sie waren nicht schöngeistig, legten keinen Wert auf Kultur und zeigten kein Interesse an Wissenschaft und klassischer Bildung. Sie hinterließen keine Schriften, nur Geschichten, wie jene die oben wiedergegeben ist nach der eigenen Vorstellung. Diogenes von Sinope, der als der bedeutendste Vertreter erachtet wird, verachtete Besitz, Eigentum und versuchte sich von Bedürfnissen frei zu machen. Die Kyniker_innen sahen die Freiheit in der möglichst weitreichenden Unabhängigkeit von geschaffenen, kulturellen Bedürfnissen, veranlassen diese doch einen zu Handlungen, welche für die eigene Existenz im engeren Sinne nicht notwendig sind.


Zeitsprung.
Wir befinden uns im 21. Jahrhundert. Obwohl so genannte Expert_innen am Anfang an einem Erfolg zweifelten, wurde das iPad zu einem. Diese Expert_innen meinten es gäbe kein Bedürfnis nach einem derartigen Gerät. In der Tat hatte lange kein Bedürfnis nach einer derartigen technischen Schöpfung bestanden, doch das Bedürfnis wurde geschaffen. Nun werden am iPad fleißig Bücher gelesen, Webseiten aufgerufen und Angry Birds auf miese Schweine geschossen. In manchen Regionen dieser Welt gibt es mehr Mobiltelefone als Menschen. Die antiken Griechen kannten kein Bedürfnis nach einem Gerät, welches die ständige, individuelle Erreichbarkeit über alle Entfernungen hinaus ermöglicht. Welchen Graus würde Diogenes wohl empfinden, wenn er heute keinen Menschen mehr sich nach dem Bach bücken sehen würde. Welche Abscheu würde er fühlen, wenn er sieht, wie der Hirte neben dem Bach steht und Mineralwasser, prickelnd, aus einer Wegwerflasche trinkt?

Es steht schlecht bestellt um die kynische Schule im 21. Jahrhundert. Es scheint eine Ewigkeit vergangen zu sein, seit Lieder durch die Luft zogen, in denen es hieß: "Freedom is just another word for nothing left to lose." Was ist Freiheit heute? Jedes Bedürfnis zu erfüllen, damit neue nachfolgen und ebenfalls nach Erfüllung verlangen können? Gibt es sie noch, die Kyniker_innen, welche ihren Facebook-Account wütend löschen, nachdem sie begreifen, dass sie mit ihren Mitmenschen auch einfach reden können?

Solche Kyniker_innen wären gefährlich, sie würden das Bestehende vor die Hunde gehen lassen.


Kommentare

Gerade bei Innovationen im Bereich Computertechnik finde ich es schwierig, zwischen künstlich geschaffenen, also manipulierten Bedürfnissen einerseits, und sich auf Basis neuer Technologien eröffnenden Möglichkeiten andererseits zu unterscheiden. Woran würdest du, Tuli, den Unterschied festmachen?

schwierig. Ich bin auch kein so großer Fan der Einteilung künstlich(bzw. manipuliert)/natürlich.
Es gibt auch ein Zitat von Diogenes in dem er sagt, dass möglichst wenige Bedürfnisse anzustreben sind und die gänzliche Bedürfnislosigkeit als göttlich anpreist. Es ist also nicht zwangsweise um natürlichen oder erschaffenen Ursprung des Bedürfnisses, sondern um essentiel und wie mit dem Bedürfnis umgegangen wird.

Zudem sind diese Bedürfnisse mit möglichst geringem Aufwand zu erstreben (siehe die Geschichte mit der Tasse).
Also selbst wenn Computertechnik auf einem Bedürfniss basiert das "natürlich" oder essentiel ist, dem Bedürfniss nach Kommunikation, hat es doch ein Maß angenommen in dem es uns (im kynischen Sinne) einschränkt und von Freiheit beraubt.

"Also selbst wenn Computertechnik auf einem Bedürfniss basiert das "natürlich" oder essentiel ist, dem Bedürfniss nach Kommunikation, hat es doch ein Maß angenommen in dem es uns (im kynischen Sinne) einschränkt und von Freiheit beraubt."

...sagt einer, der eben mühelos seinen Text einem großen Publikum zugänglich machen konnte, und gerade über etliche Kilometer hinweg eine Diskussion führt.

Jaja, ist schon sehr bequem. Ebenso wie aus einer Tasse zu trinken, da passt mehr rein als in die bloßen Hände.
Der Punkt ist allerdings, dass ich ziemlich viel dafür eingehen musste, mich für einiges verpflichten, mich einigen unterwerfen musste, um diese Möglichkeit zu haben.

Ich halte es für anregend, sich zumindest einmal zu fragen, ob wir nicht freier wären, wenn wir auf diese unbestritten sehr bequeme Möglichkeit verzichten, und damit gleichzeitig aus den Verpflichtungen und Zusammenhängen heraustreten.
Und noch eine wichtige Frage: Wann ist dieser Punkt erreicht? Wenn ich 40 Stunden die Woche arbeiten muss für ein Gespräch, dass ich dann nicht einmal mehr genießen kann? Wenn ich mehr Zeit mit Verpflichtungen verbringe als mit Meinem Leben?

Ich lebe auch kein derartiges Leben, deswegen habe ich mir auch den Trick erlauben müssen, aus einer abstrakt kynischen Position zu schreiben, statt aus meiner.

Anregend ist es sicher. Intelligenter als eine allgemeine Technologiekritik (Technikpessimismus von Wohlstandskindern?) finde ich dabei das Konzept der Kontraproduktivität (counterproductivity) von Ivan Illich. Kontraproduktivität herrscht, wenn eine Institution oder Technologie ihren angeblichen Zweck behindert.

Plakatives Beispiel dafür wäre die Automobilkultur. Angeblich ermöglichen es Autos uns, Strecken viel schneller zurückzulegen als früher und damit Zeit zu sparen. Bezieht man aber die Zeit für die Autoproduktion, für die Treibstoffproduktion, für die Beseitigung von Unfall- und Umweltschäden etc. mit ein, dann ist die "reale Geschwindigkeit" eines Autos etwa 6 km/h.

Das Problem ist, dass ein bestimmter Typ Automobil ein "radikales Monopol" (radical monopoly) erlangt hat. D.h. eine Technologie ist so dominant, dass andere Technologien ihren Nutzen verlieren und nicht mehr als Konkurrenten zugelassen werden. Infrastruktur und Gesellschaft sind derart auf das typische Automobil ausgelegt, dass ein Fahrrad oder ein langsames Elektroauto an Nutzen verliert - vom Pferdefuhrwerk will ich gar nicht reden. So weit mein Verständnis von Illichs Konzept.

Hm, mir ist dieses Konzept der Kontraproduktivität neu.
Es hat, so wie du es beschrieben hast, in bestimmte Bereichen Überschneidungen mit meiner Interpretation kynischer Philosophie, denn in beiden Fällen geht es darum, sich nicht darin täuschen zu lassen, was der einfachste oder zielführendste Weg ist. Es geht bei beiden darum, sich nicht in den eigenen Zwecken behindern zu lassen, nur sind diese bei den Kyniker_innen enger vorgestellt.

Allerdings stelle ich mir eine derartige Wertung, wie du sie schilderst nicht so einfach vor. Wir rechne ich Produktionszeit in Autofahrstunden um? Und was ist wenn diese aufgesparte Fahrgeschwindigkeit wirklich gebraucht wird? Ein Beispiel: Zum Spazieren ist das Auto vielleicht ungebräuchlicher als das Fahrrad, auf Grund seiner Kontraproduktivität, geht es jedoch um einen Notarztwagen, würde ich doch das Auto der Kutsche bevorzugen, auch wenn es nur "etwa 6 km/h" fährt.

Ich würde jetzt auch nicht alle allgemeinen Technologiekritiken verallgemeinern, da gibt es doch sehr diverse Ansätze.

Das mit den Autos muss man nicht auf die Goldwage legen, aber es regt schon zum Denken an. Ivan Illich führt das mit der Kontraproduktivität auch besser an zwei anderen Institutionen aus: Schule versus Lernen (Deschooling Society, 1971) und Medizin versus Gesundheit (Medical Nemesis, 1975). Deschooling Society hab ich gelesen - schwierig, aber faszinierend, und heute wieder sehr aktuell.